Brauche ich eine persönliche Gottheit? (KRT)

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Viele die sich für den Kemetismus zu interessieren beginnen,  haben häufig schon einen Bezug zu einer bestimmten Gottheit. Meist sind dies die bekannten Gottheiten, wie etwa Isis, Horus, Re oder Seth. Daher ist es für viele naheliegend diese Gottheiten auch postwendend als ihre persönliche Bezugsgottheit zu deklarieren und auf dieser Basis in den Kemetismus einzusteigen. Dennoch halte ich persönlich es für ratsam gerade am Anfang diesen sehr exklusiven Bezug zu einer Gottheit zu lockern.

Bes – eine beliebte Volksgottheit (Wikimedia Commons, Foto: Olaf Tausch)

Vielleicht kann man sich das mit folgendem Vergleich ein wenig besser vorstellen. Angenommen man ist Schüler und zieht plötzlich in eine andere Stadt und wechselt die Schule. Plötzlich findet man sich also in einer Gruppe von vielleicht 30 Personen wieder, die man nicht kennt und versucht erste zaghafte soziale Bindungen herzustellen. Hätte man nun einen Freund oder eine Freundin aus der ehemaligen Heimatstadt dabei, wäre man wohl geneigt sich in der neuen Umgebung an das Altbekannte zu klammern, würde aber auf diese Weise wirksam verhindern, dass man neue Kontakte knüpft, dass man die Gruppendynamik der neuen Klasse kennenlernt, ihre Gewohnheiten und Gepflogenheiten und dann eben im Laufe der Zeit vielleicht auch einzelne Menschen näher und besser kennenlernt und irgendwann sogar neue gute Freunde findet.

Ganz ähnlich verhält es sich aus meiner Sicht mit dem kemetischen Pantheon. Nur, wie lernt man Götter kennen? Mein Rat an dieser Stelle:

Lest die Mythen!
Am besten immer wieder, in mehreren Varianten und Interpretationen.
Lest Gebete und Hymnen, lest wie die Menschen in Kemet ihre Götter verehrt haben.
Und lasst Euch Zeit, diese Dinge wirken zu lassen.

Papyrus Bibliothèque nationale 202 (oben)
und Papyrus Amherst IX (Astarte-Papyrus) (unten)
(Wikimedia Commons)

Die Überlieferungen – und das erachte ich als das eigentlich Wichtige – geben Aufschluss über die Art und Weise, wie die Götter untereinander und miteinander agieren. Es geht also gar nicht so sehr darum, ihre typischen Charakteristika aufzählen zu können, sondern darum sie in Aktion zu “beobachten” und auf diese Weise kennenzulernen. Also in etwa als würde man in der besagten neuen Klasse sitzen und zunächst ein wenig zurückhaltend beobachten, wie sich die Leute verhalten, wie sie so ticken, wer eher extrovertiert oder eher introvertiert ist, wer vielleicht mit Vorsicht zu genießen ist und wer nett und hilfsbereit ist usw. In gleicher Weise kann man sich auch dem kemetischen Pantheon nähern. Wichtig ist hierbei einfach immer offen und interessiert zu bleiben und zwar am besten indem man sich täglich oder zumindest regelmäßig Zeit für diese Art des Kennenlernes nimmt. Dann wird sich fast von selbst irgendwann einmal eine stärkere Beziehung zu einer bestimmten oder vielleicht auch mehreren Gottheiten herauskristallisieren und dann machen Rituale, die auf bestimmte Götter ausgerichtet sind auch wirklich Sinn. Man darf sich dabei auch sicher sein, dass dieser Prozess nicht nur eine einseitige Entwicklung ist. Die Götter haben da durchaus auch ein Wort mitzureden, selbst wenn sie nicht filmreif wie ein Flaschengeist mit lautem Getöse in Erscheinung treten sondern sich vielleicht eher nach und nach immer deutlicher im Alltag manifestieren.

Vielleicht eine kleine Anmerkung, die ich an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen möchte. Viele, sehr viele Leute beginnen mit einer Vorstellung vom Kemetismus diesen zu praktizieren, der schon fast einer Priesterschaft gleichkommt. Auch ich kenne natürlich diese Visionen von anmutigen Priesterinnen in weißen wallenden Leinengewändern inmitten von Sandsteingemäuern, die von Rauchschwaden umgeben ihre Sprüche murmeln…  Es liegt mir wirklich völlig fern diese Hingabe und Begeisterung in irgendeiner Weise anzuzweifeln oder gar gering zu schätzen, dennoch möchte ich hier empfehlen, sich von derlei Fantasien ein wenig zu distanzieren. Ganz einfach, weil man in der anfänglichen Begeisterung sehr dazu neigt, sich fürchterlich zu übernehmen und wenn etwas den Kemetismus im Speziellen auszeichnet, dann ist es das Primat der Beständigkeit und nicht das der lodernden Strohfeuer – und das müssen viele erfahrungsgemäß erst einmal (wieder) lernen. Kleine tägliche Gesten entweder an die Götter als Gesamtheit oder auch an einzelne Götter sind für den Anfang vollkommen ausreichend und stabilisieren die Verbindung.

Einfacher Ackerbau am Nil, 1921 (Wikimedia Commons)
So ähnlich kann man sich den Alltag in Kemet vorstellen.

Das was wir heute vom altägyptischen Kult wissen, geschah in weiten Teilen in Tempeln, hat aber wenig bis gar nichts mit der “Frömmigkeit des einfachen Mannes” zu tun und ist daher für den Hausgebrauch meist etwas ungeeignet. Die bürgerliche Frömmigkeit war sehr viel schlichter, denn schließlich hatten die Menschen in Kemet als Angehörige einer Agrarkultur täglich Arbeit zu verrichten und keine Zeit (und keine Mittel) für ausschweifende Rituale. Und selbst in den Tempeln bestanden viele Aufgaben der Priesterschaft in ganz banalen Arbeiten, wie z.B. die Reinigung des Tempels.

Für die einfachen Menschen in Kemet stand weniger die Verehrung der Götter im Vordergrund, sonder recht unspektakuläre Dinge wie Arbeit, Familie und das soziale Leben. Die Götter waren vor allem dann zuständig, wenn es Schicksalsschläge gab, wie etwa Krankheiten, schlechte Ernten oder Todesfälle, denn die Ursachen dieser Dinge sah man letztendlich in der Sphäre der Netjeru beheimatet, die man entweder mit Opferungen oder anderen Formen der Zuwendung milde zu stimmen suchte. In diesem Fall wurden dann Priester konsultiert, die häufig im Grunde das gleiche taten, was heute Ärzte, Psychologen oder Rechtsberater tun würden nur mit dem allgegenwärtigen magischen Geist beseelt, der für die kemetische Kultur so typisch ist. Genauso rief man die Götter an um der Fruchtbarkeit auf die Sprünge zu helfen, dem Schicksal in Liebesdingen oder bei nachbarschaftlichen Streitigkeiten usw. Viele dieser Aufgabenbreiche wurden im Neuen Reich sogar von den Ahnen übernommen, die als eine Art “Sprachrohr” zwischen den göttlichen und menschlichen Sphäre angesehen wurden, was sicherlich auch darin begründet lag, dass sich die Priesterschaft immer mehr zu einer staatlichen Elite augeschwungen hatte, die hauptsächlich dem König zugewandt war und damit auch die Götter in unerreichbare Ferne für den einfachen Kemeten drängte.

Generell muss man wohl zwischen meist sehr bekannten  Staatsgottheiten und den “kleinen Volksgottheiten” unterscheiden. Letztere sind natürlich weitaus schlechter dokumentiert. Manche Gottheiten blieben auch vollkommen auf einzelne Gaue oder Städte beschränkt. Kemet war ein multikultureller Schmelztigel aus verschiedensten Völkern die alle ihre eigenen Gottheiten und Kulte mitbrachten und man erkannte recht früh, dass es nur zu innerstaatlichen Unruhen führen würde, wenn man dem Volk seine Gottheiten nahm. So wurden z.B. viele der unbedeutenden Gottheiten als “Gesichter des großen Staatsgottes Amun” deklariert. Ein politischer Schachzug um das Volk religiös zu einen.

Außerdem ist vielleicht auch zu bedenken, dass sich die Vielfalt der Gottheiten dem Altägypter wohl kaum in einer Weise erschloss, wie das heute im Zeitalter von Internet und Bibliotheken der Fall ist. Die verschiedenen Götter wurden ja zumeist lokal an bestimmten Orten verehrt, die der durchschnittliche Bewohner Kemets mangels Verkehrsmittel in der Regel selten verließ. Wir genießen also heute eher den Luxus und in der Vielzahl der Gottheiten, die sich teilweise in ihren Zuständigkeiten überlappen geradezu “wählen” zu können, was unsere Vorfahren nicht konnten. Daher ist das “Aussuchen” von Gottheiten eher eine moderne Erscheinung des Kemetismus, die jedoch in keiner Weise als “falsch” oder “nicht traditionell” zu bezeichnen ist. Nur tut man vielleicht gut daran sich als moderner kemetisch Praktizierender von der Illusion befreien, dass dies dem historischen Vorbild entspricht.

Um also die Frage “Brauche ich eine persönliche Gottheit?” abschließend zu beantworten: Ich denke, die Frage stellt sich gar nicht. Das ist etwas, was sich im Zuge der modernen kemetischen Praxis meiner Ansicht nach von allein ergibt, wenn man regelmäßig den Kontakt zur Sphäre der Netjeru sucht, stabilisiert und ausbaut. Und es ist wichtig diesem Prozess Raum zu bieten. Das ist als würde man fragen “Brauche ich einen Freund?” natürlich braucht jeder Mensch Freunde, dennoch ist das nichts dass man beschließt und dann “beschafft”, sondern es ist ein natürlicher Prozess auf den man sich einlässt indem man offen ist für Begegnung und bereit ist Loyalität und Beständigkeit zu bieten.

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10 Responses to Brauche ich eine persönliche Gottheit? (KRT)

  1. Pingback: The Egyptian Gods and You! | Kemetic Round Table | Kemetic Round Table

  2. Ich beneide Euch Kemetiker manchmal um Eure Überlieferungen. Genauer gesagt, eigentlich immer. Klar spiegelt sich darin zwar auch nicht wider, wie der einfache Normalbürger Bezug zu seinen Gottheiten aufgebaut hat — aber immerhin gibt es Überlieferungen, die nicht von politischen Agenden oder auch retrospektiv als Sicht auf eine im Sterben begriffene Kultur geprägt sind. Unsereins ist da etwas gehandicapt. Geschrieben? Haben die Römer und der Christliche Klerus und Adel *jammer, jammer, piens*

    Zum eigentlichen Thema, nämlich zu persönlichen Gottheiten—ich kann Deine Argumentation nachvollziehen, auch wenn ich das persönlich nicht so handhabe. Die Auswirkungen daraus, die Du andeutest, kann ich bestätigen. Es—nämlich das Kennenlernen der anderen Götter und Göttinnen meines Pantheons—zieht sich wie Kaugummi in der Sonne. Dennoch würde ich es nicht anders machen wollen. Wenn ich mich absolut blöde anstelle, tritt mich mein Fulltrúi schon rechtzeitig. Der kann da ziemlich deutlich werden🙂

    Aber wie dem auch sei—ich denke viel lässt sich auch bewusst tun, wenn man sich des Problems im Klaren ist. Also im Wesentlichen: klar ist es daheim am schönsten. Aber man weiß ja, dass man nicht dauernd daheim sein kann und auch mal eine Reise unternehmen sollte. Dann heißt es eben, den Beschluss zu fassen, das zu tun und ihn dann umzusetzen. Kostet eventuell ein wenig Überwindung, aber das ist auch eine Art der Zuwendung, und wird nach meiner Erfahrung auch meist honoriert.

    • Sati says:

      Danke für Dein Feedback, ich finde diese “interfaith discussions” immer wieder sehr erhellend😀 Ich lerne dabei viel über den generellen Umgang mit Tradition und ich glaube, dass man unsere Wege da auch immer ein klein wenig als Forschungs- und Rekonstruktionsarbeit sehen darf von der andere vielleicht später mal profitieren. Ich hab einige “Nordlichter” kennengelernt von daher bin ich ein bisschen vertraut mit dem Problem der relativen dünnen Quellenlage, die ja zudem – wenn ich richtig informiert bin – nicht besonders wohlwollend ist in der Darstellung.

      Letztendlich bewegt man sich ja in den meisten Fragen einer traditionellen Praxis in einem Spannungsfeld zwischen authentischer Geschichte und moderner Interpretation und Anwendbarkeit und da kann eine gute Überlieferung durchaus auch mal “Fessel” sein. Besonders kompliziert wird es, wenn diese widersprüchlich ist, dann heißt es lesen, lesen und nochmal lesen UND diskutieren, was wir in unseren Online Gruppen sehr intensiv tun. Das verlangt natürlich viel Zeit und lässt oft wenig Spielraum für die kultische Praxis. Meine besteht vor allem darin fassungslos vor dem Riesenstapel ägyptologische Bücher zu sitzen und mich zu fragen, wie ich den neben 2 Jobs und ‘ner heilkundlichen Fortbildung eigentlich jemals lesen soll…😀 Und meine Amazon- Wunschliste wächst nahezu täglich. Da beneide ich manchmal die Leute, die einfach mal in den Wald rausgehen und ein Feuer machen oder sowas in der Art…

      Manchmal bringt aber auch gerade der Informationsreichtum auch einen Reichtum an Lücken hervor. Die klassische Ägyptologie interessiert sich kaum für gelebte Tradition oder die kemetische Philosophie und schon gar nicht für die magische Praxis. Autoren die genau das versuchen zu rekonstruieren, werden oft nicht sehr geschätzt. So sieht man sich zuweilen damit konfrontiert aus recht anspruchsvollen wissenschaftlichen Informationen praktikable Richtschnüre für den Alltag abzuleiten.

      • NIcht besonders wohlwollend… so könnte man’s ausdrücken. Ich unterstelle zwar eigentlich nicht direkt Übelwollen: Snorri Sturlusons erklärtes Ziel, als er seine Edda verfasste, war es, den Leuten diesen Kulturschatz zugänglich zu machen. Seine intendierte Leserschaft war überwiegend Christlich, und von daher kann man ihm denke ich nicht direkt bösen Willen, aber vielleicht etwas zu gut gemeinte Einfärbung unterstellen. Wie dem auch sein mag, ich lese das gern und auch immer wieder, nur muss ich es dann eben auch immer wieder aus der Hand legen, wenn ich anfange mich über etwas aufzuregen—kindisch, aber passiert immer wieder.🙂

        Ich führe diese “interfaith discussions” auch sehr gern—auch weil ich da nicht mit den immer gleichen Einwänden konfrontiert werde. Das ist alles schön und gut, niemand muss meine Meinung teilen, und ich kann (und werde) sie vertreten. Aber leider driften solche Diskussionen gern ins Unsachliche oder ad-hominem ab. Da ist es hin und wieder ganz nett, auch mal andere Töne zu hören. (Abgesehen davon: die Geschichte mit dem Salat ist zum Schreien komisch *grins*)

        Dass Du aber mit einem Berg Bücher, und nem Haufen erhaltener Ritualien auch Zeitlich ins Straucheln gerätst, kann ich mir nur zu gut vorstellen. Hinzu kommt natürlich, wie Du schon sagtest, dass nicht alles an Brauchtum auch übertragbar ist—ich kann mir vorstellen, wie es ausgeht, wenn ich anfange, Kriminelle Personen Odin zu opfern. Nicht gut für mich (abgesehen davon, dass ich zu Odin keinen besonders guten Zugang habe, weiß nicht warum). Das ist natürlich ein extremes Beispiel, aber so in der Richtung wird es schwierig—auch mit Tieropfern. Dann kommt der ganze Bereich des leider bei germanischen Heiden häufig vertretenen Chauvinismus hinzu, der gern damit begründet wird, dass die Gesellschaft *damals* streng patriarchisch war… et cetera, et cetera, Du kannst es Dir vorstellen. (Unumstritten ist dieser Patriarchismus auch nicht. Es gibt einige Hinweise darauf, dass einige germanische Stämme wenn nicht matriarchisch, dann doch auf jeden Fall matrilokal und manchmal matrilinear waren… *seufz*)

        Aber mit einem hast Du auf jeden Fall Recht: es ist schön, als Gottesdienst einfach in den Wald gehen zu können. In diesem Sinne: Dir einen schönen Freitag!

  3. eald says:

    “Einfach mal in den Wald gehen” sollten eh alle, ab aller äh “Konfessionen”. Ich zitiere da gerne Oscar Wild, von wegen es manchmal wichtiger sei sich an einer Rosenblüte zu erfreuen, denn etwa ihre Wurzel unters Mikroskop zu bringen. Klar brauch es auch die Recherche und die Exegese, will man denn halbwegs authentisch sich auf altem denn berufen und eben dem auch nachfolgen. Aber “wenn” die Leselust zur “Last” dann irgendwann würde – liefe imho dann schon was falsch. Aber ich hab leicht reden, ich tu nur ohne zu labeln und schau halt einfach was passt. Austausch zwischen den Religionen indes? Ich bilde mir ein, das manches in den verschiedenen Religionen ziemlich vergleichbar ist – wenn man in die Mystik da eindringt. Jener Urgrund den die meisten Religionen benennen (by the way, haben die altägyptischen Traditionen eigentlich auch eine Form der Mystik je hervorgebracht?) ist imho sehr gut erreichbar, wenn man auch über den Tellerrand schauend betrachtet, wie Andere sich diesbezüglich so anstell(t)en und alleine drum ist’s imho schon ein Gewinn sich mit Anderem auch zu befassen. eald, nicht halb so reflektiert wie er gerne wäre – um deine Frage von andernorts zu beantworten. ;o)

    PS: Schöner Blog btw., werd glaube ich mal was regelmäßiger hier vorbeischauen. ^^

    • Sati says:

      Em hotep eald,
      Danke für Deinen Kommentar. Würde mich sehr freu Dich öfter hier zu sehen.🙂

      Zu Deiner Frage, ob die Ägypter eine Form der Mystik hervorgebracht haben. Im Hinblick auf die Grundbedeutung des Wortes Mystik, als Erfahrung mit dem Göttlichen, ist das eigentlich recht leicht zu beantworten. Die gesamte ägyptische Religion ist ein Ausdruck dieser Erfahrung.

      Vielleicht ist hierbei auch zu bedenken, dass wir „die Ägypter“ oder „die kemetische Religion“ ja vor allem rückblickend als solche erkennen und klassifizieren. Aus der Perspektive des Altägypters gibt es die kemetische Religion nur unscharf bis gar nicht, sondern eben nur die Erfahrung mit dem Göttlichen/Jenseits/Übersinnlichen/whtvr. Und gerade die Altägypter waren da besonders offen für die Erfahrungen ihrer geographischen Nachbarn, weil letztlich auch der ägyptische Staat ein Vielvölkerstaat war. Nicht umsonst wurden zahlreiche sumerische, asiatische oder babylonische Götter adaptiert oder mit eigenen verschmolzen.

      Senebty,
      Sati

  4. Pascal says:

    Hab nach langem Suchen deinen Blog gefunden, sehr spannend! Ich glaube der Kemetismus könnte sogar etwas für mich sein – wenn ich ihn nciht falsch interpretiert habe. Eigentlich passen aber die Legenden von Atum und Ma’at gut in mein philosophisch-atheistisch-spinozistisches Weltbild. Kannst du mir vieleicht deutshce Übersetzungen der alten Mythen empfehlen?

    • Sati says:

      Hallo Pascal, em hotep,🙂

      vielen Dank für’s vorbeischauen und ich freue mich, wenn was Inspirierendes für Dich dabei ist.

      Das Thema Mythen gestaltet sich im Kemetismus etwas schwierig, da es im strengeren Sinne wenig bis keine “echten” Mythen gibt. Sprich es gibt – ganz im Kontrast zu einer sehr reichen Überlieferung – wenig Geschichten, die den Anspruch erheben ein Weltbild zu erklären oder eine kulturelle Identität zu vermitteln wie man es von den alten Griechen oder Römern gewohnt ist. Die meisten Mythen, die im Zuge des Alten, Mittleren und Neuen Reiches entstanden sind, haben – so schnöde das klingen mag – staatspolitische Hintergründe. Dennoch spiegelt sich darin natürlich eine gewisse Identität wieder, da Politik, Religion und Kultur eng miteinander verwoben waren.

      Die kemetische Tradition ist im Grundsatz Ritus-basierend und viele Mythen sind den Riten nachgeschaltet um zum Teil verloren gegangenen mythischen Überbau zu ersetzen. Der rituelle Ursprung hat wiederrum seine Wurzeln in den schamanischen Traditionen der prädynastischen Wüstenvölker.

      Das nur vorweg zur Erklärung. Ansonsten kann ich Dir empfehlen Dich ein wenig in die Götterwelt einzulesen, z.B. mit
      • “Der Eine und die Vielen. Altägyptische Götterwelt” von Erik Hornung, “Lexikon der Altägyptischen Religionsgeschichte” von Hans Bonnet
      • “Die Welt der Götter im alten Ägypten. Glaube – Macht – Mythologie” von Richard H. Wilkinson

      Und wenn’s auch etwas unelegant ist aber ich empfehle für den Anfang tatsächlich Wikipedia. Die Beiträge sind recht gut recherchiert und die Literaturhinweise bieten stets Möglichkeiten Themen zu vertiefen.

      Zwei Seiten die ich sehr empfehlen kann sind außerdem
      http://www.selket.de
      http://www.aegypten-geschichte-kultur.de

      Senebty,
      Sati

      • Pascal says:

        Gibt es nicht “die” essenz des Kultes? So wie man bei den Asatru die Edda hat, die Muslime den Quran, und so weiter? (natürlich kann man das nciht 1:1 vergleichen) Und, gibt es realtreffen für interessierte?

        • Sati says:

          Nein, Essenz in dem Sinne gibt es keine, wie gesagt es gibt ja keinen Mythos im eigentlichen Sinne und auch der Kult ist sehr heterogen. Wir sprechen ja immerhin von mehreren Tausend Jahren Polytheismus. Kemetismus ist eher was für Selbstdenker und Hobbyhistoriker.🙂 Am ehesten kann man vielleicht noch das Konzept der Ma’at als zentrales Motiv betrachten, aber selbst das ist unter Kemeten ein vieldiskutiertes Thema zu dem es keine umfassenden Werke gibt, die ohne mythologische oder historische Vorbildung zu lesen wären. Daher ja u.a. auch dieser Blog hier.🙂

          Realtreffen gibt es in Europa m. W. nicht, wäre erfreulich. In den USA gibt es einige mehr oder weniger organisierte Tempel und Institutionen, erstaunlicherweise auch zunehmend in Südamerika, Frankreich und UK. In USA werden regelmäßig Treffen veranstaltet allerdings muss man dann dem Model einer religiösen Gemeinschaft zugetan sein.

          Für mich als “Recon-Kemetic” bleibt eigentlich nur der virtuelle (zu 90% englischsprachige) Austausch mit meinen Übersee-Freunden. Unsere Gemeinschaftlichkeit besteht in erster Linie darin im Rahmen des Kemetic Round Table gemeinsame Rekonstruktionsarbeit zu betreiben teilweise mit studierten Historikern und die Resultate über unsere Blogs zugänglich zu machen.

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