Bone-Setting und Geister – Ein Experiment

Osteopathie und Schamanismus

Neben meiner Leidenschaft für die altägyptische Kultur gibt es noch einen zweiten wichtigen Eckfpeiler in meinem Leben: Osteopathie. Mein beruflicher Alltag besteht aus Biomechanik, Gewebebeschaffenheit, fluidalen Dynamiken, Arztberichten und oftmals schwer greifbaren Empfindungen und Erscheinungen des Körpers. Während ich privat durchaus aufgeschlossen gegenüber mystischen Denkweisen und außersinnliche Wahrnehmungen bin, bin ich als Therapeutin hauptsächlich wissenschaftlich orientiert und verlasse ungern die Ebene der evidenzbasierten Fakten. Wenigstens wissenschaftsbasiert sollten sie sein, wenn nicht vollends beweisbar, denn mein Anspruch gute, saubere und effektive Arbeit zu leisten ist hoch. Wenn ich diese Ebene verlasse und experimentell werde, dann ist das immer ein gemeinsamer Entscheidungsweg mit meinen Patienten, d.h. wir beide müssen uns darüber einig sein, dass wir was ausprobieren wollen, was nicht im Lehrbuch steht. Denn auch das ist letztlich Osteopathie. Sie ist nicht nur Therapiemethode sondern auch Methode zur Erforschung des Menschen.

Da ich mich mit einem Schamanen befreundet bin, den ich gelegentlich behandle, war es fast naheliegend, dass wir auf die Idee kommen würden unsere beiden Methoden einmal miteinander zu verbinden. Auslöser war, dass ich mit ihm öfter craniosacrale Techniken machte, die gut geeignet sind jemanden in einen tiefen, tranceartigen Entspannungszustand zu versetzen. Ich muss gestehen, ich war schon ein bisschen stolz jemanden mit langjähriger Trance-Erfahrung mit diesen Techniken so tief beeindrucken zu können. Er war neugierig, wie das was ich mit meinen Händen tue aus der andersweltlichen Perspektive aussieht und ich brannte darauf zu erforschen, wie sich eine schamanische Behandlung in der osteopathischen Diagnostik zeigen würde.

osteo schaman

Vorbereitungen

Einer aufgeschlossenen und experimentierfreudigen Patientin ist zu verdanken, dass wir dieses Experiment in die Tat umsetzen konnten. Wir verabredeten uns zu einem Termin zu dritt. Ich hatte mir vorher sehr viele Gedanken gemacht, wie ich für uns alle einen sicheren und entspannten Rahmen schaffen konnte, damit dieses Ereignis möglichst ungestört ablaufen konnte. Meine Patientin war sehr aufgeregt als sie ankam, was sie uns auch sofort mitteilte. Ich empfing sie mit dem üblichen herzlichen Handschlag und verriet ihr, dass auch ich aufgeregt und gespannt war.

Es war mir wichtig, ihr das Gefühl zu vermitteln, dass SIE und niemand anders die Entscheidungsgewalt über die Situation hatte, ich informierte sie, dass sie zu jedem Zeitpunkt abbrechen könne und dass ich ihr Befinden ganz genau überwachen würde. Ich hatte mir im Vorfeld nochmal osteopathische Notfalltechniken zu Recht gelegt für den Fall, dass starke vegetative Reaktionen oder Panik oder Ängste auftreten würden. Ebenso überließ ich es ihrer Entscheidung, ob sie der Schamane berühren durfte oder nicht, ob er im Raum sein durfte oder nicht und wie weit er sich ihr nähern durfte. Auch Räucherwerk, Trommel, Sistrum und Hintergrundmusik oblag ganz ihrer Entscheidung. Das mag alles übertrieben spitzfindig erscheinen, dass ich sie nach all diesen Dingen explizit um ihr Einverständnis bat, aber später nach der Behandlung hat sie mir für genau das gedankt.

Die Behandlung

Wir begannen also mit der Behandlung und mein schamanischer Freund fing an zu trommeln. Ich entschied mich mit Craniotechniken anzufangen und erst mal Raum für Bewegung zu schaffen. Osteopathisch hieß das, alle Schädelnähte zu öffnen, die bindegewebigen Strukturen im Gehirn in Balance zu bringen. Wenn ich mit Craniosacral-Techniken arbeite, gehe ich oft eine temporäre Verschmelzung mit dem Körper ein der vor mir liegt. Das klingt vielleicht etwas “mystisch” ist aber im Grunde nur eine sehr stark fokussierte Konzentration auf bestimmte Aspekte osteopathischer Diagnostik. Die Tastwahrnehmung nimmt unglaublich viel auf einmal wahr und bei weitem nicht alles davon gelangt auch in das Tagesbewusstsein um zu rationalen , fassbaren Fakten transformiert zu werden. Die Informationen der Tastwahrnehmung zu filtern und zu sortieren ist wichtiger Teil des langjährigen osteopathischen Trainings.

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Mein Schamanenfreund trommelte weiter und meine Patientin wurde sehr unruhig unter meinen Händen. Sie atmete schneller, ich konnte spüren, dass ihre Pulsfrequenz stieg und die Haut begann leicht zu schwitzen. Es fiel ihr schwer still zu liegen. Ihre festgeschlossenen Augen verrieten mir jedoch, dass sie die Ebene des Alltagsbewusstseins bereits verlassen hatte. Ich beschloss noch eine Ebene tiefer zu gehen, also alles Gewebige auszublenden und auf die Flüssigkeiten zu gehen. In der Osteopathie nennt man das “Fluida”. Man betrachtet den Körper dabei als reinen Flüssigkeitskörper. Ich merkte schnell, dass die Entscheidung gut war, denn hier fand ich auch die Manifestation der Unruhe. Eine komplette Kopfseite war regungslos während die andere wie verrückt den fluidalen Puls anschob, so als versuche die eine Seite die andere mitzuziehen. Ich musste beide irgendwie ausgleichen und eine gleichmäßige und vor allem ruhigere Frequenz erzeugen. Nach ein paar Versuchen mit unterschiedlichen Impulsen gelang mir die Synchronisation und meine Patientin wurde ruhiger und sank in einen tiefen schlafähnlichen Zustand.

Der Schamane hörte plötzlich auf zu trommeln und legte die Trommel beiseite. Er trat zu uns zur Liege und fing an unterschiedliche Handbewegungen über dem Körper der Patientin zu machen. Über die Faszienzüge vom Kopf aus spürte ich, dass an mehreren Punkten im Bauch und Brustbereich eine Art Sog entstand, so als würde er dort an einigen Strängen ziehen deren Enden ich kopfwärts in der Hand hielt. Ich legte meine Hände zwischen Schädel und ersten Halswirbel, da ich dort Kontakt zum Dura-Schlauch also zu der bindegewebigen Hülle des Rückenmarks aufnehmen konnte. Auf diese Weise konnte ich vom Kopf aus durch den Rückenmarkskanal bis in den Lendenwirbelbereich gelangen und begann an den Strukturen zu arbeiten. Als die schamanische Behandlung im Bauchbereich abgeschlossen war, suchte ich mir die Gewebepunkte über die ich Kontakt zu den inneren Organen erhielt. Es zog mich sehr deutlich zum Mediastinum, also der mit Bindegewebe ausgekleideten Leibeshöhle zwischen den beiden Lungenflügeln in der das Herz eingebettet liegt. Ich nahm diesen Raum über Brustbein und Brustwirbelsäule zwischen meine Hände und näherte mir sehr vorsichtig dem Fokus des Herzens. Manchmal wenn man eine Struktur mit den Händen räumlich umfasst, kommt es zu einer vermehrten Bewegung der Struktur bevor sich ein Ruhezustand einstellt; so eine Art Aufbäumen. Wir sagen dazu “unwinding”. Dabei halten wir den Raum schützend in den Händen in dem sich das jeweilige Organ solange winden und lösen darf bis es in der Position zu liegen kommt, in der es sich wohl fühlt und zur Ruhe in einen “Point of Balance” kommen kann.

Herzstück

Das Herz ist wahrlich das Herzstück der Osteopathie und die Behandlung dieser Struktur ist uns unter Ermahnung zu absolutem Respekt und höchster Vorsicht beigebracht worden. Im Herzen sehen die Osteopathen einen zentralen Punkt der Lebenskraft und Vitalität, die sich nicht nur auf der mentalen, emotionalen sondern auch auf der physischen Ebene manifestiert. Ich tat also das, was ich beim Unwinding zu tun habe: HALTEN. Nichts wollen, nichts machen, nur HALTEN. Das hört sich leichter an als es ist. Die meisten Therapeuten wollen irgendwas, etwas das sie persönlich als richtig erachten, sie wollen um jeden Preis etwas MACHEN, denn schließlich sind sie ja Behandler und wollen etwas verändern. Aber das ist genau das Falsche für ein Unwinding. Hier hat der Therapeut in Respekt vor dem Gewebe zurückzutreten und einfach nur den Raum zu halten und der Struktur zu vertrauen. So verrückt sich das anhören mag, aber manchmal ist hier Demut – Demut vor der Eigenintelligenz des Körpers, seiner Natur  und seiner Struktur – genau die richtige Einstellung um die Zeit bis zum Stillstand auszuhalten. Manchmal hilft es mir zu sagen “Selbst wenn ich bis morgen hier sitze, ich werde das jetzt halten.” Natürlich sitze ich nie “bis morgen”.

“Flammendes Herz”, Lukas Riebling, Wikimedia Commons

Das Herz kam schließlich zu Ruhe – endlich! Bei der nächsten Einatmung konnte ich meine Hände lösen, begab mich wieder zum Kopf und hielt diesen solange in beiden Händen, bis der Puls der Fluida wieder ruhig und gleichmäßig lief. Das war der Moment um meine Patientin zurückzuholen. Sie blinzelte, aber sagte nichts. Ihr war anzusehen, dass sie durch etwas hindurch war, was sie kaum aussprechen konnte. Ich war ziemlich erschöpft, was mir jetzt erst bewusst wurde. Ich fragte nach dem Befinden meiner Patientin, sie sah klar und wach aus, aber ein wenig in sich gekehrt. Sie lächelte. Ich bot ihr an über das Erlebte zu sprechen. Es waren nur wenige Sätze, die sie uns mitteilen konnte. Erleichterte Tränen begannen zu fließen, sie musste sogar unter Tränen lachen. Ich reichte ihr die Taschentuchbox, die ich immer neben der Liege für solche Fälle stehen habe, setzte mich neben sie, so dass sie mich sehen konnte. In Momenten in denen plötzlich starke Gefühle über Menschen hereinbrechen schämen sich viele für ihre Reaktion. Dabei ist es besonders wichtig Grenzen der persönlichen Integrität zu respektieren. Auch wenn Erwachsene wie kleine Kinder heulen und man plötzlich starke Mitgefühlsimpulse hat, die vielleicht für ein weinendes Kind angemessen wären, ist es oft besser als Therapeut im Hier und Jetzt zu bleiben und zu signalisieren “Ich sehe Dich als den erwachsenen Menschen der Du JETZT bist und der gerade vergangenes (wieder)erlebt.” Das hilft den Betroffenen den Kontakt zum Hier und Jetzt nicht zu verlieren. Denn mein Ziel ist es, dass meine Patientin mit Vertrauen in ihre eigene erwachsene Integrität und die Gesundungskraft ihres Körpers meine Praxis verlassen und nicht dem Gefühl ein kleines Kind zu sein, das bedürftig ist und Fürsorge braucht. Dazu muss man nicht einmal ein Wort sagen. Manchmal reicht es jemandem die Taschentuchbox zu reichen und da zu sein.

Als wir die Patientin verabschiedet hatten, reflektierten mein schamanischer Freund und ich unsere Arbeit und waren sehr erstaunt über die Synchronizität unserer Wahrnehmung und vor allem über die Harmonie unserer Behandlungsmaßnahmen. Wir hatten wirklich ganze Teamarbeit geleistet, ohne ein einziges Wort miteinander zu wechseln. Wir hatten wie ein eingespieltes OP Team agiert, bei dem jeder Handgriff sitzt. Unwinding, Extraktion, Geisterarbeit, fluidale Synchronisation,… all das griff nahtlos ineinander. Auch von der Patientin erfuhr ich später, dass die Behandlung unglaublich viel in Bewegung gesetzt hatte. Das Experiment war also ein voller Erfolg!

 Schamanische Wurzeln der Osteopathie

Die Osteopathie ist inzwischen eine anerkannte Therapiemethode, die in einem Grenzbereich zwischen alternativer Heilkunde und klassischer Medizin liegt und beide Sphären oftmals erfolgreich miteinander verbindet. Seit dem frühen 20sten Jahrhundert haben unzählige Ärzte und Wissenschaftler auf der ganzen Welt geforscht, experimentiert und die Osteopathie unermüdlich weiterentwickelt um sie zu dem guten Ruf zu führen, den sie heute besitzt. Dass Andrew Taylor Still, der Begründer der Osteopathie, jedoch selbst mit schamanischer Heilkunst in Berührung gekommen war, als er den Grundstein seiner Heilmethode entwickelte, ist etwas weniger bekannt. Während des amerikanischen Bürgerkriegs war Still Arzt in der Wakarusa Mission in einem Shawnee Reservat. Dort lernte er das Knochensetzen und die Medizinreligion der Shawnee-Indianer kennen. Er war sogar eng mit einer Shawnee Familie befreundet, übernahm häufig Aufgaben zur medizinischen Betreuung der Natives und lernte so ihre Kultur kennen.

Andrew Taylor Still * 6. August 1828 in Lee County, Virginia; † 12. Dezember 1917 in Kirksville, Missouri

“Gesundheit zu finden ist Aufgabe des Arztes. Krankheit kann jeder finden.” ist eine der wichtigsten Aussagen von Still, die ihn zu einem frühen Vertreter, der sog. Salutogenese machte. Und um dieses Ziel zu erreichen, war er für alles offen. Als vier seiner Kinder innerhalb von 4 Wochen trotz medizinischer Versorgung starben war mehr als bereit zu experimentieren und über den Tellerrand der pathogenetischen Medizin hinauszublicken. Er begann auf Gebieten der Geistesströmungen seiner Zeit zu forschen, wie z.B.  Transzendentalismus, Phrenologie, Mesmerismus und sogar Spiritismus und Geistheilung. Hinzu kamen Heilmethoden aus dem Schamanismus der Shawnee Indianer. Still hatte keine Barrieren im Kopf sondern Visionen und Ziele. Osteopathie ist daher weit mehr als nur eine Therapiemethode, sie ist eine Philosophie, eine Weltsicht. Eine, die auch Raum bieten will für Neues und Außergewöhnliches auf der Basis des Bewährten.

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4 Responses to Bone-Setting und Geister – Ein Experiment

  1. mondfeuer says:

    Danke für´s mitteilen dieser Erfahrung.

  2. Ein sehr schöner und fundierter Beitrag! Ich habe ihn gerne gelesen. Ich glaube andere Worte finde ich gerade nicht, so ähnlich wie die Patentin in Ihrem Beitrag…ich bewundere Therapeuten, die diese Tiefe spirituellen und medizinischen Arbeitens erreicht haben, denn das hat Substanz und geht jenseits dessen, was man so – ich formuliers absichtlich etwas zu salopp – Esoblabla nennt. Oft versuche ich selbst an solche tiefen und fundierten Bereiche zu tasten, aber bisher bin ich noch nicht hingekommen, sei es aus Ehrfurcht vor der Disziplin oder aus dem Vorurteil (das eventuell berechtigt ist?), dass eine Ausbildung zum Osteopathen und heimlich teuer sein muss😉 …jedenfalls ist das meine gerade recht unbeholfene Art, Danke zu sagen und mich an Ihrem Tun und Ihrem Können zu erfreuen…und ich tu’s wirklich!

    Alles Liebe
    Alina

    • Sati says:

      Vielen Dank, Alina! Wir sind selber sehr überrascht, wie gut das geklappt hat. Ich denke ein entscheidender Faktor wird sicherlich sein, dass wir beide in unserer Tätigkeit einen sehr hohen Anspruch an Genauigkeit und Effektivität haben. Aber auch die sehr positive Resonanz hat uns echt überwältigt.🙂 Wir sind auf jeden Fall sehr motiviert das weiterzuentwickeln!

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