Hathor – eine unterschätzte Göttin

 

Wenn man sich umhört, was Leute mit “Hathor” assoziieren und ein bisschen im Internet surft, dann erhält man das Bild einer zügellosen, frivolen, verführerischen Liebesgöttin, den Inbegriff von “Wein, Weib und Gesang” und – versiebenfacht als “Hathoren” – sogar noch einer außerirdischen Channelbotschafterin. Hathor, so scheint es, stand Pate für das verbreitete Klischee der ägyptischen Priesterin, nämlich einer in durchsichtige Schleier gehüllten, großbusigen, sich anmutig im Tanz wiegenden ewig jungen Dame, die der erotischen Ausgelassenheit nicht abgeneigt ist. Die späte griechische Gleichsetzung der Hathor mit Aphrodite zeigt hier deutliche Spuren.

Büste von Hathor – Luxor-Museum, Luxor, Ägypten – Fotografie von Agon S. Buchholz, Wikimedia Commons

 

Dass aber Hathors “Geburt” einem Mythos entspringt, der davon handelt die gesamte Menschheit im Blutrausch auszurotten, scheint hier völlig verdrängt zu werden. Man erhält den Eindruck, dass die Menschen bei ihrer Betrachtung in eine Art berauschten Tunnelblick verfallen und Hathors dunkle gefährliche Seiten einfach ausblenden. Das könnte typischer nicht sein für Hathor, denn die Göttin des Rausches ist sie definitiv.

Hathor, eine der ältesten Göttinnen des ägyptischen Pantheons, die schon seit dem Alten Reich belegt ist, gehört wie auch Sekhmet, Tefnut oder Wadjet zu den “Auge des Re”-Göttinnen, die in erster Linie göttliche Vollstreckerinnen des Sonnegottes darstellen und als solche alles andere als zimperlich zu Werke gehen. Sie sind starke Schützerinnen der Schöpfung, das aktive kämpferische Prinzip wird typischerweise an der Seite von Re weiblichen Gottheiten zugeschrieben.

Hauptkultort von Hathor war seit dem Alten Reich, das etwa 50 km nördlich von Luxor am linken Ufer des Nil gelegene Dendera, das heute noch der Standort des berühmten Hathor Tempels ist. Der Hathor-Tempel, dessen Grundstein in der 6. Dynastie gelegt wurde, ist vor allem berühmt für seine atemberaubend reichhaltigen Reliefs, die äußerst gut erhalten sind. Es ranken sich auch einige abstruse Alien-Theorien um diesen Tempel, wie etwa die Theorie der “Glühbirne von Denderra”, welche den Ägyptern unterstellt, elektrisches Licht gekannt zu haben, das von Außerirdischen vermittelt wurde. Auch dem berühmten Deckenrelief von Denderra wird irrtümlicherweise angedichtet es handele sich dabei um einen uralten ägyptischen Tierkreis mit astrologischer Bedeutung, dabei stammt das Deckenrelief gerade mal aus dem Jahre 51 v.Chr. und hat mit der Kultur der Alten Ägypten nicht mehr viel zu tun. Die heutige Gestalt des Tempels stammt in erster Linie von den Römern und den Ptolemäern. Die Ägypter selbst waren in erster Linie an der Bewegung der Gestirne und Himmelskörper und damit an Astro-nomie interessiert.

Hathor Tempel in Denderra, Wikimedia Commons

Hathor-Säule im Dendera-Tempel. Foto: Karen Green, Wikimedia Commons

Der wohl wichtigste Mythos von Hathor erzählt von einer Zeit als die Götter auf Erden lebten, zusammen mit den Menschen. Die Menschen aber, die mit der Fürsorge für die Götter beauftragt waren, lehnten sich gegen sie auf, besonders gegen Re, verweigerten ihm Opfergaben und planten sogar ihn zu töten. Re, verzweifelt über diesen Sinneswandel, beruft einen Götterrat ein und kommt zu dem Schluß, dass es besser ist die Menschheit auszurotten. Für diese Aufgabe wählt er die aggressive, löwengestaltige Sekhmet, “die Herren des Zitterns”, die Göttin über Seuchen und Epidemien, “die Mächtige”. Sekhmet begibt sich auf ihre blutige Mission und gerät dabei in einen Blutrausch. Re, wird plötzlich von Reue ergriffen, doch Sekhmet ist nicht mehr aufzuhalten. Er bittet Thot um Hilfe und gemeinsam ersinnen sie eine List. Sie färben Bier mit rotem Ocker und schütten es auf die Erde. Sekhmet merkt in ihrem Blutrausch nicht, dass es sich um Bier handelt und trinkt gierig, bis sie betrunken einschläft. Als sie wieder erwacht verwandelt sie sich in die sanftmütige Hathor.

Löwin nach der Jagd, Wikimedia Commons

Der Mythos sagt viel über das altägyptische Frauenbild aus. Frauen werden – entgegen aller heutigen political correctness – als janusgesichtig, gefährlich und unberechenbar und doch verführerisch, erotisch und schlau gesehen. Schon der weise Ptahhotep riet den Männern:

“Wenn Du wohlhabend bist, einen Hausstand gegründet hast und Deine Frau recht liebst, dann fülle ihren Leib und kleide ihren Rücken – Salböl ist das Heilmittel für ihre Glieder. Erfreue ihr Herz, solange Du lebst, (denn) ein fruchtbarer Acker ist sie für ihren Mann. Streite nicht mit ihr vor Gericht und halte sie fern davon, Macht zu haben. Ihr Auge ist ihr Sturmwind, wenn sie blickt, so ist sie beständig in deinem Hauststand.”

Frauen, wie weibliche Gottheiten bedurften der Besänftigung und genau darauf zielt auch der Kult um Hathor ab. Beim Hathor-Fest, dem sog. “Fest der Trunkenheit” wurde rituell in großen Mengen Alkohol getrunken. Bier, Liköre, Wein und Schnaps waren dabei das bevorzugte Kultgetränk. Der heilige Rausch war Hathor geweiht und es galt als verwerflich nicht daran teilzunehmen. War auch das Fest ausgelassen, fröhlich und frivol, so wusste man doch dass der Anlass ein ernster war, nämlich dass der Mensch gerade mal so der völligen Vernichtung entgangen war. Es wurde getanzt, gesungen und musiziert. Tanz und Musik galten als “Herzensnahrung” für Hathor. Während im Alten Reich der strenge minimalistische Schreittanz vorherrschte, ging man im Mittleren Reich allmählich zum akrobatisch-ekstatischen Einzeltanz über, der fast ausschließlich von jungen spärlich oder gar nicht bekleideten Frauen ausgeführt wurde. Hathor wird also weder bezwungen noch beherrscht, sondern besänftigt, man schmeichelt ihr, erfreut sie und verlockt sie, was nicht zwangsläufig bedeutet, dass Hathor so ist. Im Gegenteil, man weiß um ihre dunkle Seite und sucht diese mit allen Mitteln zu verhindern. Vielleicht ein wenig wie ein Kind, dass der Mutter schmeichelt, wenn es etwas angestellt hat und die Strafe fürchtet.

Hathor reicht Nefertari das Ankh (=Leben), Wiki9media Commons

Denn tatsächlich wird Hathor selbst sehr viel mehr mit mütterlichen Aspekten in Verbindung gebracht. Ihr Name Hat-Hor bedeutet “Haus des Horus”, was ihre mütterliche und schützende Beziehung zu Horus ausdrückt. In einigen Mythen taucht nämlich nicht Isis sondern Hathor als Mutter des Horus auf, was sicherlich einer der Gründe für die spätere Verschmelzung von Isis und Hathor ist. Im Neuen Reich ist Hathor von Isis praktisch nicht mehr zu unterscheiden. Auch die Kuhgestalt von Hathor bzw. ihre Attribute wie Kuhhörner incl. Sonnenscheibe weisen auf die mütterlichen, nährenden Aspekte der Göttin hin, die bis in das Jenseits reichen um dort als Baumgöttin die Toten zu ernähren. Hathor ist nämlich auch Totengöttin und mit der Fürsorge für die Verstorbenen betraut. Sogar als Mutter des Re taucht sie in Sargtexten auf, obwohl sie als “Auge des Re” Gottheit zu den Töchtern des Re gehört. Als “Heilige Kuh” ist sie auch Himmelsgöttin und damit “Trägerin” der Sonne. Die enge Verwandtschaft mit der Himmelsgöttin Nut ist hier schwerlich zu übersehen.

Hathor, Herrin des Westens, Wikimedia Commons

Die Verwandtschaftsverhältnisse unter den Göttern sind nicht ausschließlich als Abstammungslinien zu verstehen, sondern beschreiben vor allem Art und Inhalt der Verbindung zwischen Gottheiten. Hathor hat gegenüber Re auch eine nährende, stärkende Funktion, welche beim Göttergericht anlässlich des Seth-Horus-Konfliktes nochmal deutlicher zum Ausdruck kommt. Re, dessen Kraft und Kompetenz beim Göttergericht in Frage gestellt wird, nachdem er Seth gegen alle anderen Götter in Schutz nimmt, zieht sich vom Gremium ermüdet zurück. Hathor holt darauf seine Lebensgeister zurück indem sie ihm ihre Scham zeigt. Auf diese Weise weckt sie sexuelle Lust in ihm und damit jene schöpferischen Kräfte, die ihm abhanden gekommen waren. Darin zeigt sich auch die ägyptische Haltung zur Sexualität. Sie dient keineswegs nur der Lust und der Zerstreuung, sondern ist reine Schöpfungskraft und damit belebend und verjüngend.

Die Sieben Hathoren, müssen von der eigentlichen Hathor unterschieden werden. Vielmehr handelt es sich dabei um untergeordnete weibliche Gottheiten, die für Hathor musizieren und singen um sie zu verehren. Sie haben damit eher die Aufgabe von nicht-menschlichen Priesterinnen. Sie tragen durchaus gewisse Charakterzüge der Hathor nämlich u.a. die sexuelle Verführungskraft was als wichtiger Faktor für die Integrität des Körpers über den Tod hinaus verstanden wurde. Damit kommen der Sexualität der sieben Hathoren durchaus auch heilerische Aspekt zu. Die Sieben Hathoren werden auch mit sieben Hauptkultorten der Hathor assoziiert.

Statue der Hathor. Luxor Museum, Wikimedia Commons

Wer in Hathor eine reine Liebes- und Festgöttin sieht, verkennt ihre Macht in hohem Maße und möglicherweise auch die Macht die Sexualität, Rausch und Ekstase an sich haben. Moderne romantisch-verklärende Liebesideale und die (Sehn)Sucht nach Zerstreuung auf eine mehr als 5000 Jahre alte wichtige Göttin zu projizieren muss zwangsläufig scheitern.

Doch wer sich auf Hathor so wie sie ist einlässt, erhält eine Chance, die ihr eigene Ursprünglichkeit und Unverfälschtheit kennenzulernen. Hathor ist von allen Göttinnen sicherlich die stärkste Verkörperung des altägyptischen Weiblichkeitsbegriffes und damit einer wichtigen schöpferischen Urkraft.

 

 

 

 

 

 

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Literatur und weiterführende Links:

Emma-Brunner-Traut, Altägyptische Märchen
Hans Bonnet, Lexikon der Ägyptischen Religionsgeschichte
Jan Assmann, Tod und Jenseits im Alten Ägypten
http://henadology.wordpress.com

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4 Responses to Hathor – eine unterschätzte Göttin

  1. stefantrumpf says:

    Was mich sehr auch an diese in Esokreisen grad so beliebte Lilith-Verehrung erinnert, der ich sehr kritisch gegenüber stehe. Danke für diesen spannenden Artikel.

    • Sati says:

      Ja, da hast Du recht. Isis ist z.B. auch so eine Kandidatin (es ist schon eine Weile her, dass ich dazu geschrieben habe). Schön, dass Dir der Artikel gefällt und vielen Dank für Dein Feedback🙂

    • Sólveig says:

      Eine Bekannte von mir hat auch immer diesen Hathor-Lilith-Vergleich gezigen (und empfunden). Ich kann den nicht nachvollziehen und es war mir auch nie möglich Hathor als DIE “Party”-Göttin zu sehen, die man Ihr unterstellt, auch wenn Sie diese Aspekte hat. Meine Impressionen von Ihr waren Stärke, Mut, Lebendigkeit und eine gewisse Art von Charme. Aber ganz anders als jetzt die griechische Aphrodite oder jemand in der Art. Wenn man nicht immer von Hathor als Liebesgöttin reden würde, dann wäre ich im persönlichen Kontakt eher nicht darauf gekommen. Also für mich hatte Sie diese Seite kaum.

  2. mondfeuer says:

    Danke für diesen Post.
    Der hat für mich ein Erlebnis geklärt das schon mehr als ein Jahrzehnt zurück liegt🙂

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