Isis

Eine Frauenberatungsstelle, ein Onlineshop für Wasserpfeifen, die Homepage eines Erotikmodels, eine Mysterienschule, ein Kosmetikstudio, diverse Links zu einer Metalband, eine Geistheilerschule, private Blogs und Homepages von “Priesterinnen und Hexen”, Artikel über kanadische Forschungssatelliten und Unmengen an Esoterikshops, die Heilsteine, Schmuckstücke, Räucherwerk und magisches Werkzeug anbieten. Das alles spuckt Google aus, wenn ich “Isis” als Suchbegriff eingebe.

Die Angebote meine innere Isis zu wecken, in ihre magische Mysterien eingeweiht zu werden oder aber ihre Heilkraft verliehen zu bekommen, überschlagen sich regelrecht zusammen mit allerlei Kleinkram wie Räucherwerk, Schmuckstücke, Heilsteine und Mantren die natürlich allesamt zu Isis gehören oder gar von ihr höchstpersönlich geheiligt sind. Sogar ein Mail kann ich ihr schicken, um sie was zu fragen. Natürlich wird sie dabei von einer weiss-benachthemdeten, leicht fülligen Dame gechannelt.

Sobald irgendetwas einen mystisch-verklärten, weiblich-spirituellen Anstrich erhalten soll, ist “Isis” das ideale Branding. Sogar Rihanna hat sich die geflügelte Göttin unter die Brust tätowieren lassen und ich wünsche ihr, dass sie dort noch lange sichtbar sein wird und nicht den Tücken der Schwerkraft zum Opfer fallen wird…

Isis – ägyptische Malerei um 1360 v. Chr.

Das alles hat aber mit der Isis, wie sie in Ägypten bekannt war wenig bis gar nichts zu tun. Obwohl sie noch heute zu den bekanntesten Gottheiten Kemets gehört und man daraus schlussfolgern könnte, dass sie eine unglaublich mächtige Gottheit gewesen sein muss, erlangte sie erst in der Spätzeit eine gewisse Berühmtheit. Sie genoß dabei aber nie einen eigenen Kult, sondern war stets die treu ergebene Gefährtin an der Seite ihres Brudergatten Osiris.

Isis oder “Aset” wie ihr original-kemetischer Name lautet, stammt vermutlich aus Buto. Als Tochter der Himmelsgöttin Nut und des Erdgottes Geb gehört sie zur Neunheit von Heliopolis. Einigen Vermutungen zu Folge, könnte sei vielleicht im Alten Reich eine Priesterin der Neith oder Hathor gewesen sein, doch das ist leider nicht nachweisbar. Tatsächlich kann man zumindest sagen, dass Isis in gewisser Weise der wesentlich bekannteren und älteren Hathor den Rang etwas streitig gemacht hat. Viele Vorstellungen die heute mit Isis assoziiert werden, treffen sehr viel eher auf Hathor zu und tatsächlich hat Hathor einige ihrer Charakteristika an Isis abgetreten, wie z.B. die Rolle der Mutter des Horus, die Kuhhörner und die Sonnenscheibe und später sogar die Kuhgestalt, wobei diese bei Isis lediglich in Form eines Kuhkopfes verwirklicht ist. Hathor und Isis sind nahezu völlig verschmolzen.

Isis als Ba-Vogel über dem Leichnam des Osiris

Ihre tragende Rolle in der altägyptischen Theologie spielt Isis als Gattin des Osiris. Dieser wird von seinem Rivalen und Bruder Seth ermordet, zerstückelt und über das ganze Land verstreut. Isis sucht darauf hin die Einzelteile seine Leichnams in lauter Klage zusammen. Dabei wird sie von ihrer Schwester und Gattin des Seth, Nephthys unterstützt. Sie fügt den Leichnam zusammen, dabei hilft ihr Anubis, Sohn der Nephthys, der umhüllt ihn mit Leinenbinden, womit im mythischen Sinne sozusagen die erste Mumifizierung durchführt wird. Isis beweint (gemeinsam mit Nephthys) den so zusammengesetzten Leichnam, benetzt und durchtränkt ihn mit ihren Tränen, “kittet” und beseelt ihn auf diese Weise neu. Dieser “Kitt” ist ein Sinnbild ihrer Liebe, der ihren verstorbenen Gatten zum ewigen Leben in der Unterwelt erweckt und ihn sogar zum König über das Totenreich macht.

In einigen Erzählungen wird erwähnt, dass der Phallus des Osiris unauffindbar war und sie daher einen künstlichen formte und kraft ihrer magischen Fähigkeiten – sie trägt auch den Beinamen “die Zauberreiche” – diesen funktionsfähig machte um darauf hin Horus, Sohn der Isis (Hor-Sa-Aset) zu zeugen, welcher schließlich den diesseitigen Thron Ägyptens besteigen sollte (und praktisch mit dem lebenden Pharao gleichgesetzt wurde). Hierbei sieht man sie auch in der Darstellung als sog. “Ba-Vogel” über dem Leichnam Osiris schwebend und ihn neu beseelend bzw. gleichzeitig Horus zeugend. Manche sehen darin auch eine Art “jungfräuliche Empfängnis” und assoziieren den Isiskult mit dem späteren Marienkult. Und tatsächlich haben die Darstellungen einer stillenden Isis große Ähnlichkeit mit den Gottesmutterdarstellungen des Christentums, den letztlich ist ja auch Isis nichts anderes als die Mutter eines bedeutenden Gottes.

Isis und Horus

Maria und mit Jesuskind

Auch der Thron ist ein Symbol, das Isis zugeordnet werden kann, heißt doch ihr Originalname “Aset” nichts anderes als “Thron” oder “Sitz”. Gemeint ist damit wohl vor allem der Königsthron ihres Gatten Osiris und damit widerspricht Isis sehr stark den modernen Assoziationen von “weiblich emanzipierter Spiritualität” wie sie oft im modernen Hexentum oder als Teil moderner Göttinnenspiritualität gesehen wird. Isis ist sehr viel mehr treu ergebene Ehefrau, die bescheiden hinter Mann und Sohn zurücktritt und stets in bedingungsloser Loyalität für beide handelt. Dies selbst dann noch als ihr eigener Sohn ihrer spottet, indem er ihr während der Gerichtsverhandlungen um den Seth-Horus-Streit den Kopf abschlägt und ihr stattdessen einen Kuhkopf aufsetzt. Dennoch erlangt sie geheimnisvolle Macht und unergründliche Anziehungskraft, indem sie im Zuge des Osiris-Mythos zusammen mit Neith, Nephthys und Selket zur Totengöttin wird und die Toten mit ihren Flügeln beschützt bzw. ihnen den Lebensodem der Ewigkeit zufächelt.

Und tatsächlich erstreckt sich ihre Macht trotz ihrer eher bescheidenen Position im ägyptischen Pantheon auf weitere sehr mächtige Gottheiten. Sogar über den Sonnengott Re hat sie große Macht und konnte ihm durch den Einsatz von Schlangengift seinen geheimen Namen entlocken, womit sie magische Macht über ihn gewann. Durch ihre Nähe zur Skorpiongöttin Selket und Märchenerzählungen, die sie in enger Verbindung mit Skorpionen zeigen, galt Isis auch als Ansprechpartnerin für Vergiftungsfälle durch Skorpionstiche oder Schlangenbisse besonders bei Kindern. Dieser Umstand bracht ihr möglicherweise auch den Status einer Heils-Gottheit ein.

Römisches Fresko aus dem Tempel der Isis in Pompeji.

Dass sie zur Mondgöttin wurde, ist den Hellenen zu verdanken, denn in Ägypten war Isis vor allem nach ihrer Verschmelzung mit Hathor eine von den “Auge des Re”-Gottheiten, deren Insignium die Sonnenscheibe ist. Damit war sie also in Ägypten definitiv eine Sonnengöttin. Die Rolle der Himmelsgöttin ist eher ein Nebeneffekt aus der Tatsache, dass Osiris mit dem Sternbild des Orion gleichgesetzt wurde, während Isis ihrerseits mit Sothis gleichgesetzt wurde und damit natürlich auch deutlich in die Nähe der Göttin der Nilflut rückt. Das Wasser Isis’ Element ist, tritt ja bereits im Osiris-Mythos durch ihre Tränen zu Tage. Die eigentliche Himmelsgöttin war natürlich nach wie vor Nut, Isis’ Mutter, deren Leib der Sternenhimmel ist und die bezeichnender Weise ebenfalls Macht über den Sonnengott hat, denn sie verschlingt ihn jede Nacht und gebiert ihn jeden Morgen neu.

Isis-Tempel von Philae

Die Hauptkultstadt der Isis-Hathor-Verschmelzung in der Spätzeit war Philae, wo ihr zu Ehren ein großer Tempel errichtet wurde und dort erlebte der Kult auch seine Blütezeit. Dieser war auch in römischer Zeit ein vielbesuchter Wallfahrtsort und aus dem Volksglauben war Isis kaum zu verdrängen, obwohl sich mehrere römische Kaiser redlich darum bemühten ihren Kult abzuschaffen (Agrippa, 10v.Chr. – 44 n.Chr. und Tiberius, 42 v.Chr. – 37 n.Chr.). Isis behielt ihre hohe Anziehungskraft bis sich schließlich unter Caligula (12-41 n.Chr.) ihr Kult wieder voll durchsetzte. Besondere Beliebtheit genoß sie bei den Römern als Gemahlin des Sarapis (=Osiris in hellenischer Gestalt). Von Philae aus war sie Herrin des Dodekaschoinos und ihr kultischer Einfluss erstreckte sich bis nach Nordnubien und Meroe bis der römische Kaiser Justitian I (527 – 565) ihren Kult beendete und das Christentum Einzug hielt.

Isis wurde also erst in hellenischer und römischer Zeit zur “Natur- und Weltgöttin” und “einer übernationalen Allgöttin mit vielen Namen und Gestalten.” wie Bonnet schreibt. Auch Apulejus nannte sie “die Mutter aller Dinge, die Herrin aller Elemente, der Uranfang der Zeiten”. Und die Inschrift eines ihr gewidmeten Göttergrabes – übrigens nichts Ungewöhnliches in Ägypten – im arabischen Nysa besagt ” Ich, Isis, bin die Königin aller Lande”.

Römische Statue der Isis mit Sistrum

Diese Vielgestaltigkeit ist vermutlich ihren zahlreichen Verschmelzungen mit anderen Gottheiten zu verdanken.

Als Isis-Sothis reitet sie auf einem Hund (Sothis=Hundsstern) und trägt dabei einen Stern auf dem Kopf und ist dabei Herrin über das Eintreffen der Nilflut.

In Ihrer Verschmelzung mit der schlangengestaltigen Erntegöttin Renenutet, knüpft sie vielleicht auch etwas an die einstige Bedeutung ihres Gatten Osiris als Fruchtbarkeitsgott an, was sich auch ein wenig dadurch bestätigt, dass ihr Sohn Horus in Koptos mit dem Fruchtbarkeitsgott Min gleichgesetzt wurde. Dennoch folgt sie ihren Gatten in die neue Aufgabe als Totenrichter und wird überRenenutet, die beim Totengericht über das Leben der Toten berichtet sogar mit Ma’at assoziiert.

Die Verschmelzung mit Hathor brachte ihr auch die Absorption der Liebesgöttinen Aphrodite und Astarte ein.

In Alexandria wurde sie als Hafengöttin in Verschmelzung mit Pharia verehrt und wieder ist hierbei das Wasser ihr Herrschaftsgebiet. Die Tatsache, dass Isis in den Hafenregionen verehrt wurde könnte natürlich auch ein wesentlicher Faktor gewesen sein, der zu ihrer weiten Verbreitung beigetragen hat, die über die Römer sogar bis nach Großbritannien reichte.

Die Gleichsetzung mit Demeter und Hekate erschließt sich aus Darstellungen mit Mondsichel, Ähren oder Fackeln.

Auch mit Kybele wird sie assoziiert, aufgrund ihrer Rolle als Gottesmutter bzw. Mutter der Götter. Außerdem enthielt der Kybele- und Attiskult in ähnlicher Weise einen Beweinungsritus, wie sie bereits der einstige Osiris-Mythos aufweist.

Isis

Heute ist Isis auch im modernen Kemetismus eine vielverehrte Göttin. Viele geben an durch sie überhaupt erst zum Kemetismus gekommen zu sein und einige wenden sich auch enttäuscht wieder ab, wenn sie jene mystisch-magische Allmutter aus der hellenischen und römischen Zeit in der kemetischen Tradition nicht vorfinden. Eines hat sich jedoch über all die Jahrtausende unverändert gehalten, nämlich die schier unwiderstehliche und unergründliche Anziehungskraft der Isis und ihrer verschiedenen Kulte. Isis scheint, in all ihren verschiedenen Manifestationen und Verschmelzungen, immer die Mutter der menschlichen Hoffnung auf Unsterblichkeit gewesen zu sein und sie wird es ganz sicher auch bleiben.

Quellen:
Altägyptische Märchen, Emma Brunner-Traut
Tod und Jenseits Im Alten Ägypten, Jan Assmann
Lexikon der ägyptischen Religionsgeschichte, Hans Bonnet
Bilder Wikipedia, Wikimedia Commons

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