Ma’at – Vertikale Solidarität

“Der eine lebt wenn der andere ihn geleitet.”

Dieses altägyptische Sprichwort sagt bereits viel über die Ma’at-typische Solidarität aus. Im Gegensatz zum modernen Gleichheitsgedanken bleiben die gesellschaftlichen Unterschiede in der kemetischen Gesellschaft unangetastet, doch werden sie einander verpflichtet. Ma’at, so Jan Assmann (“Maat  – Gerechtigkeit und Unsterblichkeit im Alten Ägypten”), wolle von der “Unterdrückung der Schwachen durch die Starken” befreien und entzieht damit der hierarchischen Gesellschaft die Macht-Ohnmacht-Dynamik als globalen Kontrollmechanismus.

Tod als Richter

Der Richter, der den o.g. Maßstab an das Handeln des Menschen ansetzt, befindet sich im Jenseits und manifestiert sich in Osiris und dem Totengericht bestehend aus 42 Gottheiten. Damit wird der Tod selbst moralisiert, Ma’at erhält eine justizielle wie auch eine religiöse Dimension. Der Mensch ist somit angehalten sich in seinem täglichen Tun auf ein Ziel auszurichten, dass nicht von sterblich-menschlichem Gutdünken allein bestimmt ist, sondern von einer unaufhörlichen sich ständig selbst reflektierenden Annäherung an ein Ideal des universell Richtigen. So erhält Ma’at auch ein dynamisches Moment moralischer Evolution.

Kategorischer Imperativ?

Hier ähnelt das Konzept Ma’at ein wenig dem kategorischen Imperativ Immanuel Kants: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“

Die Evolution der Moral wird also durch ein stetiges Streben des Individuums in seinem sozialen Kontext angetrieben. Das Individuum wiederrum ist angehalten sein soziales Bewusstsein gleichermaßen parallel zu entwickeln. So greifen individuelle und gesamtgesellschaftliche Moral-Entwicklung ineinander und machen auch vor Generationswechseln nicht halt.

Mythologischer Generationenvertrag

Dies lässt sich auch in der kemetischen Ethik nachvollziehen und kommt in dem Mythos von Osiris und Horus zum Ausdruck. Der getötete und zum König der Unterwelt wiederauferstandene Osiris übergibt sein weltliches Königreich statt an seinen Bruder Seth an seinen Sohn Horus und vereinbart mit ihm, dass er, Osiris, fortan in der Unterwelt bliebe, während Horus zum König des Diesseits würde. Damit überträgt sich die Verantwortung für das Königreich von einer Generation auf die nächste und es entsteht wiederrum ein Postulat für eine vertikale Solidarität (Horus als Sohn = Nachfolger) anstelle einer horizontalen (Seth als Bruder = Vertreter). Und es sichert den Fortbestand des Königreiches – welches auch als ethisches Königreich verstanden werden darf – weit über die Dauer einer Generation hinaus.

Ethik für die Ewigkeit

Moralische Werte erhalten damit eine Dimension im Angesicht des Ewigen, den sie werden vererbbar.

“So erziehe Du ihn zu den Worten der Vergangenheit
bevor Du Dich zur Ruhe setzt.
Dann wird er ein Vorbild sein für die Söhne der hohen Beamten.
Das gehört soll in ihn eintreten
und alle Zuverlässigkeit dessen der zum ihm spricht.
Denn keiner wird weise geboren.”

So gebietet der König dem altersschwachen Weisen Ptahhotep, welcher darum bittet sein Wissen an seinen Sohn weitergeben zu dürfen um sich selbst zur Ruhe zu setzen. Die Abwesenheit eines Reinkarnationsgedankens in der kemetischen Religion ist daher nicht verwunderlich, denn es geht in ethischer Hinsicht nicht so sehr um das Überleben des Individuums, sondern um das Überleben des Kollektivs, dass durch ein Netz aus ethischen Werten zusammengehalten wird. Daher bezeichnet Assmann die Ma’at auch “konnektive Gerechtigkeit”.

This entry was posted in Deutsch, History • Geschichte, Kemeticism • Kemetismus, Thoughts • Gedanken and tagged , , , , , , , . Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s