Kemetismus für Anfänger in 5 Schritten

Bevor Ihr loslegt, Kemeten zu werden, sei Euch folgender Artikel als Entscheidungshilfe empfohlen:

Kemetismus – ist das was für mich?

Was den eigentlichen Kemetismus vom reinen Faible für ägyptische Gottheiten unterscheidet, ist der Fokus auf die Orthopraxie.

Orthopraxie kommt aus dem Griechischen von orthos=richtig und praxis=Tun bedeutet also “das richtige Handeln”. Gemeint ist damit das Handeln im Sinne einer religiösen Praxis.

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Im Folgenden ein einfaches Schema in 5 Schritten, wie man am besten mit der kemetischen Praxis beginnt um überhaupt einen Einstieg zu finden.


1. Reinigung
Das klingt zunächst banal und unspektakulär, aber nahezu alle altägyptischen Rituale drehen sich entweder um eine Form der Reinigung oder enthalten kultische Reinigungsgesten. Im Rahmen von kemetischen Ritualen ruft der Mensch die Götter nicht zu sich herab, er steigt vielmehr zu ihnen auf und dieser Prozess des Aufsteigens wird durch den Ritus erreicht. Dazu gehört auch, dass man zumindest vorübergehend alles allzu menschliche abstreift, sich davon reinigt ehe man in Kontakt mit den Göttern tritt, denen man zwar mit großem Respekt, aber dennoch auf Augenhöhe begegnen darf.

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Traditionell reinigten sich die Priester im Alten Ägypten durch das Übergießen mit Wasser, dem zu vor Natron hinzugesetzt wurde. Auf ähnliche Weise kann man sich mit einer Mischung aus Wasser und etwas Salz oder noch besser Natron (dessen Herstellung hier beschrieben wird) übergießen. Wichtig ist dabei besonders auch alle Körperöffnungen zu reinigen, da sie als Eintrittspforten für schlechte Energien gelten. Es empfiehlt sich auch den Mund ausspülen, denn alles was durch den Mund tritt, und zwar nicht nur Speisen, sondern auch so manch negatives Wort, dass man sagt, hinterlässt Spuren und soll fortgewaschen werden. Im Anschluss an die Reinigung sollte man bewusst frische Kleidung anlegen, sofern vorhanden auch Ritualkleidung, und wenn man möchte kann man den Körper auch nochmal mit reinigenden Kräutern (Salbei, Lavendel, etc.) abräuchern. Empfehlenswert ist diese Reinigung fürs erste monatlich oder sogar wöchentlich durchzuführen.

2. Schrein

Der nächste wichtige Schritt ist einen heiligen Ort einzurichten, der den Göttern geweiht ist. Wer in seinem Lebensraum keinen Platz für einen heiligen Ort hat, wird ihn schwerlich auch in seinem Herzen finden. Der Schrein bzw. Altar ist also Symbol für den Platz, den man den Göttern in seinem Leben gibt.

Er muss keineswegs kostspielig und prunkvoll sein, wichtig ist vielmehr, dass er mit Liebe arrangiert wurde und sauber gehalten wird. Ein Schrein der zusätzlich als Ablage für Schlüssel, Taschentücher und Fernbedienungen dient wird schnell an Heiligkeit verlieren. Im Alten Ägypten wurde der Schrein auch “das Innere des Himmels” genannt, es ist also ein tatsächliches Stück Göttersphäre in der Welt der Menschen und sollte auch die entsprechende Pflege erfahren.

Sokar Schrein

Ein Bild, eine Figur, ein Kerzenhalter, ein Räuchergefäß und vielleicht eine schöne Unterlage reichen für’s Erste völlig aus. Man kann den Schrein entweder offen wie einen Altar errichten oder verschließbar in einem Schrank oder einer Holzschatuelle vor fremden Blicken geschützt. Ganz wie man es will.

Auch muss der Schrein keineswegs gleich einer bestimmten Gottheit geweiht sein, er kann auch ganz allgemein “den Göttern” geweiht sein.

3. Regelmäßige Rituale

Ist der Schrein errichtet, kann man zur eigentlichen Praxis übergehen und damit beginnen regelmäßige Rituale durchzuführen. Am beliebtesten und authentischsten sind tägliche Speise- und Trankopfer. Dazu kann man kleine Schälchen oder Gläser verwenden, die man mit unterschiedlichen Opfergaben füllt. Trockenobst wie Datteln, Feigen, Rosinen, aber auch Süßigkeiten und frisches Obst und Gemüse, Kräuter, Brotstückchen, Sämereien, Nüsse eigenen sich sehr gut als Opfergaben. Man kann sogar ein wenig von seinem eigenen zubereiteten Essen auf kleine Tellerchen arrangieren und opfern. Als Trankopfer eignet sich ganz schlicht klares kaltes Wasser. Es wurde bereits im Alten Ägypten den Göttern zur Erfrischung dargebracht. Aber auch Bier, Wein, Liköre, Fruchtsäfte, Tee, Kaffee können ebenfalls geopfert werden. Als Faustregel gilt, alles was man selbst essen würde, kann auch geopfert werden. Auf keinen Fall sollte man Küchenabfälle, verdorbene Speisen oder ähnliches opfern!

Auch ein Gebet oder ein Lied kann eine Opferung sein! Man kann also z.B. jeden Morgen einen Gruß an die Götter sprechen, ein Lied singen oder spielen oder die gleich mit der Speise- und Trankopferung verbinden um es besonders feierlich zu gestalten. Manche Opfern auch Schmuck, Bilder, Duftöle, Dekofiguren usw. Der Phantasie sind hier kaum Grenzen gesetzt, solange die Opferungen mit Liebe und Respekt erfolgen. Nach und nach wird man vielleicht auch die eine oder andere Vorliebe einzelner Gottheiten für bestimmte Opfergaben entdecken.

Opferungen für Bastet

Opferungen für Bastet

Man muss sich also keineswegs in Unkosten stürzen, sondern einfach ein wenig von dem was man hat abgeben. Wichtig ist auch, die Opferungen werden nicht weggeworfen! Es war im Alten Ägypten üblich, dass die Opfergaben an die Götter später von der Priesterschaft verzehrt wurden. Manche Opferungen wurden sogar recycled, indem man sie weniger bedeutenden Gottheiten darbrachte nachdem man sie den großen Gottheiten geopfert hatte. Dieser Zyklus hat auch seinen Sinn, denn es versinnbildlicht, dass es auch zwischen Göttern und Menschen ein Geben und Nehmen gibt. Wir opfern den Göttern, aber wir erhalten auch von den Göttern.

Meine Empfehlung ist nicht gleich alles auf einmal zu versuchen zu wollen, sondern lieber 2-3 tägliche Handlungen festzulegen und die erst einmal für mindestens 3 Monate durchzuhalten um einen eigenen Rhythmus zu finden. Mutet man sich zu viel zu, kann es sein, dass man reduzieren muss um die tägliche Regelmäßigkeit aufrecht erhalten zu können. Merkt man nach einer Weile, dass man durchaus mehr schafft, kann man weitere Handlungen hinzufügen. Wichtig ist nicht der Umfang der täglichen Praxis zählt, sondern ihre Regelmäßigkeit, denn darin zeigt sich die wahre Hingabe. Sie sollte gerade große genug sein, damit Verbindung zu den Göttern entstehen kann, aber klein genug, dass sie in den Alltag zu integrieren ist. 10-15 Minuten Zeitaufwand täglich sind hier ein guter Richtwert.

4. Studium der Götter und Mythen

Eins kann man versprechen geschichtsinteressierten Leseratten wird es im Kemetismus niemals langweilig. Das Informationsangebot aus dem Bereich der Ägyptologie ist riesig, aber auch sehr anspruchsvoll. Etwas schwieriger wird es mit dem Kemetismus als solches, denn die dazugehörige Literatur ist meist auf Englisch.

Viele fokussieren sich am Anfang vollkommen auf eine bestimmte Gottheit, was sehr schade ist, denn an einer einzige Gottheit lässt sich das hochinteressante mythologische Zusammenspiel der vielen ägyptischen Götter und Göttinen kaum erkennen. Daher ist es überaus lohnend, sich auch mit den anderen Götter zu befassen und so unterschiedliche Mythen wie möglich zu lesen. Dazu muss man noch nicht einmal in die Buchhandlung gehen. Es gibt sehr gut recherchierte Seiten im Internet die über die altägyptischen Mythologie Auskunft geben und in diesem Fall kann man auch Wikipedia ohne schlechtes Gewissen empfehlen. Es ist absolut ausreichend um sich erst einmal einen guten Überblick zu verschaffen und zudem noch gut verständlich geschrieben.

Relief im Innenraum des Hathor-Tempels von Deir el-Medina („Kloster der Stadt“), altägyptisch Set Maat („Platz der Wahrheit“), in Theben-West bei Luxor, Ägypten, Wikimedia Commons, Foto: Ralf Roleček

Relief im Innenraum des Hathor-Tempels von Deir el-Medina („Kloster der Stadt“), altägyptisch Set Maat („Platz der Wahrheit“), in Theben-West bei Luxor, Ägypten, Wikimedia Commons, Foto: Ralf Roleček

Ähnlich wie bei den täglichen Ritualen ist es sinnvoll auch hier eine Regelmäßigkeit anzustreben. Man kann z.B. täglich ein paar Seiten lesen oder sich wochenweise ein bestimmtes Thema vornehmen um mit dem mythologischen Selbststudium voranzukommen.

Gerade die verschiedenen Schöpfungsmythen, der Tod des Osiris, der Kampf des Horus gegen Seth oder der Mythos der Himmelskuh etc. sind wichtige Themen, die über das altägyptische Weltbild Auskunft geben. Zusätzlich kann man auch ein Tagebuch anlegen, in dem man eigene Gedanken und Eingebungen zu den verschiedenen Mythen notiert. Auch selbstkreierte Poesie wie Gedichte, Geschichten oder Gebete, kann eine schöne kreative Art des Umgangs mit den Mythen sein

5. Austausch mit anderen Kemeten

cauldronDer letzte Punkt gestaltet sich äußerst schwierig im deutschsprachigen Raum, da es leider immer noch sehr wenige Kemeten gibt. Der Erfahrungsaustausch mit anderen Kemeten ist aber gerade in der Anfangsphase besonders nützlich. Wer also das Glück hat andere zu kennen oder sich sogar auf den englischen Internetplattformen zu Hause fühlt, sollte diese Möglichkeiten unbedingt nutzen verschiedene Sichtweisen und Herangehensweisen kennenzulernen. Auch die täglichen Rituale gemeinsam zu begehen und hinterher zu reflektieren, kann zu einem noch tieferen Verständnis der kemetischen Ritualistik beitragen.

facebook-groupManchmal sind auch Anhänger anderer Traditionen durchaus tolerant gegenüber kemetisch Praktizierenden, so dass man sich auch traditionsübergreifend über Rituale und Erfahrungen austauschen kann. Auch ist natürlich niemand gezwungen sich ausschließlich auf die ägyptischen Götter zu beschränken. Es gibt genügend Kemeten, die auch Götter aus anderen Traditionen verehren.


Die altägyptische Religion wie auch der Kemetismus, also seine moderne Rekonstruktion, basieren vor allem auf dem regelmäßigen Tun und weniger auf der Rezitation von Schriften. Denn obwohl es eine schier unerschöpfliche altägyptische Überlieferung in Form von Tempelinschriften, Totenbüchern, Papyris usw. gibt ist die Religion der Altägypter keine Buchreligion. Weder gibt es eine Konfession zu der man sich bekennen müsste, noch gibt es starres Regelwerk dem man sich zu unterwerfen hat. Das Ziel der regelmäßigen Praxis begleitet von einem Studium der Grundinhalte der altägyptischen Philosophie ist ein tägliches Einüben und Vergegenwärtigen der wichtigen Inhalte bis die altägyptische Weltsicht ein ganz natürlicher Bestandteil der eigenen wird.

Auch wenn die täglichen Rituale am Anfang mühsam erscheinen oder sich keine überwältigenden Erlebnisse einstellen, baut man damit nach und nach eine solide Verbindung zu den Göttern auf, die gerade in Krisenzeiten unglaublich viel Halt geben kann, das sollte man nicht unterschätzen. Und es bildet ein gutes Grundgerüst um später einmal zu den großen Riten und der magische Praxis übergehen zu können.

hand in hand

In diesem Sinne,

em hotep, Willkommen in Frieden
und
dua netjeru, Ehre sei den Göttern!

 

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3 Responses to Kemetismus für Anfänger in 5 Schritten

  1. Die Serie für Einsteiger ist eine wirklich tolle Idee – übersichtlich, klar und hilfreich, um sich nicht im Labyrinth der anfänglichen Informationsflut zu verzetteln. Gefällt mir gut!

  2. Sólveig says:

    Danke, das ist sehr informativ.

  3. mondfeuer says:

    Ich bin immer wieder erstaunt wie reich, rund und ganz der Kemetismus ist und wie wunderbar du ihn für Außenstehende präsentierst, so dass man sich abgeholt fühlt, aufgeklärt und dennoch auf Augenhöhe angesprochen.
    Danke dafür🙂

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