Bestechen und Bedrohen von Göttern

Kann man Götter betrügen?

Als ich einem Freund, der selbst Atheist ist, davon erzählte, dass ich diesen Artikel schreiben möchte war seine spontane Reaktion: “So was gibt’s doch gar nicht, Götter sind mächtig und weise und man kann sie nicht mit billigen Tricks reinlegen. Die machen was sie für richtig halten”

Mir wurde sofort klar, wie schwierig es sein würde, ihm zu erklären, wie sehr sich polytheistische Traditionen von monotheistischen unterscheiden. Normalerweise vermeide ich solche Diskussionen auch, denn selbst wenn Leute sich als Atheisten bezeichnen, tun sie das sehr häufig auf der Basis eines immer noch christlichen Verständnises vom Begriff “Gott” (den sie ablehnen). Ein höheres Wesen, dass man anzubeten und dem man zu gehorchen hat, das stets unantastbar und immer perfekt ist

Selbstverständlich sind unsere Götter weise, mächtig und tun was sie für richtig halten, aber sie haben auch negative Seiten, sie haben Fehler, sie können überreagieren, auch sie müssen Grenzen aufgezeigt bekommen und sie sind in keiner Weise perfekt. Sie streiten sich, sie betrügen, sie arbeiten zusammen, sie lügen, sie tricksen, sie lieben, sie sorgen sich und sie hassen. Man könnte sie fast für menschlich halten. Was sie in meinen Augen zu Götter macht ist, dass sie die Dinge in einer größeren Dimension zu sehen vermögen als der Mensch. Und – da wir hier ja im Besonderen von der altägyptischen Religion sprechen – dass sie sich dem Prinzip der Ma’at, der kosmischen Ordnung, unterwerfen, die sie so viel besser verstehen als wir Menschen.

Knieende Frau vor einem Opfertisch, Wikimedia Commons

Arbeit mit Göttern

Um mit Göttern polytheistischer Religionen arbeiten zu können, ist ein hohes Maß an Eigenverantwortlichkeit, Selbstreflektion und Stabilität erforderlich, wie auch der Wille die Fäden seines Lebens selbst in die Hand zu nehmen. Man muss sich selbst gut kennen, seine Ziele klar definieren und man muss gleichsam die Götter kennen um mit ihnen fruchbare Synergien bilden zu können. Und nichtzuletzt muss man in der Lage sein, die Verantwortung für seine Fehler zu übernehmen.

Unabhängig vom kulturellen Kontext bedeutet Bestechung, auf jemandes Verhalten durch Versprechen oder das in Aussicht stellen von Vorteilen Einfluss zu nehmen. Bedrohung hingegen bedeutet, jemandes Verhalten zu beeinflussen, indem man ihm unangenehme oder schadende Konsequenzen ankündigt. Es mag gewagt erscheinen diese Methoden bei Göttern anzuwenden, aber tatsächlich war dies durchaus üblich im Alten Ägypten. Sowohl Drohungen als auch Bestechung fanden unter einem sehr wichtigen Aspekt statt, nämlich dass der ritualisiernde Mensch sich für die Dauer des Rituals mit den Göttern auf eine Stufe stellt. Er holt die Götter nicht zu sich herab vielmehr steigt er zu ihnen auf. Das Ritual ist eine Pforte durch die der Mensch aus der menschlichen Sphäre hinaus in die göttliche – wenn auch zeitlich begrenzt – eintritt.

Dies kann man auch anhand von vielen Sargtexten, Papyri und Pyramidentexten nachvollziehen.

“Anubis, guter Hüter der Ochsen, bringe das Licht zu mir! Du sollst mir Schutz geben hier und heute, denn ich bin Horus, der Sohn der Isis, der gute Sohn des Osiris […] ”
Leyden Papyrus, magischer Text

Beispiel einer Drohung:

“Spruch zu sprechen über einem Hundebiß […] O dieser Hund, welcher unter den zehn Hunden ist die zu Anubis gehören, Sohn seines Leibes, extrahiere Dein Gift, entferne den Speichel von mir. Extrahierst Du nicht Dein Gift, entfernst Du nicht Deinen Speichel, werde ich Dich vor das Gericht im Tempel des Osiris bringen, mein Wächter.”
Leyden Papyrus, magischer Text

Manchmal setzen sich die Ritualausführenden nicht mit einer Gottheit gleich, jedoch mit einer anderen Person um ihre eigene Identität für den Fall drohender Konsequenzen zu verschleiern.

PGM VII. 319 -34 *Zauber für klare Vision: Nehme eine Kupfergefäß / befülle es mit Regenwasser und opfere männlichen Weihrauch.

Beschwörungsformel: [….] Erscheine mir, Herr Anubis, I befehle Dir, den ich bin IEO BELPHENO, der dies verlangt.

Entlassung: Geh fort, Anubis, zu Deinen eigenen Thronen, zu Gunsten meiner Gesundheit und meines Wohlergehens […]

Das zweite Zitat enthält eine rigorose Instruktion an Anubis, die schwerlich möglich wäre, würde man sie aus einer Position der Unterwerfung vorbringen. Die Ägypter kommunizierten mit ihren Göttern auf Augenhöhe. Im Grunde ist die Praxis des Bestechens, Befehlens und Bedrohens nichts anderes als Beschwörung. Die Ägypter haben aktiv mit den Kräften und Eigenschaften der Gottheiten hantiert, statt sie mit einer bittenden Haltung anzusprechen. Der Prozess der Invokation und der Gebrauch dieser göttlichen Kräfte ist daher sehr viel näher mit magischer Arbeit verwandt, als mit einem Gebet in monotheistischem Kontext.

Gebetshaltung aus dem Totenbuch des Maherperi, Foto: Udimu, Wikimedia Commons

Bestechen und Bedrohen

Es ist nützlich sowohl Bestechung als auch Bedrohung einmal näher zu betrachten und dabei zu berücksichtigen, dass die Altägyptische Religion vor allem ritualbasiert war. Das bedeutet, dass der Kontakt und die Kommunikation mit den Göttern in Form von ritueller Gestik und magischen Handlungen stattfand. Die Sprache, die man zur Verständigung mit der Götterwelt nutze, kann daher  als eine Zeichensprache betrachtet werden.

PGM VII. 528-39 – Spruch zu sagen während Du eine Opferung auf Eichenkohle mit heiligem Weihrauch darbringst […]

PGM IV. 2359-72 – zum Zwecke eines erfolgreichen Zaubers muss man eine Opferung mit ägyptischem Wein machen und eine Lampe für ihn entzünden, die nicht rot ist

Stell Dir vor, Du triffst einen Fremden, der Deine Sprache nicht spricht. Wie würdest Du dieser Person zu verstehen geben, dass Deine Absichten friedlicher Natur sind? Du wärst gezwungen eine universelle Sprache zu verwenden, die unabhängig von jedem kulturellen Kontext ist und auf einer sehr einfachen Kommunikationsbasis stattfindet. Du könntest z.B. Deine leeren Hände zeigen um zu demonstrieren, dass Du unbewaffnet bist. Oder Du könntest der fremden Person etwas von Dir als Geschenk anbieten. Beide Gesten zielen auf ein bestimmtes Areal im menschlichen Gehirn ab, das sog. limbische System, das den “fight-or-flight”-Mechanismus in Gang setzt. Dieser Teil des Gehirns ist der älteste und hat daher immer Priorität vor dem Alltagsbewusstsein und dem rationalen Denken, dass sich im präfrontalen Cortex befindet. Dieser hat maximal ein Vetorecht gegenüber dem limbischen System. Eine leere Hand zu zeigen, ist eine Geste der Exposition und sie beruhigt die Ausschüttung von Stresshormonen im limbischen System, das normalerweise sofort reagiert, wenn wir auf etwas Unbekanntes treffen. Dadurch kann ein anderer Mechanismus aktiviert werden, nämlich die menschliche Neugier, die aller Wahrscheinlichkeit nach zu einer vorsichtigen Annäherung führen wird. Indem man dem Fremden nun ein Geschenk überreicht, wird das Belohnungssytem des Gehirns aktiviert, Dopamin wird ausgeschüttet und ein Zustand freudiger Erregung stellt sich ein. Der erste Kontakt wird zum positiven Erlebnis.

Rituale – ein Vokabular der Gesten

Die beschriebene Art der Kommunikation ist sehr intuitiv und es ist vorstellbar, dass auf diese Weise auch die rituelle Kommunikation mit den Göttern entstanden ist. Schließlich haben viele Götter ja auch die Gestalt von Tieren bzw. Tiere werden als lebende Abbilder der Götter verstanden. Die mythische Sprache wurde dem rituellen Gestus vermutlich erst später hinzugefügt. Häufig gingen die Bedeutungen ritueller Gesten und Handlungen im Laufe der Generationen verloren, so dass zwar der Ritus als Ablauf von Gesten, nicht aber der Mythos erhalten blieb und der Ritus mit einer neu hinzugefügten Mythe “wiederbelebt” wurde.

Bestechung unter Menschen

Auch unter Menschen gibt es natürlich Bestechnung. Die negative Konnotation des Wortes täuscht darüber hinweg, dass es sich anfangs lediglich um eine gegenseitige Schenkung handelte, als Form zwischenmenschlicher Kommunikation, die letztlich auch gemeinschaftsbildend sein kann. Bedrohung ist daher auch eine Art Grenzen zu setzen ohne jemanden buchstäblich Schaden zuzufügen, sondern diesen lediglich bei Nichteinhaltung der besagten Grenzen in Aussicht zu stellen. Man kann also beide Methoden auch völlig neutral als Mittel der zwischenmenschlichen Regulation betrachten, die man auch mit  Vernunft einsetzen kann. Das Konzept der Ma’at, als Prinzip konnektiver Gerechtigkeit enthält kaum rigide Regeln, aber hält den einzelnen dazu an ein soziales Bewusstsein und emotionale Intelligenz zu entwickeln um in der Lage zu sein in jeder sozialen Situation angemessen und mit Weitblick zu agieren. Nicht der Akt des Bestechens oder des Bedrohens ist per se moralisch verwerflich oder “böse”, sondern die dahinter stehende Intention wie auch die Konsequenzen können dies sein.

Einen tieferen Einblick gewährt der hebräische Begriff שׁחד šochad (Talmud Traktat Ketubbot 105a) Übersetzt heisst dieser “Geschenk”, welches natürlich auch im Zuge einer Bestechung oder Schmeichelei gemacht werden kann. Der Begriff hat sich aus dem hebräischen שׁהוא חד šæhû’ chad entwickelt, der „das was vereint“ bedeutet. Der Austausch von Geschenken ist also moralisch nicht kritisch, solange der daraus resultierende Vorteil für den Geschenkempfänger die ethischen Grenzen der Gesellschaft nicht sprengt. Die Grenze zwischen Schenkung und Bestechung ist daher fließend und erforderd genaues Hinsehen, statt polarisierender Verurteilung. Dies passt wiederum auch sehr gut zum Prinzip der Ma’at, das übersetzt sowohl “Gerechtigkeit” als auch “Opfer” bedeutet und damit der Gemeinschaft als Überlebensgarant hohe Priorität verleiht.

Foto: Kiwiev, Wikimedia Commons

Korruption – Ein paar moralische Überlegungen

Natürlich sind auch Bestechung und Bedrohung im altägyptischen Kontext genauso von menschlichen Schwächen beeinflusst wie heute. Besonders Bestechung stellte in der zentralistischen Struktur des altägyptischen Staates ein großes Problem dar, wie man verschiedenen Quellen entnehmen kann. Insbesondere Priester wurden eingehend gewarnt, keine Bestechungsgeschenke anzunehmen, was wiederrum zeigt, dass es ein tatsächliches Problem gewesen sein muss.

“Nimm keine Bestechnung an von dem Reichen und bedrücke nicht in seinem Interesse den Schwachen, Gerechtigkeit ist eine große Gabe Gottes, er gibt sie, wem er will.”
Lehre des Amenemope

Bestechung und Korruption in einem sozialen, politischen und wirtschaftlichen System ist eine äußerst ambivalente moralische Frage. Im Allgemeinen heisst es, dass Korrpution den Einzelnen begünstigt, die Gemeinschaft aber schädigt. Die meisten Führungspersonen einer Gemeinschaft haben daher ein großes Interesse daran Bestechlichkeit zu vermeiden um die Gemeinschaft als Ganzes zu schützen. Das kann aber wiederrum auch zu ethisch fragwürdigen Handlungen führen, denn der Appell an das moralische Bewusstsein des Einzelnen allein reicht bei Weitem nicht aus um die Gemeinschaft zu sichern. Das heisst Bestechung muss von vorn herein weniger atrtraktiv gemacht werden z.B. indem man den Drahtziehern einer Gemeinschaft entsprechende Vergütung in einer ordentlichen Höhe gewährt – was letztlich auch nichts anderes als eine Form der Bestechung ist.

“Mache deine Großen reich, damit sie deine Gesetze ausführen! Wer reich in seinem haushalt ist, ist nicht parteiisch. Er ist ein besitzender, der keine Not hat. Ein Armer spricht nicht nach seiner Ma’at. Wer ‘hätte ich’ sagt, ist nicht rechtschaffen. Er ist partaiisch für den, der ihm Bestechung gibt.”
Lehre für Merikare

In diesen Zitat wird deutlich sichtbar, dass auch das soziale und politische System der alten Ägypter von menschlichen Schwächen durchzogen war und seine sehr dunklen Seiten hatte. Die Tatsache, dass Geschichte vor allem von dem Leben der Wohlhabenden berichtet, verschleiert die Tatsache, dass es selbstverständlich auch Benachteiligte dieses Systems gab, die nicht die Ressourcen hatten, am sozialen Leben teilzunehmen. Sie waren sozial so gut wie nicht existent.

Die Götter in einem Zustand intensiver persönlicher Bedürftigkeit – auch mithilfe von Bestechnung und Bedrohung – anzusprechen ist also etwas vollkommen natürliches, menschliches und vielleicht sogar notwendiges unter den entsprechenden Umständen. Letztendlich sehen die Götter im Gegensatz zum Menscen den größeren Kontext der kosmischen Ordnung Ma’at. Indem wir als Menschen zu ihnen Kontakt aufnehmen, ihre Kräfte beschwören, uns mit ihrem Bewusstsein und ihrer Weisheit verbinden, erhalten wir aber außergewöhnliche Einblicke und Erfahrungen aus denen wir lernen können um schließlich auch in unserem menschlichen Bewusstsein und unserer Weisheit wachsen zu können.

Das Altägyptische Totengericht, Ort der Herzenswägung, Wikimedia Commons

Literatur:

Ägyptische Geheimnisse, Jan Assmann

Tod und Jenseits im Alten Ägypten”, Jan Assmann

Die Wandlungen des Sem Priesters im Mundöffnungsritual, Hartwig Altenmüller

Spektrum der Wissenschaft spezial 1/11:

Wolf Singer, “Ein notwendiges Produkt unserer Evolution”
Frank Schubert, Interview with Hannah Monyer “Rituale haben einen höheren Sinn”
Harvey Whitehouse, “Der Sinn von Ritualen”

 

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