Horus = Jesus?

Alle Jahre wieder, etwa um die Weihnachtszeit, kursieren im Internet verschiedene Bilder, Textbeträge und Videos die Jesus von Nazareth mit dem ägyptischen Gott Horus gleichsetzen. Grundlage dieser Behauptung ist eine von Peter Joseph produzierte Filmserie mit dem Titel “Zeitgeist” die zwischen 2001 und 2007 veröffentlicht wurde. Die Serie bedient sich stilistischer Mittel des Dokumentarfilm und stellt eine Vielzahl an Verschwörungstheorien um das Christentum auf. Der Serie folgte immerhin eine ganze Bewegung (“Zeitgeist Movement”) die unterschiedliche alternative wirtschaftliche und politische Konzepte propagiert.

Internet-Meme zum Jesus-Horus-Vergleich

Internet-Meme zum Jesus-Horus-Vergleich

Neben der ägyptischen Mythologie müssen sich auch andere Traditionen des Altertums einiges an Verzerrungen gefallen lassen, hier soll jedoch nur auf den altägyptischen Teil Bezug genommen werden. Der Film stellt Behauptungen auf, die keinerlei historische Grundlage haben und die einer überaus detaillierten und gut erforschten Überlieferung zu widersprechen versuchen.


Im Folgenden möchte ich beispielhaft einige dieser Thesen herausgreifen und erläutern warum es sich hier um die schlichte Verbreitung von Unwahrheiten handelt.

“Horus ist der Sonnengott”

Das ist schlichtweg falsch. Es gibt in Ägypten einige Gottheiten, die als solare Gottheiten bezeichnet werden, darunter männliche wie weibliche Gottheiten. Das hat in erster Linie damit zu tun, dass die Sonne bzw. das Sonnenlicht als Schöpfungskraft verstanden wird und die Gottheiten natürlich auch Lenker dieser Kraft sind.

Die Gottheiten, die unmittelbar der Sonne zugeordnet werden sind Ra, Atum oder Chepre. Die Sonnenscheibe selbst wird von Aton verkörpert. Horus ist wie z.B. auch Schu ein Himmelsgott und hat damit einen Bezug zu Luft und Licht -insbesondere in seiner Unterform als Harachte- aber ein Sonnengott im eigentlichen Sinne ist er damit nicht.

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Außerdem gibt es nicht nur einen Horus, sondern neun verschiedene voneinander unabhängige Gottheiten, die Horus heißen. Meist aber wird mit Horus, Hor-sa-Aset also “Horus, Sohn der Isis” gemeint.

“Isis ist eine Jungfrau”

Es gibt keinerlei historischen Beleg dafür, dass Isis eine Jungfrau war. Isis zeugt Horus in einem ganz natürlichen geschlechtlichen Akt mit ihrem Gatten Osiris, den sie von den Toten erweckt hat. Sie verleiht ihm zu diesem Zwecke sogar noch einen neuen Phallus, der bei der Zerstückelung durch Seth verloren ging. Der Phallus wurde von Fischen verschluckt, die später innerhalb des altägyptischen Fischkults verehrt wurden. Es gibt aber auch Mythen die Hathor als Mutter des Horus ausweisen. Isis hat also absolut keine Alleinstellung als Mutter des Horus, wenn es auch der bekannteste Mythos sein mag.

Statue der Isis lactans

Statue der Isis lactans

Oft werden die Darstellungen der stillenden Isis mit den Darstellungen der stillenden Maria als “Beweis” für eine Übereinstimmung angeführt, jedoch dürften Darstellungen von stillenden Müttern sich grundsätzlich ähneln, so dass die Stichhaltigkeit dieses Arguments sehr fragwürdig ist. Selbst wenn die christliche Mythologie sich von den altägyptischen Darstellungen hat inspirieren lassen, wäre es äußerst gewagt zu schlußfolgern, dass Isis und Maria identisch sind.

“Anubis der Täufer”

Es gibt keinerlei historische Hinweise auf einen Akt der Taufe in der altägyptischen Religion. Selbst die vielzitierten “Einweihungen” sind aus historischer Sicht haltlos. Vielmehr ist die christliche Taufe von einem alltäglichen Reinigungsritual der Priesterschaften abgekupfert, welches regelmäßig vollzogen wurde ehe die Priester die Heiligtümer betraten. Dieses fand in der Regel durch einfaches Übergießen mit Wasser statt, dem Natron zugesetzt wurde und hatte den Zweck die Heiligtümer, die als Wohnstatt der Götter verstanden wurden, nicht zu verunreinigen.

Anubis ist ein Totengott, der die erste Mumifizierung vorgenommen hat, nämlich am Leichnam für Osiris. Er ist daher eine der Schlüsselfiguren im Mythos, der für den gesamten ägyptischen Totenkult als Vorbild dient. Er wird als Versorger der Toten verstanden und assistiert bei der Herzenswägung beim Totengericht.

“Horus wurde am 25. Dezember geboren”

Zunächst einmal gibt es keinen 25. Dezember im altägyptischen Kalender. Der altägyptische Kalender besteht aus 3 Jahreszeiten, nämlich Achet, Peret und Schemu. Diese werden wiederrum in jeweils vier Monate untergliedert. Da sich der Kalender nach natürlichen Rhythmen, wie die Nilflut oder der Aufgang des Sirius richtete, sind die Zeitpunkte dieser Jahresmarker je nach geographischer Lage unterschiedlich. Im Nildelta traf die Flut z.B. sehr viel später ein, als im Ursprungsgebiet, so dass sich auch der Kalender verschob.

Hinzu kommt, dass zum Teil mehrere Kalender im Alten Ägypten gleichzeitig Anwendung fanden. Der bürgerliche Kalender war am Mond orientiert und der Verwaltungskalender eher am Sonnenjahr. Durch die Anpassung von Mond- auf Sonnenkalender blieben am Jahresende 5 Tage im Mondjahr übrig, die als sog. Epagomenen bzw. Heriu-renpet (“Tage zwischen den Jahren”) bezeichnet werden. Diese wurden im Zuge der Kalenderangleichung zu Göttergeburtstagen erklärt, unter anderem auch für Horus. Die Epagomenen sind aber lediglich Teil des bürgerlichen Kalenders und tauchen im offiziellen Kultkalender überhaupt nicht auf. Der zweite Zusatztag wird als Geburtstag Horus zugeorndet und ist je nach geografischer Lage etwa Mitte Juni.

“Horus wird gekreuzigt”

Horus wird zu keiner Zeit in keinem einzigen Mythos gekreuzigt, nicht einmal getötet. Kreuzigungen waren zwar eine im altorientalischen Raum verbreitete Art der Hinrichtung und wurde von den Römern übernommen, doch es gibt nicht den geringsten Nachweis für eine Tötung des Horus. Auch nicht für die verbleibenden acht Gottheiten, die als Horus bezeichnet werden.

“Seth (Typhon) ist der Widersacher des Horus”

Das ist eine grobe Verzerrung der Mythologie. Seth ist kein Widersacher, er ist ein Gott wie jeder andere auch, der mit einer wichtigen Aufgabe betraut ist, nämlich die Schöpfung vor dem Untergang zu retten, indem er deren Widersacher, die dämonische Schlange A/pophis bekämpft. Er ist also keineswegs mit dem christlichen Satan gleichzusetzen. Der Konflikt zwischen Horus und Seth hat mit der Thronfolge zu tun. Seth erhebt Anspruch auf den Thron seines Bruders Osiris, den er ermordet hat, doch Horus besiegt Seth, so dass die Thronfolge auf die nächste Generation übergehen kann.

Seth vs. A/ophis

Seth vs. A/ophis

Der Kampf hat also eher den Charakter einer Reifeprüfung zwischen zwei Rivalen für den jungen Horus und betont die Bedeutung der Erbschaftslinie bzw. der physischen Tauglichkeit des Königs. Die Tatsache dass Horus Seth die Hoden abschlägt untermauert den phyischen Aspekt der Königswürde. Dieser Mythos, der erst im mittleren Reich auftaucht hatte vor allem einen politischen Hintergrund und war die mythologische Grundlage für die Königsfolge. Die Bezeichnung “Typhon” erhält Seth außerdem erst in der graeco-romanischen Periode, wo er in der Tat dämonisiert wird, was aber nicht seiner authentischen mythologischen Funktion entspricht.

“Horus hatte 12 Apostel”

Horus hatte keinerlei Gefolgschaft. Es gibt ein Göttergremium von 42 Göttern, die als Totengericht fungieren, doch diese unterstehen Osiris. Zwar hat Horus in Form des Pharaos einen menschlichen Bezug, da man den König teilweise auch als “Horus” bezeichnete, dies ist jedoch rein auf den Kult beschränkt und weist Horus als Königsgott aus. Der König selbst wird als lebendiger Horus verstanden und das Ka des Horus offenbart sich im König, was für die priesterlichen Aufgaben des Königs von Bedeutung war. Der König war ja nicht nur politisches sondern auch religiöses Oberhaupt des Staates, also ähnlich wie der Pabst für die Katholiken.

“Horus ist 3 Tage nach seinem Tod wieder auferstanden”

Da Horus nicht gestorben ist, ist er auch nicht wiederauferstanden. Der einzige Gott der eine Wiederauferstehung durchlaufen hat ist Osiris, nachdem Isis ihn wieder zusammengesetzt und magisch neu belebt hat. Damit wird er zum Vorbild für alle Toten, welchen mittels Mumifizierung und Totenkult zur Wiederauferstehung verholfen werden soll. Sicherlich mag der Wiederauferstehungsgedanke der Ägypter Inspiriation für das Wiederauferstehungsmotiv der Christen gewesen sein, jedoch hat Horus damit nichts zu tun. Er übernimmt lediglich die irdischen Aufgaben seines Vaters Osiris als König und schließt mit diesem einen Vertrag, dass dieser im Totenreich verbleiben und dort regieren möge.


Es gibt noch viele Behauptungen dieser Filmserie, die aus mythologischer und historischer Sicht jeglicher Grundlage entbehren, doch die o.a. Beispiele sollten reichen um zu zeigen, dass es sich bei den Inhalten dieser Filme um reine Fiktion handelt.

Sicherlich gibt es in der modernen Religionsforschung Hinweise, dass die semitische und die spätere christliche Theologie Motive und Rituale der altorientalischen und altlevantischen Kulte übernommen hat, doch davon auf eine Gleichsetzung zweier von über 1500 belegten altägyptischen Gottheiten mit den Schlüsselfiguren der christlichen Theologie zu schließen ist mehr als vermessen und gegenüber der jeweiligen Tradition auch ein wenig respektlos.

Literatur:

  • Jan Assmann, Tod und Jenseits im Alten Ägypten
  • Jan Assmann, Ma’at. Gerechtigkeit und Unsterblichkeit im Alten Ägypten
  • Hans Bonnet, Lexikon der ägyptischen Religionsgeschichte
  • R. T. Rundle Clark, Myth and Symbol in Ancient Egypt
  • G. A. Wainwright, The Origin of Storm-Gods –
  • Philip John Turner, Seth – A Misrepresented God In The Ancient Egyptian Pantheon?
  • Jeremy Naydler – Shamanic Wisdom in the Pyramid Texts: The Mystical Tradition of Ancient Egypt
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