Manipulation und Authentizität

Wenn man in einem Milieu mißbräuchlicher omnipotenter Macht aufgewachsen ist, eine die einen in ständige Angst und Schrecken versetzt hat und gleichzeitig aber lebensnotwendig war -selbst wenn auch nur in der eigenen Wahrnehmung als wehrloses Kind- dann findet man in der Not oft nur die eine Lösung zu überleben. Eine die selbst ein Kleinkind instinktiv beherrscht: Es muss die Gefahr so gut kennenlernen wie sich selbst. Es muss mit dem Bedroher verschmelzen – emotional und geistig – um Ansatzpunkte zu finden, wo es etwas verändern kann ohne dass sich der Bedroher dazu gezwungen fühlt um das eigene Leben und seine eigene Integrität zu schützen. Es muss zum Mittelpunkt der Gefahr durchdringen um von dort aus Kontrolle zu übernehmen. Es muss genau das was es fürchtet so nah wie möglich an sich heranlassen um es beherrschen zu können. Und diese Kontrolle wird zum Zwang, denn sie ist in dem o.g. Kontext nicht weniger als lebenswichtig. Die bekannte Gefahr macht immer weniger Angst als die Unbekannte. Für diese Überlebenstrategie gibt es sogar einen Namen, nämlich Stockholm Syndrom.

Angst ist eine starke Triebfeder und Kinder haben oft keine anderen Strategien als die instinktiven und subtilen. Ein Kind lernt sehr früh “Ich kann nur überleben, wenn ich manipuliere.” Manipulation hat eine recht ambivalente Konnotation und nicht zu Unrecht, denn sie umgeht den Willen des Manipulierten – der ja in dem Fall die Bedrohung darstellt – und macht sich seine unbewussten Gefühle und Triebe zu Nutze, was Manipulation ja auch so überaus wirksam und doch wenig fassbar macht. Sie ist aber oft auch aus einem Kontext heraus geboren, der Lebensbedrohung und Todesangst enthält. Und selbst wenn dieser Kontext irgendwann Vergangenheit ist, sie wohnt den manipulativen Strategien immer noch inne.

Manipulation ist sehr oft zwanghaft und geschieht mitunter ebenso unbewusst und gedankenlos wie kleine schrullige Angewohnheiten im Alltag, die man völlig ausblendet. Und während man sich in der Illusion wähnt ein rechtschaffener vollbewusster aufrichtiger Mensch zu sein, erzeugt man auf einer unbewussten Ebene ein engmaschiges Netz aus unausgesprochenen Forderungen und Zwängen an seine Mitmenschen und macht sich ihre Gefühle und Schwächen zu Nutze ohne Rücksicht auf ihre Integrität und ihren freien Willen. Das schafft vor allem eines: mehr oder weniger stabile, kontrollierbare Scheinbindungen mit Statisten, die man für die Rollen gecastet hat, die das persönliche Lebenstheaterstück zu vergeben hat.

Was man nicht erhält, sind lebendige authentische Begegnungen mit Menschen, so wie sie sind. Die Chance Synergien zu bilden und Inspiration aus der Andersartigkeit zu finden wird im Keim erstickt. Menschen so sein zu lassen wie sie sind, ist ein Risiko, denn man lässt etwas unkontrollierbares an sich heran, wo man doch gelernt hat das Nahe stets kontrollieren zu MÜSSEN um zu überleben. Es macht Angst. Und doch birgt es auch die Chance zu erfahren, dass es Nähe geben kann OHNE Manipulation, OHNE Rollen, sondern mit authentischer Begegnung undlebendiger Entwicklung.

Wenn man erwachsen wird und seine Strategien der Manipulation weiterentwickelt hat, dann lernt man auch schnell, dass diese Form des sozialen Umgangs nicht nur schützend sein kann, sondern einem auch dazu verhelfen kann auf andere Macht auszuüben. Eine Macht, die den anderen eine Scheinintegrität zugesteht, eine die sich verstecken und verschleiern kann, aber immer noch dem jeweiligen Gegenüber listig die Möglichkeit einer freien vollbewussten Entscheidung nimmt. Das ist natürlich eine große Versuchung. Vor allem für jene, die einmal unter Übermacht gelitten haben und Wunden zu heilen haben.

Man kann sich entscheiden ein Trauma anzuerkennen, davon gezeichnet weiterzuleben und soviel Integrität damit zu erschließen wie noch möglich. Man kann sich aber entscheiden, die Beschädigung zu instrumentalisieren und das gleiche zu tun, was man einmal aus Todesangst getan hat nur diesmal mit anderen weniger lauteren Zielen. Es ist eine Form von Machtgier und Narzissmus die sich hervorragend hinter der Mitgefühl weckenden Fragilität einer beschädigten Seele verbergen kann. Diesen Vorteil aufzugeben und sich trotz Verletzung erneut verletzbar zu machen kostet weitaus mehr Mut, als seine erwachsen gewordenen Kinderstrategien einfach weiter zu betreiben. Eines jedoch, können letztere nicht bieten und das ist das Gefühl von einer erwachsenen Integrität. Im Gegenteil, man bleibt im Grunde seines Herzens Kind und das bedeutet im Kontext eines Erwachsenen sich oftmals klein, abhängig und wehrlos zu fühlen.

Ich hab mich für die lädierte Integrität entschieden und das ist schwer, denn sie wird in der Regel weder gesehen, noch in irgendeiner Weise honoriert. Im Gegenteil, man bekommt eigentlich ständig seine Unvollständigkeit und Fehlerhaftigkeit vor Augen gehalten und man verliert nahezu gänzlich das Recht einmal schwach und anlehnungsbedürftig zu sein. Auch Angst oder irrationale Empfindungen stehen einem nicht mehr zu und das macht das Leben mit einem Trauma, das man nunmal nicht löschen kann zur schier unerträglichen Last. Und oft wird einem Ehrlichkeit groteskerweise als besonders raffinierte Form der Manipulation ausgelegt. Es wäre so leicht wieder in eine Opferrolle zu gehen und andere damit zu manipulieren, doch meine Sehnsucht nach echter Begegnung ist inzwischen derart groß geworden, dass für mich Manipulation einfach keine Option mehr ist.

Ich habe die erste Hälfte meines Lebens um’s Überleben gekämpft und jetzt… jetzt kämpfe ich eben um Authentizität. Wenn ich etwas von Seth gelernt haben, dann DAS. Er ist lieber isoliert und allein er selbst, als Bindung um jeden Preis zu akzeptieren und dabei sich selbst zu verlieren. Wenn er Auseinandersetzungen eingeht, dann offen und auf Augenhöhe ohne List oder Betrug. Selbst wenn er gefürchtet, der “bad guy” und ein Zerstörer ist, so ist er niemals undurchsichtig und manipulativ, steht zu seinen Werten und zu seiner Linie und kämpft mit Kraft. Und von der hat er – wissen die Götter – genug. Er mag nicht gegen jede List gefeit sein, aber er weiss, dass die Wahrheit letztlich stärker und beständiger ist als jede Lüge. Und genau darin liegt die Kraft der Ma’at.

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4 Responses to Manipulation und Authentizität

  1. Sólveig says:

    oh wow, ja. In dem was du schreibst, finde ich mich ziemlich wieder, auch wenn wir uns nicht kennen und auch sonst nicht viel mit einander zu tun haben. Ich schätze, es ist einfach eine Problematik die viele Menschen mit ähnlichem Background haben.
    Authentizität ist für mich ein sehr großes Problem, weil sie meinen innenren Überlebens-Strategien eigentlich zuwider läuft. Selbst wenn ich vom Verstand her weiß wie es eigentlich laufen sollte, kommen die Copingstrategien und arbeiten unbewusst im Hintergrund weiter ihr eigenes Ding. Das hat mir früher große Probleme gemacht. Inzwischen durchschaue ich es besser. Und ich sehe das auch wie du: es sind alte Strategien. Sie stehen einem echten Erwachsensein, einem Ganz-Sein und einer bewussten Selbstbestimmung im Weg und halten einem in der alten Kind/Opfer-Rolle gefangen.

  2. mondfeuer says:

    Hey Sati,

    Eigentlich könnte ich es mir einfach machen und bei Solveig unterschreiben…
    Es ist krass wie sehr du auf den Punkt getroffen hast was ich lange gelebt habe aber seit einiger Zeit nicht mehr bereit bin zuzulassen.
    Weder das manipulieren, was ich glücklicherweise vor Jahren schon abgelegt habe und andererseits Beziehungen um jeden Preis zu halten, lieber allein und glücklich als zusammen und unglücklich. Es bringt halt nichts.
    Will man aus Mustern aussteigen, dann muß man diese durchbrechen.
    Aus der vermeintlichen Komfortzone raus, mal ne Runde Scheiße fressen, aber dann ist auch gut.
    Aber das schaffen leider nur die wenigsten und die wenigsten wollen diese Erkenntnis, dieses Bewusstsein überhaupt erlangen, weil es verdammt viel Arbeit verlangt und ne Menge Kraft, Schweiß und Tränen kostet.
    Meiner Meinung nach ist es das aber auch wert um da voll und ganz, oder zumindest so weit das überhaupt möglich ist, raus zu kommen.
    Danke für diesen Beitrag.

  3. veledalantia says:

    Daaanke…
    Stimmt so zienlich mit meinen Erfahrungen , die auch ich machen musste, überein.
    Unterschreibe bei Solveig und Sabbath..

  4. Pascal says:

    Schöner Text! Er beschriebt eigentlich haargenau die Geschichte, die sich bei meinen Vorfahren dauernd wiederholt hat und aus der ich rauszukommen versuche…

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