Rituelle Reinheit (KRT)

Reinheit, Reinigung, Sauberkeit – diese Dinge waren schon im alten Ägypten ein äußerst wichtiges Thema. Auch wenn es sich etwas seltsam anhören mag, so möchte ich fast behaupten, dass jemand, der auf solche Dinge wenig Wert legt im Kemetismus wahrscheinlich nicht wirklich glücklich wird, denn es ist, wenn man einigermaßen traditionsnah leben möchte, nahezu unverzichtbar und hat eine hohe religiöse Bedeutung.

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R E I N H E I T   U N D   R E I N I G U N G   F R Ü H E R

Bevor ich auf die heutige bzw. meine persönliche Praxis eingehe, ein kurzer historischer Überblick.

Reinheit für die Gemeinschaft

Reinheit und Sauberkeit wurde wie gesagt hoch angesehen. Dazu gehörte nicht nur das Tragen von sauberer weißer Leinenkleidung, sondern auch ein ausgeprägter Schönheitskult. Doch gründete sich dieser nicht nur auf reiner Eitelkeit, sondern hatte auch einen sozialen Zweck, nämlich den Menschen des näheren Umfeldes ein möglichst angenehmer Mitmensch zu sein. Heutzutage ist der moderne Schönheitswahn so selbstverständlich geworden, dass es schwer vorstellbar erscheint, dass man sich weniger aus reinem Narzissmus pflegt und schön macht, sondern eben auch um den anderen ein angenehmer, wohlriechender, gepflegter Gefährte zu sein. So erhält selbst einfache Körperpflege eine soziale Bedeutung. Im Besonderen gilt das natürlich auch im Tempelkult, wo man sich schließlich in besonders naher Gegenwart der Götter aufhielt.

Darstellung einer ägyptischen Frau beim Schminken (Foto: Keith Schengili-Roberts, Wikimedia Commons)


Körperpflege im Alten Ägypten

Die Benutzung von Seife nicht überliefert, doch gesichert ist ein reger Gebrauch von Natron. Natron ist ein Mineral, das aus den ägyptischen Natronseen gewonnen wurde. Dabei gibt es einige verschiedene chemische Zusammensetzungen, die alle eine recht hohe Reinigungskraft besitzen. Natron wird noch heute für Waschmittel, Bleichmittel, Gerberei usw. verwendet. In Ägypten wurde Natron auch zur Dehydratation der Mumien verwendet. Als Deodorant wurde vermutlich Carobpulver verwendet, auch zusammen mit kleinen Duftpastenkügelchen (z.B. aus Kyphi) als Parfüm. Verbreitet war auch die Verwendung von unterschiedlichen Cremes. In einem Grab einer Hofdame von Thutmosis III fand man z.B. einen Tiegel mit einer Creme aus Öl, Natron und Limone. Die zuckerarme Ernährung machte eine intensive Zahnpflege unnötig (zumal die Zähne aufgrund des allgegenwärtigen Sandes unter starker Abnutzung litten) doch das Kauen von Kräutern, Weihrauch oder Natron wie auch das Spülen mit Milch sorgte für einen frischen Atem. Der typische Lidstrich ist wohl das bekannteste Schönheitsmerkmal Ägyptens, der sowohl von Männern, als auch von Frauen getragen wurde. Er galt als Schutz vor Bindehautentzündungen und schluckte außerdem durch seine schwarze Farbe das Sonnenlicht. Gefertigt wurde dieser aus Ruß, schwarzem Eisenoxid, Magnetit oder wenn er grün ein sollte, was auch sehr beliebt war, aus Malachit oder grünem Jaspis vermischt mit Gänsefett und Honig.

Kosmetikkästchen mit zwei Salbgefäßen; Holz und Fayence Neues Reich, 18. Dynastie, um 1400 v. Chr. Ägyptisches Museum Berlin (Foto: Andreas Praefcke, Wikimedia Commons)

Reinheit im Tempel

Im Kultischen hatte die Reinigung eine ganz besondere Bedeutung. Viele Tempel unterhielten eigens dafür kleine Vorräume, wo täglich mehrmalige Waschungen stattfanden. Eine Ganzkörperrasur und die Beschneidung war Pflicht für jeden Priester, wie auch die Vermeidung von wollener Kleidung, da Wolle als kultisch unrein galt. Dieser intensive Reinigungskult war nicht nur eine Geste des Respekts den Göttern gegenüber, sondern hatte auch seine Notwendigkeit im priesterlichen Zusammenleben innerhalb der Tempel. Schließlich lassen sich nicht zuletzt durch Körperpflege auch viele Krankheiten, wie Infektionen oder Parasitenbefall vermeiden, denn man darf nicht vergessen, dass die Priester ja auch Umgang mit Mumien hatten.

Zur Reinigung kam vor allem das Bad zur Anwendung, das in erster Linie in Form von Übergießung mit Wasser durchgeführt wurde, dem vermutlich Natron beigemengt war. Darauf folgend Räucherungen und das Kauen von Natron. Besonders wichtig war die Reinheit der Finger, wenn sie anschließend die Kultgegenstände berührten. Das Anlegen der Tempelkleidung und des Tempelschmucks vollendete den Vorgang. Für manche Priester gehörte auch sexuelle Enthaltsamkeit zur Reinheit. Diese konnte entweder dauerhaft oder für bestimmte Zeiträume erforderlich sein.

Tempel von Dendera, Ägypten; Kultort der Hathor
(Litographie von Rudolf von Alt nach Karl von Libay, “Reisebilder aus dem Orient” herausgegeben von Ludwig von Libay im Selbstverlag, Wien, 1857)

Auch die Kultmittel wie z.B. Opfertische, Schreine, Schalen oder auch die Opfergaben selbst wurden mit Wasser oder Weihrauch gereinigt. Selbst die Kultstatuen der Götter wurden regelmäßigen Reinigungsprozessen unterzogen. Im Tempelkult waren hierfür die sogenannten Wab-Priester zuständig, die sich täglich und nächtlich 2 mal wuschen und außerdem keusch leben mussten.

Spirituelle Bedeutung der Reinheit

Neben der Bedeutung der rein äußerlichen Reinigung hatten diese Riten natürlich auch eine innere Bedeutung. Das Wasser war zum einen das Lebenselixier schlechthin zum anderen auch Träger magischer und göttlicher Kräfte, wie zahlreiche dem Wasser zugeordnete Gottheiten erahnen lassen. Daher war es auch geeignet sich vom “Bösen”, also von “dämonischen Einflüssen” zu reinigen, was vielleicht nicht nur im magischen Sinne zu verstehen ist, sondern sicherlich auch für negative Emotionen wie Wut, Hass, Missgunst u.ä. gilt.

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R I T U E L L E   R E I N I G U N G   H E U T E

Auf der Basis dieser historischen Einblicke, sollte es nun möglich sein, sich seinen eigenen kleinen Reinigungskult zu kreieren. Nicht alles was früher traditionell war, lässt sich in die heutige Zeit übertragen und ist sicherlich auch nicht erforderlich. Die folgenden Vorgänge sind lediglich Vorschläge und sollen einfach Möglichkeiten der Umsetzung aufzeigen, sind aber keinesfalls verbindlich oder der Weisheit letzter Schluss. Ich denke, wichtiger als möglichst viele Reinigungshandlungen durchzuführen ist die Kontinuität mit der man dies tut. Also lieber für den Anfang etwas weniger auswählen, aber dafür konsequent einhalten, so dass man später auf diesem Fundament aufbauen kann.

Moderne Hygienestandards

Ich denke man darf behaupten, dass die heute in Mitteleuropa üblichen Hygienestandards den Reinheitsanforderungen des Alten Ägyptens voll und ganz gerecht werden, so dass man im Grunde wohl nicht sehr viel anders machen muss, als man es sowieso schon tut. Dennoch ist die rituelle Bedeutung und der damit verbundene innere Prozess, auf dem man sich bewusst einlassen sollte, von nicht geringer Bedeutung und alltägliche Hygiene-Maßnahmen mit einem rituellen Rahmen zu versehen, hilft diese selbstverständlichen Handlungen aus ihrer Alltäglichkeit zu heben.

Fließendes Wasser heute…
(Foto: Pemanducomm, Wikimedia Commons)

Reinigungshandlungen und -mittel

Das Duschen eignet sich aus meiner Sicht ganz hervorragend um die Übergießung mit Wasser zu ersetzen. Zusätzlich zur Verwendung üblicher Waschutensilien, kann man z.B. auch eine Übergießung mit Natronlösung durchführen. Als Natron-Ersatz eignet sich handelsübliches Haushaltsnatron bei dem ich jedoch eine sparsame Anwendung empfehlen möchte um den PH-Wert der Haut nicht zu irritieren.. Eine ebenso gute wie auch hautfreundliche Alternative ist ganz normales Salz. Man mischt dieses mit Öl (z.B. Olivenöl) zu einer Peelingpaste und reibt damit die Haut ab. Hier kann man z.B. noch duftende Kräuter hinzufügen, wie Minze, Melisse, Salbei, Lavendel oder Thymian. Auch eine wässrige Lösung aus Natron und Salz eignet sich für Waschungen. Für schnelle Anwendungen benutze ich einfach eine Sprühflasche und besprühe mich und benutze es sogar als Raumspray.

Besondere Ritualkleidung habe ich nicht, wobei ich dieser Idee an sich recht zugetan bin. Ich achte jedoch sehr darauf, dass ich saubere Kleidung trage und nicht gerade der Soßenfleck vom Abendessen das T-Shirt ziert oder die letzte Bastelaktion ihre Spuren auf der Hose hinterlassen hat, wenn ich an meinen Schrein trete. Für größere Rituale ziehe gern ein schlichtes schwarzes oder weisses Kleid an.

Räucherungen

Ein Thema für sich sind die Räucherungen. Dafür eignen sich natürlich verschiedene Kräuter wie Minze, Lavendel oder Salbei und Räucherharze wie Myrrhe oder Benzoe. Eine besondere Bedeutung kommt dem Kyphi zu, da es in Ägypten traditionell als Reinigungsräucherung verwendet wurde. Es eignet sich hervorragend für die Raum- aber auch die Körperreinigung. Vorsicht ist geboten bei den Räucherstäbchen. Diese sind natürlich eine schnelle Alternative, wenn man nicht gleich eine ganze Räucherkohle beanspruchen möchte. Im kemetischen Reinigungsritus ist allerdings die Verwendung von Exkrementen kultisch absolut tabu, leider jedoch enthalten manche der indischen Räucherstäbchen Kuhdung, weil dieser im Hinduismus heilig ist. Als Alternative habe ich für mich die guten alten deutschen “Räuchermandl”-Räucherkegel entdeckt, die es erfreulicherweise sogar mit reiner Myrrhe gibt. Aber auch gegen indisches Räucherwerk ist nichts einzuwenden, wenn man die Zusammensetzung kennt. Auch japanische Räucherstäbchen sollen gut geeignet sein.

Aufsteigender Weihrauch
(Foto: Haneburger, Wikimedia Commons)

Reinheit im Schrein

Besonders innerhalb des Schreins verzichte ich auf Wolle, Plastik und auf Kunstfaser. Leinen ist ein Nice-to-have, aber zumindest für mich persönlich kein Muss. Baumwolle oder Viskose halte ich für ebenso geeinget. Etwas zurückhaltend bin ich persönlich bei Seide, da die Herstellung mittels Seidenspinnerraupe aus meiner Sicht etwas “brutal” ist um es als Ausstattung für einen heiligen Ort zu verwenden. Das gleiche gilt natürlich auch für Leder oder andere tierische Produkte außer sie haben ein explizit rituelle Bedeutung. Der Schrein wird durch regelmäßige Räucherungen gereinigt. Einmal im Jahr, bevorzugt zum kemetischen Jahreswechsel im Sommer, wird er komplett ausgeräumt und gereinigt. Dazu wische ich ihn mit einem Tuch aus, dass in Natronwasser getränkt ist und anschließend besprühe ich die Wände mit Rosenwasser (natürlich kann man genauso gut auch andere Duftwasser verwenden). Gerade die häufigen Räucherungen sorgen für eine gewisse Rußschicht im Inneren des Schreines, die man hin und wieder entfernen sollte. Meine Statuen werden ebenfalls vorsichtig mit einem sauberen, feuchten Tuch abgetupft, wie auch alle anderen Utensilien (Opferschale, Teelichtbehälter usw.).

Innere Reinheit

Ich glaube gerade in der heutigen Zeit sollte man vor allem der inneren Reinigung Aufmerksamkeit schenken. Dazu gehören für mich als Heilpraktikerin auch Dinge wie die Vermeidung von Suchtmittelexzessen und eine gesunde ausgewogene Ernährung. Da es im Kemetismus keine eigene Ernährungslehre gibt, darf man hier ruhig einmal über die Kulturgrenzen schielen oder aber sich einfach mit den allgemein bekannten Grundsätzen einer gesunden Ernährung vertraut machen. Wer explizit nach “ägyptischer Diät” leben möchte, kann sich natürlich entsprechend schlau machen, welche Lebensmittel es damals gab. Für manche macht vielleicht die Vermeidung von bestimmten Lebensmitteln gerade im Zusammenhang mit der Verehrung bestimmter Gottheiten Sinn. So kann es sein, dass man vielleicht geneigt ist Rindfleisch zu vermeiden, wenn man Hathor verehrt und vielleicht nicht unbedingt Lammbraten essen möchte, wenn man sich zu Amun hingezogen fühlt. Ich denke, dass darf man hier ruhig nach eigenem Gefühl gestalten.  Im Zweifelsfall kann man auch immer die Götter selbst befragen. Auch gegen den Genuss von alkoholischen Getränken ist in Maßen ist aus traditioneller Sicht nichts einzuwenden. Gerade das Bier war ja eine beliebte Opfergabe, es gab sogar eine eigene Gottheit dafür (Tenenet). Zum sog. Fest der Trunkenheit wurde davon auch reichlich konsumiert. Das gleiche gilt auch für Wein (wobei der damals übliche Palmwein heute sehr schwer erhältlich ist). Auch die sexuelle Enthaltsamkeit kann durchaus zu einem Aspekt der Reinheit werden und sorgt aus meiner Sicht auch für eine Konzentration der geistigen Kräfte. Gerade bei Ritualzyklen, die mehrere Rituale in gewissem zeitlichen Abstand umfassen, kann es durchaus sinnvoll sein, in dieser Zeit enthaltsam zu sein oder aber für einen gewissen Zeitraum (z.B. einige Tage) vor einem größeren Ritual.

Gesunde Ernährung gehört dazu (Foto: Sigurdas, Wikimedia Commons)

Spirituelle Reinheit

Nicht vergessen sollte man bei allen rituellen Aktivitäten, den geistigen Prozess dabei bewusst wahrzunehmen. Natürlich tritt man an die Götter ja gerade dann heran, wenn man in Not ist, Sorgen hat, wütend ist oder traurig und ich finde es auch wichtig, in guten wie in schlechten Zeiten die Beziehung zu den Göttern zu pflegen, dennoch sind Reinigungsrituale auch eine sehr gute Gelegenheit sich bewusst von belastenden Emotionen freizumachen und man sollte auch davon absehen die Götter als “Kummerkasten” für jede Kleinigkeit zu missbrauchen.  Auch eine kurze Meditation, ein bewusstes Loslassen der Wirrungen des Alltages um den Geist etwas zur Ruhe kommen zu lassen, kann sehr wirkungsvoll sein um einen Reinigungsritus zu eröffnen.

Gedanken zum Schluß

Natürlich führe ich nicht für jede kleine rituelle Handlung einen aufwändigen Reinigungsritus durch. Gerade bei den täglichen Opferungen, die bei geschlossenem Schrein auf einer äußeren Opferschale stattfinden, achte ich ganz einfach drauf, dass ich saubere Hände habe oder frisch geduscht bin und dass die Schälchen mit den Opfergaben sauber sind. Auch regelmäßiges Abstauben der Oberflächen gehört dazu, was ich fast automatisch mache.

Die vielen kleinen und großen Reinigungsrituale sind aus meiner Sicht eine tägliche Schulung des Geistes und der Wahrnehmung, was Reinheit bedeutet und wie man diese erhält und verwirklicht. Sie sensibilisieren dafür, was einem selbst und anderen gut tut, für Wohlbefinden sorgt und langfristig eine seelische und körperliche Gesundheit hervorbringt. Das schließt für mich z.B. auch Umweltbewusstsein mit ein, die Vermeidung von unnötiger Verschmutzung, Müll und schädlichen Einflüssen.

Reinheit ist  – egal ob äußerlich oder innerlich – kein für immer errungener Zustand, sondern ein fortwährender Prozess. Eine liebvolle und pflegende Hinwendung zu Geist und Körper, aber auch zu den persönlichen religiösen Kultgegenständen, die letztlich nichts anderes sind als ein greifbares Symbol einer inneren Hinwendung zu den Göttern und der Schöpfung, die wir mit unserer täglichen Hingabe mitgestalten und erhalten.

Literatur:
Lexikon der Ägyptischen Religionsgeschichte, Hans Bonnet

An Ancient Egyptian Herbal, Lisa Manniche

Weitere Blogeinträge zum Thema “Rituelle Reinheit/Ritual purity” von Teilnehmern des KRT

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4 Responses to Rituelle Reinheit (KRT)

  1. Pingback: Ritual purity: what does that mean for my practice? | Kemetic Round Table | Kemetic Round Table

  2. Pingback: Schrein Basics | Kemetische Einsichten

  3. Alexis Sólveig Freysdóttir says:

    Dieses Thema ist innerhalb des Apollon-Kultes auch relevant, wobei ich mich noch zu keiner endgültigen öffentlichen Äußerung entschließen konnte. Ich finde es sehr schwer, da ich nicht mit dem rekon. Hellenismus konform gehe, sondern einen eigenen Weg gewählt habe. Ich hoffe dass ich nächstes Jahr etwas dazu schreiben kann. Wenn man aus einem anarchistischen, gynozentrischen Frauenspirit-Background kommt, ist “Reinheit” etwas sehr Kontroverses.

  4. Pingback: Kemetische Rituale – Impressionen | Kemetic Insights

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