Gedanken zum Ka

In der kemetischen Seelenmatrix ist Ka die konnektive Substanz, die im Ib, dem Herzen sitzt und alle Aspekte der Matrix zusammenhält. Während Ba die freibewegliche Individualseele ist, und das Potential zur Ach-Werdung in sich birgt -also zu einer Wesenhaftigkeit mit dem”göttlichen Lichtglanz” werden kann- ist Ka trotz seiner Wesenhaftigkeit von eher prozesshafter Natur.

Die Verbindungen zwischen den Bestandteilen der Seelenmatrix sind also fortwährende Prozesse, von denen man – gemäß dem Neheh-Begriff von der “zyklischen Zeit”- sagen könnte, dass sie sich in Zyklen abspielen. Und das Erliegen dieser Prozesse kommt dem Tod gleich, welcher ja in der kemetischen Philosophie u.a. mit Zerrissenheit assoziiert wird. Um es etwas bildhaft zu beschreiben könnte man auch sagen, wenn die einzelnen Bestandteile des Individuums aufhören miteinander zu interagieren, driften sie auseinander und der chet, also der Leib, wird zu einer “Geisterstadt”, die von niemandem mehr bewohnt ist und lediglich schwach an das einstige Leben und Treiben früherer Zeiten erinnert.

Das Ka lässt nicht nur die Seelenkomponenten miteinander interagieren, Ka ist als solches auch immer in einen kollektiven Geist eingebettet, denn es ist auch der Teil des Menschen der sozial ist und sozial agiert. Der kemetische Totenkult schreibt Dinge wie Ansehen, Würde und Ehre oder auch die Gesamtheit der Taten eines Menschen und deren Auswirkung der Sphäre des Ka zu. Infolge seiner sozialen Qualität besteht Ka aus einer fremdbestimmten und einer selbstbestimmten Komponente, die sich gegenseitig gestalterisch beeinflussen und etwas hervorbringen, das man als “soziale Identität” bezeichnen kann. Eine soziale Identität ensteht gleichsam aus der Art wie man sich als soziales Wesen wahrnimmt und wie man als soziales Wesen wahrgenommen und reflektiert wird. Fortwährende Kommunikation ist hier das Instrument des konnektiven Prozesses.

Auch die Ka-assoziierte Identität muss dann zwangsläufig ebenfalls etwas dynamisches und prozesshaftes sein. Identität kann damit letztendlich nicht statisch sein, sonst es wäre sie ihrer Lebendigkeit beraubt, was dem Tod gleichkäme.

Aber müssen alle Tode physisch gestorben werden?

Führt jedes Auseinandergerissen-werden gefolgt von der liebevollen Neubeseelung wie sie der Mythos von Isis, Osiris, und Seth für jeden Vestorbenen vorsieht, tatsächlich immer von einem Diesseits in ein Jenseits? Wie allegorisch darf man die Begriffe Jenseits und Diesseits sehen, trotz der Tatsache, dass diese Prozesse eigentlich nicht für das Auge der Lebenden bestimmt waren, da sie allesamt der Totenliturgie- und literatur enstammen und höchstens einer priesterlichen Elite zugänglich waren? Darf man den Zustand nach einem Sterbeprozess vielleicht auch als eine Sphäre betrachten, die die Dualität von Jenseits und Diesseits überwunden hat? Ganz im Sinne des Totenkultes im Neuen Reich, der die Grenzen zwischen Diesseits und Jenseits nahezu völlig verwischt?

Isis in Gestalt eines Ba-Vogels über dem Leichnam des Osiris
Die typisch kemetische Weigerung den physischen Tod als tatsächlichen Tod anzuerkennen als reine Auflehnung gegen die Sterblichkeit des Menschen als todesbewusstes Wesen zu betrachten, darf man bei aller Hinwendung zum Phänomen des Todes an sich vielleicht hinterfragen. Wäre es nicht denkbar, dass die Ägypter tatsächlich eine geistige Qualität gefunden oder wenigsten erahnt haben, die sich tatsächlich als nicht sterblich erwiesen hat? Ob der Totenkult wirklich so sehr bestrebt war, nur zyklische (Lebens)Dynamiken mittels ritueller Rhythmik aufrecht zu erhalten oder aber vielleicht doch auch ein implizites Wissen um jene Unsterblichkeit, kann man heute kaum mit Sicherheit behaupten. Vielleicht verläuft ja hier auch die feine Grenze zwischen Religionswissenschaft und Religiosität…

Gesetzt den Fall Ka ist eine konnektive geistige Substanz, die sozial und innerpsychisch interagiert, wie sieht also ein “Tod” aus der gestorben wird und welche Auswirkungen hat er auf die Kontinuität des (individuellen) Lebens? Wie fühlt es sich an zerrissen und neu zusammengesetzt zu werden? Welche Energie wird frei, wenn ein Ka (=”Lebenskraft”)  sich aus einer Seelenmatrix löst und Platz macht für etwas Neues? Gedanken, Emotionen, Identitätsfragmente, soziale Verpflichtungen, Erwartungen, Erwartungserwartungen, Automatismen… das alles könnten sozialeund sozial geprägte Inhalte eines Ka sein, die ähnlich wie im Osiris-Mythos “geopfert und zerstreut” werden um wieder zu neuem fruchtbarem Leben wieder zusammengefügt zu werden.

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