Lilith – Ein Mythos

Lilith, die göttliche Ikone der emanzipierten, wilden, selbstbestimmten Frau. Egal ob man in die Esoterikszene, die Astrologie oder die Heiden- und Hexenszene schaut Lilith ist das Sinnbild der dunklen Anteile der Weiblichkeit, der Frau, die ihre Sexualität frei lebt und sich vom Mann keine Vorschriften machen lässt.

Lilith, eine Göttin der heiligen Emanzipation aus grauer Vorzeit also? Da gibt es nur ein kleines Problem: Es gibt keine solche Göttin. Bei Lilith handelt es sich um einen modernen Mythos, der in den 1970er Jahren in einer feministischen Strömung des modernen Judentums kreiert wurde. Und vielleicht noch um einen Himmelskörper.

Lilith von John Collier, 1892, Wikimedia Commons

Eine tatsächliche singuläre Lilith taucht erstmals im frühen Mittelalter auf und zwar in einem satirischen Text aus der jüdischen Folklore dem Alphabetum Siracidis, das ungefähr zwischen 700 und 1000 nach Christus verfasst wurde. Hier soll Lilith die erste Frau des Adam gewesen sein und durch ihr aufmüpfiges Verhalten aufgefallen sein. Was nun folgt ist eine Reihe von etymologischen Herleitungen und Assoziationen, die sich als falsch oder unklar herausgestellt haben, so dass man zwar sagen kann, dass mesopotamischen Mythen die Inspiration für die weibliche Figur aus dem jüdischen Text geliefert haben mögen, es jedoch keinerlei “Göttin” im mesopotamischen Raum gibt, die der modernen Figur der Lilith entspricht.

Eine sumerisch-babylonische Göttin?

Aber beginnen wir ganz vorn vorne. Lilith soll angeblich im alten Mesopotamien beheimatet sein. Und tatsächlich findet eine “Lilith” im Gilgamesh-Epos Erwähnung. Im Mythos der Inanna und dem Ḫuluppu-Baum tritt ein löwen-, schlangen- oder drachenartigen Mischwesen (Anzu) namens ki-sikil-lil-la-ke auf, das den Huluppu Baum im Garten Inanas besetzt. Dieses Wesen wurde sehr viel später mit Lilith assoziiert nämlich in dem eingangs erwähnten satirischen Text. Nach neueren Vermutungen handelt es sich sogar nicht nur um eine singuläre Lilith, sondern mehrere Liliths, die sich in den Zweigen des Baumes der Inanna befinden. Heute sind sich aber viel Historiker einig, dass diese Gleichsetzung von ki-sikil-lil-la-ke und der mittelalterlichen Lilith nicht korrekt ist. Zwar gibt es im sumerischen die sog. līlītu, jedoch handelt es sich dabei um sehr bösartige weibliche Dämonen, die möglicherweise für die spätere Lilith die Inspiration geliefert haben. Die Ähnlichkeit des biblischen Baums der Erkenntnis mit Inannas Huluppu-Baum mag dazu geführt habe, dass beide Mythen miteinander vermischt wurden.

Lilith statt Inanna

Interessanterweise ist es aber gerade Inanna welche viele der Eigenschaften aufweist, die dem populären Bild der Lilith entsprechen. Inanna ist die Göttin der geschlechtlichen Liebe, sie konnte männlich wie weiblich auftreten, ist kriegerisch und eine emanzipierte Herrscherin. Inanna hatte den Huluppu-Baum gepflanzt um daraus ihren Thron zu zimmern. Allein dieses mythologische Motiv weist sie als Königin aus, die sich selbst legitimiert und kein männliches Pendant dazu benötigt. Als sie ihn nach 10 Jahren Wachstum fällen will, ist dieser von Lilith(s) besetzt, die sich als Äste des Baumes darstellen. Der Dämon bzw. die Dämonen werden schließlich von Gilgamesch verjagt und der Baum gefällt.

Kindsmörderin aus Mesopotamien

Eine weitere unklare Gleichsetzung erfährt auch die mesopotamische Halbgöttin Lamaštu mit der jüdischen Lilith. Lamaštu besitzt – obwohl göttlich bzw. semigöttlich – wenig wohlwollende Eigenschaften, sondern zählt zu den sogenannten sieben Dämonen, die der Fortpflanzung des menschlichen Geschlechts Einhalt gebieten will. Sie ist ähnlich wie die sogenannten Lilin ein Mischwesen aus Löwe, Vogel oder Esel, hält Schlangen in ihren Händen und reitet auf einem Schwein oder Hund. Sie gilt als jener Dämon, der die bedrohlichen Aspekte der Frauengesundheit verkörpert, nämlich Kindstod, Kindbettfieber oder Fehlgeburt. Zahlreiche Amulette um Lamaštu zu bannen zeigen deutlich, wie sehr dieser weibliche Dämon in der mesopotamischen Kultur gefürchtet wurde. Es hieß sie würde Säuglinge der Mutterbrust entreißen und sie töten. Als Schützer der Schwangeren und Gebärenden tritt der ebenfalls dämonische Gott Pazuzu auf, der einzige der Lamaštu zu bezwingen vermag.

Götter sind keine Engel

Hier muss berücksichtigt werden, dass Gottheiten in Mesopotamien durchaus nicht immer als wohlwollend und rechtschaffen zu betrachten sind. Göttlich bedeutet nicht zwangsläufig gut oder wohlgesinnt. Das ethische Gleichgewicht wird in polytheistischen Traditionen durch das Zusammenwirken mehrerer Gottheiten hergestellt. Da es sich um naturreligiöse oder zumindest naturnahe Traditionen handelt und der Mensch im Gegensatz zu heute den Mächten der Natur hilflos ausgeliefert war, wurden auch die Gottheiten als durchaus bedrohliche Übermacht verstanden, die es zu bezähmen oder sogar zu bezwingen galt.

Auch darf nicht vernachlässigt werden, dass die Begrifflichkeiten von “Gut” und “Böse” im Laufe der Zeit einen grundlegenden Bedeutungswandel erfahren haben. Während die Begriffe im Zusammenhang mit modernen Religionen oft stark moralisiert sind und sich auf soziale Dynamiken beziehen, drehen sich ihre Bedeutungsinhalte in den naturnäheren Religionen des alten Orients und der Levante um das Prinzip der Schöpfung als Lebensgrundlage. Demzufolge ist “böse” was sich dem Prinzip der Schöpfung als Gesamtes entgegenstellt und nicht selten konnte diese destruktive, antischöpferische Kraft auch von göttlichen oder zumindest gottähnlichen Wesen ausgehen. Dieser Definition von “Böse” entspricht z.B. Lamaštu, denn ihr Wirken ist gegen die Menschheit als solches gerichtet.

Das McBurney Relief

Aus der altbabylonischen Zeit stammt das inzwischen sehr bekannte McBurney Relief (ca. 1800 bis 1750 v.Chr.), dass derzeit im British Museum in London zu bewundern ist. Da es zu diesem Relief keine Beschriftung gibt, konnte nie klar festgestellt werden um welche Gottheit es sich bei dieser Darstellung handelt. Häufig wird behauptet, es sei Lilith. Am wahrscheinlichsten ist es jedoch, dass es sich hierbei um Inanna/Ishtar handelt und nicht um Lilith. Letztere kommt allein deswegen schwerlich in Frage, da Lilith ja erst tausende Jahre später als solche auftaucht und in der sumerisch-babylonischer Zeit von mehreren weiblichen “Lilith”-Dämonen auszugehen ist. Die Darstellung des Reliefs hat große Ähnlichkeit mit der “Ishtar Vase” aus dem 2. Jahrtausend v.Chr. welches sich im Louvre in Paris befindet. Auch die weiteren Attribute wie etwa der Löwe, die Ringe oder die halbausgebreiteten Flügeln werden mit Ishtar assoziiert.

McBurney Relief, British Museum, Wikimedia Commons

Die eigentliche Lilith

Im jüdischen Mittelalter soll nun Lilith im Midrasch auftauchen, tatsächlich findet sie aber nur ein einziges Mal im Talmud Erwähnung als weibliches Wesen, das Männer plagt und damit vermutlich auf das Leitmotiv der besagten mesopotamischen Dämonen zurückgreift.

Im 13. Jahrhundert erheben die Schriften des Rabbi Isaac ben Jacob ha-Cohen Lilith zur ersten Frau Adams, die ihn verlässt nachdem sie sich weigert ihm zu gehorchen. Sie verlässt daraufhin das Paradies und verführt den Erzengel Samael. Daraufhin soll Lilith von der fügsamen Eva ersetzt worden sein. Lilith wird in der Folge unterstellt Neugeborene zu entwenden, also ganz nach dem sumerischen Vorbild der Lamaštu.

Neuinterpretation im jüdischen Feminismus

Diese Geschichte diente nun in den frühen 70ern im Rahmen der modernen jüdisch-feministischen Theologie als Sinnbild für die spirituell emanzipierte Frau, die sich dem Göttlichen selbstständig zuwendet und dazu keinen Mann benötigt. Zwar stand der Frau der religiöse Bildungsweg im Judentum grundsätzlich offen, doch war der soziale Druck meist so groß, dass jüdische Frauen sich trotzdem in einer benachteiligten Position in Sachen theologischer Bildung sahen. Die Flucht der Lilith aus dem Paradies wird nun mit der Flucht der Frau vor dem unterdrückerischen patriarchalen System des Judentums interpretiert und die satirische Lilith-Figur wird nun zu einer Ikone weiblicher spiritueller Emanzipation. Eva wird entsprechend zum gehorsamen Weibchen gemacht. Hier ist vor allem die Autorin Judith Plaskows und ihr bekanntes feministisches Midrasch “Das Kommen Liliths” hervorzuheben. Lilith ist also weder eine mesopotamische Göttin, noch eine dämonisierte Frauenfigur der Bibel, wie so gerne behauptet wird. In der Bibel findet sie überhaupt nur einmal Erwähnung auch hier wieder lediglich als Vokabel für einen weiblichen Dämon.

Jesaja 34,14: “Es werden Wildkatzen auf Schakale treffen, ein ziegenbehaarter Dämon wird seine Gefährten rufen und dort wird auch die Lilit verweilen und ihre Behausung finden.”

Lilith – ein moderner Mythos

Heute ist Lilith Namenspatronin für Frauenberatungsstellen, gern verwendeter Nickname in Esoterik- und Hexenkreisen, vielfach verehrte “Göttin” und Symbol der “dunklen” Anteile der Frau, nämlich der Wunsch nach einer freien und selbstbestimmten Sexualität, nach Bildung, nach Gleichberechtigung, nach wilder, ungebremster Emotionalität. Die Kunstfigur Lilith ist zu einem Behältnis aller modernen Ideale weiblicher Emanzipation und Identität geworden. Gerade diese Aspekte sind auch wichtiger Bestandteil weiblicher Spiritualität in alternativ-religiösen Gesellschaften wie dem Heiden- und Hexentum oder der Esoterikwelt. Möglicherweise hat dies zu einer Adaption der jüdisch-feministischen Lilith geführt.

Verwunderlich ist, dass die polytheistischen Traditionen zahlreiche weibliche Göttinnen aufweisen, die ebenfalls äußerst emanzipiert zu Werke gehen, jedoch hat es keine von ihnen zu einem derartigen Erfolg gebracht. Es ist zu vermuten, dass hier das große Bedürfnis alternativ-spiritueller Frauen nach Abgrenzung von einem patriarchalen bzw. patriarchal-religiösen System wie dem Christentum dazu geführt hat, dass gerade die Figur der Lilith in der modernen Auffassung so populär und letztlich sogar vergöttlicht wurde.

Lady Lilith von Dante Gabriel Rosetti, Wikimedia Commons

Lilith – Verehrung heute

In einigen modernen magischen Traditionen ist die Lilith-Verehrung ein zentraler Bestandteil der Praxis geworden, wie z.B. im Wicca, in der Ritualmagie oder auch in der Chaosmagie. Aleister Crowley benannte sogar seine Tochter Jezebel Lilith Crowley nach der göttlichen Feministin. Es stellt sich also die Frage, ob eine Lilith-Verehrung generell als falsch zu werten ist oder ob Mythos auch in einer modernen Welt ein organisch wachsendes Konstrukt spiritueller Gruppendynamiken sein darf und als solches seine Berechtigung erhalten sollte.

Sich auf “uralte Mythen” zu berufen ist hier sicherlich nicht korrekt, doch ist die Verbreitung der modernen Lilith-Figur inzwischen so gediehen, dass man schwerlich von einer undeutenden literarischen Idee sprechen kann. Das Bedürfnis nach einer Göttin der weiblichen Emanzipation und des spirituellen Feminismus ist jedenfalls nicht von der Hand zu weisen.

 

Mit großem Dank an Sedjfaiemitui, Expertin für Altorientalistik,
(Binghamton University in New York State) für ihre Unterstützung!

Zum Blog “Shadows of the Sun” bitte klicken!

Literatur
Raphael Patai, Encyclopedia of Jewish Folklore and Traditions
Lori Hope Lefkovitz, In Scripture: The First Stories of Jewish Sexual Identities
Gabbay, Uri. “A Collection of Pazuzu Objects in Jerusalem,” Revue d’Assyriologie et d’Archaéologie Orientale. 2/2001 (Vol. 94), p. 149 – 54.
Gabbay, Uri / Wayne Horowitz / Filip Vukosavovic. “A Woman of Valor : Jerusalem Ancient Near Eastern Studies

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3 Responses to Lilith – Ein Mythos

  1. Sólveig says:

    Danke für diesen Beitrag. Ich liebe es wenn mit solchen Falschdarstellungen aufgeräumt wird. Letztlich ändert es natürlich nichts an der Symbolkraft von Lilith.

    • Sati says:

      Genau so sehe ich das auch. Ihre moderne Bedeutung ist ja unbestritten und Mythen dürfen ja durchaus auch in einer modernen Welt etwas dynamisches bleiben.

  2. sigillum says:

    Gut recherchiert…und äußerst spannend geschrieben.
    Danke für den umfangreichen Artikel.🙂

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