Liebe auf Altägyptisch

Ein Kuriosum der altägyptischen Sprache ist, dass der wohl wichtigste Satz in Sachen Liebe, nämlich “Ich liebe Dich” nicht überliefert ist. Es gibt Wörter, wie “nefer”, das in seiner Bedeutung dem englischen “nice” sehr nah ist und in etwa mit “lieb, nett, schön, gut” übersetzt werden kann. Auch gibt es das Wort “meri”, das in vielen kemetischen Namen auftaucht und in etwa “geliebt von” oder “Geliebte(r) des” bedeutet und meist in Zusammenhang mit dem Namen einer Gottheit ausdrückt, dass diese einem besonders verbunden ist, wie in “Meri-Re” oder “Merit Imen”. Der Satz “Ich liebe Dich” ließe sich durchaus aus dem mittelägyptischen Vokabular zusammenbauen, aber die Tatsache, dass es ihn in der Überlieferung nicht gibt, lässt bereits die Vermutung zu welche Bedeutung Liebe in der kemetischen Philosophie hat. Liebe ist keine Empfindung, der man nur mit blumigen Worten Ausdruck verleiht, Liebe ist etwas dem man vor allem durch Handeln gerecht wird.

Das kosmische Prinzip der Ma’at ist das auf Handlung und Kommunikation ausgerichtete, allverbindende soziale Konzept, dass den Einzelnen in eine soziale sowie auch kosmische Gesellschaft einwebt, die sich als gegenwärtiges und gleichzeitig ewiges Gefüge versteht und damit die Raum-Zeit-Dimension sprengt. Ma’at überdauert den Tod, das Tun der Ma’at erwirkt das Erreichen von Unsterblichkeit, das antagonistische Prinzip von Ma’at, die “Habgier” oder Isfet als Sinnbild des Narzissmus, lässt den Menschen bereits zu Lebzeiten im Sinne des Ewigen sterben, denn “der Habgierige hat kein Grab.” Genauso besteht auch Liebe über den Tod hinaus. Wenn ein geliebter Mensch stirbt, so hört deswegen die Liebe, die man für ihn empfindet noch lange nicht auf. Es ist also gut denkbar, dass sich die Auffassung von der Unsterblichkeit als Konsequenz der Ma’at darauf gründet, dass die Liebe vom Tod unangetastet bleibt. Somit rücken Ma’at und Liebe in ihrer Bedeutung eng zusammen und überlappen einander sogar.

Isis und Osiris


Isis und Osiris – Unsterbliche Liebe

Das wohl eindrucksvollste mythische Szenario für eine unsterbliche Liebe ist der Mythos von Isis und Osiris. Der Leichnam des von seinem Rivalen und Bruder Seth ermordeten und zerstückelten Osiris, wird von seiner Schwestergattin Isis zusammen gefügt. Der Mythos besagt, dass sie in lauter Klage sämtliche im Land verstreuten Teile des Leibes Osiris’ zusammen mit ihrer Schwester Nephthys zusammensucht und wieder zusammenfügt. Hierbei hilft ihr Anubis, der Osiris’ Körper mit Leinenbinden umhüllt und damit gewissermaßen die erste Mumifizierung durchführt. Isis beweint (gemeinsam mit Nephthys) den so zusammengesetzten Leichnam, benetzt und durchtränkt ihn mit ihren Tränen, “kittet” und beseelt ihn auf diese Weise neu.

Aus der Klage der Isis:
Wie groß ist mein Verlangen, dich zu sehen!
Ich bin deine Schwester Isis, die Geliebte deines Herzens,
auf der Suche nach deiner Liebe, da du fern bist.
Heute überflute ich dieses Land mit Tränen!
[…]
Mein Geliebter, mein Herr, der zum Lande des Schweigens dahinging,
komm zurück zu mir, so wie du einst warst, komm in Frieden, in Frieden !
(Pap. Bremner-Rhind, 312/311 BC)

Hier zeigen sich ganz zentrale Symbole der altägyptischen Mythologie: Die laute Klage der Isis bringt die Bedeutung des Todes in der kemetischen Tradition zum Ausdruck, nämlich als gewaltsamen Eingriff in die Kontinuität des Lebens. Er wird nicht stoisch und gelassen “als Bestandteil des Lebens” hingenommen, man lehnt sich stattdessen geradezu gegen ihn auf. Dennoch wird die Allgegenwärtigkeit des Todes nicht negiert, vielmehr wird dieser “Todeswiderstand” zu einer andauernden Triebfeder sich ganz und gar zum Leben zu bekennen, wobei mit dem Tod durchaus nicht nur der physische Zerfall gemeint ist, sondern durchaus auch der “innere” seelische Tod, der sich als Trennung von der kosmischen Gemeinschaft von Menschen und Göttern darstellt. Dieser innere Tod manifestiert sich in erster Linie durch die Abwesenheit ethischer Werte und sozialen Bewusstseins, kurzum das, was man heute mit Selbstsucht, Egoismus und Narzissmus umschreiben würde. Aus der Sicht des kemetischen Weltbildes wäre eine solche Haltung “todesbefallen”. Die Lebensbejahung und Lebenslust der Altägypter zeigt sich dafür in der ausgeprägten Festkultur, die Freude an Ästhetik, die ausdrückliche Bejahung und Hinwendung zur Körperlichkeit, die Liebe zur Gemeinschaft, zu den Göttern und der Natur.

Wasser als Symbol der Liebe

Ein weiteres wichtiges Symbol, das seinen Ursprung in der Beobachtung der Natur selbst hat, ist die lebensspendende Kraft des Wassers, welches sich hier in den Tränen der Isis darstellt. Um den Aspekt ihrer persönlichen Trauer erweitert, erhält das Wasser noch eine zusätzliche Konnotation, nämlich eben jene der Liebe und Zuneigung. Damit erhält Liebe auf mythologischem Wege die Charakterisierung von Wasser. Dass Liebe “fließt”, für Fruchtbarkeit sorgt – gleich ob nun tatsächlich oder metaphorisch – sind Sichtweisen, die auch weit über das kemetische Weltbild hinaus ihre Gültigkeit besitzen.

Eine geradezu magische Bedeutung kommt dem Wasser durch den Akt der Wiederbelebung zu und hier manifestiert sich die zentrale Bedeutung der Liebe, nämlich dass sie den Tod zu überdauern, ja, ihn sogar zu heilen vermag. Damit erhält Liebe eine geistige Dimension, die als Wiederbeseelung und damit als neuer Ka des Osiris in Erscheinung tritt. Liebe schafft also nicht nur physisches Leben, sie schafft auch geistiges, seelisches Leben, sie be-lebt neu und kann schlussendlich als die Lebenskraft schlechthin verstanden werden, die jeden beseelt, der in ihrem Sinne handelt. Liebe wäre damit gewissermaßen das “Material” aus welchem die geistigen Bestandteile des Menschen bestehen (siehe Artikel “Seelenaspekte”).

Liebe in einer sozialen Dimension

In Liebe zu handeln, bedeutet in einer sozialen Dimension in Rechtschaffenheit, Sinnhaftigkeit, unter Einhaltung ethischer Werte und in Rücksicht auf den Nächsten zu agieren und dies ist letztlich nichts anderes als das Fundament der Ma’at als soziales ethisches Prinzip. Ma’at ist Liebe in einer sozialen Dimension und letztlich kosmischen Dimension.

Relief eines Liebespaares aus der Ptolemäerzeit

Ehe und Beziehung in Kemet

Das historische Kemet wie auch die uns vertraute moderne Kultur unterscheiden sich in Sachen Liebe und Beziehung erstaunlich wenig. Bereits im antiken Kemet lassen sich sehr moderne soziale Strukturen feststellen, wie etwa die Gleichstellung der Geschlechter oder eine sehr positive und geradezu entwaffnend naive Einstellung zur Sexualität, die auch eine für damalige Verhältnisse bemerkenswerte Toleranz unterschiedlicher sexueller Ausrichtung miteinschließt (wenn auch gelegentlich einige widersprüchliche Quellen zu verzeichnen sind). Das vorherrschende Beziehungsmodell war zwar die Monogamie bzw. die serielle Polygamie, jedoch gab es besonders in den Königshäusern auch die Polygamie (oft aus politischen Gründen). Zwar hat man sich besonders in den sog. “Sündenbekenntnissen” meist gegen die Homosexualität ausgesprochen jedoch sprachen viele bildhafte Darstellung (vor allem in puncto lesbische Liebe) eine andere Sprache. Hart verurteilt wurden jegliche Formen sexueller Gewalt, sowohl an Frauen und vor allem natürlich an Kindern.

Die Partnerschaft in der Gesellschaft – früher und heute

Der Kemetismus kann sich also mit einer traditionsorientierten Lebensweise nahtlos in die moderne Gesellschaft und deren Ehe- und Beziehungsstrukturen einfügen. Ehe hat im altägyptischen Sinne vor allem weltliche Bedeutung, es gibt keinen “heiligen” Bund der Ehe, doch in der Gesellschaft in der das soziale Zusammenleben an sich schon Bestandteil kosmischer Ordnung ist, ist es natürlich auch die Ehe. Daraus resultieren natürlicherweise moralische Pflichten wie etwa die Treue oder die Unterhaltsverpflichtung des Mannes gegenüber seiner Frau.

Sexualität ist dabei durchaus nicht nur Quell persönlichen Vergnügens, sondern auch ein heiliger Akt, der entsprechende Würdigung und die Einhaltung sozialer Rahmenbedingungen verlangt. Die vielen heute pornographisch anmutenden Papyri und Wandmalereien, sind meist Ausdruck göttlicher Aktivität zum Zwecke der lebensspendenden Fruchtbarkeit. Die kemetische Religion lehnt also die Sexualität nicht verstohlen ab, sie heiligt und würdigt sie vielmehr. Die kemetische Tugendhaftigkeit im Umgang mit der Sexualität leitet sich also vielmehr aus dem Bewusstsein über ihre Göttlichkeit ab, als aus einer verschämten Ablehnung derselben. Zum Beispiel galt es als unschicklich die Intimität vor den Augen anderer zur Schau zu stellen, daher wurde der Ausspruch “das Haus einer Frau zu besuchen” zu einer vielverwendeten poetischen Allegorie für den sexuellen Akt mit der jener Frau.

Die kemetische Sittlichkeit  verfolgt nicht den Zweck sich der Lust und Liebe zu verwehren, sondern vielmehr Werte wie Treue, Loyalität, Vertrauen, Hingabe, wie auch Freude, Lust und Leidenschaft zu einem unverzichtbaren Bestandteil menschlicher Liebe zu machen

Bilder:
Wikimedia Commons (“Isis und Osiris” von Rama, “Liebespaar” Keith Schengili-Roberts)

Literatur:
Altägyptische Dichtung (Reclam)
Tod und Jenseits im Alten Ägypten (Jan Assmann),
Liebe und Sexualität im alten Ägypten (Lisa Manniche)

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