Totenfest auf Ägyptisch

Als altägyptische “Heidin” in Deutschland hat man es manchmal nicht leicht mit den üblichen Festen der Heidenszene mitzuhalten. Dankenswerterweise hatten die alten Ägypter aber unglaublich viele Feste, so dass man nahezu jeden Tag etwas zu feiern findet. Die Hauptfeste konzentrieren sich meist rund um den altägyptischen Jahreswechsel im Juni/Juli zur Zeit der alljährlichen Nilflut und zum Aufgang des Sirius, doch einige fanden auch zu anderen Zeiten im Jahr statt. Wenn die dunkle Jahreszeit hier in Mittel- und Nordeuropa langsam Einzug hält, denken viele an die typischen Feste der Toten wie Samhain, Allerheiligen oder Halloween. Als ich mich auf die Suche nach einem äquivalenten ägyptischen Fest machte, das im Oktober/November unseres Kalenders stattfindet war ich unerwarteter Weise gleich erfolgreich. Ich fand das Fest des Totengottes Sokar. Nun muss man korrekterweise dazu sagen, dass das Sokarfest im Alten Reich zusammen mit dem Sed-Fest gefeiert wurde und damit ebenfalls zum Jahreswechsel im Sommer stattfand. Im Neuen Reich jedoch wurde es am 26. Achet IV begangen, was ungefähr Mitte Oktober bis Anfang November ist.

Sokar, der Gott

Sokar ist einer der ältesten ägyptischen Götter und wurde in Memphis verehrt. Er ist falkengestaltig, oft taucht er auch in Gestalt eines falkenköpfigen Menschen auf. Seine Kultstätte ist die Totenstadt. Bereits seit der 1. Dynastie ist Sokar der Namensgeber für die Nekropole Sakkara am westlichen Nilufer. Doch Sakkara ist nicht das einzige Heiligtum mit dem Sokar assoziiert wird.

Sokar wird auch manchmal “Sokar von Rasetjau” genannt, doch Rasetjau ist kein weltlicher Ort. Es ist ein Ort in der Duat, der altägyptischen Unterwelt. Auf seiner Nachtfahrt muss der Sonnengott Re die Duat durchqueren, die laut des Unterweltsbuches Amduat in 12. Stunden eingeteilt ist. Zur 4. und 5. Nachtstunde erreicht die Reise des Re einen kritischen Punkt, seine Barke läuft auf Sand und er muss sie in der Folge mühsam durch die Wüste ziehen. Diese Wüste ist Rasetjau oder das “Land Sokars, der auf seinem Sand ist“ wie es ebenfalls genannt wird. Dieser wahrlich unwirtliche Abschnitt der Duat ist die Heimat zahlreicher Schlangen und Ort des Feuers und der Hitze. Sokar ist also in der Tat der Gott des Todes schlechtin. Re wird übrigens in der nächste Stunde von Seth gerettet, der die dämonische Schlange Apophis besiegt, die den von den Strapazen geschwächten Sonnengott zu verschlingen droht.

Sokar im Totenbuch als Mumie mit Falkenkopf, Foto: Wikipedia

Das Sokarfest

So wird Sokar auch zum Paten eines wichtigen Totenfestes der Totenstadt Sakkara, das bereits aus der Frühdynastik belegt ist. Das Sokar-Fest. Tatsächlich war der Zweck dieses Festes nicht nur das feierliche Erinnern an Verstorbene, sie sollten sogar selbst an diesem Fest teilnehmen um sie gleichzeitig aufs Neue in die Obhut des Sokar zu überstellen. Im Alten Reich ist das Sokarfest mit dem sog. Sedfest verknüpft, dass außerdem in engem Zusammenhang mit dem Fest des Fruchtbarkeitsgottes Min steht. Das Sedfest ist ebenfalls aus der Frühdynastik belegt und war ein Fest zur rituellen Verjüngung des Königs. Manche Forscher nehmen sogar an, dass es einen Vorläuferkult gegeben hat, bei dem der alte König tatsächlich rituell getötet wurde damit ein neuer junger König die Nachfolge antreten konnte. Ein Ritus, der aus anderen Teilen des afrikanischen Kontinents durchaus bekannt ist. Diese Vermutung bekommt umso mehr Gestalt, wenn man bedenkt, dass dem Sokarfestes der Brauch des “Aufhackens der Erde” vorausging, ein Ritus der vermutlich mit dem Anlegen von Grabbauten im Zusammenhang stand, möglicherweise aber auch mit dem Ackerbau und dazugehörigen Fruchtbarkeitsbemühungen. In der griechisch-römischen Zeit jedenfalls wurde das Fest des Aufhackens der Erde von den Choiak-Riten ersetzt, ein Fest zur Wiederauferstehung des Osiris. Mit Osiris wurde Sokar passenderweise später synkretisiert, wobei auch Ptah mit in diesen Synkretismus einfloß und Ptah-Sokar-Osiris die Attribute aller drei Götter verband.

Kornmumien

Für diesen dreifachen Gott ist ein äußerst interessanter Brauch belegt, der umso mehr Tiefe erhält, wenn man die kultische Vorgeschichte, wie oben beschrieben voranstellt. Es ist der Brauch der Kornmumien. Dabei werden aus Lehm, Saatkörnern und Leinenbinden Mumien geformt die anschließend rituell bestattet werden und zwar in Form eines Nachspiels des Osirismythos. Die daraufhin auskeimenden Saatkörner sollten auch das Leben in den Mumien – als Stellvertreter für Ptah-Sokar-Osiris – wieder erblühen lassen. Auch für die normale altägyptische Bevölkerung ist dieser Brauch -wenn auch in einer einfacheren Form – bekannt. Hier handelt es sich jedoch aller Wahrscheinlichkeit um einen Ahnenritus und weniger um einen Götterkult.

Ägyptische Kornmumie, ptolemäische Periode, Foto: Bombaladan, Wikimedia Commons

Kornmumie aus der Spätzeit, Rosicrucian Egyptian Museum in San Jose, Kalifornien, Foto: BrokenSphere, Wikimedia Commons

Persönliche Sokar-Riten

Da auch mein Geburtstag etwa auf diese Zeit des Jahres fällt, ist mir das Sokarfest besonders wichtig geworden, wie auch Sokar als Gott selbst. Zu diesem Zweck habe ich eine Sokarstatue angefertig und zwar passenderweise aus einer sandhaltigen Modelliermasse in der sich auch einige Weizenkörner befinden. Die Sokarstatue ist ganzjährig verhüllt, wird aber zu Beginn meiner privaten Sokar-Riten aus ihrer Hülle befreit. Aus Tonerde, normaler Pflanzerde und Saatkörnern fertige ich dann kleine Mumien und weihe sie bei Bedarf auch mal Freunden; manchmal zusammen mit einem besonderen Anliegen für welches sie sich eine Wiederbelebung und neue Kraft wünschen. Diese Kornmumien werden dann während des Ritualzykluses aufgebahrt und erhalten gemeinsam mit Sokar täglich Speise- und Trankopfer, Gebete und Rauchopfer. Am Ende der Riten bringe ich die Kornmumien hinaus in die freie Natur und vergrabe sie an besonderen Orten, damit ihre Saat im Frühjahr aufsprießen kann und neue Lebenskraft dorthin fließen kann, wo sie erbeten wurde.

Schrein während der Sokar-Riten mit der enthüllten Statue

Kornmumien mit Hieroglyphen

Kornmumie mit Hieroglyphen

 

Sokar und ich

Meine persönliche Erfahrung mit Sokar ist, dass er ein sehr statischer Gott ist. Seine Präsenz ist unglaublich beeindruckend und beinahe überwältigend, doch er bewegt sich nicht und ist vollkommen passiv. Die Interaktion mit ihm fiel mir zunächst schwer, da ich mit Seth einen überaus aktiven und stürmischen Gott gewöhnt bin. Außerdem kommt man nicht umhin einen sehr gefährlichen und lebensfeindlichen Ort in der Duat aufzusuchen, wenn man ihm begegnen will. Zum Glück gibt es kaum einen besseren Begleiter in der Duat als Seth, so dass ich mir keine Sorgen machen musste. Ich war mir zunächst nicht sicher, ob ich überhaupt einen Kontakt mit Sokar herstellen konnte, bis mir plötzlich klar wurde, das bereits das Empfinden seiner Präsenz dieser Kontakt war und auch nicht mehr als das werden würde. Ich konnte jedoch sehr deutlich spüren, wie er mich wahrnahm. Trotz seiner Regungslosigkeit erschien er mir äußerst kraftvoll. Ein wenig wie ein Fels in der Brandung.

möge mein Leib rein sein,
möge ich ein göttliches Gewand empfangen
möge ich (Ptah-)Sokar schauen

(Theben, Grab des Neferhotep)

Sokar1

Dua Sokar!


Literatur:
Ritner, Robert Kriech. “The Mechanics of Ancient Egyptian Magical Practice.”

Assmann, Jan “Ägyptische Geheimnisse”, “Ägyptische Hymnen und Gebete”
Bonnet, Hans “Lexikon der Ägyptischen Religionsgeschichte

 

 

 

This entry was posted in Deutsch, Gods • Götter, Kemeticism • Kemetismus, Practice • Praxis, Thoughts • Gedanken and tagged , , . Bookmark the permalink.

3 Responses to Totenfest auf Ägyptisch

  1. Bei uns Römern gibt es Ende Oktober / Anfang November auch kein Äquivalent. Der traditionelle Totenmonat ist bei uns der Februar, der kürzeste Monat und letzte Monat des römischen Kalenders. Dort werden die mehrtätigen Parentalia gefeiert, das “Seelenfest”, an dem Totenkult betrieben und der verstorbenen Ahnen gedacht wird. Es folgen direkt im Anschluß die Feralia, ein Fest zu Ehren der Manen, der Geister der Toten und der Unterweltgeister, die es zu besänftigen gilt. Danach kommen die Carista zu Ehren der Laren. Da kann ein magerer Tag der anderen Heiden gegen Einpacken, wir treiben das einen ganzen Monat lang😉

    Für Dich vielleicht interessant ist die Tatsache, daß im römischen Kalender Ende Oktober bis Anfang November das zweite große Fest des Isiskultes stattfand (wenn man diesem denn zugetan war, aber natürlich gab es auch einen öffentlichen Teil für die feierfreudigen Massen): “Inventio Osiridis”, das Auffinden des Osiris in 7-tägigen Mysterienspielen nachgespielt (das andere große Fest ist Navigium Isidis am 5.3., das sich noch bis ins 5. Jahrhundert trotz Christianisierung großer Beliebtheit erfreute).

  2. Aatenku Het Aku N Sekhet says:

    Excellent information! May I cite you in a thesis?

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s