Wiederherstellung der Ma’at – ein Exorzismus

Verwünschungsmagie und Fluchrituale sind ein ganz natürlicher Bestandteil im Heka, der altägyptischen magischen Praxis. Ma’at, die kosmische Ordnung, wird nach altägyptischem Verständnis erhalten indem man ihr Gegenprinzip, Isfet, unermüdlich bekämpft, tötet und zerstört.

Gut und Böse?

Es kursiert hin und wieder die Ansicht, dass es in alten naturnahen Traditionen kein Gut und Böse gäbe, was leider keineswegs der historischen Realität entspricht und eher auf die Jung’sche Archetypenlehre zurückzuführen ist, die immer noch den allgemeinen Konsens in der Magieszene bestimmt. Das ultimativ Böse in der altäygptischen Mythologie ist weder ein moralisches Prinzip oder “Zerstörung”, sondern die Vernichtung jeglicher Existenz und allen Lebens. In einer Kultur in der die Erhaltung der Schöpfung das höchste und wichtigste Gut ist, ist alles was sie bedroht das Böse schlechthin. “Isfet”, wie es altägyptisch heisst, ist dabei also das Anti-Prinzip zu aller Schöpfung und allem Sein. Auch ist es nicht der Tod, denn dieser wird als notwendiger Bestandteil des Lebens betrachtet, wenn dieser auch durchaus einen erschütternden Eingriff in die Kontinuität des Lebens darstellen mag.

"Das Erschlagen der Schlange" by Sati

“Das Erschlagen der Schlange” by Sati

Am besten betrachtet man Isfet vor dem Hintergrund eines animistischen Weltbildes aus dem plötzlich alle Beseelung und damit alle Lebendigkeit herausfließt. Dieses Prinzip wird mit der dämonischen Schlange Apophis gleichgesetzt, die oft auch als das absolute Chaos gesehen wird. Allerdings besteht ein Unterschied zwischen dem Urchaos, die der Schöpfung zuvor geht, und Apophis. Das chaotische jedoch schöpferische Urwesen, das sehr furchteinflößende, chaotische und durchaus zerstörerische Aspekte hat ist das Urmeer Nun. Nun ist das absolute Abyss, die unendliche Dunkelheit und wurde als sehr bedrohlich, chaotisch und alles verschlingend erlebt. Diesem Abyss entspringen in einem der Schöpfungsmythen die “Chaos-Götter” der Achtheit von Hermopolis (alle frosch- oder reptilgestaltig). Dazu gehört unter anderem Amun, der einen sehr destruktiven fast bösen Aspekt hat in Gestalt einer Schlange, die die Schöpfung beinahe wieder zerstört. Das hat große Ähnlichkeit mit Apophis und ist möglicherweise eine Art Vorläuferform. Diese Schlange ist deutlich ambivalenter als Apophis, denn sie hat immer noch schöpferische Aspekte. Es ist das der Schöpfung von Anbeginn immanente Zerstörungspotential. Schöpfung ist in der altägyptischen Auffassung eher ein Akt der mit sehr viel Schrecken und Kampf der Kräfte einhergeht und alles andere als nur “schön” und “ein herrliches Werk”. Wer eine Geburt erlebt hat, weiss dass dieser Vorgang schmerzhaft, erschöpfend und mitunter sogar lebendbedrohlich sein kann.

Im Schöpfungsmythos von Heliopolis (wo Atum als Schöpfergott auftritt) taucht Apophis erst im Mittleren Reich als ewiger Widersacher von (Atum-)Re auf und schwimmt ebenfalls im Urmeer. Der Gott Seth ist der, der Re vor Apophis schützt und die Schlange mit seinem Speer tötet. Er ist der Bezwinger von Apophis und aufgrund seiner ihm eigenen Rauhigkeit und maskulinen Kraft dazu in der Lage. Dies macht ihn zu einem großen Beschützer der Schöpfungskraft, die sich in der solaren Energie des Re ausdrückt.

Das Ritual

Bei diesem Ritual arbeiteten sowohl mein Ritualpartner als auch ich mit Seth. Als Hauptfokus des Rituals wählten wir Folgendes:

Fast jeder kennt diese Menschen, die ständig versuchen, ihre Nase in Dinge zu stecken die sie nichts angehen und damit das Leben anderer empfindlich stören. Ganz gleich, ob man versucht mit ihnen geduldig, streng, freundlich, diplomatisch oder sogar aggressiv zu kommunizieren, sie begreifen es einfach nicht und hören nicht auf lebensnotwendige soziale Netze einer heftigen Zerreißprobe zu unterziehen. Einfach weil sie ignorante und egozentrische Kontrollfreaks sind, von Neid, Gier und Mißgunst getrieben, die nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind und es nicht ertragen, wenn andere etwas haben, dass sie auch gern hätten, aber nicht bereit sind dafür Opfer zu bringen.

Also Ritual-Choreographie wählten wir das “Zerschlagen der roten Töpfe”. Ein Ritual das bereits aus dem Alten Reich überliefert ist und regelmäßig zur Verrnichtung der Feinde des Königs praktiziert wurde. Unzählige Tonscherben zeugen heute noch davon. Die roten Töpfe (dšr.wt) galten als Stellvertreter für die Feinde die dabei rituell zerstört wurden. Das Zerschlagen konnte auf verschiedene Art durchgeführt werden.

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– die Gefäße wurden, mit einem Stößel zerschlagen
– es wurden zwei von ihnen gegeneinander geschmettert
– sie wurden einfach auf den Boden geschleudert

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Die Tongefäße konnten mit Ächtungstexten beschriftet sein, die meisten davon jedoch waren unbeschrieben und erfüllten allein durch ihre Farbe ihren Zweck, denn Rot galt als Farbe des Seth. Mein Tongefäß wurde Außen mit Hieroglyphen der Zerstörung beschriftet und innen mit der dämonischen Schlange Apophis, als Symbol für Isfet.

Über Facebook benachrichtigen wir alle unsere Freunde und luden sie ein für sie diesen Auftrag zu erledigen und die Ma’at wieder herzustellen. Ich war sehr überrascht über die vielen Namen die ich erhielt. Ich erfuhr unglaublich leidvolle und haarsrträubende Lebensgeschichten von Menschen die einfach nur den “Fehler” begangen hatten einmal zu viel zu verzeihen oder die schlichtweg so sehr an das Gute in Menschen glauben wollten, dass sie den Mißbrauch erst bemerkten als es zu spät war und sie bereits tief verletzt waren. Ich hätte gern jedem einzelnen von ihren Peinigern eine Lektion erteilt, doch ich sammelte diese Aggression und bündelte sie bis zum Moment des Rituals.

DSC_0214 Ich wachte früh auf. Ich benachrichtigte meinen Ritualpartner, dass ich nun beginnen würde. Ich beschriftete ein rotes Stück Papier mit allen Namen der zu verwünschenden Personen und rollte es zusammen. Für Verwünschungen benutze ich nie einen festen Altar, sondern baue einen, der hinterher wieder aufgelöst wird, damit nichts von den dunklen Kräften hängenbleibt. Ich entzündete eine Flamme im Tontopf und setzte die Papierschlange in Brand die sofort hohe Flammen spuckte. Während das Feuer brannt, began mein Ritualpartner mit seinem Teil der Arbeit.

Die erste Reise: Seth

Nachfolgend ein paar Auszüge aus dem Reisebericht  meines Ritualpartners, den ich gern so unverfälscht wie möglich wiedergeben möchte. Ich bitte zu bedenken, dass es sich hier um schamanische Reisen handelt, wie sie sich für uns – und nur für uns -darstellten.


Nur wenige meiner Verbündeten wollten das begleiten. Ich komme zu einem Kessel aus dem üble Schwaden dampfen. Der Kessel und die Schwaden stehen für die einzelnen Verwünschungen. Die Schwaden füllen eine ballonartige Lederkugel, die wie lebendig aussieht, ich packe sie und trage sie weiter. Seth ist auch da. Die Grenze der Maat zeigt sich als eine Art Mauer, die kreisrund um ein riesiges Gebiet geht. Dahinter ist Wüste. Seth zeigt mir, dass dies das Niemandsland sei, zwischen der Maat und allem was dahinter ist. Es sei der Platz ist um die Schwaden freizulassen.

Einige Gestalten erkenn ich sogar und einige drohen die Grenze zu überschreiten, was mich wütend macht. Seth beginnt zu laufen. Er ist unglaublich schwer als wären seine Knochen aus Stahl oder Eisen gemacht, er rennt wie ein rasendes Seth-Tier, knallt mit unglaublicher Energie durch Felsen usw. Ich sehe, dass er mit dem Speer durch die schlierige Grenzmauer sticht. Seth gibt mir zu verstehen, DAS ist Isfet.


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Zerstörung und Erneuerung

Nachdem ich also kurz Gelegenheit hatte mich zu erholen, beginnt nun wieder mein Part. Das Feuer ist erloschen und ich nehme einen großen schweren Hammer und zerschlage den Tontopf in kleine Scherben. Er bricht schon beim ersten Schlag in viele kleine Teile. Ich schlage weiter und spüre wie mich jeder Schlag erleichtert und etwas frei wird.

DSC_0222Dann beginne ich mit einem umfassenden Transformationsritual. Ich lege meine Kleidung ab und übergieße mich mit Tierblut. Ich bekomme jedesmal weiche Knie, wenn ich das tue. Ich spüre deutlich, wie viel Lebenskraft in Blut steckt, aber auch, dass es nur durch Schmerz und Leid zu gewinnen ist. Das Blut läuft über meinen Körper, mein Badezimmer sieht aus wie ein Schlachtraum. Für einen Moment spüre ich die Leute die bluten mussten, die verletzt und gedemütigt wurden. Mir ist fast nach Weinen zu Mute, ich habe einen kloß im Hals, aber ich mache weiter. Das Blut läuft mir fast in die Augen, es gerinnt und trocknet auf meiner Haut ein und spannt bei jeder Bewegung. Meine Füsse stehen in einer Blutlache und ich muss aufpassen, dass ich nicht ausrutsche. Mir fällt das Blutgefäß aus der Hand und zerbricht. Ich sammele rasch die Scherben auf, damit ich nicht hineintrete. Ich fühle mich schmutzig und sehne mich nach dem Moment alles herunterzuwaschen. Dann endlich drehe ich das Wasser auf, wasche die Blutkruste von meiner Haut und sehe zu, wie auch das letzte Rot im Ausguss verschwindet. Ich mache eine Reinigung mit Natron, einer Lavendelräucherung und Wasser und fühle mich erschöpft aber befreit. Ich lege frische Kleidung an und öffne meine Schreine. Nach den Opferhandlungen begebe mich auf eine Reise zu meiner Patronsgöttin Ma’at.

Die zweite Reise: Ma’at

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Ma’at kommt sofort zu mir runter geschwebt. Sie sieht durchsichtig aus und fühlt sich an wie ein Windhauch. Sie umarmt mich, ich scheine mich in ihr aufzulösen. Das ist nicht neu für mich. Wind kommt auf, die Flut setzt ein und die Furchen in dem trockenen dürren Boden füllen sich mit Wasser. Irgendwo weit weg sehe ich die Göttin der Flut Anuket über dem Wasser schweben. Das Wasser steigt, meine Füße stehen im Wasser, ich breite die Arme aus und der Wind fängt sich in meinen Haaren, Ma’at dringt in meinen Körper ein, zieht mich an wie ein Kleidungsstück, ich weiche ihr völlig in mir und überlasse ihr meine Form. Überall stehen vereinzelt die Leute für die wir gearbeitet haben im Wasser. Erschöpft, traurig, auf den Boden starrend, in sich versunken. Ein paar kenn ich, ein paar nicht. “Missbrauch von Gutmütigkeit” das Thema schwebt irgendwie über allem. Keine naive, leichtgläubige Gutmütigkeit, sondern eine hoffende. Aus der Sehnsucht heraus ein gutes Netz zu schaffen, das trägt, damit auch die eigenen Verletzungen endlich heilen können, Kraft geschöpft werden kann. Und immer wieder die, die jedes Entstehen von guter Vernetzung sofort zerreißen müssen. Aus reiner Gier nach Bewunderung und Selbstaufwertung. Ma’at geht zu jedem einzelnen hin und umarmt sie. “Ma’at wird von innen zerstört nicht von außen. Isfet ist ein Gift, dass durch die Ma’at hindurchsickert” erfahre ich. Die Sonne geht auf, der Wind ist sanft und kühlend, Ma’at hat ihre Flügel ausgebreitet, ich stehe unter ihr auf dem Boden. Die Leute die herumstehen wachen plötzlich auf, schauen einander an, wirken erleichtert. Das Wasser sinkt und plötzlich beginnt überall grünes Gras zu sprießen. Ma’at gibt mir zu verstehen, dass ich jetzt gehen kann, wenn ich möchte also kehre ich zurück.


order-chaos

Neubeginn

Das Ritual ist zu Ende alles fühlt sich neu, klar und rein an. Ich habe Hunger und fühle mich leicht euphorisch. Ich benachrichtige meinen Ritualpartner und wir sind beide zufrieden mit unserer Arbeit. Wir haben unser Bestes getan um die Ma’at wieder herzustellen.

Dua netjeru, dua Ma’at!🙂

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Zaunkönig Schamanismus

Mein ganz besonderer Dank gilt natürlich meinem Mit-Kemetic Sa-Setem.
Ohne ihn wäre das ganze nicht möglich gewesen.

Nekhtet!!

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3 Responses to Wiederherstellung der Ma’at – ein Exorzismus

  1. sidhe2014 says:

    Heftig, aber gut! Auch wenns von einer ganz anderen Ecke kommt: ich musste an die alte Nidstang denken, aber das erzähl ich mal lieber privat.

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