Ma’at – Eine Frage der Selbstreflexion

Die altägyptischen Götter sind faszinierend, geheimnisvoll, vielschichtig und tiefgründig. Es ist nicht schwer sich für sie zu begeistern und ihrer Faszination zu verfallen. Wenn man mit den altägyptischen Göttern arbeitet, dann ist auch immer wieder die Rede von Ma’at. Ma’at eine Göttin, die für die gleichnamige kosmische Ordnung steht, für das Gleichgewicht in der Natur, unter den Göttern und in der Gesellschaft bis hin zum kleinsten sozialen Kreis in dem man täglich lebt.

Man hält die Ma’at, man spricht die Ma’at, man tut die Ma’at. Die Ma’at ist ein ethischer Kodex und ein moralisches Ideal einer funktionierenden und kooperierenden Gesellschaft, die sich nicht auf das blinde Befolgen von Regelwerk stützt, sondern auf tiefer Einsicht dessen basiert, was Menschen im Inneren verbindet, aber auch was sie spaltet. Die Ma’at ist ein ungeschriebener Vertrag zwischen den Menschen, egal welchen Standes, füreinander in ausgewogenem Maße zu sorgen, einander nicht auszubeuten, verbindend und verbindlich zu sein.

“Love’s Labour Lost” von Edwin Long, Wikimedia Commons

Die Fallgrube der Arroganz

Und genau hier beginnt das Problem. Wenn man das erste Mal mit dem Prinzip der Ma’at in Berührung kommt, dann ist es faszinierend und beeindruckend. Es fühlt sich an, als hätte man einer Sache, die man schon immer gespürt hat plötzlich einen Namen verliehen. Als ob die Ahnung vom Guten und Richtigen plötzlich Gestalt angenommen hat, die Gestalt einer allesumfassenden transzendenten Göttin. Begeistert beginnt man sein Leben neu zu betrachten, prüft ob man im Sinne der Ma’at handelt, beginnt zu spüren, dass man einen geschärften Blick für das Gute und Richtige bekommt, bemüht sich gute Dinge zu tun, wohltätiges vielleicht sogar, gemeinschaftliche Rituale, Dienst an den Göttern durch Opferungen, Zeremonien und Gebete, möchte auch andere daran teilhaben lassen. Und ehe man es merkt, schleicht sich ganz allmählich eine leichte Arroganz mit ein, man fühlt sich erhaben, schließlich wähnt man sich in der Gunst der Götter als Diener der Ma’at, sieht sich in das gleiche Netz verwoben wie sie.

Persönlichkeitsentwicklung durch Götter

In enger Verbindung mit Gottheiten zu stehen kann enorme Vorteile bringen, doch es birgt auch gewisse Risiken. Götter färben ab. Fast jeder der eng mit bestimmten Gottheiten arbeiten, merkt über kurz oder lang, dass die Charakteristika der Götter allmählich auf einen übergehen, Lücken schließen, neue Fähigkeiten hervorbringen von denen man gar nicht wusste, dass man sie hatte. Gleichsam aber, können auch Eigenschaften die man vorher hatte geradezu verdrängt werden, Eigenschaften, die einem ebenso nützlich waren. Göttliche Kräfte denen man es gestattet durch einen hindurch zu wirken, haben mitunter mehr Potential als man für den Moment fähig ist zu lenken und zu kontrollieren.

Es kann durchaus zu drastischen Veränderungen kommen. In einem selbst und in der Folge natürlich auch im sozialen Umfeld. Das mag leicht sein bei Eigenschaften, die generell als positiv bertrachtet werden, aber umso schwieriger, wenn es sich um Eigenschaften handelt, die mitunter unangenehm und destruktiv sein können. Denn der gravierende Unterschied zwischen Menschen und Göttern ist, dass Götter die Ma’at sehr viel besser kennen und einhalten können, als Menschen. Menschen verfallen, beflügelt von den ihnen zur Verfügung stehenden Kräften, überaus leicht in einen Narzisssmus, sehen sich plötzlich als Lieblingskind der Götter, wähnen sich in unerschütterlicher Rechtschaffenheit, während sie sich zunehmend ignorant, gleichgültig und arrogant gegenüber ihren Mitmenschen verhalten. Und gerade die letztgenannten Dinge, sind die größten Feinde der Ma’at.

“The Obsequies of an Egyptian Cat” von John Reinhard Weguelin, Wikimedia Commons

Priesterschaft der Ma’at

Der Ma’at würdiger Vertreter zu werden, bedeutet in erster Linie an sich selbst zu arbeiten. Sicher ist es positiv sie wo immer man kann anderen Menschen zugänglich zu machen, doch sobald man die Rolle einer priesterlichen Figur in der Öffentlichkeit einnehmen will und sei es auch nur temporär, geht man eine umso größere Verantwortung ein, ein würdiger Repräsentant dieser kosmischen Ordnung zu werden. Diese Aufgabe ist ebenso groß, wie sie klingt.

Manipulation von Mitmenschen, Gleichgültigkeit gegenüber Unrecht, das Vernachlässigen der Menschen die einem nahestehen, fehlende Selbstreflexion und das Festhalten an schlechten Gewohnheiten, obwohl man es besser wüsste, üble Nachrede, Taubheit gegenüber der Not des anderen… all diese Dinge gehören keinesfalls zu einer Person, die anderen ein heiliges Prinzip vermitteln will. Nicht umsonst wurde die sog. “Kunst der schönen Rede” bei den Altägyptern so hochgelobt und die fortwährende Arbeit im Sinne der Gesellschaft hoch angesehen. Und hier sind keineswegs abstrakte soziale Dynamiken gemeint, die sich in kaum greifbaren Sphären abspielen, sondern der Kreis derer die einem am nächsten stehen, der Freundeskreis, die Familie, der Bekanntenkreis etc.

Jeder, wirklich jeder Mensch, kann zu einem Priester oder einer Priesterin der Ma’at werden. Alles was man dazu tun muss ist die fortwährende Arbeit an sich Selbst, am Guten und Richtigen nicht aufzugeben. Das klingt einfach, ist aber keineswegs leicht. Je länger man dabei ist umso schwerer wird es.

Jeder ist ein König/eine Königin

Wir leben heute nicht mehr in einer theokratischen Monarchie wie im Alten Ägypten, dennoch kann jeder Mensch sich wie ein verantwortungsvoller König in seinem persönlichen sozialen Umfeld verhalten. Und ein König zu sein bedeutet nicht täglich auf seinem Thron Platz zu nehmen und sich bewundern zu lassen, es bedeutet sein Land und dessen Bewohner zu schützen. Es bedeutet die Verantwortung zu übernehmen, wenn Unrecht geschieht, den Mut zu haben, dieses aufzuzeigen und dagegen vorzugehen. Es bedeutet, das was die Menschen verbindet zu schützen, zu pflegen und zu stärken und das was dem entgegenwirkt zu verbannen. Und es bedeutet vor allen Dingen als gutes Beispiel voranzugehen. Jemand, der die Ma’at bringen möchte, tut dies nicht indem er ausschweifende Vorträge hält, sondern indem er es vorlebt.

hand in hand

Nobody is perfect!

Wenn die Ma’at eines weiß, dann dass es Perfektion nicht gibt. Was sie jedoch diktiert, ist das unbeirrte Streben nach dem Richtigen in dem Wissen, dass der Weg zur Ma’at bereits das Ziel ist. “Das Richtige” verändert sich stetig, ist dem gleichen Wandel unterworfen wie man selbst, wird immer Ideal bleiben, doch das sollte einen nicht daran hindern unermüdlich danach zu suchen und ihrer stets aufs Neue würdig zu werden. Eine unvollkommene Ma’at ist besser als jeder unterlassene Versuch sie zu manifestieren.

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4 Responses to Ma’at – Eine Frage der Selbstreflexion

  1. sigillum says:

    Und das hier…ist nun mal eine ganz andere Seite, eine persönliche. Ich glaube der Beitrag gefällt mir tatsächlich besser, als alle anderen. Er zeugt von Erkenntnissen und tiefem Verständnis.
    Und dem Erkennen, daß die Arbeit mit den Göttern eine Arbeit an sich ist um im Sinne der Götter dienlich zu sein….zum Wohle der Menschen und des Seins an sich. Klasse geschrieben. Hut ab.

  2. Aatenku Het Aku N Sekhet says:

    Well put. Ma’at has social and personal aspects, I don’t think I’ve seen the personal put so well.

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