UPG, Doxa oder “Aber für MICH ist das so….” (KRT)

KRT
Es gibt kaum eine Internet-Diskussion in einem wie auch immer gearteten mystisch-magischen oder spirituellen Kontext, die ohne diese gewichtigen Worte “Aber für mich ist das so…” auskommt um damit als leicht pikiertes Totschlag(pseudo)argument jeden weiteren sachlichen Diskurs auszuhebeln. Denn würde man sich sachlich argumentativ gegen diesen vehementen Ausdruck persönlichen Erlebens auflehnen, bekäme man die Rolle des unsensiblen, dogmatischen Gefühlsklotzes gleich gratis mitgeliefert. Persönliche Erfahrungen mit dem “Übersinnlichen” kritisch zu hinterfragen, stellt für die meisten einen direkten Angriff auf die Integrität ihrer Person als spirituelles Wesen dar. Ob eine solche (Über)Bewertung individueller Offenbarungen als Identifikationsgrundlage immer so gesund ist, wäre natürlich noch hinterfragbar…

Die Begriffe “UPG”  und “Doxa” hört man recht selten in deutschsprachigen Foren, was ich für einen großen Verlust halte, ermöglichen sie doch eine konstruktive Unterscheidung sowie einen souveränen Umgang mit persönlichen Erfahrungen und Erkenntnissen mit dem Ungewöhnlichen und Außerordentlichen im tradierten Rahmen wiederbelebter antiker Kulte und Religionen.

UPG – “unverfied personal gnosis”

Ein UPG ist eine “nicht-verifizierte persönliche Erkenntnis”. Ursprünglich kommt dieser Begriff aus dem Wicca Kontext und wird erstmals von Kaatryn MacMorgan in ihrem Buch “Wicca 333: Advanced Topics in Wiccan Belief (2003)” genannt. Gemeint sind damit persönliche Offenbarungen, Erkenntnisse und Erfahrungen im Rahmen einer spirituellen oder religiösen Praxis, die nicht durch historische oder mythologische Quellen eindeutig belegbar bzw. der Tradition zuzuordnen sind. Gerade im Umgang mit rekonstruierten antiken Traditionen hat dieser Begriff in der internationalen Pagan-Szene einen festen Stellenwert erlangt und erweist sich als ausgesprochen nützlich um persönliches Erleben von tradierten Inhalten sauber zu trennen, ohne das eine oder das andere grundsätzlich zu negieren. Je nach persönlichem Geschmack oder je nach Ausrichtung kann sich die individuelle Praxis vermehrt auf die traditionellen Aspekte oder die individuellen Erfahrungsinhalte stützen. Beides hat seine unumstößliche Bedeutung, eines der beiden Aspekte als kategorisch “falsch” zu bewerten, wäre äußerst kurzsichtig und einfältig gedacht.

Doxa

Auch “Doxa” ist erstaunlicherweise hierzulande ein selten verwendeter Begriff, obwohl er wesentlich älter ist. Er stammt nämlich aus der griechischen Antike, genauer gesagt von Platon, und taucht heute in Begriffen wie “Orthodoxie” oder “paradox” auf. Gemeint ist hier nun Doxa als populäre Meinung bzw. verbreiteter Glaubenssatz, der eine Art Zwischenstufe zwischen Wissen und Nichtwissen bildet. Doxa kann dabei ein Glaubensinhalt sein, der durch logische Argumentation erhärtet, aber letztlich nicht eindeutig bewiesen werden kann. Vor allem aber erhält eine Doxa ihr Gewicht durch die Zahl ihrer Vertreter und deren wiederholtes Verkünden selbiger. Eine derartige Meinung kann daher auch das Glaubensfundament ganzer Kollektive bilden und dabei ein wichtiger gemeinsamer Identitätsbildner werden. Als solche ist sie auch zweifelsohne ernst zu nehmen.

Oftmals bilden sich solche Glaubengrundsätze in bestimmten sozialen Kontexten von ganz allein, wenn Einzelaussagen und Meinungsfragmente ein gewisses Potential zur Popularität besitzen (was nicht zwangsläufig für ihre Qualität spricht). Es gibt eine Reihe solcher “Glaubenssatz-Evergreens” die in der spirituellen Szene immer wieder gern unhinterfragt abgespult werden und über kurz oder lang als fester Bestandteil einer Tradition wahrgenommen werden, selbst wenn sie mit der historischen Realität kaum übereinstimmen.

Doch ist dies durchaus kein modernes Phänomen, denn auch in der von Jan und Aleida Assmann definierten “Mnemohistorie” bilden gerade diese Glaubenssätze ein wichtiges Objekt zur Untersuchung kultureller Entwicklungen. Mnemohistorie beschäftigt sich nicht mit historischen Fakten, sondern damit, wie Geschichte erinnert wird, wie sich diese Erinnerung im Laufe der Zeit verändert hat und welche Faktoren dafür maßgeblich waren.

Manchmal resultieren aus Ansammlungen einzelner Meinungsfragmente unterschiedlicher Glaubens- und Praxisrichtungen auch neue mehr oder weniger fest umschriebene Glaubenssysteme, die dann gern als “eklektisch” überschrieben werden, wobei man im religiösen Kontext korrekterweise von “Synkretismus” sprechen müsste. Der leicht ironische Begriff “Patchwork-Religion” stellt recht bildhaft dar, was hiermit gemeint ist.

In der platonischen Philosophie bildete Wissen und Doxa ein (funktionales) Gegensatzpaar, was in der modernen Wissenschaft sogar noch zu “Irrtum und Wahrheit” verschärft wurde. Ein Irrtum hat allerdings schon die Qualität eines “Fehlers” und wertet damit die Inhalte einer Doxa unnötigerweise ab. Es wäre vielleicht passender Doxa zunächst einmal als eine Form von Illusion zu verstehen, die sich als Folge unterschiedlicher innerer Prozesse des Betrachters ergibt und vielleicht nicht so sehr über die Wirklichkeit wohl aber über diese Denkprozesse Aufschluss geben kann und als solches nicht unbedeutend ist.

Umgang mit UPGs und Doxas im Kemetismus

Wie geht man nun im Rahmen einer so reichhaltigen Kulttradition wie der kemetischen mit solchen Dingen um? Der Rahmen in dem sich persönliche Offenbarungen abspielen, ist gerade im Kemetismus oft recht eng gesteckt, will man den traditionellen Inhalten noch gebührend Rechnung tragen und nicht etwa der esoterischen Ägyptomanie bezichtigt werden. Gleichzeitig liefern aber die mannigfaltigen zum Teil widersprüchlichen mythischen Inhalte auch wiederrum viel neue Inspirationen zur individuellen Interpretation.

Ich denke, die Herausforderung besteht vor allem darin eine Balance zwischen dem Erhalt der Tradition und individueller Interpretation zu finden und damit letztlich eine konstruktive, organische Entwicklung zu ermöglichen. Ein festgeschriebener traditioneller Kontext lädt in gewisser Hinsicht geradezu dazu ein, ihn durch spirituelle Eigenerfahrung aufzubrechen und damit letztlich auch immer wieder neu zu beleben. Gleichermaßen bildet die festgeschriebene Kulttradition auch ein solides Fundament zu dem jederzeit aus geistigen Höhenflügen sicher zurückgekehrt werden kann.

Hier liegt für mich auch der ganz wesentliche Unterschied von klassischer Ägyptologie und Kemetismus. Wissenschaft und spirituelles Erleben müssen einander – obgleich sie als gegensätzlich erlebt werden können – nicht ausschließen, sondern können sich gegenseitig positiv bereichern.

Sia – die Einsicht

Auch die kemetische Tradition besitzt die Erkenntnis als spirituelle Größe. Gemeint ist hier die Personifikationsgottheit Sia zu deren Qualitäten Verstand, Weisheit und Einsicht gezählt werden. Sie steht in Verbindung mit einer weiteren Personifikationsgottheit, nämlich Hu (=der göttliche Ausspruch). Damit wird schon etwas klarer um welche Art von Einsicht es sich hier handelt, nämlich um Eingebungen aus einer Sphäre göttlicher Weisheit. Das interessante dabei ist, dass Sia nicht nur eine eigenständige Gottheit ist, sondern gleichermaßen auch eines der Seelenaspekte jedes einzelnen Menschen. Erkenntnis wird also nicht nur als Ereignis betrachtet, sondern als substanzieller Teil des Individuums und seiner Integrität als Person. Daher lässt sich vermuten, dass Sia des einen Menschen nur unscharf abgegrenzt ist von Sia eines anderen Menschen. Vielmehr sind sie über Weisheit, Verstand und Einsicht miteinander interaktiv verbunden, durch eine Art kollektives (göttliches) Bewusstsein deren Ursprung in einer Sphäre außerhalb der vom Menschen im Alltag erfahrbaren Welt zu suchen ist.

Hu und Sia stellen die wichtigsten Aspekte der Schöpfungskraft (=heka) des Sonnengottes dar. Der Ägyptologe Siegfried Schott bezeichnet sie auch als “Hilfsgötter der Willensbildung”. Im Hinblick auf ihre Qualitäten “Weisheit, Verstand und Einsicht” wird schon erahnbar, dass es hier nicht um eine Willensbildung im Sinne niederer Triebe und gieriger Bedürftigkeiten geht, sondern um eine höhere Form der Willensbildung. Nämlich der auf Einsicht und Weisheit beruhende Wille, der kosmischen Ordnung der Ma’at – also dem dynamischen Ideal der allverbindenden Gerechtigkeit und Weisheit – gerecht zu werden.

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