Ma’at als soziales Prinzip

Geburt der Ma’at

Wenn man sich einmal überlegt, wie die kemetische Religion entstanden ist, muss man zu Ma’at als soziales Prinzip, schon gar nicht mehr viel erklären. Vieles lässt sich dann bereits intuitiv erfassen.

Als in der prädynastischen Zeit die nordafrikanische Wüste austrocknete, waren die vielen nomadisch lebenden Stämme gezwungen näher an die große grüne Oase zu rücken, die sich um den Nil konzentrierte. Dort sorgten jährliche Überschwemmungen verursacht durch die Monsunregenfälle im äthiopischen Hochland für Fruchtbarkeit. Um das lebensspendende Wasser auch weitläufig und effektiv nutzen zu können, begriffen die Menschen am Nil schnell, dass sie nur überleben konnten, wenn sie zusammenarbeiteten und einander halfen. Dies ist die Geburtsstunde der Ma’at, als Fundament einer Religion die über 5000 Jahre das spirituelle, soziale und politische Leben der alten Ägypter und nicht zuletzt der modernen Anhänger des Kemetismus bestimmen sollte.

Nilflut bei Giza (um 1900)


Ma’at als sozialer Wertekatalog

Daher ist Ma’at ein konnektives, also ein Menschen verbindendes Prinzip aus dem  sich eine reihe von ethischen Werten entwickelten.  Dabei wurden diese meist nicht als feststehende Regeln und Gesetze formuliert,  vielmehr nahmen sie die Gestalt von Gebeten, Weisheitstexten und lehrreichen Geschichten an, von denen noch einige überliefert sind und ein Fenster in das ethisches Bewusstsein des alten Ägyptens bieten. Damit ist auch Ma’at kein Prinzip dem man mit einfacher Frömmigkeit dienen könnte, sondern eines das auf “Weisheit und Einsicht” ihrer Notwendigkeit beruht und sich in Abhängigkeit von veränderlichen Gegebenheiten stets auf’s Neue erschaffen muss.


Feinde der Ma’at

Am besten lässt sich Ma’at als ethisches Fundament erfassen, wenn man ihre drei größten Feinde näher betrachtet, die dem menschlichen Sein unweigerlich entspringen: Trägheit, Taubheit, Habgier.

Es gibt kein gestern für den Trägen
Es gibt keinen Freund für den, der für die Ma’at taub ist
Es gibt kein Fest für den Habgierigen.
(“Klage des Bauern”)


“Trägheit”

Die Trägheit widerspricht dem Postulat der aktiven Solidarität, des Füreinander-Handelns, denn “Glücklich ist das Herz dessen, der handelt für den, der für ihn gehandelt hat” wie im nubischen Tempel Taharqas zu lesen steht. Das bedeutet, es ist sich mitnichten jeder selbst der Nächste, sondern das gegenseitige Unterstützen und Achtgeben auf die Bedürfnisse des Mitmenschen wird zum allgegenwärtigen Verhaltenskodex und zu einem Prinzip der vollkommenen Gegenseitigkeit. Auf diese Weise werden soziale Bindungen fortwährend gestärkt und erhalten.

Es versteht sich nahezu von selbst, dass dieses Prinzip nur funktioniert, wenn alle mitmachen und das bereits Getane und so zu Teil gewordene stets als neue Motivation heranziehen um wiederrum selbst solidarisch aktiv zu sein. Hierin ruht auch die Erinnerung an die guten Taten, das “Gestern” eines jeden Handelnden. Das Tun jedes Menschen wird also dadurch wertgeschätzt, dass es unvergessen ist und gleichzeitig die neue Triebfeder für weiteres kollektives Handeln bildet. Nicht etwa im Sinne einer Schuldigkeit, sondern in Sinne eines Wohl-wollenden Rückblickes.


“Taubheit”

Die Taubheit ist vor allem eine kommunikative Taubheit, ein nicht Zuhörenwollen, ein Abwenden von den Mitmenschen und ihrer Bedürfnissen. Die alten Ägypter haben die Kultur der Kommunikation soweit entwickelt, dass sie sogar der Sprache als Kunstform  große Beachtung schenkten. Die “Kunst der schönen Rede” wie auch die Entwicklung einer hochkomplexen Schrift darf als Teil kommunikations orientierter Werte verstanden werden und zahlreiche Höflichkeitsrichtlinien und Verhaltensleitfäden bildeten ein tragendes Fundament zwischenmenschlichen Umgangs. Jegliche Verweigerung von Kommunikation führt unweigerlich in die Isolation, in das Vergessen, also kurzum einen “sozialen Tod”.


“Habgier”

Die Habgier gilt als größte aller “Sünden” gegen die Ma’at. Habgier ist mitnichten nur das, was man heute als materielle Gier bezeichnen würde, sondern es ist eine destruktive narzisstische Lebenshaltung, für die uns heutzutage vermutlich in weiten Teilen das Bewusstsein abhanden gekommen ist, weil es nahezu für normal gehalten wird. Nicht aber im Alten Ägypten! Jegliches gierige Pochen auf den eigenen Vorteil gefährdete die Gemeinschaft stets als gesamtes, denn dort wo sich einer zu Unrecht udn aus purem Egoismus bereichert, verursacht er anderenorts Mangel und diese soziale Logik war tief im Bewusstsein der Kemeten verankert.

Zum Fest, so schreibt Assmann, gehöre die Verschwendung. Das bedeutet nur wer bereit ist auch verschwenderisch mit seinen Habseligkeiten umzugehen, der kann Fülle und Überfluss mit anderen Menschen teilen und sie somit beschenken. Ein Fest entsteht nicht durch das Begleichen des Notwendigen, sondern durch das ausgelassene freudige Übermaß und schon damals, war eine reichhaltige Festkultur wichtiger Bestandteil des sozialen Lebens. Damit ist das Prinzip der Ma’at weniger ein Prinzip der Balance zwischen Geben und Nehmen sondern geradezu ein anti-narzisstisches Prinzip des reinen Gebens, das selbstverständlich nur dann zum Wohl aller führt, wenn jeder einzelne es mitträgt und in ihrem Sinne handelt.

Herzwägung in der “Halle der Ma’at”

Tod als moralische Instanz

Dass dem so ist, dafür sorgten die Götter wie auch die Moralisierung des Todes selbst in Form des Totengerichtes. Das Wissen, dass eines jeden Herz, als “Speicher” aller Lebenstaten vor 42 Gottheiten gegen die “Feder der Ma’at” aufgewogen wurde und damit seine Ma’at-Gerechtigkeit unter Beweis zu stellen hatte, bildete den Antrieb für ein ethisches Leben und eine selbstverantwortliche moralische Entwicklung. Denn nur ein ma’at-gerechtes Leben war der Garant für ein ewiges Weiterleben nach dem Tode.

Literatur:
Ma’at – Gerechtigkeit und Unsterblichkeit im Alten Ägypten, Jan Assmann

Bilder: Wikimedia Commons

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