Anders und doch nicht: eine interreligiöse Erfahrung

English version

Myriad und Sati, eine Nordische Polytheistin und eine Kemetin. Wir haben uns im Internet kennengelernt und uns entschlossen einige Tage miteinander zu verbringen und nun diese Erfahrung zu teilen.

Diesen Post hier gibt’s auch auf Myriads Blog.
Unbedingt vorbeischauen, Myriad ist einfach großartig!🙂

Myriad & Sati

Myriad Hallaug Lokadis & Merit Sutekh Sat-Ma’at

1. Welcher Tradition folgt Ihr?

Sati: Ich bin Kemetic. Ich verwende ungern Labels, da sie viel Verwirrung stiften aber ich denke ich kann sagen ich bin eher rekonstruktionistisch und strikt polytheistisch. Ich mag den Begriff “HIP (=historisch informierter Pagane)”. Ich bin mit keinem Tempel oder einer organisierten Gemeinschaft verbunden. Ich verehre hauptsächlich Seth und Ma’at aber auch einige andere Götter je nachdem was gerade in meinem Leben los ist und wem ich mich verbunden fühle. Ich war mal Amun Verehrerin für einige Zeit, habe eine gute Verbindung zu Sekhmet und trotz meiner Verehrung für Seth auch zu Isis und Osiris. Ich habe eine kleine aber regelmäßige Ritualpraxis für Anuket und ab und zu auch für Imhotep. Und meine Katze hat ihre ganz eigene Beziehung zu Bastet.

Myriad: Ich bin Polytheistin in nordeuropäischer Tradition, rekonstruktionistische, universalistische Heidin mit einer engen Verbindung zum nordischen Gott Loki. Andere Götter, die ich verehre, schließen Baldr (ja, genau, Baldr… diesen Baldr), Odin, Laufey, Frigg, Sigyn, Njördr und Bragi ein. Wie eng meine Beziehungen zu den Gottheiten sind, und die Art meiner Interaktion mit Ihnen ist von Gottheit zu Gottheit verschieden; die engste Bindung habe ich zu Loki.

2. Wie sieht Eure tägliche Praxis aus, wenn Ihr allein seid?

Myriad: Der einzige Gott, der beständig Fokus meiner täglichen Praxis ist, ist Loki. Ich habe auch mit anderen Göttern kultische Beziehungen, aber diese sind eher zeitweise im Vordergrund, oder ich verehre meine Götter, wenn es die Situation verlangt. Örtlich konzentriert sich meine Kultpraxis auf meinen Hausaltar. [Da wir heute wissen, dass die Götter sowohl im Freien, als auch in bestimmten Gebäuden – sogenannten hofs – sowie im Privaten verehrt wurden, empfinde ich das nicht als widersprüchlich zur historischen Praxis]. Der Altar ist heiliger Raum, der Loki, dem spirituellen Zentrum meiner täglichen Praxis, geweiht ist. Mein Altar ist offen – es ist kein umschlossener Bereich, sondern eine offene Fläche, die dem Zweck gemäß dekoriert ist.

Für jemanden, der so sehr mit (dem angeblich aller Formalität und allen Regeln abgeneigten) Loki verbunden ist, habe ich eine recht regelmäßige Praxis, die zum Teil aus feststehenden, zum Teil aus spontanen Ritualhandlungen besteht. Meistens stehe ich früh auf. Das erste, was ich nach der Morgentoilette tue, ist, die Opfergaben vom Vortag zu entsorgen, heruntergebrannte Teelichte zu ersetzen, und generell den Altar in Ordnung zu bringen, wenn etwas nicht so ist, wie es sein sollte. [Kleine Anekdote am Rande: Loki stört sich zum Beispiel nicht an heruntergefallenen Blütenblättern oder Blütenstaub – sonstiger Staub muss aber nicht sein]. Danach bereite ich die täglichen Opfergaben für Loki. Morgens opfere ich grundsätzlich nur Ihm; es kann sein, dass ich im Laufe des Tages, je nachdem, auch anderen Göttern opfere, aber morgens gehört Loki meine ungeteilte Aufmerksamkeit.

Nach der Vorbereitung opfere ich Loki und teile meinen Morgenkaffee (und mein Frühstück) mit Ihm. Dazu lade ich Ihn ein, teilzunehmen wenn Er möchte – und ziemlich häufig möchte Er. Oft nutze ich diese Zeit des Tages zum Gebet, zur Meditation, oder einfach nur dazu, mit Ihm zu reden und Ihm zu erzählen, was mich gerade so umtreibt, wenn es gerade sonst nichts von Interesse zu bequatschen gibt. Manchmal endet es damit, dass ich Ihn im Rahmen einer Visionssuche/Reise besuche. Manchmal erzählt Er mir etwas. Manchmal sitzen wir einfach nur zusammen und leisten einander Gesellschaft. Manchmal kriege ich es nicht auf die Reihe und bin so aufgewühlt, dass ich nicht mal mit Ihm in Kontakt komme. Manchmal kommt Er gar nicht, aber nimmt trotzdem die Opfergaben. Dass Er mal eine verschmäht hätte, ist noch gar nicht vorgekommen.

Ein beachtlicher Teil meiner täglichen Praxis während der letzten Monate bezog sich auf den Umstand, dass ich gerade dabei war, meine Promotion zu vollenden. Wann immer ich mich hilflos, ängstlich, gestresst oder erschöpft fühlte – und das kam häufig vor – würde ich mich an Ihn wenden. Manchmal war das einfach nur ein emotionales Abladen, aber es kam durchaus auch vor, dass Er mit mir an etwas arbeitete, und mir half zum nächsten Schritt zu kommen. Falls es Euch interessiert, es war nicht immer angenehm. Aber es war unglaublich effektiv, und bei allem Unangenehmen gab es auch so viele Gelegenheiten, wo ich Seine Hilfe durchaus auch als angenehm empfand.

Auf jeden Fall beinhaltet meine Praxis Vertrautheit. Es ist keine Vertrautheit zwischen Gleichstehenden. Ich finde Freude, Ehrfurcht und manchmal große Verwunderung in der Tatsache, dass Er meine Gefühle erwidert (zumindest insofern ich die Seinen überhaupt verstehe).

Tagsüber gehe ich meinem Alltag nach, was zumeist eine völlig weltliche Angelegenheit ist.

Wenn ich Zeit habe, studiere ich meine Götter, die Mythologie, die historische Praxis, etc. Wie ich eingangs sagte, bin ich Rekonstruktionistin, und das nehme ich schon ernst.

Abends zünde ich Lokis Altar und, wenn es angebracht ist, andere Schreine an, und verehre meine Götter – abhängig von der Situation – zumeist, indem ich Ihnen opfere. Was die anderen Gottheiten betrifft, bringe ich Ihnen Opfer zum Zeichen meiner Dankbarkeit, oder um Sie um einen Gefallen zu bitten. Manchen, zum Beispiel Baldr, Laufey, und manchmal Sigyn (und natürlich Loki!) opfere ich ohne speziellen Grund außer zur Pflege meiner kultischen Verbindung mit Ihnen. Kleine, tägliche Rituale sind insgesamt ein wesentlicher Bestandteil meiner Praxis.

shrine1Sati: Ich denke, meine Praxis ist nicht sehr viel anders als die von Myriad. Wir verwenden beide Schreine, wir haben beide unsere täglichen Rituale und wir sind beide eng mit einer und locker mit weiteren Gottheiten verbunden. Meine reguläre Praxis ist recht einfach gehalten. Den Hauptteil bilden meine täglichen Opferungen am Morgen sowohl an meinem großen Schrein für mehrere Gottheiten als auch an meinem Seth Schrein. Ich opfere Speisen und Wasser und verbinde das normalerweise damit die Opferungen des Vortages zu essen, was Teil meines Rituals ist und für die zyklischen Aspekte der Schöpfung steht. Ich werfe die Opfergaben nicht weg, sondern ich opfere den Göttern und erhalte auch etwas von ihnen. Am Abend verbringe ich meist etwas Zeit mit Seth allein. Ich opfere Wein oder Speisen, plaudere mit ihm, meditiere in seiner Anwesenheit, wenn ich das Gefühl habe, dass er mir etwas sagen möchte oder gehe einfach meinen Beschäftigungen nach während er da ist.

Ich lese und studiere viel wann immer es meine Zeit erlaubt. Ich bin ein recht vielbeschäftigter Mensch, denn ich bin beruflich selbständig und mache derzeit eine Osteopathie-Ausbildung die mich sehr in Anspruch nimmt. Und ich sehe auch meine Online-Kommunikation mit meinen Mit-Kemetics als religiöse Praxis an, daher versuche ich so viel Zeit wie ich kann in unseren Online-Gruppen und virtuellen Treffpunkten zu verbringen. Meine Gemeinschaft bedeutet mir viel und ich möchte gern auf dem Laufenden sein, was in ihrem Leben geschieht und ob es ihnen gut geht.

3. Wie sah die gemeinsame Zeit bei Euch aus. Was war anders?

Sati: Das Überraschende war, dass ich keinen allzu großen Unterschied feststellen konnte. Ich hatte einen Loki Schrein in meiner Wohnung errichtet, was ziemlich ungewöhnlich ist, denn ich bin ja nicht Asatru aber es schien dann so normal, dass da plötzlich zwei Personen das gleiche ihren Göttern zu Ehren taten. So wie Myriad mein Gast war, war es auch Loki und was mich am meisten beeindruckte war Seths Gastfreundschaft. Da mir aufgefallen war wie kompliziert er manchmal ist, wenn es darum geht evtl. nicht genügend Aufmerksamkeit angesichts meiner Praxis für andere ägyptische Götter zu erhalten, war er erstaunlich großzügig gegenüber Loki. Er hat sich natürlich schon noch wie der Herr des Hauses verhalten – was er ja schließlich auch ist – doch ich war sehr erfreut, dass er Myriad so freundlich willkommen geheißen hat, nachdem er Besuchern gegenüber eher reserviert ist (was ja selten genug vorkommt, da ich keine besonders gesellige Person bin).

Es war sehr interessant für mich die intimsten Momente von jemand anderem mit seiner Gottheit zu erleben. Und es fühlte sich erstaunlich natürlich an die Dinge zu teilen, die ich sonst nie mit anderen Leuten teile. Und es fühlte sich kein bisschen seltsam an in Myriads Anwesenheit mit Seth  laut zu sprechen und ihr zu erzählen, was er zu mir sagt.

Neu war natürlich die Myriad-und-ich-Zeit. Ich bin es nicht gewöhnt mit einer weiteren Person zu leben. Ich habe meine täglichen Rituale und kleinen Zwanghaftigkeiten, da ich Aspie bin, und bin mir derer oft nicht bewusst, fühle mich aber schnell destabilisiert, wenn sie irgendwie gestört werden. Aber Myriad war so bedacht und rücksichtsvoll sich an meine Gewohnheiten anzupassen, dass es keinen Moment gab, wo ich mich unwohl fühlte.

Loki by Myriad

Myriad: Was war anders… naja, also zunächst mal bin ich nicht so früh aufgestanden… nein, ernsthaft, ich musste meinen Schlafrhythmus ziemlich anpassen, weil Sati eine richtige Nachteule war, als ich zum ersten Mal zu Besuch bei ihr war. Darüber hinaus… es war anders, aber zugleich war es auch genau das Gleiche.

Die Unterschiede lagen im Detail. Ich verbrachte weniger Zeit damit, einfach nur bei Loki zu sitzen, als ich gewohnt war. Entsprechend kam meine Meditationsroutine auch ein bisschen aus der Bahn. Natürlich gab es auch den Unterschied, dass eine andere Person anwesend war. Ich bin Einzelgängerin, vor Allem was meine Verehrung von Loki betrifft. Vielleicht bestand in dieser Gemeinschaft mit jemand anderem der größte Unterschied zu dem, was ich gewöhnt war. Sati und ich unterhielten uns stundenlang über unsere Götter, unsere Religionen, unsere Praxis. Wir sprachen auch über ein paar der sehr persönlichen Aspekte unserer Götterbeziehungen. Das Wunderbarste war, dass wir einander wirklich nachvollziehen konnten, obwohl wir sehr unterschiedliche Persönlichkeiten mit unterschiedlichen Hintergründen sind.

Wie Sati schon sagte, ist die Intimität zwischen einem/einer Verehrer/in und seinem/ihrer Gottheit etwas Außergewöhnliches, das sich normaler Weise nicht einfach mitteilen lässt. Aber diese Schwierigkeit des Teilens, einfach durch die gelebte, getane Praxis, war für mich mit Sati gar nicht spürbar.

Ich denke, dass wir beide, während der gesamten Zeit meines Besuchs, auf eine Art mit unseren Göttern in Verbindung standen, die für mich neu war. Es war, als würden wir gegenseitig unsere Hingabe verstärken… oder was auch immer es war, das da passierte; im Ergebnis war es ein klösterliches Erlebnis für uns beide.

4. Wie habt Ihr Euch in Anwesenheit Eurer Götter gefühlt? Haben sie voneinander Notiz genommen?

Sati: Auf jeden Fall haben sie voneinander Notiz genommen. Ich hatte sogar das seltsame Gefühl, dass sie einander schon kennen. Ich hatte ja den Loki Schrein errichtet bevor Myriad mich besuchte, weil ich wollte, dass sie sich zu Hause fühlt und Loki hat das sofort bemerkt und ich fühlte seine Anwesenheit noch bevor sie da war. Und es fühlte sich erstaunlich normal an. Ich empfinde mich eigentlich als 100% Kemetic aber ich habe definitiv auch eine Verbindung zu Loki. Es gab auch einen ziemlich eindrucksvollen Moment als Loki plötzlich auftauchte und mit mir kommunizierte. Er ließ mich seine Rolle unter den Göttern verstehen, was mich tief beeindruckt und berührt hat. Ich war echt froh, dass Myriad zu diesem Zeitpunkt da war und mich halten konnte wie auch meine Erfahrung bestätigen konnte, denn das war ein sehr emotionaler Moment für mich. Ich fühle mich sehr geehrt, dass ich als nicht dem nordischen Heidentum Angehörende sowas erfahren durfte.

Myriad: Das war wirklich… sehr emotional. Loki hatte Sati ein paar Dinge über sich selbst gezeigt, über die nicht so häufig geredet wird. Weder im Kreis Seiner Anhänger, und noch viel weniger in der weiter gefassten heidnischen bzw. Ásatrú-Szene. Loki hat… eine Tendenz, sich schnell zu öffnen, aber diese Offenheit ist niemals bedeutungsloses Geplänkel. Ganz im Gegenteil: was Er teilt, das teilt Er. Und es machte mich so glücklich (für Ihn), zu sehen, dass Sati diesen Austausch als genau das verstand, was er war.

Sati: Ich muss aber auch zugeben, dass ich auch einige Problem mit Loki hatte, was auch zu einer komplizierten Situation zwischen Myriad und mir geführt hat. Ich denke nicht, dass es notwendig ist hier näher ins Detail zu gehen, aber sagen wir mal so, ich fühlte mich für etwas “benutzt” von Loki was eigentlich nicht meiner Natur entspricht. Loki ist viel zu “lustig” und frech für mich. Ich bin eher eine ernsthafte Person und ziemlich an Seths Rauhigkeit gewöhnt. Und Seth ist auch immer sehr auf ein gewisses Maß an Würde und Toughness bei mir bedacht. Er war auch nicht gerade erfreut über das wohin Loki mich hineinmanövriert hatte und drängte mich klare Grenzen zu setzen. So fühlte ich mich hin und her gerissen zwischen Myriad und Loki, denen gegenüber ich nachgiebig und tolerant bleiben wollte, und Seths Anforderungen gerecht zu werden. Aber zum Glück konnten wir die Situation lösen und ich hatte deutlich das Gefühl, dass das ein Werk von Vieren war und nicht nur von Zweien. Die wirklich einschneidende Erfahrung dabei war, dass Myriad und mir bewusst wurde, dass wir nie eine eins-zu-eins Beziehung haben werden. Es wird immer eine Vierer-Beziehung sein und wenn es Dinge gibt über die wir reden müssen, dann können wir Loki und Seth nicht ausklammern.

Seth by Sati

Seth by Sati

Myriad: *lacht* Loki und Würde… nur ganz kurz, das ist so ne Sache: Würde kann sehr unterschiedliche Bedeutungen haben für eine Verehrerin von Seth und für eine Verehrerin von Loki. Ich mein‘, also wenn man berühmt dafür ist, eine bärtige Ziege an seinen Testikeln befestigt zu haben, und anschließend von ihr… naja sagen wir, spazieren geführt worden zu sein, dann kann es schon sein, dass sowas darin zum Ausdruck kommt, was man von einer Verehrerin verlangt. Ähm, das klang jetzt komisch (und ich habe auch keinen Bart). Aber hier habt ihr ein Beispiel, was Würde für eine Loki-Verehrerin konkret bedeuten kann: Sich nicht dauernd immer so ernst zu nehmen. Da ist natürlich noch mehr, aber was ich sagen will, ist, dass Würde und Würde zwei sehr verschiedene paar Stiefel sein können. Und sowas hat natürlich Konfliktpotenzial.

Was mich betrifft, habe ich nicht unbedingt sofort feststellen können, dass Loki und Seth voneinander Notiz nahmen… bis zu meinem zweiten Besuch bei Sati. Und als das passierte, war es nicht eben angenehm. Meine Kurzfassung der Geschichte: Loki mochte eine Situation nicht, in der ich steckte, aus Gründen, die ich nachvollziehen kann. Er wollte, dass Sati eine bestimmte Rolle spielen sollte, was aber nicht so gut ankam. Die Situation eskalierte, als ich bei Sati war, und die Eskalation war ziemlich… Seth-Style. Nicht unbedingt gemäß Lokis Plan (was wiederum auch keine Seltenheit ist, und eigentlich ist niemand konkret dafür verantwortlich zu machen). Aber der Schaden war schon angerichtet. Die Situation wurde kritisch, als ich spürte, das zwischen Loki und Sati etwas aus dem Ruder lief, bezüglich der Art, wie das alles in die Luft gegangen war. Als sie das später mir gegenüber zum Ausdruck brachte und meine Befürchtung bestätigte, brachte mich das total aus dem Konzept und machte mich sehr, sehr traurig… weil ich mich plötzlich mit einer Wahl konfrontiert sah, die ich nie treffen will. Und letztlich musste ich ja auch nicht, weil wir es mit vereinten Kräften doch noch schafften, die ganze Angelegenheit zu klären. Auf Sein Betreiben hin zerrte ich Sati vor Lokis Altar, und sie schubste mich zu Seth – es gab nämlich auch von meiner Seite Klärungsbedarf. Es war im Wesentlichen ein vierfaches „Wir müssen reden“.

Sati: Du meine Güte, ja, Seth-Interventionen kommen normalerweise wie ein Sturm und hinterlassen ein Riesendurcheinander um das er sich nicht weiter kümmert. Er stürmt hinein und setzt einfach alles lichterloh in Flammen – natürlich niemals ohne guten Grund. Aber so ungefähr sieht das auch aus, wenn ich, sagen wir mal, zwei drei Hühnchen mit jemandem zu rupfen habe. Ich bin sehr tolerant, ich hab in meinem Leben eine Menge erlebt, aber es gibt einfach ein paar Dinge, die ich nicht akzeptieren kann und die gegen meine Ethik gehen und dann sage ich auch was dazu. Und ich sage es laut und unmissverständlich und ich bin ganz schlecht darin Süßholz zu raspeln. Die Leute sind dann meistens ziemlich erschrocken über meine plötzliche Direktheit. Es tat mir ein bisschen leid, dass Myriad dieses “Gewitter” mitbekommen hat und ich habe mir ehrlich Sorgen gemacht, dass ich sie erschreckt haben könnte. Und erstaunlicherweise stellte ich fest, dass auch Seth davon nicht unberührt blieb. Ich denke, deshalb konnten wir die Situation auch so schnell klären.

Myriad: Was Sati und ich beide aus der Gelegenheit lernten, war, wie wichtig uns beiden unsere Götter sind, und wie sehr Sie uns auch als Ihre Verehrerinnen schätzen, und dass das hier nur als Vierer-Beziehung läuft, oder gar nicht.

Aber um nochmal auf Präsenz zurück zu kommen… Sie waren sehr präsent. Stark, unglaublich schön, alle beide. Sie waren sehr oft anwesend. Ich kann mich insbesondere an einen Abend erinnern, als ich mit einem Paar Stiefeln herumalberte, das Loki sehr an mir mochte. Hauptsächlich, weil ich damit buchstäblich ein tänzelndes Pony war. Es gab sehr viel Ausgelassenheit, aber… irgendwann musste ich dann doch die Spielverderberin sein, weil Loki nicht besonders schüchtern ist Seine Begeisterung kundzutun, wenn Ihm was gefällt.

Apropos Schüchternheit: Ich fühlte mich in Anwesenheit von Seth schüchtern; Er ist in vielerlei Hinsicht sehr anders als Loki, nicht nur im Zusammenhang mit Würde. Zum Beispiel mag Seth eigentlich keine Menschen, während Loki… einfach Loki ist. Ich fand Seth einschüchternd, aber nicht unfreundlich; tatsächlich war ich überrascht, dass Er meine Anwesenheit zu schätzen schien. Entsprechend konnte ich mich nach einer Weile ausreichend entspannen, um Dinge um Seinen Schrein herum zu tun – etwa, mich um Opfergaben und/oder Kerzen zu kümmern.

Darüber hinaus haben Sich die Götter öfters zu erkennen gegeben. Ich war von Satis gesamten Hauptschrein ehrfürchtig erstaunt; insbesondere von Amun. Er war sehr golden, auf eine attraktive Art. Nicht wie Baldr, der übrigens selbst sowohl golden als auch attraktiv ist. Als wir im ägyptologischen Museum in München waren, sahen wir zwei Statuen, die „zusätzlichen Wumms“ hatten. Eine war eine Sekhmet-Statue, und die andere war… schwarz, mit überaus bewundernswert geformten Schenkeln und ohne Kopf. Sati und ich dachten beide spontan an Seth, obwohl das natürlich nicht wirklich eine Seth-Statue war. Aber egal, interessierte in dem Moment eher niemanden.

Ansonsten hatten Loki und Seth so eine Art Alpha-Männchen-Ding laufen. Opfergaben… jep, Opfergaben waren in. Ich glaube nicht, dass Seth sich für Kaffee erwärmen konnte, bevor Loki welchen von mir bekam.

Sati: *lach* Nein, ich habe Kaffee als Opferung schon zuvor versucht und es kam gar nicht gut an. Aber als Myriad ihre Opferungen machte, bemerkte ich plötzlich dieses “Ich will auch das was er kriegt.” So fand ich mich plötzlich Dinge opfernd, die ich nie vorher geopfert hätte. Kaffee mit Kardamom und Zimt war’s dann.

5. Habt Ihr das Gefühl, dass ihr einander beeinflusst habt? Wenn ja, wie?

Sati: Also der größte Einfluss den ich gefühlt habe war Stärke. Es bestärkt mich in meiner eigenen Praxis eine andere Person ebenso liebend, respektvoll ihren Göttern  gewidmet zu sehen wie ich den meinen. Ich meine, mal ehrlich, religiöse Hingabe wird doch heute eher belächelt. Leute die religiös sind werden entweder als “extrem(istisch)” oder irgendwie als naiv, unreif und der Eigenverantwortung unfähig angesehen und was es sonst noch für öde Vorurteile über Religiosität gibt.

Myriad: Ich glaub’ schon , dass wir einander beeinflusst haben. Für mich war es besonders überraschend, dass ich mit jemandem über meine Erfahrungen und das, was gerade in meinem Leben passiert, reden konnte. Eines der besten Gespräche überhaupt war eine Diskussion über Zweifel, Ängste, und darüber, was eigentlich die Wirklichkeit wirklich macht. Dieses Gespräch hat mir die Augen geöffnet, weil es vorgekommen war (und zum Teil immer noch vorkommt, aber seltener und seltener), dass ich aber auch wirklich jedes noch so kleine Detail meines religiösen Lebens in Zweifel zog. Sati war da außerordentlich hilfreich und konnte mit ihrer weit größeren Erfahrung als Polytheistin sehr gute Denkanstöße geben.

Sati: Ein weiterer Aspekt ist, dass es oft zu tieferen Einsichten in der eigenen Tradition führt sich mit anderen paganen Religionen zu befassen, wenn die Kommunikation offen und respektvoll ist, was definitiv der Fall war. Die Tatsache, dass wir beide streng polytheistisch sind vermied jeden Zweifel darüber, dass Loki und Seth beides verehrbare Gottheiten sind und nicht irgendein seltsames philosophisches Konzept oder gar Archetypen. Und es bestätigte mich wiederholt in der Erkenntnis Vielheit als grundlegende Sichtweise zu adaptieren so tröstlich one-source-theories oder universalistische Konzepte manchmal scheinen mögen.

Myriad: Wir ermuntern einander, zu studieren, und das bezieht auch vergleichendes Studieren mit ein. Das darf man jetzt nicht falsch verstehen: es handelt sich um getrennte, verschiedene Traditionen. Keine von uns ist synkretistisch. Aber wir erkennen beide an, dass nichts im Vakuum passiert, und dass sich religiöse Traditionen entsprechend der kulturellen Situation entwickeln. Und wenn die kulturelle Situation vorgibt, dass wir auf engem Raum mit Anhängern einer anderen Tradition zusammenleben, dann wäre es nur lachhaft, nicht auch mal auf den metaphorischen Teller der anderen zu gucken.

Sati: Eine wichtige Erfahrung für mich ganz persönlich war in meiner religiösen Identität gemocht zu werden. Ich meine, sicher, ich habe meine Kemetics im Internet, doch als Kemetic UND als Seth Verehrerin hat man nicht gerade viele Fans in der deutschsprachigen Heidenszene. Seth ist meist nur im ritualmagischen oder sonst wie okkulten Kontext bekannt, was so gar nicht mein Ding ist. Ich bin im Prinzip daran gewöhnt allein zu sein zumal ich ohnehin nicht außerordentlich gesellig bin. Und natürlich macht mich Seths Einfluss auch zuweilen ein bisschen impulsiv und schwer einschätzbar. Daher war ich sehr positiv überrascht über Myriads Vertrauen mit mir UND Seth in meinem Zuhause Zeit zu verbringen und sowohl ihre Zugewandtheit zu mir sowie ihren Respekt für Seth zu erleben.

Myriad: Wir schätzen beide aneinander unsere religiöse Hingabe. Unser Alltag ist unseren Göttern gewidmet, und wir haben beide erfahren, wie selten das in einem Menschen ist.

Myriad

Sati: Und anscheinend haben Myriad und ich einen ziemlich Eindruck bei Leuten hinterlassen. Ich bin mehrfach gefragt worden, ob wir Schwestern sind, dabei sind wir so grundverschieden. Myriad ist extrovertiert, witzig, klug, eloquent und unglaublich hübsch. Sie trägt immer bunte Kleidung und ihre leuchtend roten Haare sind ein echter Hingucker. Sie lacht und lächelt viel und fängt auch mal an spontan mit Leuten zu tanzen oder zu singen (da sie Opernsängerin ist, kann sie auch unglaublich schön singen). Ich fühle mich eher wie das glatte Gegenteil. Ich trage meistens schwarz und bin eher die dunkle, stille, mysteriöse Gestalt in der Ecke, die die Leute beobachtet, aber dennoch aus unerfindlichen Gründen Aufmerksamkeit auf sich zieht. Ich bin ja auch Aspie, daher habe ich in Gesellschaft manchmal meine Probleme, aber mit Myriad zusammen habe ich mich sehr sicher und ruhig gefühlt und vieles fiel mir deutlich leichter, so dass es mir sogar gefiel unter Leuten zu sein.

Sati

 

Myriad: Wir bringen gegenseitig unsere Schokoladenseite zum Vorschein, wenn man will. Wir sind zweimal ausgegangen (dreimal wenn man die Feierlichkeiten zum Abschluss meiner Promotion mit einbezieht). Jedes Mal waren wir ungeschlagen die beiden schönsten Menschen im Raum – und nicht etwa, weil der Raum leer oder mit besonders hässlichen Menschen gefüllt gewesen wäre. Ich glaube wir bringen an einander zum Vorschein, wie unsere Götter uns beeinflussen [LOL klingt das albern, aber so sieht es aus, Leute].

 

6. Hat Euch irgendetwas gefehlt oder habt Ihr Euch in Euer Praxis irgendwie eingeschränkt gefühlt?

Sati: Ehrlich gesagt kaum. Als ich Myriad besucht habe, hat mir natürlich meine Wohnung gefehlt, da sie sozusagen mein Tempel ist. Alle meine Schreine sind dort, mein großer Schrein für mehrere Gottheiten, mein Seth Schrein, mein Akhu (=Ahnen) und Heka (=Ägyptische Magie) Schrein. Aber wenn ich verreise habe ich immer meinen kleinen Reiseschrein dabei, den ich bei Myriad auf Lokis Altar stellen durfte, also war da gar nicht mal viel, was mir fehlte. Meine Katze habe ich aber arg vermisst. Und was mir auch ein bisschen abging war der Kontakt zu den anderen Kemetics und unsere Gespräch über Geschichte, unsere Tradition oder auch einfach nur das Gescherze auf Facebook. Das mag sich seltsam anhören, aber ich empfinde die Zeit die ich mit meinen Mit-Kemetics verbringe auch ein bisschen als Teil meiner Religiosität und ich versuche ihnen so viel meiner Aufmerksamkeit wie möglich zu widmen auch wenn’s nur ums Spaß haben geht.

Myriad: Ich habe meine Meditation vermisst, und die längeren Gebete, als ich zum ersten Mal zu Besuch war, aber die ganzen tollen anderen Sachen, die passierten, haben das mehr als wettgemacht. Während meines zweiten Besuchs und während Satis Besuch bei mir kam ich viel besser zu Allem.

7. Welche Ideen und Inspirationen habt Ihr aus der gemeinsamen Zeit gewonnen?

Sati: Viele kreative Dinge. Wir sind beide handwerklich begabt und Myriad hat mich auf einige tolle neue Ideen für Opferungen sowie Handgearbeitetes zu Ehren Seths gebracht. Wie z.B. eine Devotionalien-Halskette, die mit sieben handgemalten Perlen für sieben von Seths überlieferten Beinamen bestückt ist. Ich bin ja auch Schneiderin und habe schon lange nicht mehr geschneidert, doch nun habe ich eine lange Liste von Kleidungsstücken, die ich für Myriad machen möchte.

Myriad im Bliaut made by Sati🙂

Myriad: Sati ist diejenige, die mich dazu inspiriert hat, Brettchenweben zu lernen – etwas, das bei meinen Göttern ziemlich gut ankam und wofür ich auch möglicher Weise eine Art Talent habe.

Brettchenborten-Lesezeichen (von Myriad)

Ich war natürlich auch von Satis kultischer Praxis beeindruckt. Als ich heimkam, wollte ich unbedingt mehr Schreine, und Statuen, jede Menge Statuen. Das Problem ist, dass ich die Ästhetik der meisten kommerziell verfügbaren Statuen der nordischen Götter wirklich nicht ausstehen kann. Daher habe ich bisher immer meine eigenen Darstellungen verwendet: Acrylgemälde auf Leinwand. Das funktioniert gut, und meine Götter finden sie schon an sich ganz schick (obwohl ich immer wieder gefühlt eine Million Perspektivenfehler ausmache). Jedenfalls wollte ich Statuen, und Skulpturen, und geschlossene Schreine, als ich heimkam. Tatsächlich will ich auch immer noch manches davon, obwohl ich mir nicht mehr sicher bin, wie gut geschlossene Schreine mit den nordischen Göttern funktionieren. Aber Skulpturen möchte ich nach wie vor, und werde wohl meine eigenen anfertigen. Und neulich fanden auch zwei kleine Portraits von Seth und Ma’at ihren Weg in mein Wohnzimmer.

Sati: Und wir hatten außerdem das Gefühl, dass wir unsere Erfahrung teilen sollten und haben begonnen an einem Seminarkonzept zu arbeiten um über polytheistische Religion und Praxis zu berichten. Da es uns beiden wichtig ist historisch gut informiert und gebildet zu sein bin ich guter Dinge, dass wir einen vernünftigen Einblick vermitteln können, was es bedeutet inmitten der Gesellschaft Polytheist zu sein. Sowohl Myriad als auch ich sind ja keine seltsamen Freaks oder gesellschaftlichen Randfiguren (mal abgesehen von meinen Asperger-bedingten Einschränkungen). Myriad hat einen Doktortitel in Informatik und ich bin gerade mitten in meiner Ausbildung zur Osteopathin, die ich hoffentlich mit einem M.Sc. abschließen können werde; und ich kümmere mich um Patienten und gehe osteopathischer und medizinischer Forschungsarbeit nach.

Myriad: Aufgrund unserer Interfaith-Tempel-Situation, und unserer geteilten Leidenschaft für unsere Götter kamen wir auf die Idee, Seminare über polytheistische Religionen in unserer Region anzubieten. Im Moment haben wir beide ziemlich viel um die Ohren, aber wir denken es ist wichtig, dass wir das machen. Ich denke, es ist wichtig, zu zeigen – und zwar am gelebten Beispiel – was Polytheismus beinhaltet, wie eine religiöse Praxis aussehen kann, und dass es Menschen gibt, die die Götter als Gott-Personen verehren.

Loki und Seth

8. Was war für Euch anders als erwartet?

Sati: Also grundsätzlich hatte ich mir alles viel befremdlicher vorgestellt und uns eher schüchtern hinsichtlich unserer Praxis. Aber letztendlich war alles unerwartet einfach und toll. Es war einfach wunderschön gemeinsam bei unseren Schreinen zu sitzen, Wein und Speisen mit unseren geliebten Göttern zu teilen und die morgendlichen Opferungen gemeinsam zu begehen. Und ich bin mir sehr sicher Seth und Loki hat das auch gefallen.

Myriad: Ja, absolut. Komisch, wie man sowas manchmal einfach weiß.

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