Kampf und Ma’at

Wenn Du einen Mann im öffentlichen Disput triffst,
in führender Stellung und angesehener als Du,
dann beuge Deinen Arm und krümme Deinen Rücken.
Fordere ihn nicht heraus, dann kann er Dich nicht zurechtweisen.

Aber wenn er Dich erniedrigt durch schlechte Reden unterlaß nicht,
ihm auch in der Öffentlichkeit entgegenzutreten,
so dass er als jemand dasteht, der nichts von der Sache versteht,
dann ist seine Macht durch Deine Selbstsbeherrschung ausgeglichen.
(Die Lehren des Ptahhotep)

Früher

Ägypten war wohlhabend. Drei Ernten im Jahr, schier unerschöpfliche Goldvorräte in Nubien, flächendeckende Edelsteinvorkommen und vor allem fruchtbares Land machten es zu einem attraktiven Fleckchen Erde, das sich auch die Nachbarstaaten nur allzu gern untertan gemacht hätten. So hatte Ägypten eher verhaltene imperialistische Bestrebungen, denn es war umgeben von Wüste, jedoch galt es nicht selten drohende Fremdherrscher abzuwehren, was nicht immer gelang. Feindseliges war vor allem von Außen zu befürchten, darin gründet sich auch die ausgesprochene Xenophobie der Ägypter. Ägypten selbst aber galt ihnen als Paradies auf Erden. Das Jenseits stellte man sich im Grunde als exakte Kopie des Diesseits vor. Ägypten war den Ägyptern so wertvoll, dass sie es auch nach dem Tode nicht missen wollten.

der “blaue Nil”, Wasserfälle im äthiopischen Hochland (Wikimedia Commons)

Die kosmische Ordnung Ma’at wird erhalten indem ihr Gegenprinzip Isfet bekämpft wird. Dies ist ein aktiver Vorgang, einer der Initiative und Beharrlichkeit erfordert. Der Hauptbeauftragte mit der Erhaltung der Ma’at war der König. Daher ist es nur logisch dass der König kein träger Regent war, der sich seines Reichtums und seiner Macht erfreute, er war ein kämpfender König, ein Krieger und oberster Priester des Staates, denn auch seine kriegerischen Akte standen ganz im Zeichen der Götter und der altägyptischen Religion.

Eine der bekanntesten Glyphen, die die Kraft des Königs demonstrierte war das sogenannte “Niederschlagen der Feinde (der Ma’at)”. Es war ein Symbol der Fähigkeit des Königs, das Land vor Angriffen zu schützen. Das Motiv ist bereits aus der Frühdynastik bekannt. Die Prunkpalette des frühägyptischen Königs Narmer (um 3000 v.Chr.) ziert eine solche Szene, die erste in dieser Form überhaupt. Sie zeigt den König, wie er einen knieenden Feind beim Schopf packt, die Keule hochgeschwungen um ihn zu erschlagen. Hinter ihm steht ein Priester mit einem Wassergefäß, das der Reinigung dient. Er trägt die Sandalen des Königs in der Hand und der König selbst ist barfuß. Ein Symbol dafür, dass seine Füße auf heiligem Boden stehen, was durch den Falken im rechten oberen Bildbereich unterstrichen wird, denn dieser ist ein Symbol für das Land. Der König trägt außerdem das Gewand des Sed Festes ein kurzer Leinenschurz mit einem Pantherfell und einem Krokodilschwanz, das seine Fähigkeit zwischen den Welten zu wandeln demonstriert und seine Wurzeln in der schamanisch geprägten Prädynastik hat. Der Pharao ist also eine Art “Kriegerschamane” und nicht nur lebende Metapher für die Götter und das Land.

Narmer Palette

Narmer Palette

Das Niederschlagen der Feinde ist keine rachsüchtige Hinrichtung, es ist vielmehr ein heiliges Ritual zum Schutz der Ma’at. Natürlich wurden Feinde im Zuge dessen getötet, denn Ägypten hatte erstaunlicherweise wenig Interesse daran Sklaven zu nehmen, doch tatsächlich gibt es sogar Hinweise, dass dieses Ritual gerade in späterer Zeit nur noch symbolisch vollzogen wurde oder die Darstellung der Glyphe allein ausreichte um die magische Wirkung dieses Rituals zu entfalten. Krieg ist natürlich ein blutiges Geschäft. Im unteren Teil der Palette sieht man fliehende Feinde, so dass zu vermuten ist, dass man damit auch eine abschreckende Wirkung zu erzielen hoffte.

Chepresch (die blaue Kriegerkrone)

seth apophis

Seth bezwingt A/pophis

Weitere Insignien des Königs, die ihn als fähigen Krieger auszeichneten sind Keulen, Schwerter, Streitwagen und der Chepresch (die blaue “Kriegerkrone)”. Auch Krieggottheiten gab es natürlich viele in deren Namen viel Könige regierten und in den Krieg zogen. Dazu gehören natürlich vor allem Seth, der den Sonnengott mit seinem Speer schützt, die altsyrische Göttin Anat, sein weibliches Pendant und spätere Gefährtin, der falkenköpfige Gott Month, die katzengestaltrige Pachet “Die Kratzende /Die Zerreißende”, der kanaanitische Reschef, der  mit der Göttin Qadschu verbunden ist, einer Göttin, die auf einem Löwen reitet und zwei Schlangen bezwingt, Amun, der einstige Schöpfergott und später fast henoteistische Staatsgott, natürlich die göttliche Vollstreckerin und Rächerin des Sonnengottes, die Löwin Sachmet, die vor allem die Seuchen und Epidemien zu Kriegszeiten über die Menschen bringt, der schakalgestaltige Upuaut, der auch Totengott ist und noch viele mehr. Kampf ist also nichts durchweg verurteilenswertes, Grausamkeit ein erschütternder und dennoch unvermeidbarer Teil des Lebens. Man darf auch nicht vergessen, dass die Alten Ägypter deutlich näher an der Natur und ihren Bedrohungen lebten, als der moderne Mensch. Kampf gehörte also genauso zum Erhalt des Lebens, wie die soziale Verbundenheit im Sinne der Ma’at.

Ein Prinzip wie das der Ma’at, dass auf dem gegenseitigem Vertrauen basiert, einander nicht zu betrügen und zu mißbrauchen, benötigt Schutz. Schutz gegen jene Feinde die versuchen das Kollektiv von innen aus Mißgunst und Habgier zu ihrem Vorteil auszuhöhlen, aber auch Schutz nach Außen durch Feinde, die versuchen das Netz der Ma’at zu zerstören und ihre Errungenschaften an sich zu reißen. Der Ägypter versteht darunter letztlich nichts geringeres, als den Erhalt der Schöpfung selbst, das immer wiederkehrende Initiieren der kosmischen Ordnung und der konnektiven Gerechtigkeit, dass einer zyklischen Dynamik unterworfen ist.

 

Und Heute?

Es gibt keinen ägyptischen Staat mehr und keinen König. Es gibt keine staatstragenden Priesterschaften, kein Land und keine altägyptische Gesellschaft. Der altägyptischen Religion zu folgen bedeutet oft einen einsamen unverstandenen Weg zu gehen. Und dennoch scheint der einstige Prunk und die überwältigende Macht des Alten Ägyptens noch heute nicht nur positive Gefühle zu wecken. Alte Hollywood-Streifen von steinreichen Pharaonen und brutalen Sklaventreibern tun ihr übriges um die Negativprojektionen auf diese alte Hochkultur ins Unermessliche hochkochen zu lassen. Mit Angriffen wird daher nicht gespart, selbst wenn diese heute meist verbaler Natur sind und sich in virtuellen Sphären abspielen und in sehr seltenen Fällen auch auf einer spirituellen, wenn nicht magischen Ebene. Protagonisten der jeweiligen Meinungsströmungen sind nicht gesichtslos und anonym, man kennt sich aus der kleinen WWW-Szene, hat die eine oder andere Verbindung, was aber die emotionalen Ausbrüche oft umso intensiver macht.

Fußspuren in der Wüste (Wikimedia Commons)

Wie lebt man also heute, wenn man in seinem kleinen persönlichen Kreis eine Ma’at des gegenseitigen Vertrauens, der Aufrichtigkeit, der verbindenden Gerechtigkeit und unerschütterlichen Loyalität erhalten möchte, aber Isolation und Geheimniskrämerei ebenso wenig Option sind, wie sich das Alte Ägypten als wichtiges Handelsland schwerlich hinter einer schützenden Festung verbarrikadieren konnte? Kaum ein Land des Altertums war so ein bunter und vielseitiger Schmelztiegel der Kulturen wie Ägypten. Die günstige Lage an der Seidenstraße und Bernsteinstraße bescherte Ägypten einen enormen kulturellen Austausch. Wie tritt man also das Erbe einer Kultur an, die für ihre Diplomatie und Vielseitigkeit berühmt war, aber auch eine nicht zu unterschätzende Streitmacht war, die den Selbstschutz als heiligen Akt verstand ohne jegliche missionarische oder imperialistische Absichten?

Im Grunde macht man genau das gleiche, nur im Kleinen. Man verteidigt sich und die seinen gegen Angriffe. Es ist unerheblich wer angegriffen wird, denn in der Ma’at gilt jeder Angriff gegen Mitglieder einer Gemeinschaft in ihrem Sinne als Angriff gegen alle. Es geht dabei mitnichten um narzisstische Rollenspiele von beschützenden Helden und schutzbedürftigen Prinzessinnen, es geht um ein heiliges Prinzip deren erhaltende Arbeit in jeder noch so unbedeutenden Tätigkeit beginnt und in der Gesamtheit der Schöpfung endet. Jede noch so kleine Tat steht im Zeichen von etwas größeren und ist untrennbar damit verbunden. Ma’at bedeutet, dass die Starken die Schwachen schützen, sie hebt die sozialen Unterscheide nicht auf, aber sie verpflichtet sie einander ohne Wenn und Aber. Denn “der eine lebt wenn der andere ihn geleitet.” Bindungen entstehen nicht nur aufgrund von Sympathien und Emotionen, sondern aufgrund der Weisheit und der Überzeugung, dass wohlwollende verantwortungsvolle Verbundenheit überlebensnotwendig ist und das Fundament ist auf dem soziales Miteinander wachsen kann. Ma’at wird errichtet auf Grund von fortwährendem gemeinsamen Handeln in ihrem Sinne. Sei es durch tägliche Arbeit oder durch Ritus. Heute in der modernen Wirtschaft bleibt einem freilich meist nur noch der Ritus, der aber dennoch Arbeit ist wenn auch göttliche, spirituelle Arbeit.

DSC_0358

Gemeinsames Ritual

Und wo es möglich ist (ver)handelt man. Man reicht einem respektvollen Fremden gern die Hand und gewährt ihm Einblicke in die Tradition in der man lebt, baut gern die eine oder andere Brücke über den Fluss und bleibt sich dennoch treu. Man betreibt keine Geheimniskrämerei, sondern bleibt offen und bietet anderen die Chance sich selbst ein Bild von den Riten und Gebräuchen und deren Resultaten zu machen. Man scheut nicht zu handeln und (aus) zu tauschen, man feiert Feste und teilt gern was man hat mit wohlwollenden Gästen. Spötter, Ausbeuter und Störenfriede jedoch, sind niemals willkommen.

 

Literatur:

  • Ma’at. Gerechtigkeit und Unsterblichkeit im Alten Ägypten – Jan Assmann
  • Das Niederschlagen der Feinde: Zur Geschichte eines ägyptischen Sinnbildes – Heinrich Schäfer
  • Altägyptische Dichtung – Erik Hornung

 

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1 Response to Kampf und Ma’at

  1. mondfeuer says:

    Wundervoll!
    Sollten sich einige mal eine ganz dicke Scheibe von abschneiden!

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