Seth und die Frauen

Seth der “Über”mann

Wenn man Seth verehrt, wird man sehr schnell in die Ecke neurotischer Teufelsanbeter gestellt, die ihre empfundenen Unzulänglichkeiten mit einem inszenierten “evil image” auszuschmücken suchen. Dabei ist Seth alles andere als “der Böse” mit dem man weißgewandeten Engelsmedien und batikberockten Liebespriesterinnen Angst einjagen kann.

Betrachtet man Seths Mythologie und deren Entwicklung im Verlauf der Dynastien, so zeigt sich eher das Bild eines Antihelden, ja fast Sündenbocks, eines Mannes der mehrmals zu Fall gebracht und gedemütigt wird um schlußendlich mit einem mehr schlechten als rechten Lohn abgespeist zu werden, ja sogar seiner einstigen Heldentaten gänzlich beraubt und dämonisiert zu werden.

seth apophis

Obwohl Seth mit Hypermaskulinität, roher Kraft, aktiver ja fast aggressiver Sexualität assoziiert wird, so verkörpert er dennoch die Unfruchtbarkeit schlechthin, denn er ist der Herr des unfruchtbaren Landes, der Wüste. Auch sind ihm in den Mythen keine Nachkommen beschert und später verliert er im Kampf gegen Horus, mit dem ihn auch eine sexuelle Episode verbindet, auch noch seine Hoden. Lediglich die Krokodilgottheit Sobek taucht manchmal mit dem Beinamen “Sohn des Seth auf”.

Seth und Göttinnen

Zwar werden Seth einige Partnerinnen zugeschrieben, jedoch ist ihm auch da nur wenig Glück beschert. Seine Schwestergattin Nephthys, die in der Neunheit von Heliopolis zunächst an seiner Seite steht, kehrt ihm nach dem Brudermord an Osiris den Rücken und unterstützt ihre Schwester Isis gegen Seth, deren Bemühung natürlich ausschließlich ihrem verstorbenen Gatten Osiris dienen und später dem gemeinsamen Sohn Horus, der ebenfalls zu Seths Rivalen wird. In Isis trifft Seth auf seine bedeutendste weibliche Gegnerin, den im Kampf um die Thronfolge und die Wiederherstellung der Königswürde des Osiris mit Horus, mischt Isis mit ihrer sprichtwörtlichen Listigkeit ordentlich mit, führt Seth mit ihren Tricks vor dem Göttergericht vor und bringt ihn schließlich zu Fall.

Horus Seth

Ramses III zwischen Horus (l.) und Seth (r.), Ägyptisches Museum in Kairo

 

Trotz alledem findet man Seth und Horus später gemeinsam an der Seite des Königs als dessen Schutzbeauftragte. Seth ist ein aufrechter Verlierer, mag man ihm auch allzu oft Eifersucht, Eigensinn und Impulsivität unterstellt haben. Doch betrachtet man die Mythen im Kontext des lebenserhaltenden Zyklischen der Natur, so muss man anerkennen, das Seth beinahe heroisch die undankbare Rolle des notwendigen Zerstörers übernimmt und – obwohl mit all seiner Wucht handelnd – dabei niemals unkoordiniert und blind-wütend ist. Seth muss mehrmals, fast über die Gebühr für den Mord an seinem Bruder büßen, wird gedemütigt und bestraft, verliert aber erstaunlicherweise dennoch nicht seine Mächtigkeit. Die Tatsache, dass er im Neuen Reich nach dem Aufleben des Osiris-Mythos dämonisiert wird, zeigt ja durchaus, dass man ihm seine Kraft trotz Beinah-Entmannung noch lange nicht abspricht. Sie wir nur ins Böse verkehrt – was zynischer nicht sein könnte, denn der ursprüngliche Seth aus dem Alten Reich ist jener der den Sonnengott vor dem ultimativ Bösen, der dämonischen, lebensvernichtenden Schlange Apophis beschützt.

Eine Partnerin von seinem Kaliber findet Seth am ehesten noch in der altsyrischen/altägyptischen Göttin Anat, mit der er mythologisch verbandelt wird, nachdem man ihm im Streit um den Thron die dürre Wüste überlassen hat. Anat gilt als androgyn und aggressiv, trägt Männerkleidung und verweigert sich der Mutterschaft und bildet damit ein weibliches Komplementär zu Seths Bisexualität. Im Ugaritischen ist Anat gleichzeitig Kriegs- und Liebesgöttin und verliert dabei nie ihre Jungfräulichkeit. Eine interessante Parallele zur Zerstückelung des Osiris durch Seth bildet die Tötung des Totengottes Mot durch Anat, die ihn mit einer Sense zerhackt nachdem dieser ihren Bruder Ba’al in die Unterwelt gelockt hat und dort sterben ließ. Ba’al wird durch Anats Tun jedoch wieder lebendig, was der Rolle der Isis erstaunlich ähnelt, denn sie ist es ja die ihren Brudergatten Osiris wieder zusammensetzt und neu belebt. Und der mythologische Kreis schließt sich hier passenderweise in der Gleichsetzung des Ba’al mit Seth.

Anat

Seth und ich

Eine Frau an der Seite von Seth zu sein bedeutet das Prinzip Weiblichkeit bis ins kleinste Detail zu hinterfragen und sich in aller Aufrichtigkeit zu reflektieren. Liebgewonnene Rollenspiele zerschellen ebenso schnell wie trickreiche Koketterie, verinnerlichte soziale Erwartungen entpuppen sich schnell als Selbsttäuschung. Was bleibt ist die Frage, was Weiblichkeit jenseits aller sozialen Konstruktionen ist, ob es sie dann überhaupt noch gibt und wie beständig sie dann noch ist.

Seth ist nicht jene Art von männlich, die sich durch typisch weiblichen Manipulation, Koketterie und List beeinflussen ließe. Krokodilstränen rühren ihn wenig, emotionales Drama lässt ihn kalt, Umgarnungen und List weckt viel eher Abscheu und Aggression in ihm. Er ist ein Gott des aufrichtigen Kampfes und nicht der Tricks, der ehrlichen Konfrontation und nicht der Manipulation – völlig egal ob man ihm als Mann oder Frau begegnet. Das einzig Weibliche das ihn wirklich anzuziehen vermag ist eine offene und ehrliche Sexualität und man tut gut daran als Frau darin so selbstbestimmt wie möglich zu sein. Da ist kein Platz für alten Schmerz, der immer noch Gehör finden will oder verschleierte infantile Liebesbedürftigkeit, die im Erwachsenenkostüm daherkommt und sich mit Pseudoernsthaftigkeit aufplustert. Wer gelernt hat Sexualität zu instrumentalisieren um sich damit Bindung zu erkaufen, belügt ich selbst und trägt allein die schmerzlichen Konsequenzen des Betrugs. Seth lässt sich nicht betrügen, zumindest nicht ohne Konsequenzen zu ziehen.

Lässt man sich jedoch auf seine Rohheit ein, die in sich schon eine niederschmetternde Erfahrung sein kann, lernt man in ihr bald echte Bindung ja sogar Zuneigung zu erkennen. Die Vermutung, dass es sich vielleicht auch nur um ein Stockholm Syndrom handeln könnte, hat man zurecht, genauso wie den Verdacht, das Liebe an sich nichts anderes als eine wohlwollende Geiselnahme sein könnte. Nur weil Liebe roh und impulsiv ist, ist sie nicht minder ehrlich, sondern aufrichtig und unverfälscht, so wie alles andere an ihm. Tröstendes Gestreichel und liebliche Worte erwartet man von ihm vergeblich, vielmehr ist man gezwungen sich die Frage zu stellen, warum man dies überhaupt braucht und welches Bedürfnis tatsächlich dahinter steht. Geht es um die reine Selbstaufwertung, kann man sich bald auf einen harten Fall gefasst machen, will man sich in kindlich-emotionalen bedürftigen Mustern ergehen, tut man gut daran sich am Riemen zu reißen und erwachsen zu werden, sucht man Anlehnung und Halt, findet man diese in seiner Loyalität und Beständigkeit und nicht in romantischer Verzärtelung.

Eine Frau an Seths Seite zu sein erfordert emotionale Eigenständigkeit, den Mut verletzbar zu bleiben und Schmerz zu ertragen, geistige Navigationsfähigkeit und Hingabe. Das wertvollste Geschenk, das er einem dafür geben kann ist Kraft, inneres Wachstum und unerschütterliche Beständigkeit.

Eine Frau an der Seite eines Gottes wie Seth zu sein bedeutet auch keine Frau mehr nach akzeptierten sozialen Maßstäben sein zu können. Vielleicht auch an weiblicher Attraktivität zu verlieren. Man wird zwangsläufig zur Verräterin, weil man die sozialen Spiele, die man einmal mitgespielt hat, nicht mehr spielen kann und will, sie dafür aber umso mehr durchschaut und manchmal unweigerlich entlarvt. Es wird zunehmend zum Kraftakt der Selbstverleugnung die von gesellschaftlichen Idealen geformten weiblichen Identitätskonstrukte zu respektieren, vor allem wenn es sich dabei um Randgruppengesellschaften handelt, deren Spielregeln meist schnell durchschaut sind.

Ich hab mich mein Leben lang danach gesehnt zu jemandem zu gehören. Sei es zu einer Familie, zu einem Partner, zu einer Community. Funktioniert hat es nie und noch immer versuche ich mich an mein Nichtdazugehören zu gewöhnen und der Freiheit etwas Positives abzugewinnen. Rückblickend muss ich sagen, die Chancen des Dazugehörens standen vor einigen Jahren vermutlich weit besser, denn meine Anpassungsfähigkeit hat deutlich nachgelassen. Seth hat mich verändert. Ich habe alles, was mich ausmacht so oft in Frage gestellt, bis es mir nicht mehr wichtig war. Ich habe mich ihm gegeben wie ein Stück Knetmasse und habe gesagt “Hier, mach daraus was immer Du möchtest.” Und das hat er getan. Und ob ich es will oder nicht, ich gehöre ihm.

hand in hand

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2 Responses to Seth und die Frauen

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