A wie Amun

Original:
Sarduíur Freydís Sverresdatter (warboar) “Pagan Blog Project 2013 : A is for Amun”

Schöpfergott der Achtheit

Amun ist vermutlich die am weitesten verbreitete und rätselhafteste aller ägyptischen Gottheiten. Seine Erscheinungen und göttlichen Funktionen sind manigfaltig und haben große Veränderung im Laufe vieler turbulenter Jahrhunderte erfahren. Im Allgemeinen ist die moderne Auffassung, dass Amun der “König der Götter” der ägyptischen Theologie sei. Dies war jedoch nicht immer so und mit dem Wiederaufleben des ägyptischen Polytheismus, der auch als Kemetismus bezeichnet wird, blieb es weitgehend auch nicht dabei. Obgleich sein Kult zunächst der eines unergründlichen Urgottes gewesen sein mag, sollte sein Kult sich in späteren Perioden der altägyptischen Geschichte zur theologischen Herrschaft über die Gesamtheit Ägyptens aufschwingen und allen anderen Kulten die politische Macht und das religiöse Ansehen entreißen, indem die individuelle Natur einst mächtiger und herausragender Gottheiten zu bloßen Erscheinungen seiner selbst herabgesetzt wurden.

Dendera Deckenrelief “Achtheit von Hermopolis”
(Foto Olaf Tausch, Wikimedia Commons)

Amun Name bedeutet “Der Verborgene” oder “der Geheime”. Watterson beschreibt den Amun von Khnum (Hermopolis) des Alte Reiches als “Gott der Luft” und obwohl sie den gleichen Namen haben, ist nicht bekannt, ob der Amun von Khmun überhaupt im Zusammenhang mit dem späteren Amun von Waset (Theben) steht. (8) Was bekannt ist, ist, dass der Amun Khmuns der älteste ist und eine entscheidende, wenn auch untergeordnete Rolle innerhalb der Achtheit von Hermopolis spielt, die im Alten Reich verehrt wurde. Dieser Amun war mitnichten die Spitze seines göttlichen “Stammes”, jedoch konnte auch keine andere Gottheit unter dem Namen Amun gefunden werden, die gleichzeitig innerhalb der beiden anderen wichtigen kosmologischen Theologien existierte, diese sind, jene von Men-nefer (Memphis) und jene von Iunu/On (Heliopolis). (2) Djehuty (Thoth) der Ibis-köpfige oder Pavian-gestaltige Mond Gott des Heka (Magie), der Weisheit und der Schrift nach welchem die Stadt von den Griechen benannt wurde, hielt den Vorsitz über die die Achtheit der Götter als oberste Gottheit in Khmun. (2) Jackson skizziert eingehend das Skelett der Khmun Theologie und Amuns Rolle darin:

“Die Hermopolitanische Theologie konzentriert sich auf die latente Macht des Urmeers, oder des prä-kreationären Chaos. Es wird angenommen, dass sie dem 3. vorchristlichen Jahrtausend entstammt. Das Urmeer Nun hat einen weiblichen Aspekt – nämlich Nanuet, die manchmal als himmlische Weite über dem Abgrund beschrieben wird. Dies führt zu den Attributen Nuns: Heh und Hauhet, welche die grenzenlosen und unfassbaren Weiten des Chaotischen und der Formlosigkeit vertreten; Kek und Kauket: Welche seine Dunkelheit und Unergründlichkeit darstellen; Amun und Amaunet, die die immateriellen Geheimnisse des Chaos darstellen und dem Wind ähneln. Diese vier Götterpaare bilden die Achtheit. Sie werden üblicherweise als vier froschköpfige Götter und vier schlangenköpfige Göttinnen dargestellt. Eine andere Erklärung für die Achtheit ist, dass [Djehuty] eine alte Gottheit des Fluss-Deltas war und diese acht Gottheiten seine Seelen waren. “(2)

In “Myth and Symbol in Ancient Egypt” erläutert R.T. Rundle-Clark, dass Amun alternativ eine kosmische Schlange im Alten Reich gewesen sein könnte und damit eine etwas wichtigere Schöpferrolle als in der Khmun Theologie inne gehabt hätte. Eine solche Schlange, wie in Absatz 1146 der Pyramidentexte erwähnt, als Manifestation des Höchsten Gottes in seiner Erscheinungsform, beschreibt sich selbst als “Überbringer vom Wesen der Schlange mit vielen Windungen… die sagt, was gewesen ist und beeinflusst, was noch sein wird. “Rundle-Clark beschreibt diese Kosmische Schlange als” Schöpferin des Vielfachen, Gottheit desjenigen Geistes, der alles seinem Wesen zuweist…[welcher] in der Mitte der dunklen Wasser des Abyss entstanden ist… dessen Spuren die Schöpfung eingrenzen… [dessen] schöpferisches Wort die Gesetze festlegt von dem, was erschaffen werden soll. “Dieses Bild ist von einem Schöpfer des Beginns, doch ist der Schöpfer in dieser Form nicht mehr existent, da die Form der kosmischen Schlange ihn abgelöst hat. Laut der Theologien des Alten Reiches, existiert diese Schlangen-Form sowohl am Anfang als auch am Ende der Zeit, nämlich zu der Zeit als die Schöpfung aus dem Urmeer Nun entstanden ist und zu jener, wenn eines Tages die Schöpfung schließlich in den primären Zustand des undifferenzierten Chaos zurückzukehrt. Dann wird der Schöpfer wiederrum die Schlangenform erneut annehmen. Rundle-Clark postuliert, dass die Tatsache, dass die kosmische Schlange vor dem Erscheinen des Lichts auftritt, die Assoziation mit Amun im Hinblick auf seine Namensbedeutung zulässt. (7)

Übrigens wird diese Schlangen-Form des Schöpfers auch als seine konträre Form verstanden, die der Schöpfergott einst verließ als die Ordnung etabliert war (7). Die “Amun-Schlange” versuchte daraufhin aus Eifersucht auf die Form, die der Schöpfergott ersonnen hatte, ihn und seine gesamte Schöpfung zu verschlingen. Hieraus könnte man ableiten, dass die abgespaltene Form des Schöpfergottes mit dem Dämons Apophis verwandt ist.

Nach Watterson, wurde die Seele des Amun von einer zusammengerollten Schlange, der kosmischen Schlange dargestellt und lief unter dem Namen Kematef oder auch “Er dessen Augenblick vollendet ist.” Diese Darstellung Khmuns mag der Original-Fetisch oder die Verkörperung des Gottes gewesen sein. (8) Gleichsam ergänzt Pinch diese Ansicht eines Ur-Amuns als kosmische Schlange und beschreibt sie als Geschöpf der Achtheit. Die Achtheit kam zusammen um ein kosmisches Ei zu formen (eine unsichtbares allerdings, da das Licht noch nicht erschaffen war), welches durch Amun als kosmische Schlange befruchtet wurde um so das Fundament der Schöpfung zu errichten (4) Alternativ wurde das kosmische Ei auch in die Gewässer des Abyss von Amun in Gestalt einer Gans gelegt (Gengen-Wer oder “Der große Schnatterer”) (3) Unabhängig von der Gestalt schreiben Amuns Handlungen innerhalb all seiner Manifestationen ihm eine größere göttliche Rolle zu und eine höhere Stellung in der göttlichen Hierarchie als es für den Amun von Khmun laut beider primären religiösen Quellen und laut der modernen Lehrmeinung typisch wäre. Meist wurde Ptah, Atum und Djehuti der Titel “Hochgott” in den bestimmenden Theologien des Alten Reiches verliehen.

Gott von Theben

Jener Amun, der den meisten von uns geläufig ist, ist aber nicht der, der sich von den Wassern Khmuns des Alten Reiches erhob. Vielmehr dauerte es bis zum Zeitpunkt der ersten Zwischenzeit und des Mittleren Reiches als im vierten Gau (des “Was-Zepters”) Oberägyptens der Kult des Widdergottes und “König-Machers” Amun als ernsthafter Anwärter für eine religiöse und politische Vormachtstellung in Ägypten entstand. Wie bereits erwähnt, ist nicht bekannt, ob der Gott Amun von Khmun in irgendeiner Weise im Zusammenhang mit dem Widdergott Amun steht, dessen Kult man sich im vierten Gau so eifrig angeschlossen hatte, bis er schließlich zur vorherrschenden Gottheit ganz Ägyptens avancierte. Was bekannt ist, ist, dass der Kult des Amun während der Ersten Zwischenzeit in Waset (Theben) auftauchte und im Verlauf von eineinhalb Jahrhunderten den amtierenden solaren Kriegsgott Montu schlußendlich verdrängte. (5, 8) Der Amun, welcher den vierten Gau regierte, hatte auch nicht Amaunet als Gemahlin an seiner Seite, wie sie der Amun von Khmun hatte. Vielmehr erhielt nun die Göttin Mut diesen Titel.

Es wird vermutet, dass jener Amun, der die Macht in Waset erlangte einen unbekannten und älteren Gott als Montu überholt hatte, dessen Hauptsymbol der Widder war und der möglicherweise bereits eine alternative Form des Amun von Khmun gewesen sein könnte. (5) Es ist jedoch nicht bekannt, welche Art Widder jener Gott war, der von Montu verdrängt worden war, obwohl aufgrund des vermuteten Alters dieser Gottheit davon ausgegangen werden kann, dass es ein Ovis longipes ist, die erste Widdergattung, die in Ägypten gehalten wurde, gekennzeichnet durch einen einen schweren Körperbau, langem, zottigen Fell und spiralförmigen waagrechten Hörnern. Amun wurde durch den schlanken, kurzhaarigen Ovis platrya mit gekrümmten Hörnern vertreten, welcher den Ovis longipes verdrängte. (9) Es ist schon erstaunlich passend, dass jene Widdergattungen, die Götter wie Herischef, Ba-djedet, Chnum, Tatenen und Wesir (Osiris) repräsentierten und die zuvor allem Anschein nach kultische Individualität genossen allesamt von einem Widder unterworfen wurden, der mit Amun assoziiert ist. In der Tat besaß Amun bereits zu einem so frühen Zeitpunkt wie den letzten Jahrzehnten der Ersten Zwischenzeit eine derart inhärente Tendenz zum Synkretismus, welcher die anderen Götter wie auch deren Kulte nahtlos assimilierte und sicherlich nicht auf die eben genannten beschränkt blieb. (5) Bis zum Mittleren Reich wurde der Widder sein Hauptsymbol (wenn auch nicht seine Hauptdarstellungsform) und zwar sinnbildlich für seine Männlichkeit und Kampfeslust. Der Historiker Donald B. Redford legt die theologischen Gründe für die Adaption des Widders als Symbol  Amuns dar. Obgleich er vom Widder im Zusammenhang mit den Widdergottheiten Ba-djedet, der Widder von Mendes  spricht, so wurde dieser Gott doch später von Amun(-Re) absorbiert, daher sind seine Ausführungen immer noch gültig:

“Eine vergleichbare Ähnlichkeit von Merkmalen und Funktionen wurde für andere Schaf-Kulte postuliert… Dem Widder haftet jedoch eine universelle “Zuständigkeit” an… Er wird Vater der Götter, Widder der Widder, der König der Götter, Manifestationen (Bai) jeder Gottheit, der Erbe Tatenens (der Ur-Gott der Erde), der einzige Gott mit überwältigender Schrecklichkeit. Die Nuance des Absoluten in diesen Beinamen erweckt den Eindruck dass die Macht und Person der Gottheit uneingeschränkt im ganzen Universum ist, unabhängig davon welche vordergründigen Manifestation sich auch immer davor schieben mögen. Neben seinem Wesen als Erde, ist er auch Wasser “Der als Überschwemmung kommt, dass er das Leben zu beiden Länder bringen möge.” Als Lebender des Re, wird er zur Quelle von Licht und Wärme “welcher Himmel und Erde erhellt mit seiner Strahlen “, als die Luft ist er “der Atem für alle Menschen “.(6)

Widder von Mendes
(Foto: Buchsweiler, Wikimedia Commons)

Amun adaptiert später auch den vierköpfigen Widder von Ba-djedet, welcher die vier Hypostasen der abstrakten Qualitäten des Abyss (jeweils mit einer Nuance des Unendlichen) symbolisiert: Absolute Dunkelheit (Kkw), Endlosigkeit (Hhw), Fluidität (Nw) und Richtungslosigkeit (Tnmw). Als “der Vollendete” (‘It,), vertritt der Herr des Himmels und der Lebende des Re, der vierköpfige Widder ebenfalls Licht/Flamme (Re), Air (Shu), Erde (Geb) und Flut (Wesir). (6) Die umfassende theologische Vollständigkeit seiner Gestalt machte dem vierköpfigen Widder Ba-djedet zu einem attraktiven Kandidaten für eine kultische Assimilation durch die Amun Priesterschaft.

Nachdem der Amun-Kult in Waset angekommen war und in Iuny (Armant) ein Tempel für ihn errichtet worden war, gewann Waset an Reichtum und geopolitischer Bedeutung wie niemals zuvor. (8) Amuns Kult verbreitete sich konstant weiter.

Die Spaltung der Vorherrschaft Montus von der Herrschaft des Amun im vierten Gau vollzog sich etwa ein Jahrhundert nachdem der Amun-Kult in Iuny Einzug gehalten hatte. Die Herrscher der 11. Dynastie, die diesem Gau entstammten und Anhänger des Montu Kultes waren, machte Iuny zur Hauptstadt der beiden Länder, ein Privileg das es für ca. 50 Jahre behalten sollte. Im Jahr 1999 v. Chr. wurde jedoch der letzten Herrscher der 11. Dynastie, Mentuhotep IV, durch seinen höchsten Beamten, seines Zeichens Amun-Anhänger, vom Thron verdrängt. (8) Es liegt auf der Hand, dass die Veränderung in der Theologie nahezu rein politischer Natur war. Sie wurde geändert um die neue Herrschaft und die Absetzung von Montu als Hoch-Gott im vierten Gau zu erklären und zu rechtfertigen. Für eine gewisse Zeit wurde Montu noch auf den Status der kriegerischen Manifestation Amuns reduziert, dann schließlich zu Amuns Sohn. Um dann schlußendlich obskurerweise wieder einmal ersetzt zu werden – diesmal durch den Mond Gott Chons der als Sohn Amuns auftrat. Über Iuny durfte offenbar nur eine Sonne scheinen…


Schachfigur der Herrscher und Priesterschaften

Der Gründer der 12. Herrscher Dynastie kam im Jahre 1991 v. Chr. an die Macht und nannten sich selbst Amenemhet oder “Amun ist an der Spitze”, eine Namenstradition, die von drei weiteren seiner Nachfolger aufrecht erhalten wurde. (5) Amenemhet hat nicht nur Amun durch seinen Namen geehrt, sondern war auch derjenige der den Bau eines der größten Tempelanlagen in der Weltgeschichte (nach der kambodschanischen Tempelanlage von Angkor Wat) begann – zu Ehren Amuns. Ipet-esut “Der Verborgenste aller Orte” – Karnak. (8) Der Tempel wurde zu einer Art “architektonische Königs Liste” auf der sich die meisten Herrscher der Dynastie in Form von Tempelanbauten und -erneuerungen verewigten.

Die Herrschaft des Amenemhat I (1991 – 1962 v. Chr.) war die Blütezeit des Amunkultes; Amuns Verschmelzung mit Re wurde ausgerufen. (5) Diese wurde sicherlich auch durch den Wechsel der Hauptstadt von Iuny auf Itji-taui begünstigt (“Die Bezwingerin der beiden Länder”) an der Grenze zwischen Unter-und Oberägypten etwa 30 Kilometer südlich von Men-nefer (Memphis) gelegen. (8) Amenemhat I errichtete seine Hauptstadt dort, da er glaube sein wachsendes Reich von Iuny aus nicht so effektiv verwalten zu können, obwohl Iuny das administrative Zentrum von Oberägypten blieb. Die Re-und Amun Hochburgen waren somit jedoch noch näher aneinander gerückt und die Vereinigung der beiden Kulte war durchdacht und einfacher für beide Parteien, sowohl theologisch als auch politisch. Die Priesterschaft des Re wird sicherlich auch von der königlichen Gunst profitiert haben und ihre Standorte blieben vom Königs-geförderten Amun-Kult und dessen Autoritäten unangetastet, wie auch die Priesterschaft sicherlich nicht ihrer Privilegien und Titel beraubt wurde. Ra und Amun blieben weiterhin getrennt als hypostatische Gottheiten, ganz im Widerspruch zu Amuns Tendenz zur Usurpation und Absorption anderer Götter und anderer Kulte in Ägypten (obgleich Titel wie “Hohepriester des Ptah” relativ intakt blieben). Die Verbindung des Re-Kultes mit dem Kult des Amun war ein Ausdruck der Einheit der Götter – und natürlich ihrer weltlichen Autoritäten. (5) Anstatt also miteinander zu konkurrieren, unterstützten sich die Kulte von Re und Amun gegenseitig und förderten gemeinsam die Monarchie. Im Gegenzug unterstützte die Monarchie die religiöse(n) Institution(en).

Karnak Tempel
(Foto: Karelj, Wikimedia Commons)

Während der 13. Dynastie wurde die Hauptstadt wieder nach Men-nefer verschoben, obwohl es den eindringenden Hyksos im Jahr 1674 v. Chr. zufiel, ein asiatisches Volk, das den Ägyptern als heqa khasewet bekannt war oder auch als “Fremdherrscher.” (8) Möglicherweise waren diese auch eine mesopotamische Gruppe, die der modernen Lehrmeinung als “Hurriter” bekannt sind, das ist jedoch umstritten. Iuny, das im Laufe der Jahre in eine ziemliche Abgeschiedenheit gefallen war, wurde zum Dreh- und Angelpunkt für den ägyptischen Widerstand. Die Führer dieses Widerstands gegen die Herrschaft der Hyksos wurden als 17. Dynastie bezeichnet, obwohl die Einheit der Nation durch die ausländische Besatzung unterbrochen worden war.

Die viel gefeierte und sehnlichst erwartete Vertreibung der Hyksos durch König Ahmose im Jahre 1550 v. Chr. markiert den Beginn der 18. Dynastie und des Neuen Reiches und mit ihm eine Welle monumentaler Bauvorhaben zu Ehren von Amun(-Re), dem die Macht und Wohltätigkeit wie auch der Sieg über Fremdherrschaft zugeschrieben wurde. Iuny wurde wieder die Hauptstadt von Ägypten – diesmal sogar der Sitz eines regelrechten Imperiums – und zusammen mit diesem wuchsen auch Macht und Ansehen Amuns.

Während der 18. und 19. Dynastie geschah es (abgesehen von der Unterbrechung durch die Amarna-Periode), dass Amun seine größte religiöse Bedeutung erlangte und zur Staatsgottheit wurde. Er erhielt den Titel Amun-Ra-Nesu-Netjeru oder “Amun-Re, König der Götter . “(3) Amuns theologische Entwicklung erreichte ihren Höhepunkt. Die Kraft seines Kults und die Interessen des Königshauses diesen derart zu erweitern, verwandelte die ägyptischen Staatsreligion in ein plumpes henotheistisches System – sehr nah am Monotheismus – und sehr konträr zum einst facettenreichen regionalen Polytheismus, der aus einzelnen, bunten, dynamischen Gottheiten bestanden hatte. Amun(-Re) wurde plötzlich der höchste Gott (den einige moderne Kemeten schlicht mit “netjer” adressieren) dessen bloße Masken und Reflektionen alle anderen Gottheiten sind. Seine Verbindung mit der Luft als unsichtbare, “verborgene” Kraft unterstützte seine Entwicklung zum Status eines transzendent Schöpfers. (5) Nach dieser neuen Theologie war Amun(-Re) nicht mehr schöpfungsimmanent und die Schöpfung war auch nicht mehr eine Erweiterung seines Selbst. Er blieb tatsächlich sogar vollkommen getrennt und unabhängig von ihr. Amun(-Re) erwirkte die Schöpfung aufgrund seiner höchsten Macht. Er erzeugte sie nicht mehr aus seiner eigenen Physis heraus wie in der heliopolitanischen Kosmologie mit Re-Atum beschrieben. (5) Die ägyptische Religion wurde somit ziemlich abstrakt.

Gott der “Armen und Unterdrückten” und “Vater der Herrscher”

Im Laufe der Zeit – vor allem während der 18. bis 20. Dynastie – war die Priesterschaft des Amun(-Re) sehr bemüht, diesen unzugänglichen, siegreichen Kriegsgott der königlichen Elite als mitfühlende, umgängliche Gottheit darzustellen, den Jedermann in Zeiten der Not erreichen und ansprechen konnte. Amun(-Re) erlebte eine “PR Grundüberholung” und wurde auf revolutionäre Weise von seinem Klerus plötzlich zu einem Gott der Armen, der Kranken und der Unterdrückten hochstilisiert, sowie zum Gott der Segler (vielleicht als eine Art Rückschau zum Amun von Khmun, als Gott der Luft, der den unergründlichen Wassern des Abyss entstiegen war). Der große Karnak Tempel erhielt an seinem Portal einen Vorraum, wo ägyptischen Untertanen für alle Belange des Lebens Stelen für Amun hinterlassen konnten, wie auch für die anderen Mitglieder seiner Triade in Iuny, nämlich Mut und Chons. (8)

“Amun-Re, ich liebe Dich!
Mein Herz ist erfüllt von Dir.
Ich habe Dich in mein Herz gegeben
Ich kenne Deinen Namen.”

Ostrakon British Museum (5656a), 19. Dynastie.

Du bist Amun, Herr des Schweigens,
Der antwortet dem Weinen der Unterdrückten
Ich rief zu Dir als ich traurig war,
und Du bist gekommen, dass Du mich errettest.
Du gabst Luft dem, der in Bedrängnis war,
Du rettest mich, der ich in Not bin
Du bist Amun-Re, Herr von Theben,
Du rettest den, der in der Unterwelt ist.”

Gebet der Nebre-Stele 23.077, Museum Berlin, 19. Dynastie

Obwohl eine Reihe von schöne Devotionalien im Namen Amuns gefertigt wurden, wie die o.a., die von einer tiefen Bewegtheit ob dieser nationalen Gottheit zeugen, so waren die Anstrengungen der Priesterschaft dennoch weitgehend zum Scheitern verurteilt. (10) Das Volk klammerte sich weiterhin an die Verehrung ihrer lokalen Gottheiten, deren Kultstätten seit Jahrhunderten in den Gemeinden und Gauen Bestand hatten. Trotz der henotheistischen und beinahe monotheistischen Staatsreligion, war die private Religiosität des durchschnittlichen Ägypters nach wie vor eher dem konsequenten Polytheismus zugetan.

Ramses II, Amun und Mut
(Foto: Aangelo, Wikimedia Commons)

Unabhängig von der öffentlichen Meinung, genoss der Kult des Amun jedoch viel Wohlstand und Ausschmückung unter den Pharaonen der Thutmosiden und Ramessiden. Thutmosis III war ein besonderer Verehrer von Amun. In Karnak hatte er, einige Jahre nach seiner Thronbesteigung eine Geschichte aus seiner Jugend auf die Wände schreiben lassen. Als er noch ein Kind gewesen war und ein Priestergehilfe im Tempel des Amun in Iuny, kam sein Vater um Amun Opfergaben darzubringen. Thutmosis stand in der Halle außerhalb des Heiligtums und sah wie die Prozession seines Vaters vorbeizog. Und der Gott (bzw. das Kult-Symbol oder möglicherweise ein lebendiger Widder-Avatar, geführt von einigen Priestern) “begann, ihn zu suchen”:

“Als er mich, lo, erkannte, hielt er inne… Ich warf mich auf den Boden, unterwarf mich seiner Gegenwart. Er setzte mich vor sich und ich stellte mich damit an die Position des Königs [der Ort, der in der Regel vom Pharao eingenommen wird]. ” (8)

So wurde dem jungen Königssohn aufgrund des göttlichen Orakels oder vielleicht aufgrund der prophetische Vision der Widder-Gottheiten bzw. ihrer kultischen Tieravatare (6), die Rolle des Kronprinzen und Nachfolger seines Vaters zugeschrieben. Das Orakel konnte selbstverständlich nur von den Priestern des Amun inszeniert worden sein, die ein Auge darauf hatten, den Thronanspruch des Jungen zu sichern und ihn hinsichtlich des Kultes wohlgesonnen und unterstützend zu stimmen. Und tatsächlich war Thutmosis III nach seiner Thronbesteigung sehr bestrebt Amun seine Dankbarkeit auszudrücken. Die thutmosidischen Pharaonen der 18. Dynastie schrieben ihre Erfolge im In-und Ausland stets der Größe des Amun(-Re) zu. (8) Jeder von ihnen nannte sich Sohn des “Vater Amun” und untermauerte damit sein Recht im Namen dieses Gottes zu regieren. Die Pharaonen machten fürstliche Spenden an den Kult und die religiös-politischen Forderungen der Pharaonen wurden wiederum von der religiösen Institution mittels öffentlicher religiöser Propaganda legitimiert, z.B. durch den Bau von Denkmälern, welche die Siege des Pharaos darstellten und diese der Gunst des Gottes und seinem Kultes zuschrieben.

Diese Interdependenz von Staat und Religion wurde von der offiziellen Theologie des aufstrebenden ägyptischen Reiches nochmals dadurch unterstrichen, dass Amun-Re als tatsächlicher, physischer Vater des Pharaos bezeichnet wurde. (5) Nach der staatlichen Theologie des Neuen Reiches, nämlich unter der Herrschaft der Königin Hatschepsut, nahm Amun-Re (angeblich) die Gestalt des regierenden Monarchen an um in sexueller Vereinigung mit der Königsgattin (später auch als “Gottesgemahlin” bezeichnet) den königlichen Nachfolger zu zeugen. (3, 10) Auf diese Weise wurde nicht nur eine Vergöttlichung des Nachfolgers/Regenten erreicht, sondern er wurde selbst zu einem unmittelbaren Nachkommen der Gottheit, durch welchen Amun-Re ganz Ägypten regierte. Dies ist möglicherweise eine der ersten Erscheinungen eines Königtums von Gottes Gnaden in der Weltgeschichte. Zu dieser Zeit wandelte sich die imperiale ägyptische Regierung in eine Theokratie und zwar einzig durch die überragende religiöse und politische Macht des Amun(-Re)-Kultes und die gegenseitige Beeinflussung der staatlich geförderten Priesterschaft und der Monarchie. (1)

Amarna-Periode / Erneute Blüte des Amun-Kultes

Amenophis IV “Echnaton”
(Foto: Hajor, Wikimedia Commons)

Diese Expansion von Macht und Reichtum zwischen dem des Pharaos und dem Kult des Amun(-Re) erwies sich als recht erdrückend, so dass er viele wahrscheinlich empörte – wie z.B. jenen Pharao der 18. Dynastie, Amenophis IV, der sich später den Namen “Echnaton” gab. Er überwältigte die traditionelle Religion zusammen mit dem Kult des Amun (-Re) indem er den Sonnenkult des allgegenwärtigen Aton anstelle von Re als fortan einzigen Kult in Ägypten etablierte. (Bevor Echnaton während der Herrschaft des Amun an die Macht kam, konnten die Ägypter jeden Gott ihrer Wahl als eine Form des Amun-Re anbeten, nachdem sein Kult ja letztlich alle anderen Kulte im Lauf der Zeit absorbiert hatte. Unter Echnaton jedoch wurde diese Praxis abgeschafft, wobei die Leute einige der Kult-Ikonen ihrer bevorzugten Götter in ihren Häusern bewahrten). Das ständige Einfließen ausländischer Akquisitionen resp. “Kriegsbeute” in die Kassen Amuns anstelle der Schatzkammer des Pharaos – eine der “Hinterlassenschaften der Thutmosidischen Pharonen – schwächte die Autorität der Monarchie und Echnaton war nicht gewillt mit Amun und seiner Priesterschaft um die absolute Macht im Staat zu konkurrieren. Die “Gottesfinsternis” des Amun war jedoch recht kurzlebig und der Atonkult wurde vom ägyptischen Volk wie auch und von den geächteten Priestern des alten Regimes verschmäht. (8) Der Kult des Amun(-Re) gelangte innerhalb weniger Jahre im Zuge der 19. Dynastie wieder zurück zu seiner vollen Blüte und seine Ausbreitung und frühere Beziehung mit dem Thron Ägyptens wurde fortgesetzt. Es war, als ob Echnaton und seine Blasphemie nie existiert hätten. Amun war erneut siegreich.

Der Nutzen der Beziehung mit dem königlichen Amt für den Kult des Amun(-Re) ist den altägyptischen Schriften recht gut bezeugt. Im großen Papyrus Harris, dokumentiert der Pharao der 20. Dynastie, Ramses IV, dass die Tradition die Kassen des Amun-Kults zu überfluten während der Herrschaft seines Vaters Ramses III noch genauso lebendig war wie unter den thutmosidischen Herrschern der 18. Dynastie. Die Besitztümer des Gottes enthielt mindestens:

  • 86.486 Leibeigene
  • 421.362 Stück Vieh
  • 433 Gärten und Obstgärten
  • 691.334 Hektar Land
  • 83 Schiffe
  • 46 Werkstätten
  • 65 Städten und Gemeinden
  • Unschätzbare Mengen an Gold, Silber, Weihrauch, Salben und andere wertvolle Gegenstände. (8)

Bis zum Ende der Herrschaft Ramses III gehörte etwa ein Fünftel aller Einwohner Ägyptens und ein Drittel aller Ackerflächen den Tempeln, drei Viertel davon gehörte Amun und seinem Kult. (8) Iuny wurde nochmal zur Hauptstadt nach der Auflösung der Amarna-Zeit und die Tempel des Amun von Karnak und Luxor vergrößerten sich von Jahr zu Jahr.

Die Pharaonen der 20. Dynastie, gegründet von dem mächtigen Sethnacht, sorgten für ihren eigenen Bankrott und trieben sich selbst in den Ruin. Die letzten Könige dieser Dynastie waren außergewöhnlich schwach, zum Teil aufgrund ihrer exorbitanten Ausgaben, nachdem ein beträchtlicher Teil dieser Ausgaben in die Kassen des Amun-Kultes floss. Ermutigt von der wachsenden Ungleichheit ihrer Beziehung mit dem königlichen Amt und der offensichtlichen Schwäche Ramses XI (6), zettelte die mächtige Priesterschaft des Amun einen Bürgerkrieg in Oberägypten zur Machtübernahme an und beanspruchte fortan die Ertragsperle Iuny für sich. Während dieser Zeit wurde ein Offizier der ägyptischen Armee namens Herihor zum Hohepriester des Amun. Er gründete seine eigene “Dynastie” um mit dem rechtmäßigen Pharao zu konkurrieren nämlich im Nord-Ost-Delta bei D’nt, die “Sturm-Stadt”, auch bekannt als Tanis, wo die Götter Seth und Anat traditionell verehrt wurden. (6, 8) Überraschenderweise waren die Beziehungen zwischen D’nt und Iuny freundschaftlich, obwohl D’nt die Macht von Iuny offenbar in den Süden verschoben hatte. Die Anbetung von Seth und Anat in D’nt wurden weitgehend zugunsten der Triade von Amun, Mut und Chons aufgegeben und die Königstöchter von D’nt wurden nach Iuny geschickt um die Hohepriester des Amun zu ehelichen. (8) Es war der letzte Pharao der 21. Dynastie, Hor-Pasebakhaenniut II (Pseusennes II), der sein Recht auf den Thron geltend machte, indem er auf die Abstammung seiner Prinzessinnen verwies, was zu einer Vereinigung von D’nt und Iuny führte. Sein Tod beendete sowohl die Herrscherlinie von D’nt wie auch die der Hohepriester des Amun in Iuny. Iuny wurde daraufhin nie wieder Hauptstadt von Ägypten.

Amun unter Fremdherrschschaft

Der erste lybische Herrscher des 22. Dynastie, Hedjkheperre Setepenre Scheschonq I regierte von Per-Bast (Bubastis) aus. Allerdings entwickelte sich Ägypten rasch zu einem politischen Vakuum und die neue Dynastie war nichts weiter als ein primus inter pares. Um es mit den Worten Redfords zu sagen, “ein von interner Verfeindung strotzender Kleinkrieg” und zwar zwischen verschiedenen ägyptischen und einige ausländischen Stadtstaaten. (6) Obwohl Scheschonq I seinen Sohn als Hohepriester des Amun in Iuny einsetzte, erlag Iuny dem neuen Joch nicht und es dauerte noch etwa drei Jahrhunderte bis Iuny wieder Teil eines einheitlichen Ägyptens wurde. (8) Der Gott Amun hatte von seinen oberägyptischen Festungen aus zwei Rebellionen besiegt, was schließlich zur Wiedervereinigung des geteilten Landes führte. Die dritte Vergeltungsmaßnahme gegen die unerwünschte Herrschaft scheiterte jedoch, obgleich sein religiöser Status ungebrochen blieb. Von seinem Nachlass kann das jedoch nicht behauptet werden, welcher stark unter den gescheiterten Aufständen gelitten hatte und an politischer Macht eingebüßt hatte. (6) Trotzdem entsanden die Herrscher von D’nt, Per-Bast, Sais, sowie die nubischen Pharaonen der 25. Dynastie (dem heutigen Sudan) alle ihre Töchter nach Iuny, damit sie vielleicht die Nachfolge der “Gattesgemahlin des Amun” antreten konnten – eine jungfräuliche Priesterin, die besondere Titel, einen Hofstaat und Einfluss innerhalb der Priesterschaft erhielt und stets eine Tochter zu ihrer Nachfolge auswählte. (8) Dies war natürlich übliches Zeremoniell der 22. Dynastie, doch alle königlichen Prätendenten trachteten danach sich politisch mit dem Kult zu verbünden, indem sie eine Tochter zur Gottesgemahlin des Amun machten.

Obwohl Iuny die Herrscher der nördlichen Stadtstaaten nicht als ihre politischen Oberhäupter akzeptierte, unter ihnen Tefnacht, akzeptierten sie formell das nubische Regime unter Pianch jenseits der südlichen Grenzen von Ägypten um 740 v. Chr., welcher sich den Weg gen Nord entlang des Nils bahnte, um sein noch junges Reich auszubauen. (6) Im Gegensatz zu den Libyern, die sich beständig gegen die kulturelle Assimilation des Nordens zur Wehr setzten, hatten die kuschitischen Nubier die ägyptische Kultur adaptiert, gestalteten ihre aufkeimende Monarchie nach ägyptischem Vorbild und verehrten sogar Amun als ihren Staats-Gott.

“Wenn Ihr Iuny vor Karnak erreicht, steigt in das Wasser und reinigt Euch im Fluss und kleidet euch am Ufer. Lasst die Bögen sinken und lasst den Pfeil los: rühmt Euch nicht allmächtig – denn die Starken haben keine Macht ohne Amun und er macht einen Mann mit gebrochenem Arm aus dem Bewaffneten – viele werden die Flucht ergreifen und ein Mann kann tausend Männer besiegen! Besprengt Euch mit dem Wasser seiner Altäre, küsst die Erde vor ihm und sprecht zu ihm: ‘Gib uns einen Weg vor, dass wir im Schatten Deiner mächtigen Arme kämpfen, denn die Männer die Du aussendest, werden siegreich sein und Scharen erzittern vor ihnen!’ ” (Pianch zu seinen Expeditionstruppen kurz vor ihrem Aufbruch nach Äygpten: Pianch Stele Zeile 12-14, Museum Kairo)

Die Ägypter und die kuschitischen Nubier hatten einen einvernehmlichen Hass auf die “ungehobelten Libyer” und dies könnte eine Rolle gespielt haben bei der Akzeptanz der Fremdherrschaft in Iuny. (6) Jedenfalls wussten die Führer Iunys mit Sicherheit, dass es angesichts des geopolitischen Vorrückens der Kuschiten Richtung Norden, nur eine Frage der Zeit sein würde bis Tefnacht und Pianch in einen Kampf um die Vorherrschaft Ägyptens verwickelt würden. Iuny schlug sich auf die Seite von Pianch und es wurden nubische Garnisonen ausgesendet um das Gebiet rund um Iuny zu besetzen. Pianch traf in Hwt-nen-nesu (Herakleopolis) auf Tefnacht und dann wiederrum in Men-nefer, wobei letztere dieser Auseinandersetzungen ein großer Sieg für Pianch war. Die Vorsteher des Deltas hatten offenbar ihre Meinung geändert und boten Geschenke an, während Tefnacht sich nach Sais verzog. (6) Pianch verfolgte Tefnacht jedoch nicht weiter und überließ alles weitere sich selbst. Die kuschitischen Streitkräfte zogen sich zurück anstatt ihren Sieg zu sichern. Tefnachts Nachfolger Bocchoris wurde jedoch von Pianchis Bruder und Nachfolger Shabaka in einer zweiten Invasion in Ägypten getötet und er vereinigte Ägypten und Kusch unter einer Krone und Verwaltung, war jedoch “nicht in der Lage oder nicht willens, die politische Konfiguration des Nordens zu ändern” und so wurde das Delta und dessen “Anführer des Meschwesch” wieder weitgehend sich selbst überlassen. (6) Doch im Grunde genommen wurde Ägypten nun in der Spätzeit und während der 25. Dynastie zum Sitz des nubischen Staates.

Ägyptische Kriege und Krise des Amun-Kultes

Trotz der militärischen und religiösen Siege über die Einheimischen des ägyptischen Nordens , gab es immer noch geopolitische Kämpfe um Nordostafrika und Iuny wie auch der Kult des Amun litten als Folge davon erheblich darunter.

Für etwa 50 Jahre vor Shabakas Eroberung gab es eine weitere Fremdmacht die “das politische Ziel der imperialistischen Ausbreitung verfolgte” und zwar in Form eines Aufbruchs nach Westen (6) – nach Assyrien. Tiglatpileser III (745 bis 727 v. Chr.) unternahm eine große Offensive in die östlichen Küstenregionen des Mittelmeeres und nahm aramäische und phönizische Städte ein. Mit der Annexion von Damaskus und dem Sturz des Königtums Israels um 732 v. Chr. rückten die assyrischen Truppen näher und näher an das ägyptisch-nubische Hoheitsgebiet.

Ein Jahrzehnt später unter Sargon II. (722 bis 705 v. Chr.), wurde das was von Israel übrig blieb annektiert und ihre Grenzen erstreckten sich nun über die Sinai Ebene. Shabaka erkannte, dass etwas getan werden musste um die immer-hungrige Bestie, der assyrischen Kriegsmaschine von seinem Reiches war abzuwehren. Während Sargon II einen Handelsposten nahe Gaza zum Zwecke des Handels mit Ägypten aufgebaut hatte, war die vollständige Übernahme sowohl profitabler als auch innerhalb des Machbaren für das assyrische Reich. Das Delta litt an einer “mit gemeinsamem Widerstand unvereinbaren Provinzialität” (6) und der Staat, der über Ägypten und Kusch herrschte lag 1000 Meilen weiter südlich – viel zu weit weg um rechtzeitig auf einen assyrischen Angriff reagieren zu können. Darüber hinaus hatte Shabaka einem Rebell aus Ashdod Asyl gewährt, welcher der assyrischen Streitmacht entflohen war, was den Assyrern genug Anlass zum Angriff bot.

Dennoch war es Shabaka der zuerst zuschlug und der Tod von Sargon II kurz danach schloss jede Vergeltung erst einmal aus – für eine gewisse Zeit zumindest. Die daraus resultierenden Verwirrungen der ersten Jahre der Herrschaft des Nachfolgers von Sargon II, Sanherib, erlaubten es Hezekiah vom Königreich Juda eine anti-assyrische Koalition zu arrangieren, die Shabaka und seine Armee miteinschlossen. Als 701 v.Chr. Sanherib und seine Truppen die Küste entlang marschierten um den Aufstand niederzuschlagen, wurden sie in Eltekeh, sowohl von den Anführern des Meschwesch als auch von “den Bogenschützen, Streitwägen und Kavallerien des Königs von Kusch in einer zahllosen Armee” überraschend konfrontiert.(6) Nach diesem unerwarteten Sieg im siebten Jahrhundert v. Chr. war Shabakas Neffe und Shebitkus Nachfolger Taharqa (690 bis 664 v. Chr.) in der Lage den Krieg gegen die Assyrer ein wenig näher vor deren eigene Haustür zu bringen und entriss ihnen damit die Kontrolle über das östliche Mittelmeer – nämlich über Gaza, Aschkelon und die phönizische Küste in nördlicher Ausdehnung bis nach Tyrus und Sidon. (6) Während Sanheribs Schwäche und Wirkungslosigkeit in den dahineilenden Jahren seiner Herrschaft zu den ägyptischen Siegen beigetragen hat, waren die ägyptisch-nubischen Truppen unter Taharqa nicht zu unterschätzen. Ihre Geschwindigkeit und ihr Ehrgeiz auf dem Schlachtfeld waren legendär – besonders zu beachten war die tödliche Treffsicherheit der kuschitischen Bogenschützen – und Taharqa selbst wurde beschrieben “wie Montu, ohne seinesgleichen unter seinen Truppen… intelligent und stark bei jeder Tat, ein zweiter Djehuty! “(6) Sie zeigten eine militärische Kraft, die man in Ägypten für viele Jahrhunderte nicht gesehen hatte. Und Amun schien mit ihnen zu sein.

Der unfähige Sanherib wurde ermordet und sein Sohn Esarhaddon bestieg den assyrischen Thron nach einem blutigen, aber kurzen Bürgerkrieg. Er war von der Idee besessen Ägypten und ihre nubischen Anführer zu unterwerfen. 674 vor Christus nahm er die Kriegshandlungen wieder auf, wurde jedoch erfolgreich geschlagen. Aber drei Jahre später kehrte Esarhaddon zurück. Die phönizischen Verbündeten Taharqas wurden vernichtet, Vorratslager für die Wüstenmärsche und Beduinenstämme versorgten das Expeditionskorp. (6) Taharqa und seine Armee wurde völlig unerwartet überrascht und Men-nefer fiel an einem einzigen Tag; Taharqa floh gen Süden und überließ den assyrischen Eindringlingen seine Familie und seinen Hofstaat. Im Herbst 671 v. Chr. war die Delta-Region und Mittel-Ägypten in assyrischen Händen. Aber jede Vorstellung von permanenter Kontrolle, die Esarhaddon gehabt haben mag, war reiner Größenwahn. Das nubische Reich war zu stark und die assyrische Landesverwaltung zu schwach um einen nubischen Gegenschlag zu verhindern. Taharqa versammelte eine Streitmacht um die Rückkehr Esarhaddons und seiner Armee 669 v.Chr. abzuschmettern, doch der König starb unterwegs. Jegliche Pläne für eine Invasion in die assyrisch besetzten Gebiete Ägyptens wurden erst einmal auf Eis gelegt bis Assurbanipal an die Macht kam. Drei Jahre später war das Expeditionskorps nochmal unterwegs. Taharqa trat den Rückzug von Men-nefer nach Iuny an und versucht die assyrische Armee in ein taktisch günstiges Moorgebiet zu locken. Die assyrische Armee verhielt sich wie er vorhergesagt hatte und das gesamte Delta brach in eine Revolte aus. Allerdings hatte Taharqa nicht vorausgesehen, dass diese Revolten erfolgreich unterdrückt werden würden und trotz der anhaltenden Versuche Ägypten zurückzuerobern, konnten Taharqa und seine Armee nicht mehr zurück.

Assurbanipal war für seine blutigen Unterdrückungsmaßnahmen bekannt auch unter den mesopotamischen Völkern, die alle samt als einzigartig gewalttätig galten. Ganze Städte sprangen über ihre Klinge vor allem jene der Delta Region und 663 v. Chr. erlitt auch Iuny ein wahres Gemetzel. (6) Unmengen an Schätzen wurden dabei aus dem Amun-Tempel geplündert und nach Ninive gebracht. Iuny sollte sich nie wieder von diesem schnellen und zielsicheren Anschlag erholen. Doch Amun selbst überlebte und wurde weiterhin verehrt auch aller bitteren Brutalität der neo-assyrischen und achämenidischen Unterdrückung zum Trotze. Aber sein Kult und seine Hochburg Iuny wurden empfindlich versehrt und besudelt. Nie wieder solle sie die politische und theologische Macht und den unerhörten Reichtum der Thutmosiden und Ramessiden erleben.

Der Wind dreht sich etwas sowohl für Ägypten als auch für Amun als im Oktober 332 v. Chr. der unbesiegbare makedonischen Eroberer, Alexander der Große, Ägypten einnahm ohne auch nur einen einzigen militärischen Schlag ausführen zu müssen. Er wurde von den Ägyptern als Befreier von den verhassten persischen Herrschern verehrt, unter deren Herrschaft sie mit Unterbrechungen seit 525 v. Chr. litten. Etwa drei Monate nach seiner Ankunft in Ägypten machte sich Alexander die Mühe eine dreiwöchige Reise quer durch die unwirtliche libysche Wüste zu unternehmen um den Tempel des Amun in der Oase Siwa zu besuchen um das Orakel des Zeus-Ammon zu befragen – die Form des Amun, die die Hellenen ihm verliehen hatten. Als er von seiner Orakelsbefragung zurückkehrte, war alles was er bekannt gab: “Man sagte mir, was mein Herz begehrt.” (8) Er wurde mit offenen Armen von dem ägyptischen Volk empfangen vor allem – was noch wichtiger ist – von der Priesterschaft des Amun, als sei er ein auserwählter Sohn des Amun und damit rechtmäßiger Herrscher Ägyptens. Von da ab wurde Alexander der Große auf Münzen mit den markanten gebogenen Hörnern des Amun-typischen Ovis platrya Widders dargestellt.

Tempel des Amun in der Oase von Siwa (Foto: Dennis Sumrak, Wikimedia Commons)

Amun wurde in verschiedensten Formen weiter verehrt: als Zeus-Ammon von den Hellenen, als Jupiter-Ammon von römischen Synkretisten und natürlich genoss er auch weiterhin die Verehrung einiger seiner ägyptischen Kinder. Aber er war nicht mehr der bescheidene, amorphe Ur-Gott, der er einst im Alten Reich gewesen war und sicher auch nicht mehr jener Gott, der er in der Ersten Zwischenzeit und dem Mittleren Reich gewesen war, als Montu ihn noch als oberster Kriegsgott des Zepter Gaus überragte. Und Amun und sein Kult wurden natürlich auch in den späteren Jahrhunderten durch die vielen Taten verschiedener ausländischer Unterdrücker erheblich gedemütigt. Sämtliche Theologien, die sich der Amun-Kult zu Nutze machte um seine eigenen Interessen, seine eigene Macht und sein eigenes Ansehen voranzubringen – auf Kosten der anderen Gottheiten, Vorbilder und Kulte und manchmal auf Kosten von Menschenleben – Amun wurde nicht annähernd so erhaben wie zu der Zeit der Thutmosiden und Ramessiden.

Während Amun heute nicht mehr über einen formellen, organisierten Kult verfügt, dessen einstige Macht und deren extravagante Reichtümer sogar der römisch-katholischen Kirche des Mittelalters Konkurrenz machen könnten, verehren viele moderne Kemeten Amun nach wie vor, entweder als den “Verborgenen”, als kosmische Schlange, als Urgott in Gestalt einer Gans oder als himmlischen Widder nebst vielen anderen Manifestationen. Einige sehen ihn in henotheistischer Weise als obersten Gott von dem alle anderen Götter lediglich “Namen” sind und einige sehen ihn eher in konsequent polytheistischer Sicht als Individuum und nicht ganz so universelle Gottheit bzw. von nicht ganz so überragender Macht und Bedeutung. Wie sich seine Anbetung von hier aus weiter entwickeln wird oder ob er vor dem Ende der Menschheitsgeschichte noch ganz in Vergessenheit gerät, kann nur die Zeit zeigen. Angesichts seiner Geschichte scheint Amun selbst jedoch geduldig und durchaus in der Lage den Wandel der Zeiten würdevoll zu überstehen.

Quellen:

(1) Assmann, Jan. The Mind of Egypt. New York: Metropolitan Books, Henry Holt and Company, LLC, 2002. Print.

(2) Jackson, Lesley. Thoth – The History of the Ancient Egyptian God of Wisdom. Glastonbury : Avalonia, 2011. Print.

(3) Oakes, Lorna, and Lucia Gahlin. Ancient Egypt : An Illustrated Reference to the Myths, Religions, Pyramids, and Temples of the Land of the Pharaohs. London : Hermes House, 2002. Print.

(4) Pinch, Geraldine. Magic in Ancient Egypt. 2006 Revised Ed. Austin : University of Texas Press, 2006. Print.

(5) Redford, Donald B. et al. The Ancient Gods Speak – A Guide to Egyptian Religion. New York : Oxford University Press, 2002. Print.

(6) Redford, Donald B. City of the Ram-Man : The Story of Ancient Mendes. Princeton : Princeton University Press, 2010. Print.

(7) Rundle-Clark, R. T. Myth and Symbol in Ancient Egypt. London : Thames and Hudson, Ltd. London, 1978. Print.

(8) Watterson, Barbara. The Gods of Ancient Egypt. Oxford : Facts on File Publications, 1988. Print.

(9) Wilkinson, Richard H. Reading Egyptian Art – A Hieroglyphic Guide to Ancient Egyptian Painting and Sculpture. London : Thames and Hudson, Ltd., 1992. Print.

(10) Woldering, Irmgard. The Art of Egypt – The Time of the Pharaohs. New York : Greystone Press, 1963. Print.

“Sarduríur Freydís Sverresdatter”
(für mehr Infos bitte auf das Bild klicken!)

This entry was posted in Deutsch, Gods • Götter, History • Geschichte and tagged , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , . Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s