Heka – Magische Praxis im Kemetismus (KRT)

KRT
„Ein entscheidendes Merkzeichen der geistigen Struktur des Ägypters bildet seine Verhaftung an die Magie. Unter ihrem Zeichen stehen sein Denken und sein Glauben, und vollends wird das Leben des Alltages von ihr umfangen.“
.

Treffender als Hans Bonnet in seinem Lexikon der ägyptischen Religionsgeschichte könnte man die Bedeutung der Magie im Alten Ägypten wohl nicht umschreiben.

Heka oder Magie?

Magie im Alten Ägypten war weitaus weniger zwielichtig und mystisch, als man sie heute im Allgemeinen empfindet. Im Grunde ist „Magie“ als Übersetzung für „Heka“ sogar etwas irreführend. Das Mystische an diesem Begriff resultiert hauptsächlich aus dem ihm inzwischen anhaftenden okkulten Beigeschmack zu dem letztlich auch die Abkehr von alten naturreligiösen Traditionen und die Hinwendung zu den (monotheistischen) Sekundärreligionen beigetragen hat, welche magische Alltags- oder Kulthandlungen schlichtweg zu Ketzerei erklärt haben. Sogar schon bei den Griechen und Römern haftete der Magie etwas Unheimliches an. Dabei leitet sich „Magie“ vom altiranischen „mager“ ab, was wiederrum seinen Ursprung im Indogermanischen „magh“ hat und letztlich nichts anderes als „können“ oder „helfen“ bedeutet. Auch das Wort „Macht“ hat hier seine Wurzeln. So gesehen ist Magie also nichts anderes als die Fähigkeit in bestimmten Sphären der Wirklichkeit agieren zu können und darin bestimmte Kräfte lenken zu können.

Heka = Schöpfungskraft

Im Alten Ägypten, wie auch im modernen Kemetismus war und ist Heka allgegenwärtiger Teil des Alltags und damit nichts Außergewöhnliches. Auch ist es weder “gut” noch “böse” sondern vielmehr ein neutrales Werkzeug, dass ganz selbstverständlich genutzt wird. Das wird vielleicht noch deutlicher, wenn man sich vor Augen hält, was Heka im Grundsatz ist, nämlich nichts anderes als eine Personifikation der reinen ursprünglichen Schöpfungskraft. Diese Kraft steht wiederrum im Kontext einer Schöpfung, die sich nicht als einmal vollbrachtes Werk versteht, sondern als ein fortwährend andauernder Prozess, an dem alle lebenden Wesen tagtäglich teilnehmen. So ist es eben auch geradezu eine Selbstverständlichkeit, dass jeder Mensch in der Lage ist die Schöpfungskraft selbst zu nutzen und dabei auch die Grenzen des unmittelbar Greifbaren zu überschreiten. Was den Göttern wesenhaft zu Eigen ist, ist damit auch für den Menschen unter bestimmten Voraussetzungen erreichbar und nutzbar.

Heka

“hk3”

Heka und Religion

Heka ist in die ägyptische Religion vollkommen eingebettet, beides gehört untrennbar zusammen, was besonders im Totenkult deutlich wird. Die Toten wurden mit einer Reihe von magischen Handlungen und Utensilien für ihren Weg ins Jenseits vorbereitet und ausgestattet. Damit unterscheidet sich die ägyptische Religion z.B. klar von der christlichen, die zwar durchaus Elemente enthält, die man als magisch bezeichnen könnte, aber dennoch Magie als „Ketzerei“ verurteilt. Anstelle der christlichen Frömmigkeit tritt im Kemetismus daher ein sehr pragmatischer Umgang mit dem Heiligen und Göttlichen, was aber trotzdem den Respekt und die Ehrfurcht davor in keiner Weise schmälert. Jan Assmann schrieb in seinem Buch über den ägyptischen Totenkult einmal, dass sich der Mensch im Rahmen der Kulthandlungen – das schließt auch alltagsmagische Handlungen mit ein – geradezu auf die Ebene der Götter erhebt, anstatt – wie es eher für den Monotheismus typisch wäre – den Gott/das Göttliche auf die Ebene der Menschen herabzurufen. Der Mensch unterwirft sich dem Göttlichen nicht, er vergöttlicht sich – temporär und wiederkehrend im Rahmen des Kultes – selbst. Daher haben auch Gebete im kemetischen Kontext sehr viel mehr die Qualität von Beschwörungen als von frommen Bittgesuchen. Die Göttliche Sphäre ist im Kemetismus der menschlichen also deutlich angenähert und die ritualisierten Kulthandlungen wie auch das Praktizieren von Heka als “Volksmagie” ist das Bindeglied zwischen beiden. Damit sind Gott und Mensch gleichermaßen Diener der Schöpfung und der ihr innewohnenden Ordnung Ma’at.

Heka und Medizin

Heka ist eine gestaltende und gestalterische Kraft. Sie tritt nicht nur in der Schöpfung selbst durch das Wirken der Götter in Erscheinung, sondern manifestiert sich letztlich auch in der menschlichen Kreativität, ganz gleich in welchem Bereich. Sie ist sogar auch heilende Kraft, denn die altägyptische Medizin zieht keine Grenze zum magischen Wirken, versteht sogar Krankheit als das Wirken von disharmonischen mitunter bösen Kräften, die ausgeglichen, transformiert oder bekämpft werden müssen. Hierbei finden unterschiedliche Materialien Verwendung. Neben Amuletten und Fetischen, Salben, Kräutern und Harzen kennt die kemetische Religion auch eine ausgesprochene „Dreckmagie“ zu der Substanzen wie Kot, Urin oder Blut zählen. Rege Verwendung finden auch unterschiedliche Beschwörungsformeln und Sprüche, denn ein sehr wichtiger Träger von Heka ist das gesprochende und das geschriebene Wort. Dass hier die “heiligen Zeichen” also die Hieroglyphen natürlich eine große Rolle spielen ist naheliegend.

Papyrus Ebers, ein Medizinpapyrus
(Quelle: Wikipedia)

Heka als Gottheit

Die kemetische Religion bedient sich einer besonderen Methode um bestimmte Kräfte, Qualitäten oder Konzepte greifbarer zu machen, sie personifziert sie zu Gottheiten. Damit reiht sich auch Heka in die Gruppe der Personifikationsgottheiten ein, zu der auch Sia (“die Erkenntnis”) oder Shay (“das Schicksal”), aber auch Ma’at (=kosmische Ordnung) gehören. Der Gott Heka erscheint in Esna in einer Triade als Sohn des Schöpfergottes Chnum und der kriegerischen Kronengöttin Menhit. Er gilt aber auch als der Sohn des Schöpfergottes Atum. Seine Darstellung als menschengestaltige Gottheit die zwei Schlangen würgt, leitet sich aus seiner Hieroglyphe ab, nämlich zwei in einander verschlungene Seile zusammen mit dem Ka-Symbol zweier erhobener Arme. Diese Schreibweise impliziert zweierlei, nämlich das “Händeln” oder Beseelen mit der überall in Erscheinung tretenden Lebenskraft Ka – Heka gilt auch als der Schöpfer des Ka – aber auch das Ver-Knüpfen von Dingen, wie letztlich auch das Beherrschen von bösen oder destruktiven Kräften, die im negativen Aspekt der Schlangen bzw. ihres Giftes verkörpert sind. Der Einsatz von Schlangengift fand ja nicht zuletzt in der Medizin Anwendung und Priester mit entsprechender Bildung waren somit die “Magier” dieser Substanzen.

Heka als Gottheit (Wikipedia)

Heka in meinem Leben

Meine persönliche Auffassung ist: alles was mich umgibt ist Heka und ich bin ein agierender Teil davon. Es ist aus meiner Sicht also eigentlich unmöglich Heka nicht zu praktizieren, denn was immer man tut, man arbeitet mit der immanenten alles beseelenden Schöpfungskraft. Einzig das persönliche Bewusstsein darüber variiert, man kann daher lernen bewusster damit umzugehen. Dazu gehört sie in allem wahrzunehmen und Erfahrungen damit zu machen, wie sie sich manifestiert, wie sie wirkt und welche Qualität sie hat. Meine Tätigkeit als Osteopathin leistet mir darin ebenso gut Dienste, wie mein langjähriges Interesse an sehr vielen verschiedenen Religion, Traditionen und spirituellen Wegen, aber auch mein Interesse an Psychologie, Neurologie, Verhaltens- und Gehirnforschung, Biologie – und last but not least: der Mensch selbst als soziales und individuelles Wesen.

Darüber hinaus nutze ich – dieses Wissen miteinschließend – natürlich auch traditionelle Rituale und magische Handlungen. Dabei halte ich mich möglichst nah an historische Grundlagen oder tausche mich mit anderen kemetisch Praktizierenden über deren Praxis und Erfahrungsschatz aus. Sobald man die vorherrschenden Kräfte und Dynamiken wahrnimmt ist es nur natürlich bewusst mit ihnen zu arbeiten, statt sich ihnen passiv auszuliefern.

Heka heißt also durchaus nicht sich mit ein bisschen Zauberei einfältige Wünsche zu erfüllen, sondern vielmehr als bewusstes Wesen auch im Kontext des weniger Offensichtlichen koordiniert und reflektiert zu handeln. Genauso wie ich als Heilkundige in einen lebenden Organismus eingreife um Systeme auszugleichen oder Funktionen zu beeinflussen, handele ich auch im lebenden Organismus der Schöpfung die mich umgibt.

Außerdem ist Heka ein wichtiger Teil meines sozialen Lebens unter Kemetics. Viele meiner Freunde leben weit weg von mir z.B. in Spanien, USA, England… Aber wir helfen uns gegenseitig in allen Belangen des täglichen Lebens und wenden dabei Heka an. Wann immer jemand Kraft, Hilfe oder Beistand braucht und in unseren Online-Plattformen einen entsprechenden Hilferuf verlauten lässt, wird von sofort von vielen Seiten versichert “I am sending some heka.” oder “Heka is one the way to you”. Für uns eine vollkommene Selbstverständlichkeit und ich kann nur sagen: es funktioniert!

This entry was posted in "Kemetic Round Table", Deutsch, Kemeticism • Kemetismus, Practice • Praxis and tagged , , . Bookmark the permalink.

2 Responses to Heka – Magische Praxis im Kemetismus (KRT)

  1. Pingback: Heka: The Basics | Kemetic Round Table | Kemetic Round Table

  2. Pingback: Kemetische Rituale – Impressionen | Kemetic Insights

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s