Ein altägyptisches Weihnachtsmärchen: Isis sucht Herberge

Die Metternichstele  aus der 30. Dynastie (380-342 v.Chr.) also zur Regierungszeit des Pharaos Nektanebos II, erzählt eine Geschichte der Isis, die auf den Rat des Gottes Thot hin mit ihrem neugeborenen Sohn Horus in die Sümpfe flieht um ihn vor Seth zu schützen. Seth hat zuvor seinen Bruder Osiris, den Vater des jungen Horus, getötet und trachtet nun auch dem Sohn nach dem Leben um den Thron des Osiris zu erben.

Detail der Metternich Stele, Horus, das Kind steht auf einem Krokodil, zwei Schlangen, zwei Skorpione, einen Löwen und eine Oryx-Antilope haltend, Foto: Eb.Hoop, Wikimedia Commons

Detail der Metternich Stele, Horus, das Kind steht auf einem Krokodil, zwei Schlange, einen Löwen und eine Oryx-Antilope haltend, Foto: Eb.Hoop, Wikimedia Commons

Die Geschichte wird in Ich-Form erzählt, es ist also Isis selbst, die berichtet.

<<Ich bin Isis und floh aus dem Spinnhaus, in das mein Bruder Seth mich gesteckt hatte. Aber Thot, der große Gott, das Oberhaupt der Wahrheit im Himmel und auf Erden, hat mir gesagt:
Komm doch, göttliche Isis! Es ist gut zu hören: Der eine lebt, wenn der andere ihn leitet. Verbirg dich mit deinem Sohn, damit er zu uns komme, wenn sein Körper stark ist und seine Kraft voll entwickelt, auf daß man ihn auf seines Vaters Thron setze und ihm das Amt des Herrschers der beiden Länder verleihe.>>

Isis wird von sieben Skorpionen begleitet, allesamt weiblich, wie den Namen zu entnehmen ist. Skorpione galten als Symbol magischer Heilkunst, die Gifte von Skorpionen und Schlangen beherrschen zu können, galt als heilsame Magie. Nicht umsonst trug Isis den Beinamen “die an Zaubern Reiche”.

<<Und so ging ich zur Abendzeit, und sieben Skorpione gingen hinter mir her, und sie dienten mir: Tefun und Befun dicht hinter mir; Mostet und Mostetef unter meiner Sänfte; Pitet, Titet und Matet sicherten mir den Weg. Ich rief ihnen ganz eindringlich zu, und meine Worte drangen in ihre Ohren:
Kennet keinen Schwarzen, begrüßet keinen Roten, machet keinen Unterschied zwischen vornehm und gering! Haltet euer Gesicht nach unten auf dem Weg! Hütet euch, den zu leiten, der mir nachstellt [Seth], bis wir das “Haus des Krokodils” erreichen, die “Stadt der beiden Schwestern” vor dem Sumpfgebiet hinter Buto!>>

Auf ihrem beschwerlichen Weg sucht Isis Unterschlupf bei einer wohlhabenden (“verheirateten”) Frau, die die Göttin nicht erkennt und ihr den Einlaß verweigert. Stattdessen findet Isis aber Schutz bei einer armen Frau, die in den Sümpfen lebt. Die reiche Frau wird nun aber für die unterlassene Hilfeleistung bestraft, indem alle Skorpione ihr Gift sammeln, einem einzige Skorpion eingeben und dieser den Sohn der reichen Frau sticht. Außerdem geht ihr Haus in Flammen auf.

Statue der Isis mit ihrem Sohn Horus

Statue der Isis mit ihrem Sohn Horus

Feuer und Gift tauchen in den Mythen oft sehr eng verbunden auf, so wird vom Schlangengift auch als Feueratem gesprochen. Vermutlich ist dies auf den oft brennenden Schmerz zurückzuführen, der durch Gifte verursacht wird.

<<Endlich erreichte ich die Häuser der verheirateten Frauen. Aber sobald mich eine vornehme Dame von weitem sah, schloss sie ihre Türe vor mir. Das verdroß meine Begleiter[die Skorpione].
Sie berieten sich miteinander über sie und legten ihr Gift zusammen auf den Stachel der Tefun. Da öffnete mir ein [armes] Sumpfmädchen seine Tür, und wir traten in ihre armselige Hütte ein. Tefun war schon unter den Flügeln der [ersten] Tür hineingeschlüpft und hatte den Sohn der Reichen gestochen. Da brach im Hause der Reichen Feuer aus, und es war kein Wasser da, um es zu löschen.>>

Verzweifelt vor Sorge um ihren Sohn läuft die reiche Frau in der Stadt umher und ruft um Hilfe, doch niemand erhört sie. Durch die laute Klage der reichen Frau wird nun aber doch das Mitgefühl der Isis geweckt, die ja selbst bald Mutter wird, ist sie doch auch die einzige die den unschuldigen Jungen von seiner Qual befreien kann. Sie nimmt sich des Kindes an und befiehlt dem Gift aus dem Körper des Jungen zu fließen und rettet ihm somit damit das Leben.

<<Sie rannte unter Wehklagen durch die Stadt, aber keiner kam auf ihren Ruf herbei. Da ward auch mein Herz betrübt um den Kleinen ihretwegen, weil es [das Herz] den Unschuldigen leben lassen wollte. Ich rief zu ihr: Komm zu mir! Siehe, mein Mund hat Lebenssprüche. Ich bin eine Tochter, in ihrer Stadt bekannt, weil sie das giftige Gewürm mit ihrem Spruche austreibt. Mein Vater hat mich die Wissenschaft gelehrt. Denn ich bin seine geliebte, leibliche Tochter.

Dann legte ich meine Arme auf das Kind, um den Verröchelnden zu beleben [und sagte]:
Gift der Tefun, komm, fließe aus zu Boden! Ich bin Isis, die Göttin, die Herrin des Zaubers, die den Zauber ausübt, glänzend im Beschwören. Jedes beißende Gewürm gehorcht mir. Tropfe herab, Gift der Mostet! Sause nicht herum, Gift der Mostetef! Steige nicht auf, Gift der Pitet und der Titet! Wandre nicht herum, Gift der Matet! Falle also ab, Maul des Beißenden! (…)>>

In diesem Moment erkennt die reiche Frau natürlich die göttliche Kraft der Isis. Aus Dankbarkeit über die Rettung ihres Sohnes vermacht sie nun all ihr Hab und Gut der armen Frau im Sumpf.

<<Das Feuer war erloschen und der Himmel wieder still durch den Ausspruch der Isis, der Göttin. Die Reiche kam herbei und brachte mir ihre Habe und füllte auch das Haus des Sumpfmädchens für das Sumpfmädchen, weil es mir seinen hintersten Winkel geöffnet hatte, während die Reiche krank war vor Leid die ganze Nacht hindurch. Sie hatte die Folgen ihrer Worte zu spüren bekommen: Ich Sohn war gebissen worden. Und jetzt brachte sie mir ihre Habe als Buße dafür, dass sie mir nicht geöffnet hatte.>>

Die Geschichte über die Herbergssuche der Isis hat erstaunliche Ähnlichkeit mit der klassischen Geschichte der Weihnachtsnacht. Auch hier wird das Göttliche, das in menschlicher Gestalt um Einlass bittet verkannt und abgelehnt. Ähnlich wie in der Weichnachtsgeschichte soll auch dieses altägyptische Märchen lehren, dass Götter auch im  Mitmenschen in Erscheinung treten können und es daher wichtig ist füreinander zu handeln ungeachtet des sozialen Standes. Dies wird auch in dem Satz ” Der eine lebt, wenn der andere ihn leitet.” zum Ausdruck gebracht. Mit Leiten ist gemeint, dass derjenige der mehr hat, denen geben soll, die weniger haben oder jene die mehr Macht haben, den weniger mächtigen zur Unterstützung moralisch verpflichtet sind. Denn dadurch “lebt” der einzelne, das heißt durch diese Handlungsmaxime der vertikalen Solidarität wird eine Gemeinschaft zur Lebensgrundlage des Einzelnen.

Der erwachsene Horus

Der erwachsene Horus

Bei der Metternich-Stele handelt es sich um eine magische Stele, deren Inschriften davon handeln Gifte und wilde Tiere zu beschwören um Menschen vor ihnen zu schützen bzw. sie davon zu heilen. So darf auch bei diesem Märchen von einem magisch wirksamen Märchen ausgegangen werden, eine Art erzählerischer Zauberspruch. Die Stele wurde durch das Übergießen mit Wasser aktiviert.

Eine weitere Interpretation der Geschichte der Herbergssuche besagt, dass Horus selbst durch Seth mit Skorpiongift vergiftet wurde und Isis ihn heilt. Der Sinn bleibt der gleiche, es geht also letztlich um die Heilung und Rettung des Horus, damit dieser den Thron des Osiris erben kann und somit die Linie der Königsgenerationen weiterführen kann – ein Garant für Frieden und Gerechtigkeit im Alten Ägypten. Von der Kraft des Horus versprach man sich gleichsam magische Heilung von Giften.

Literatur und Zitate:

  • Emma Brunner-Traut, Altägyptische Märchen: Mythen und andere volkstümliche Erzählungen
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4 Responses to Ein altägyptisches Weihnachtsmärchen: Isis sucht Herberge

  1. Eine wunderschöne Geschichte!

  2. sigillum says:

    Tolle Geschichte, sehr gut erzählt. Danke.

  3. veledalantia says:

    sehr schön geschrieben ♡

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