Kemetische Orthodoxie – Mein Weg in das House of Netjer

Um das “House of Netjer”, einem der größten kemetischen Tempel der Welt, unter der Leitung von Rev. Tamara L. Siuda und die moderne Tradition der “Kemetic Orthodoxy” ranken sich viele Gerüchte. Sie reichen vom Vorwurf des dunklen Sektentums, über Machtmißbrauchvorwürfe, bis hin zu dubiosen magischen Praktiken, die angeblich von den Mitgliedern durchgeführt werden.

Da ich mich Anfang diesen Jahres entschlossen habe, mich dem Aufnahmeverfahren in das House of Netjer zu unterziehen, möchte ich im Folgenden schildern, wie genau das abläuft, wie die Glaubensinhalte aussehen, wie sich die Gemeinschaft zusammensetzt und wie meine persönlichen Eindrücke auf dem Weg zum “Remetj”, also zum Mitglied des House of Netjer, waren.

Hauptschrein im House of Netjer

Gründung und Glaubensinhalte

Das House of Netjer wurde in den späten 80ern von Rev. Tamara L. Siuda in Chicago, Illinois gegründet. Tamara (47) ist Ägyptologin und Koptologin, Autorin und war schon in einigen BBC Sendungen über das Alte Ägypten zu sehen. Die Kemetische Orthodoxie versteht sich als rekonstruktionistische Religion, die an den authentischen Glauben und die Riten der Alten Ägypter anknüpft. “Kemetic” stammt von der mittelägyptischen Bezeichnung “Kemet” für das Alte Ägypten und “Orthodoxy” bezieht sich im eigentlichen Sinne des Wortes Orthodoxie auf das Bestreben die Tradition so authentisch wie möglich zu erhalten.

Die Kemetische Orthodoxie ist den traditionellen afrikanischen Religionen nicht unähnlich (wie den westafrikanischen Religionen der Yoruba-, Akan-, Kongo- und Dahomeyan-Völker und den afro-karibischen Praktiken von Vodou, Candomble und Lukumi ) sowie spirituellen Praktiken aus dem nordöstlichen Afrika und dem Alten Orient. Die Tatsache, dass Rev. Tamara Siuda seit mehr als 15 Jahren auch initiierte Mambo im Haitianischen Vodou ist (“Mambo T” oder “Mambo Chita Tann”), ist daher nicht verwunderlich.

Rev. Tamara L. Siuda

Bewerbung für die Aufnahme in das House of Netjer

Die Bewerbung für den sog. “Beginner’s course” erfolgt über ein Online-Formular. Hier beantwortet man neben einigen personenbezogenen Daten, Fragen zum religiösen bzw. spirituellen Hintergrund, Beweggründe der Bewerbung, und es wird auch gleich gefragt, ob man bereit ist einer hierarchisch strukturierten, konservativ organisierten Tradition mit festgeschriebenen Abläufen zu folgen. Gleichzeitig wird darauf hingewiesen, dass man als Basismitglied, also als Remetj, nicht verpflichtet ist irgendeiner anderen Religion zu entsagen. Die Aufnahme in das House of Netjer stellt kein Glaubensbekenntnis dar, sondern lediglich die Aufnahme in eine religiöse Gemeinschaft. Die Konvertierung wird nur dann relevant, wenn man eine priesterliche Laufbahn anstrebt.

Auch verpflichtet man sich zur uneingeschränkten Toleranz gegenüber Andersgläubigen, Menschen aller Geschlechter, jedweder sexueller Orientierung, unabhängig von ethnischem Hintergrund, sowie körperlichen oder geistigen Einschränkungen. Das House of Netjer positioniert sich eindeutig als anti-diskriminierend und erwartet selbiges auch von den Mitgliedern.

Online-Kurs

Der kostenlose Kurs ist in 10 “Lessons” gegliedert beginnend mit der Lesson 0 und endend mit der Lesson 9. Man erhält diese per Email und je nach Umfang kommen ca. alle 7-14 Tage entsprechende Mails. Zu jedem der einzelnen Unterrichtseinheiten gibt es ein Quiz bestehend aus ca. 10 Fragen die als Lernkontrolle dienen. Die Fragen sendet man zurück an die betreuende Priesterin, die sie überprüft und ggf. mit erklärenden Kommentaren zurücksendet. Der Arbeitsaufwand dafür liegt bei ca. 30 Minuten bis einer Stunde pro Unterrichtseinheit.

Zu jeder Unterrichtseinheit gibt es jeweils einen wöchentlichen Chat unter der Leitung der zuständigen Priesterin in der nochmal auf das aktuelle Lernthema eingegangen wird und Fragen gestellt werden können. Einige Lessons enthalten praktische Aufgaben, wie Rituale oder magische Handlungen, die durchgeführt werden sollen und anschließend diskutiert werden, wie zB. die Einrichtung eines Schreins oder Rituale zur Kontaktaufnahme mit den Göttern. Jeder Chatlog wird anschließend an alle Teilnehmer des Kurses versendet, so dass man nichts verpasst, wenn man an diesem nicht teilnehmen konnte. Zum Schluss des Kurses hin erscheint auch Rev. Tamara L. Siuda selbst im Chat, so dass man sich mit ihr persönlich unterhalten kann.

In den Unterrichtsdokumenten erfährt man die Grundlagen der Religion, die Organisationstruktur des House of Netjer mit den einzelnen Priestergraden, Wissenswertes über die Funktion der sog. “Nisut”, also das religiöse Oberhaupt der Kemetischen Orthodoxie, die kemetische Kosmologie, die magische Praxis (die für jeden, also auch nicht-priesterliche Kemeten, zugänglich ist), Ritualanleitungen für Standardrituale und Gebete. Dabei wird auch immer wieder auf mögliche Fragen und Mißverstänndisse eingegangen, die in diesem Zusammenhang häufiger auftauchen. Großen Wert wird darauf gelegt, die Inhalte so transparant wie möglich darzustellen und auch immer wieder darauf hinzuweisen, dass wirklich keinerlei Zwang oder Indoktrination beabsichtigt wird, sondern stets die absolute Freiwilligkeit gewährleistet bleibt.

Den Kurs kann man auch zu reinen Informationszwecken durchlaufen ohne hinterher Remetj zu werden. Dabei kann man sich die Lessons einfach regelmäßig zusenden lassen und ist nicht verpflichtet weitere Aktivitäten zu unternehmen.

Betreuung

Die House of Netjer Foren stehen einem jederzeit zur Verfügung, egal ob Mitglied, Anwärter oder auch einfach nur Interessierter. Während des Kurses erhält man außerdem Zugang zu speziellen Forenbereichen, die für die Kursschüler bereitsgestellt werden um wiederrum Fragen anbringen oder persönliche Anliegen diskutieren zu können. Auch hier sind wiederrum jederzeit Priester und Priesterinnen verfügbar die stets schnell, freundlich, fürsorglich und kompetent auf Fragen eingehen. Gerade auch in misslichen Lebenslagen, kann man sogar um priesterliche Intervention bitten und um Fürbitten oder Segen ersuchen.

House of Netjer Forum

Jedes Email enthält den Hinweis, dass Priester jederzeit und rund um die Uhr persönlich kontaktiert werden können, was wirklich größten Respekt verdient, denn es handelt sich hier um eine rein ehrenamtliche Tätigkeit von Menschen die ein ganz normales bürgerliches Leben mit Job und Familie führen und die religiöse Arbeit zusätzlich in ihrer Freizeit verrichten.

Auch ein hauseigenes Wiki gibt es, so dass man sich jederzeit selbständig über verschiedene Dinge der Kemetischen Orthodoxie informieren kann. Inzwischen steht auch ein großer Teil der Informationen auf Deutsch, Französisch, Spanisch oder Portugiesisch zur Verfügung. Englischkenntnisse sind aber dennoch erforderlich, da der Großteil der Kommunikation immer noch auf Englisch stattfindet.

Nisut (AUS) und Priesterschaft

Vielen modernen Heiden sind hierarchische Strukturen natürlich ein Greuel, daher möchte ich hier kurz auf die Organsiationsstruktur des House of Netjer eingehen. Da in der altägyptischen Religion wie auch in der Kemetischen Orthodoxie zwischen Staatskult und privatem Kult unterschieden wird, ist für ersteren eine priesterliche Struktur erforderlich um den entsprechenden Staatskult zu verrichten. Dieser dient dazu das kemetische Volk, dass ja nicht mehr geographisch sondern rein virtuell besteht, zu schützen und mit dem Segen der Götter zu versorgen. Nisut (AUS) -mit diesem Titel wird Rev. Tamara Siuda angesprochen, was soviel wie “Pharaonin” oder “Königin” bedeutet- fungiert dabei als oberste Priesterin, ähnlich wie der Papst für die katholische Kirche. Der Pharao bzw. die Pharaonin ist der Träger des “königlichen Ka” also des Ka des Horus, damit sich die göttlichen Kräfte auf Erden für alle Menschen manifestieren können.

Politische Aufgaben sind damit freilich nicht mehr verknüpft, weil Kemet als Staat nicht mehr existiert. Die Priester und Priesterinnen sind dabei sozusagen der verlängerte Arm der Nisut, denn sie kann ja nicht überall gleichzeitig sein. Man legt auf eine umfassende, jederzeit verfügbare Betreuung größten Wert und diese Aufgabe übernehmen vor allem die Priester und Priesterinnen. Im Tempel in  USA selbst gibt es natürlich auch noch Priester die unmittelbar an den Kulthandlungen teilnehmen, die außerhalb des Internets stattfinden.

Das Amt der Nisut ist also ein rein dienendes Amt zum Wohle aller Kemeten, die sich dem House of Netjer angeschlossen haben. Davon vollkommen unabhänig ist der private Kult. Jedes Mitglied der Kemetischen Orthodoxie kann ganz wie es ihm gefällt Kontakt mit den Göttern aufnehmen und seinen privaten Kult betreiben. Priester wie Nisut, oder auch andere erfahrene Remetj stehen einem dabei über die bekannten Medien jederzeit mit Rat und Tat zur Verfügung oder auch einfach nur zum lockeren Austausch.

Die Pharaonine Hatschepsut, ca. 1473-1458 v.Chr.

Aufnahme in das House of Netjer

Gegen Ende und mit Abschluss des “Beginner’s course” wird man einige Male gefragt, ob man nun bereit ist Remetj zu werden. Hierzu erhält man nochmals großzügige Bedenkzeit, füllt nochmals einen Fragebogen aus und spricht auch nochmal persönlich in einem Einzelgespräch mit der betreuenden Priesterin, hat die Möglichkeit Feedback bzgl. des Kurses zu geben, Fragen zu stellen und persönliche Eindrücke zu schildern. Stimmt man nun dem Eintritt zu, werden nochmal alle Bewerbungen von Rev. Tamara L. Siuda geprüft und nach 2-3 Wochen erhält man ein persönliches Willkommensmail als neuer Remetj. Dem folgen noch weitere Mails verschiedener Priester mit interessanten Informationen über Online-Veranstaltungen wie Themen-Chats, abermals neue Forenbereiche oder aktuelle News aus dem House of Netjer, welches sich laufend für die kemetische Gemeinschaft im hohen Maße engagiert und wertvolle Informationen bereitstellt.

House of Netjer, Illinois/Chicago

Was hat sich für mich geändert seit ich Remetj bin?

Da ich bereits vorher Kemetin war, hat sich in meinem Alltag nicht allzu viel für mich geändert. Ich habe einige neue Rituale aus der Kemetischen Orthodoxie in meine regelmäßige Praxis mit aufgenommen und empfinde es als positiv Teil einer spirituellen Gemeinschaft zu sein, die mich in keiner Weise einengt, jedoch irgendwie trägt. Ich schaue ab und zu in die Foren, was es Neues gibt, versuche an den Themen Chats teilzunehmen, sofern es mein Terminkalender zulässt, feiere unsere religiösen Feste, genieße den “Service” immer rechtzeitig über relevante Zeitpunkte informiert zu werden und halte regelmäßigen Kontakt zu einigen anderen Mitgliedern, die mir persönlich ans Herz gewachsen sind und zu Freunden geworden sind.

Es fühlt sich ein bisschen so an, als hätte man eine große Familie in der ganzen Welt verstreut mit vielen entfernten Brüdern und Schwestern. Unsere Nisut ist eine überaus mütterliche, herzliche, liebevolle und engagierte Person, so dass man sich trotz aller Virtualität ein bisschen im House of Netjer zu Hause fühlen darf. Ich glaube, wenn Tamara könnte, würde sie am liebsten für jeden höchstpersönlich da sein und manchmal mache ich mir ernsthaft Sorgen um sie, ob sie sich nicht ein bisschen übernimmt. Aber es sieht so aus, als haben sie die Götter tatsächlich mit einem derart großen Maß an Kraft  gesegnet, dass sie ihr Amt als Nisut mit bewundernswerter Hingabe führt. Für jemanden wie mich, die in Deutschland kaum Anschluss an die Heidenszene hat und als Kemetin eher ein Außenseiterdasein fristet ist das wirklich etwas durchweg Schönes.

 

Fotos: Wikimedia Commons, Google Street View

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