Spiritueller Burnout?

“Über die letzten Jahre haben sich einige der ehrenhaftesten und aufgeschlossensten Pagans die wir kennen aus der Gemeinschaft verabschiedet. Das als Tragödie zu bezeichnen ist noch untertrieben. Es ist niemals ein dramatischer Abgang, sie waren plötzlich einfach nicht mehr da. Und viele sprechen von einem Burnout…”
(Fritz Jung, The Witches’ Voice)

Ein spiritueller Burnout?
Gibt’s sowas überhaupt?
Kann man an Spiritualität und Paganismus ausbrennen?

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Kriterien des Burnouts

Nach dem deutsch-amerikanischen klinischen Psychologen Herbert Freudenberger wird das Burnout-Syndrom als psychoemotionale Reaktion auf chronische Stressoren im Beruf beschrieben; vielleicht darf man hier Beruf ruhig einmal mit Berufung ersetzen. Nach den ersten wissenschaftlichen Artikeln, die in den 70er Jahren zu diesem Thema erschienen sind, hat der Burnout drei Hauptmerkmale:

  1. “overwhelming exhaustion” überwältigende Erschöpfung aufgrund fehlender emotionaler und physischer Ressourcen

Mit einer der Hauptmotivationen sich für Spiritualität zu interessieren ist die Tatsache in der Welt des grauen Alltags keine effektiven Ressourcen mehr vorzufinden. Oftmals besteht schon vorab irgendeine Form der seelischen Beschädigung, die emotionale Ressourcen umso notwendiger macht. Unterschiedliche spirituelle Techniken versprechen genau das was dringend gebraucht wird, nämlich Kraft, Energie, Heilung und Freude. Manche davon funktionieren sogar. Das bedeutet also, Menschen die sich in der spirituellen Szene bewegen bringen in aller Regel bereits eine wichtige Grundvoraussetzung für den Burnout mit.

  1. “Detachement” Gefühle der Entfremdung, Distanz, oft einhergehend mit Zynismus sowohl zwischenmenschlich als auch der Tätigkeit gegenüber

Fast alle spirituell interessierten Menschen, die sich um Authentizität, Bildung und Ernsthaftigkeit in ihrer persönlichen Praxis bemühen, haben sich im Laufe der Zeit einen dicken Schutzpanzer aus Sarkasmus und Zynismus zugelegt. Spirituell interessierte Menschen haben in der Regel eine Sensibilität, die ihnen das spirituelle Tun überhaupt erst ermöglicht und was sie natürlich ungleich verletzbarer macht. Das spirituelle Treiben um einen herum durch eine satirische Brille zu betrachten, macht den Umgang mit den oft frustrierenden sozialen Phänomen dieser Szene wesentlich erträglicher und ist ein lebensnotwendiges Ventil den negativen Gefühlen Luft zu verschaffen.

Gleichzeitig besteht gegenüber der nicht spirituell interessierten Gesellschaft mangels Interessenüberlappung ohnehin schon ein Zustand der Entfremdung und Distanz. Soziale Alltäglichkeit, wie der Small Talk beim Bäcker oder der Plausch mit der Nachbarin werden als anstrengend erlebt und sind vielmehr eine immerwährende Herausforderung an das eigene schauspielerische Talent. Will man sich nicht ständig als ausgegrenzter Freak erleben, bleibt einem nur der Rückzug und die nicht minder unerträgliche Einsamkeit – selbst wenn diese nur mental ist.

  1. “Inefficacy” Inefektivität und Wirkungslosigkeit, also das Gefühl, nichts bewirken zu können oder dass die eigene Leistungsfähigkeit nicht ausreicht

Effektivität definiert sich sinnvollerweise an dem zu erreichenden Ziel. Nun stellt sich aber die Frage, was genau das Ziel der spirituellen Szene ist. Und genau hier tauchen schon die ersten Probleme auf. Während man vordergründig hohe Werte wie “Achtsamkeit”, “Weisheit” oder gar “Erleuchtung” auf die spirituelle To-Do-List schreibt, spricht das zwischenmenschliche Verhalten oft eine ganz andere Sprache. Narzisstische Bedürfnisse, Gier nach Aufmerksamkeit und das Streben nach Status werden einfach in das Glitzerkleid lieblicher Eso-Linguistik gehüllt und sind dabei genauso unersättlich, wie in Gestalt des zigarrerauchenden ausbeuterischen Kapitalisten von dem sich so gerne abgegrenzt wird. Nur die Währung ist eben eine andere, nämlich Anerkennung, Aufmerksamkeit und Zuneigung. Die eigene Wirksamkeit kann daher angesichts dieser geballten kollektiven Bedürfigkeit freilich nur äußert limitiert sein. Zudem erfordert Wirksamkeit auch ein Vorhandenensein von umsatzbaren Ressourcen, die ja wie oben erwähnt von vorn herein nur spärlich vorhanden sind.

Emotionen sind Energie

Als begünstigender Faktor für den Burnout werden emotional aufgeladene Situationen und berufliche Tätigkeiten genannt, die mit Menschen als Klienten zu tun haben (z.B. Heil-oder Betreuungsberufe). Wenn man ein zentrales Thema der spirituellen Szene klar definieren kann, dann sicherlich der Umgang mit Menschen und deren Bedürfnissen, Heiler/Klient-Verhältnisse (auch unfreiwillig) und emotional aufgeladene Situationen.

Emotionen sind relativ leicht kreierbar. Durch Provokation von typisch menschlichen Rollenspielen, denen emotionale Automatismen zu Grunde liegen, wie etwa Partnerschaftliches, Täter/Opfer-Spiele, Patient/Heiler-Konstellationen, sexualisierte Rollenspiele oder kollektive Empörungsparaden, lassen sich sehr schnell emotionsgeladene Dynamiken hervorrufen. Treffen mehrere Menschen mit ähnlich gelagerten Interessen aufeinander ist die emotionale Eskalation vorprogrammiert und man treibt im Tsunami der gemeinsamen Gefühligkeiten.

Emotion kann eine starke Triebfeder sein und die innere Leere und Ressourcenlosigkeit temporär verdecken. Jedes noch so negative Gefühl ist manchmal besser als die Leere, die ja nicht zuletzt durch den schleichenden Burnout immer größer wird. Für einen kurzen Moment verspürt man einen Energiekick, dem man sich hungrig hingeben kann um sich ein klein wenig in der Illusion zu ergehen, wieder Kraft zu haben. Nur um dann hinterher noch mehr Leere vorzufinden. Die Ähnlichkeiten mit einem Suchtverhalten kommen nicht von ungefähr, denn das suchtauslösende Hormon Dopamin spielt auch hier eine große Rolle. Wer so etwas sehr häufig tut und dabei ein suchtartiges Verhalten entwickelt erfüllt übrigens unter Umständen die Kriterien einer histrionischen Persönlichkeitsstörung.

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Wenn das was helfen soll schädigt

Prof. Dr. phil. Dr. A. Hillert, aus der medizinisch-psychosomatischen Schön Klinik Roseneck schreibt im Bundesgesundheitsblatt, 2012 zum Thema Burnout

“Die aktuelle Popularität des Begriffes hat ein gigantisches Angebot von Wellness bis hin zu Lebensstil-Angeboten ins Leben gerufen und damit einen eigenen Markt geschaffen, der sich zwar gerne wissenschaftlicher Vokabeln bedient, aber gleichwohl jenseits wissenschaftlicher Ansprüche liegt und mutmaßlich bleiben wird. Die möglichst umgehende, wohltuende Befriedigung von (natür­lich berechtigten) Bedürfnissen nach Entspannung, Entlastung und Selbstwertstabilisierung beziehungsweise Wertschätzung durch andere, wird sich kaum dem Primat wissenschaftlich evaluierter mittel-und langfristiger Wirksamkeit unterwerfen.”

Damit hat Prof. Hillert eine erstaunlich zutreffende Beschreibung der spirituellen Szene geliefert. Und der Sinn dieser ganzen Bemühungen liegt auf der Hand: Die Szene ist ein Perpetuum Mobile der dienstleistungsorientierten Marktwirtschaft, denn sie erschafft sich als Maschinerie aus Bedürftigen und scheinbaren Bedarfsdeckern stetig erneut selbst ohne jemals den Hunger zu stillen resp. stillen zu können. Das was angeblich helfen soll, nämlich Angebote zur Ressourcengewinnung, deckt in erster Linie den lavierten Hunger einst Bedürftiger, die es geschafft haben, sich einen sozialen Status zu erarbeiten, der ein Gefüttertwerden auf Kosten der Hoffnung der Hungrigen weitgehend sicherstellt. Und der Hunger wächst.

 

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Auswege

Die beste Therapiemaßnahme ist natürlich die Prävention. Kommt es jedoch zu einem handfesten Ausgebranntsein, dann ist zunächst schnelle und kurzfristige Intervention angesagt. Langfristige Maßnahmen müssen auf später verschoben werden, dazu reicht die Kraft meist erstmal nicht. Selbstfürsorge, nur das nächstliegende Tun, Stabilisieren, Stressoren reduzieren, Teufelskreise stoppen, Kräfte sammeln, echte Hilfe suchen und annehmen. Wichtig ist, diesen Zustand nicht als endgültiges Scheitern zu erleben, sondern als unglücklichen Zwischenfall, der zwar unvorhergesehene Maßnahmen erfordert, aber in keiner Weise als persönliches Versagen zu werten ist.

Als wichtige langfristige Maßnahme beim Burnout Syndrom wird das Stressmanagement genannt. Die völlige Vermeidung der Stressoren der Spiritualität und ihrer Szene ist genauso unrealistisch, wie den bodenlosen Anforderungen jemals gerecht zu werden. Daher ist es wichtig Stressoren zu managen, also zu identifizieren, zu planen, zu strukturieren und mit den verfügbaren Ressourcen abzugleichen. Ein wichtiger Punkt in der Burnout-Therapie ist die eigenen oft ausgeblendeten Bedürfnisse wieder wahrzunehmen und ihnen ab sofort eine wesentlich höhere Priorität einzuräumen. Eine Zeit der Distanzierung kann mitunter hilfreich sein. So fällt auch die gezielte Auswahl der sinnvollen und stärkenden spirituellen und zwischenmenschlichen Aktivitäten in der Szene wieder deutlich leichter. Und dort macht dann emotionale und mentale Investition Sinn, trägt mit etwas Glück Früchte, die echte Ressourcen sein können und evtl. sogar der Grundstein zu einem gesunden sozialen Netzwerk.

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