Wie wirkt sich der Kemetismus auf mein tägliches Leben aus? (KRT)

521984_477120542348434_1126679412_nEiner der wichtigsten Aspekte meiner Hinwendung zum Kemetismus war die Begegnung mit dem Tod. Sicher gibt es noch genügend andere nennenswerte Aspekte, doch für mich war das immer ein zentrales Thema, dass sich auf sehr vielschichtige Weise durch die ganze Tradition zieht.

Der Tod in meinem Leben

Zudem begleitet mich der Tod bereits von klein auf. Ich bin neben einem großen alten Friedhof aufgewachsen, den ich als kleines Mädchen oft in Begleitung einer Nachbar-Oma besuchte, später nachdem sie gestorben war alleine und häufig fand mich auf unerklärliche Weise in einem Gefühl erweiterter Wirklichkeit wieder, was mich in jungen Jahren nicht selten erschütterte. Sprechen konnte ich mit niemand darüber, vor allem nicht mit meinen Eltern.

Auch später habe ich immer wieder Menschen getroffen, die kurz vor dem Tod standen, habe Sterbenden und Verstorbenen die Hand gehalten und totkranke Menschen eine Zeitlang begleiten dürfen. Und letztendlich konfrontiert mich meine Tätigkeit als Heilpraktikerin auch unweigerlich mit der menschlichen Sterblichkeit oder auch nur mit der Haltung der Menschen zum Tod.

C.D. Friedrich – Kügelgens Grab
Wikimedia Commons

Der Tod ist ein Thema, das in unserer Gesellschaft gern ausgeklammert wird. Tritt er irgendwo in Erscheinung, wird er möglichst spurlos „entsorgt“. Leichenzüge gibt es nicht mehr, Gräber bestehen maximal für einige Jahre, der Trend geht immer mehr hin zum anonymen Begräbnis und Ahnenkulte sucht man ebenfalls vergeblich. Stattdessen werden utopische Ideale ewiger Jugend und Fitness verfolgt, notfalls mit Skalpell, Tablette und Spritze und Menschen die dem Tod nah sind verbringen ihren Lebensabend nicht mehr wie früher im Kreis der Familie, sondern warten im Pflegeheim oder im Krankenhaus auf ihre letzte – vermutlich einsame – Stunde.

Tod im Kemetismus

Während der Tod in vielerlei Hinsicht aus dem modernen Leben verbannt wurde, ist er im Kemetismus geradezu der Ausgangspunkt aller Tradition. Jan Assmann umschrieb dies mit den Worten, die Ägypter betrachteten das Leben vom Tode her. Dabei geht es keineswegs um eine Form der Lebensverneinung und Todessehnsucht, sondern vielmehr darum den Blick auf Werte zu richten, die auch im Angesicht des Todes Bestand haben. Oft wird die kemetische Tradition als „nekrophil“ betrachtet, der Mumienkult als befremdlich und beinahe grotesk empfunden und daher oft missverstanden bzw. für allerlei (pseudo)okkultistische Verzerrungen missbraucht. Damit tut man ihr aus meiner Sicht arg Unrecht.

„Der Mensch ist das Tier, das mit dem Wissen um seine Endlichkeit leben muss, und die Kultur ist die Welt, die sich der Mensch errichtet, um mit diesem Wissen leben zu können.“ So schrieb Jan Assmann in seinem Buch „Tod und Jenseits im Alten Ägypten“ und dies gilt im Besonderen für die kemetische Kultur. Dies ist freilich die Sichtweise eines Kulturwissenschaftlers, der wohlweislich im Dienste der Wissenschaftlichkeit, die Frage nach den Dingen jenseits des physischen Todes weitgehend offen lässt. Das aber darf wiederrum Aufgabe der kemetischen Praxis bleiben. Beschäftigt man sich regelmäßig mit dem kemetischen Toten- oder Ahnenkult und den damit verbundenen Mythen, ändert sich die persönliche Sicht auf den Tod fast von ganz von allein. An dieser Stelle muss man vielleicht auch nochmals betonen, dass der Kemetismus sehr viel selbstständiges Denken und sehr viel Kommunikation mit an deren Kemeten erfordert. Schließlich gibt es keine Lehrer oder Mentoren, die eine authentische Ausübung dieser Tradition sicherstellen könnten. Das meiste muss man sich wirklich selbst erarbeiten und er-leben.

Eine mythologische Herangehensweise hat ohnehin nicht den Anspruch absolute Wahrheiten zu liefern, sondern eine maximale Annäherung an etwas zu ermöglichen, das in der altägyptischen Sprache auch „das Geheimnis“ genannt wurde. Zum einen heißt „das Geheimnis“ hier nichts anderes als „der Tod“, zum anderen aber steht dieser Begriff auch für „Heiligkeit“. Ein Geheimnis ist dabei – entgegen der modernen Auffassung – keineswegs etwas, das grundsätzlich ergründbar ist oder über kurz oder lang enthüllt werden müsste. Vielmehr ist das Geheime die Sphäre in der das Unerklärliche, das nicht unmittelbar Sichtbare und das Ewige inmitten der Sphäre des Sterblichen und Endlichen existieren darf und soll.

Die Moralisierung des Todes

Typisch für das kemetische Weltbild ist zum einen das Prinzip einer konnektiven Gerechtigkeit überschrieben mit dem Begriff „Ma’at“, das sich sowohl – gänzlich unmystisch – in der sozialen Sphäre manifestiert, als auch in einer spirituellen Dimension als kosmische Ordnung. Dabei formuliert die Ma’at lediglich ethische Richtschnüre und kein starres Regelwerk. Ma’at ist vielmehr eine dynamische Balance zu deren Gelingen jeder beitragen kann und muss. Daher beruht die Ma’at in erster Linie auf selbstständigem vorausschauendem und gemeinschaftsorientiertem Denken, nämlich darüber was richtig, gut und nachhaltig im Sinne des sozialen Miteinanders und letztlich des Erhalts der Schöpfung ist.

The Weighing of the Heart (Book of the Dead of Ani)
British Museum, Wikimedia Commons

Dieses Prinzip erhält seine spirituelle Größe u.a. dadurch, dass es über den Tod hinausreicht und mythologisch in Form des Totengerichtes einen ethischen Fluchtpunkt des Handelns erhält, der sich jenseits aller physischen Existenz befindet. So ist der einzelne stets angehalten sein Handeln, sein Denken und seine Worte fortwährend zu prüfen. Im Angesicht des Todes erlischt so jeglicher Narzissmus und Egoismus, ein Wiedergutmachen oder „Schönreden“ vor dem Totengericht – mag man dies im Neuen Reich auch mittels umfangreicher Totenliturgie versucht haben – ist  nicht möglich, denn die Götter lassen sich nicht täuschen. Schließlich sind alle Taten in der „Black Box des Lebens“ nämlich dem Herzen (Ib) gespeichert, welches anschließend mit der Feder der Göttin Ma’at, also der Schirmherrin der kosmischen Ordnung, aufgewogen wird.

Ma’at als Lebensrichtschnur

Das Prinzip der Ma’at in meinem täglichen Tun zu verwirklichen ist eine große, wenn nicht DIE größte Herausforderung im Kemetismus. Dabei geht es weniger darum zu verwirklichen, was man individuell oder auch bezogen auf unmittelbare soziale Allianzen für „gut“ hält – nur allzu leicht täuscht man sich dabei selbst und verhält sich höchst opportunistisch – vielmehr geht es darum stets im Sinne höherer, beständiger ethischer Werte zu handeln, die sich selbst nicht von vornherein in aller Vollständigkeit offenbaren, sondern vielmehr durch das unermüdliche Tun der Ma’at immer offenbarer werden. Das kann durchaus im Einzelfall auch bedeuten, sich von ethisch unvereinbaren destruktiven, sog. „habgierigen“ sozialen Bindungen freizumachen. Mit Habgier ist hier weit mehr gemeint als nur materielle Gier, es geht vielmehr um Unersättlichkeit, Egoismus und Narzissmus als Geisteshaltung schlechthin.

Oft fragen angehende Kemeten, was sie denn tun müssten um Ma’at-gerecht zu leben und ich kann nur immer wieder raten, damit aktiv zu beginnen, dabei den Austausch mit anderen nicht zu scheuen, statt nur theoretisch darüber zu sinnieren und sich diesem Prozess der „ethischen Selbsterziehung“ mit Beharrlichkeit zu stellen. Der Frage „Aber was ist denn nun richtig und gut?“ wohnt sehr oft eine innere Rebellion inne, sich diesen Werten in aller Konsequenz zu fügen – insbesondere in unserer heutigen von Narzissmus und überzogener Individualität geprägten Gesellschaft. Wie oben schon erwähnt, es gibt ohnehin keine Lehrer mit erhobenem Zeigefinger, gegen deren Regelwerk man sich auflehnen könnte.

Liebe, die den Tod überdauert

Der wohl berührendste altägyptische Mythos ist der von Isis und Osiris. Der Leichnam des von seinem Rivalen und Bruder Seth zerstückelten Osiris, wird von seiner Schwester und Gattin Isis zusammen gefügt. Der Mythos erzählt, dass sie in lauter Klage die im ganzen Land verstreuten Teile des Osiris’ einsammelt, zusammenfügt und neu belebt, indem sie ihn mit ihren Tränen durchtränkt. In Isis‘ Klage manifestiert sich die Haltung des Kemetismus zum Tod selbst, nämlich als gewaltsamen Eingriff in die Kontinuität des Lebens. Der Tod, ist immer auch ein „Mörder“ manifestiert in Gestalt des Seth, den er tötet das Leben. Er wird also keineswegs nur hingenommen, sondern man lehnt sich geradezu gegen ihn auf – und zwar Kraft der Liebe. Diese Auflehnung gegen den Tod bei gleichzeitiger völliger Hinwendung zum Tode ist etwas sehr typisches für die kemetische Tradition und bildet erstaunlicherweise eine der wichtigsten Triebfedern, sich dem Leben selbst mit aller Hingabe zuzuwenden.

Liebe – das möchte ich nicht unerwähnt lassen – hat hier keineswegs die Qualität eines romantisch verklärten Ideals, etwa wie man es aus den Romanen des 18. Jahrhunderts kennt, sondern ist vielmehr göttliche Lebenskraft schlechthin, die letztlich jedem Menschen und jeder Gottheit innewohnt. Die Allgegenwärtigkeit des Todes wird also nicht negiert, vielmehr wird er – um abermals Jan Assmann zu erwähnen – als „Krankheit“ angesehen, die mittels der Liebe einerseits und mit dem ethisch richtigen Leben im Sinne der Ma’at andererseits geheilt werden kann. Ja mehr noch, beides kann sogar von der Sterblichkeit (=“Todesbefallenheit“) an sich reinwaschen – nichts anderes stellt der detaillierte Ablauf des Totenkultes dar – und schafft als solches auf mythischem bzw. kultischem Wege Werte von ewigem Bestand. So verwundert es nicht, dass aller Tempelkult letztendlich im Totenkult sein Vorbild fand. Wer sich einmal näher mit den Totenriten befasst (die übrigens nach neueren archäologischen Quellen weitaus älter als die altägyptische Kultur sind), vermag darin vielleicht eine beinahe liebevolle Fürsorglichkeit zu erkennen z.B. wenn dem jungen Pharao Tutanchamun sein liebgewonnenes Spielzeug mit auf dem Weg ins Jenseits gegeben wird.

Mit Tod bzw. „Todesbefallenheit“ ist also aufgrund seiner moralischen und sozialen Dimension nicht nur der physische Zerfall gemeint, sondern vielmehr ein Ausgeschlossensein aus der schützenden und nährenden Gemeinschaft der Menschen, die die gleichen anti-narzisstischen Werte verfolgen. Das heutzutage zu finden und Netze zu etablieren, die von Wohlwollen, gegenseitiger Unterstützung und Interesse an nachhaltigen Synergien zum Wohle aller geprägt sind, ist ausgesprochen schwer.

Liebe und ich

Dieses Verständnis von Liebe hat mich persönlich sehr verändert und nicht selten sehe ich mich damit in der modernen Gesellschaft mit viel Unverständnis konfrontiert. Es ist mir, so muss ich immer wieder feststellen, nicht mehr möglich an dem teilzunehmen, was heute gemeinhin mit „Liebe“ überschrieben wird, ganz gleich ob es sich dabei um esoterische Fantasmen, allgemein übliches Beziehungsverhalten oder Sexualität als „vergnüglicher Tauschgegenstand“ handelt. Das macht mich – das muss ich ehrlicherweise sagen – nicht unbedingt glücklicher. Ich habe aber auch nie den Anspruch gehabt, dass der Kemetismus mich “glücklich” macht.

Sicherlich gab es auch im Alten Ägypten Ehen, Beziehungen und Familie, doch waren diese sehr viel mehr in einen sozialen Kontext eingebettet und hatten nicht die Aufgabe irgendwelche persönlichen romantischen Ideale zu erfüllen, sondern fanden gleichermaßen wie alles andere im Bewusstsein über Tod und Sterblichkeit und daraus abgeleitete soziale Verantwortlichkeiten statt. Soziale Bindungen auch über den Tod hinaus zu erhalten bzw. sie zu Lebzeiten so zu stabilisieren, dass sie von nicht weniger als ewigem Bestand sind, bildete das Fundament des Toten- und Ahnenkultes, aber auch des Familienlebens des einfachen Altägypters.

Eine Sichtweise, die heute kaum noch nachzuvollziehen ist, wo doch der nächste Partner, Freund oder Kollege nur einen Mausklick entfernt ist und der momentan Verfügbare hemmungslos emotional oder materiell ausgebeutet werden kann, ohne dass dies in irgendeiner Weise größere Konsequenzen hätte. Die Wegwerfmentalität hat inzwischen auch im sozialen Leben Einzug gehalten und bildet einen sehr scharfen Kontrast zur kemetischen Auffassung von sozialer Verantwortung. In diesem Spannungsfeld zu leben, erfordert manchmal eine sehr hohe Frustrationstoleranz und hat mich im Großen und Ganzen ziemlich einsiedlerisch gemacht.

Sunset on Nile between Esna and Edfu Fotograf: Rémih, Wikimedia Commons

Letztendlich darf es aber auch mir persönlich nicht darum gehen, meine temporären Bedürfnisse nach Gesellschaft, Vergnügen, Bestätigung oder gar Zerstreuung zu stillen, denn mit meinem Schritt hin zum Kemetismus, fiel für mich auch die Entscheidung, die Ma’at auch für meine Nachwelt durch die wenigen Jahre, die ich hier in der Sphäre der Sterblichen verbringen werde, zu erhalten. Eine Entscheidung, die ich täglich von neuem treffe.

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