Die Weiße Eule

Bild: Wikimedia Commons

Für mich war es die erste “Weisse Eule”. Ein schamanisches Ritual, tuvinisch inpiriert, seit vielen Jahren wiederholt abgehalten von Adrian Oswald und organisiert von Zaunkönig Schamanismus, einem guten Freund, der selbst Schamane ist, mit dem ich regelmäßig rituell arbeite. Durch ihn kam ich überhaupt auf die Idee an diesem Ritual teilzunehmen, schließlich bin ich ja Kemetin und nicht wirklich Schamanin. Ich hatte durch ihn aber viel von Adrian gehört, vor allem dass er einer der sehr wenigen Schamanen ist, die ihr Handwerk zu verstehen scheinen und sowohl Wissen, als auch Können und Erfahrung miteinander vereinen. Das interessierte mich. Zwar hatte ich schon mehrfach an spirituellen Seminaren und Workshops, kleineren paganen Festen oder naturheilkundlichen Lehrgängen teilgenommen , aber ein Ritual in dieser Größenordnung war mir vollkommen neu. Rituale jedoch, waren mir keineswegs neu, denn meine kemetische Praxis besteht letztlich in erster Linie aus täglichem Kult und regelmäßigen Ritualen, allerdings meist allein.

Ich wusste dennoch nicht, was mich erwartet. Besorgt war ich vor allem über die vielen Menschen die mir begegnen würden, was für mich oft sehr anstrengend und stressig ist. Also nahm ich mir vor das zu tun, was ich immer tue, wenn ich an social events teilnehmen muss. Ich beschloss mich erstmal hinter meinem gläserenen Vorhang aufzuhalten und die Leute zu beobachten und mir so oft wie nötig eine Auszeit zu nehmen, wenn ich mich überfordert fühlte. Der idyllische Drachenhof nahe der deutsch-tschechischen Grenze, der Ort des Geschehens, bot auch dankenswerterweise viel Möglichkeit dazu, so konnte ich mich zeitweise irgendwo im großen Haus oder im versteckteren Teil des Gartens zurückziehen. Auch war geplant, dass ich jemanden osteopathisch behandele, so dass ich mir erstmal nicht völlig fehl am Platze vorkam.

Der Drachenhof in Neualbenreuth (ein Klick auf das Bild führt zur Website)

Der Drachenhof in Neualbenreuth (ein Klick auf das Bild führt zur Website)

Der erste Teil des Rituals bestand aus einer Geschichte. Nämlich die der Weißen Eule und wie alles überhaupt entstanden ist. Da saß ich also mit vielen Leuten, die ich gar nicht oder nur flüchtig kannte in einem großen holzvertäfelten Raum, in der Mitte ein Altar auf dem ich netterweise auch meinen Reiseschrein mit dem Bild der Göttin Ma’at hatte aufstellen dürfen und sah vor mir einen etwas zurückhaltenden, freundlichen Mann mit Brille, sportlicher Hose und einem leuchtgrünen T-Shirt sitzen. Die Art wie er erzählte war witzig, herzlich und angenehm unaufdringlich. Gar nicht wie ein Vortrag, eher so als würde hätte man sich gerade irgendwo zufällig auf einer Parkbank getroffen und sei ins Gespräch gekommen.

Seth by Sati

Seth by Sati

Während Adrian erzählte, hielt ich nach Seth Ausschau. Er wich nie von meiner Seite und natürlich war er auch jetzt dabei. Er stand mitten im Raum beim Altar und sein Blick ruhte fest auf mir. Ich trug wie er es verlangt hatte seine Insignien, eine Kette mit roten Perlen und einem Ankh, die ihm geweiht war. Außerdem hatte ich auch meine Ma’at-Kette um, doch sie war wie immer sehr transzendent. Ich spürte ihre Präsenz, spürte das typische subtile in-ihr-aufgelöst-sein, dass ich so gut von Ma’at kannte. Mir war nicht ganz wohl dabei, dass Seth mitten im Raum stand, ich hatte Sorge, dass das den Ritualablauf stören könnte und bat Seth inständig um sein Wohlwollen. Er schien zwar skeptisch und leicht belustigt, aber es schien ihm auch daran gelegen mir die Sorgen zu nehmen. Ich hatte mir einen Platz in der Ecke des Raumes gesucht, neben mir die Balkontür. Da dieser Platz vor der Balkontür frei blieb, postierte er sich dort leicht hinter mir und legte seine Hand auf meine Schulter. Es tat trotz allem gut, ihn an der Seite zu haben und ich hatte das Gefühl, es besänftigte ihn, dass ich ihn doch so sehr brauchte.

Nach einer Pause mit einem gemeinsamen Essen, das aus mitgebrachten Speisen und Getränken aller Teilnehmer bestand, begann der Hauptteil der Zeremonie. Das Angenehme an Ritualen ist, sie haben, wenn sie gut gemacht sind, eine erkennbare Struktur und innerhalb dieser Struktur gibt es verschiedene Aufgaben, die sich aus der Ritualdynamik ergeben und wo man anknüpfen kann. Mein fester Vorsatz war mittrommeln und möglichst unauffällig bleiben. Es ist ziemlich erstaunlich mit was für einfachen Ausdrucksmitteln man an etwas intensiv teilnehmen kann ohne ein einziges Wort sagen zu müssen. Ich hatte meine Trommel noch nie in einer Gruppe benutzt, eigentlich hatte ich sie vorher noch nie benutzt, nicht mal allein denn die ägyptischen Kultrituale bedienen sich oft anderer Handlungen zum überschreiten der Schwelle ins Andersweltliche. Mit dem Trommelschlegel auf das Fell zu schlagen, war also fürs erste mein Beitrag und ich merkte schnell, wie wichtig das war. Es war der Herzschlag, der das Ritual trug. Manchmal wurden meine Arme müde, manchmal zerfloß der Rhythmus in einen undefinierbaren Klangteppich, manchmal war es ein kraftvoller gemeinsamer Puls der die Gruppe zu einem einzigen pulsierenden Organismus verschmolz. Die Hauptsache war, er hörte niemals auf.

trommelIm Zuge der Zeremonie legte Adrian immer mehr rituelle Gewandstücke an und so wich jener freundliche Erzähler immer mehr der Weißen Eule. Diese ging im Kreis der Teilnehmer umher, berührte sie, sah sie an, holte sie auch mal in die Mitte und führte verschiedene rituelle Gesten durch, die auf mich sehr heilerisch und manchmal fast initiatorisch wirkten. Ich zog mir meine geistige Tarnkappe über, schloß die Augen und versteckte mich hinter meiner Trommel. Manchmal wenn bestimmte Personen in die Mitte geholt wurden, hatte ich das Gefühl, dass der Trommelpuls besonders wichtig war. Auch schienen bestimmte Frequenzen und Töne eine Rolle zu spielen, denn ich hatte oft das Gefühl, die Trommel in bestimmten Bereichen anschlagen zu müssen. Mal waren es mehr Obertöne aus den Randbereichen und mal waren es die echolosen, dumpfen tiefen Bässe aus der Mitte.

Irgendwann nahm ich durch die geschlossenen Augen war, dass ich nicht mehr ganz allein war in meiner Ecke. “Weitertrommeln!” dachte ich, als mich eine Hand an der Stirn berührte. Die Weiße Eule saß mir gegenüber. Ich spürte Wohlwollen, Interesse, vielleicht ein wenig Neugier. Eine von den Frauen mit einer Trommel fing an zu singen. Ich war ihr dankbar. Ihre Stimme beruhigte mich und gab mir das Gefühl, dass alles was passiert richtig war. Und ihre Stimme drückte auf unerklärliche Weise das aus, was ich fühlte und dem ich gerade keine Stimme verleihen konnte. Das Getrommel schwoll an, wurde asynchroner, unruhig und lauter. Ich trommelte weiter, ein bisschen lauter sogar um den Gleichklang zurückzuholen, als ich spürte das eine Hand sanft meinen Trommelschlegel nahm und zur Seite legte. Die Weiße Eule nahm auch meine Trommel und legte sie zur Seite. Dann nahm sie meine Hände und in eine legte sie einen Stein. Ich suchte Seth und spürte ihn an meiner Seite. Er war erstaunlich zurückhaltend. Er war da, aber unternahm nichts, obwohl ich seine Unruhe deutlich spürte. Lediglich das lauter werdende Trommeln jenes schamanischen Freundes neben mir fiel mir auf. Ich war froh, dass er da war. Vor allem war ich froh, dass auch er ebenfalls mit Seth in Verbindung stand, denn ich fühlte mich gerade außer Stande mit ihm zu kommunizieren. Ich wusste ja selber nicht was geschah und es war auch nicht wichtig, denn ich ließ es einfach geschehen.

Später nach dem Ritual erfuhr ich, dass Seth seine geballte Unruhe an meinem Ritualpartner ausgelassen hatte. Er packte ihn und war außer sich, dass sich mir jemand so näherte, den er nicht kannte und verlangte von ihm für den Unbekannten zu bürgen. Ich war im Nachhinein nochmal heilfroh, dass er in diesem Moment dabei war und die Situation genaustens im Auge behielt. Ich war auch ein wenig gerührt von Seths Reaktion. Sicher, ich gehöre ihm und er wird zu einem gewissen Teil auch sein “Revier” verteidigt haben, aber dennoch wird mir wieder bewusst, wie sehr er mich schützt und wie eng unsere Bindung ist. Wenn man täglich seit Jahren mit einem Gott interagiert verkommt vieles unweigerlich zur Routine. Rituale, egal welcher Art, sind eine Möglichkeit jenseits des Alltags die Verbundenheit mit  andersweltlichen Wesen intensiv zu erfahren.

Eule auf einem ägyptischen Obelisk, Wikimedia Commons

Plötzlich reichte die Weiße Eule beide Hände um mir aufzuhelfen. Ich stand mitten im Raum. Sie erhob beide Hände, hielt sie an mein Gesicht und berührte mit ihrer Stirn die meine, so wie man durch ein spiegelndes Fenster sieht, das Gesichtsfeld mit beiden Händen rundherum abdunkelnd, um durch die Oberfläche sehen zu können. Ich fühlte mich sehr geborgen und der Raum und die Leute verblassten um uns herum. Der gläserne Vorhang den ich sonst zwischen mir und anderen empfinde, war nicht mehr da. In dieser Wortlosigkeit empfand ich plötzlich mehr Verbindung, als Worte je hätten zu Stande bringen können. Es war auch nicht nur die Berührung, es war der aufrichtige Wille mich zu sehen, das konnte ich spüren und ich freut mich. Neugierig, unvoreingenommen, beinahe liebevoll, wie eine Umarmung, obwohl sich nur unsere Stirnen berührten. Wir standen eine Weile so da bis wir uns voneinander lösten. Die Weiße Eule verneigte sich mehrmals von mir, sie dankte mir. Ich verstand sofort, sie bedankte sich für das Gesehene. Ich hielt immer noch den Stein in der Hand und war kurz unschlüssig was damit zu tun war, dann entschied ich ihn einfach erstmal sicher bei mir zu verwahren.

Weisse Eule Stein

Das Ritual dauerte noch eine Weile. Ich trommelte wieder unermüdlich bis zum Schluss. Nach dem Ritual hatte jeder die Möglichkeit zu einem Nachgespräch. Ich hatte nicht das Gefühl, das zu brauchen, viel eher brauchte ich dringend was zu essen und ein Bier. Nach einer Weile beschlich mich dennoch das Gefühl, dass ich vielleicht hochgehen sollte zu dem Raum, wo die Nachgespräche stattfanden. Ich wartete bis ich dran war und war entschlossen einfach nur kurz “Danke” zu sagen und wieder zu gehen. Ich trat ein und stammelte irgendwas, dass ich gar nicht so genau wisse, was ich sagen soll, doch Adrian sagte sofort “Ich hab Dir viel zu erzählen.”. Erleichtert setzte ich mich auf den Stuhl im gegenüber und hörte zu. Was nun folgte, war eine detaillierte Beschreibung jener Welt, wie ich sie kenne, wenn ich mit Seth in die Duat hinabsteige. Das wäre nicht weiter spektakulär, wenn ich jemals irgendjemand von der Duat und wie ich sie sehe erzählte hätte, doch das hatte ich nicht. Niemand, außer dem Schamanen mit dem ich gelegentlich ritualisierte. Adrian beschrieb alles so detailgetreu, dass ich sicher sein konnte, er hat Seth gesehen, er hat mir wohl bekannte Duat-Wesen gesehen, er hat jene Welt gesehen, die mir so vertraut ist und die sich für mich so sehr nach “zu Hause” und “Familie” anfühlt. Er war mit mir dort gewesen. Die Duat ist ein Ort den ohne Begleitung zu betreten höchst unsicher ist. Selbst ich kann mich nur in bestimmte Bereiche vorwagen und auch nur, wenn Seth bei mir ist oder bestimmte Gottheiten mich explizit an bestimmte Orte rufen. Ich war tief beeindruckt, dass Adrian mir dorthin folgen hatte dürfen.

Ein Satz, den er sagte, blieb mir besonders in Erinnerung: “Es ist nicht nur dein Wissen über all das, Du BIST das.” Ich war unfähig angemessene Worte zu finden. Ich freut mich einfach nur über das gesehen sein, ich war dankbar, dass sich jemand so tief auf mich hatte einlassen können und fühlte mich einfach angenommen und auf eine wortlose Weise verstanden. Für all diese Empfindungen fand ich da aber keine Worte, also dankte ich ihm und wiederholte ein paar mal wie sehr ich mich freute. Da war jemand der mich gesehen hatte, ich meine wirklich MICH gesehen hatte, und das war gerade das Wichtigste. Das war die langersehnte Antwort auf eine Frage, von der ich nicht gewusst hätte, wie ich sie jemals hätte stellen können.

Ganz zu Beginn hatte Adrian gesagt, er könne mit diesem Ritual nur einen Impuls setzen, etwas lostreten und weitermachen müssten wir alle selbst. Das Ritual liegt nun einige Tage zurück und dieses Gefühl von “weitermachen” lässt mich nicht mehr los. Ja, ich will weitermachen, völlig egal, wie und was. Rituale erreichen Menschen auf eine Weise, wie es unzählige Worte, Dresscodes, Meinungen, soziale Allianzen usw. nicht vermögen und schaffen tiefe Verbindungen, die einfach passieren ohne dass man sie “macht”. Es geht vielleicht gar nicht so sehr darum, dass jemand den Mittelpunkt bildet und etwas verkörpert. Es ist auch egal in welcher Tradition man sich bewegt und welchen Geistern man sich verbunden fühlt und welche Götter man verehrt. Ritual, das sind alle die ganz einfach da sind und dafür sorgen, dass der Puls nicht aufhört. Es sind die, die den Kreis bilden, wenn jemand in der Mitte steht und es sind die hinterher eine gemeinsame Erfahrung mit nach Hause nehmen. Und das ist viel. Und ich hoffe, dass es weitergeht. Irgendwie.

hand in hand

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