Kuhgestaltige Gottheiten in Ägypten

(Original “Cow Deities in Ancient Egypt?” von Helmsman-of-Inepu)

Kuhgestaltige Gottheiten. Was um alles in der Welt haben sich die alten Ägypter nur dabei gedacht? Bei “Kuh” hat man heutzutage nicht sonderlich positive Assoziationen: fett, plump, ungeschickt. “Bovine” im englischen bedeutet dumm, dumpf, träge, stur und schwerfällig. “Stier” kann positive maskuline Assoziationen hervorrufen, aber auch für Destruktivität und Wut stehen. Der Stier dem man das sprichwörtliche “rote Tuch” vorhält.

Hathor Papyrus AniHathor (Pap. Ani)

Hathor
Sie ist keine unbedeutende Gottheit. Hathor ist sogar einer der wichtigsten solaren Göttinnen des ägyptischen Pantheons wie der der Beiname “Auge des Re” vermuten lässt. Die Auge-des Re Göttinnen galten als göttliche Vollstreckerinnen und wie oben erwähnt, sahen die Ägypter das aktive solare Prinzip als das Weibliche. Neben ihrer Zuständigkeit für Schönheit, Liebe, Sex, Freude und Mutterschaft, war Hathor auch die “Herrin des Westens”. Dort hatte sie die Aufgabe die Toten im Jenseits zu empfangen und sie mit Nahrung zu versorgen. Musik, Tanz und Bergbau sind weitere ihrer Interessen. Ihr wurden viele große Tempel gewidmet, darunter der Komplex bei Dendera. Während der jährlichen “Heiligen Hochzeit” wurde ihre Statue etwa 100 Meilen in einer großen Nil-Prozession mit Segelbooten zum Tempel des Horus gebracht, so dass sie ihren Gatten besuchen konnte. Wirkt das etwa noch in irgendeiner Weise Kuh-typisch?

Bat Narmer PaletteBat (Narmer Palette)

Bat
Bat ist weitaus weniger bekannt, da viele ihrer Aspekte in Hathor aufgingen. Ihr Name setzt sich aus “Ba” (die freie Individualseele des Menschen) und der weiblichen Endung ‘t’ zusammen. Sie wird sowohl in Pyramiden-Texten als auch auf Sargtexten erwähnt. Es gibt eine Skulptur, in der sie und Hathor zusammen dargestellt werden, und zwar zu auf beiden Seiten des Pharao Mykerinos, das bedeutet sie war nicht nur eine frühere Form der Hathor.

Mehet-Weret und Ihy
Mehet-Weret, die Himmelskuh, hat eine ähnliche Rolle wie die Göttin Nut und gebiert den Sonnengott Ra jeden Morgen neu. Ihy ist der Sohn von Hathor und Horus und wird typischerweise als Götterkind oder als Kalb dargestellt. Er spielt auf einem Sistrum oder mit Menat-Rasseln und wird in Pyramidentexten, Sargtexten sowie auch im Totenbuch erwähnt. Ihy ist eines meiner vier Musik-bezogenen Gottheiten (Bastet, Hathor, Ihy und Bes) deshalb wird er auch täglich an meinem Schrein bedacht.

Apis (Sargdeckel)Apis Stier (Sargdeckel)

Apis Stier
Apis-Stiere waren Stiere mit bestimmten Farbzeichnungen, welche somit als lebendiges Symbol des Ptah galten. Die Verehrung des Apis-Stieres geht zurück auf die erste Dynastie. Auch als Orakel wurde er befragt. Er wurde in der Stadt Memphis untergebracht, mit einem Harem von Kühen und wenn ein Apis starb wurde sein Körper mumifiziert und in einer eigens dafür vorgesehenen Nekropole bestattet. In späteren Perioden wurde er mit Osiris identifiziert. Der griechische Schreiber Herodot berichtet, dass die Perser bei ihren Einzug unter König Cambyses in Ägypten des sechsten vorchristlichen Jahrhunderts einen Apis Stier erstachen und dafür zur Strafe in den Wahnsinn getrieben wurden. Der Körper des toten Stieres wurde auf die Straße geworfen und niemand wagte es ihn zu berühren – außer die Hunde. Dieser Geschichte nach gelten Hunde deshalb auch als “unrein” in Ägypten.

Weitere Stier-Gottheiten sind Mnevis, der in Heliopolis verehrt wurde und Buchis, welcher in Hermonthis verehrt wurde (auch zusammen mit Montu). Interessant ist hierbei, dass alle drei Stiere auch als Orakel befragt wurden.

Warum also Kühe?
Wie ich in meinem Beitrag über tierköpfige Gottheiten Beitrag bereits erwähnt habe, können unsere modernen Vorstellungen von Tieren stark beeinflusst sein wie z.B. von Märchenbüchern oder TV Werbung. Wir haben mehrere tausend Jahre mit selektiver Zucht verbracht, deren Ziel es war eine großes heimischen Tier hervorzubringen, das uns nicht tötet. Dahinter steckt aber immer noch das Rind als Herdentier, das in einer Raubtier-reichen Umgebung überleben muss. Das sog. “Küheschubsen” vergisst man am besten gleich. Es ist ein kompletter Unsinn. Jedes so große und damit äußerst verlockende Beutetier hätte es niemals durch das Pleistozäns geschafft, wenn es nur dumm und wehrlos wäre.

Hörner
Die Hörner sind nicht nur Dekoration. Sie sind lange spitze Speere und können große tiefe Stichwunden zuzufügen. Beim heutigen Rind sind die Hörner verkümmert, da die Wachstumszellen durch Hitze oder Chemikalien bereits im Kälbchen-Alter zerstört werden. Einige moderne Rassen, wie z.B. “Polled Herford” wurden mittels Genmanipulation ihrer Hörner beraubt. Eine Bildsuche mit dem Suchbegriff “altägyptisches Rind” zeigt sofort die langen, gebogenen Hörner, die man auch als Kopfschmuck bei Hathor (und später Isis) vorfindet. Hörner sind eine tödliche Waffe und genau das sagt der Status “Auge des Re” auch aus.

Hufe
Hufe sind die zweite tödliche Waffe. Im Gegensatz zu Mitgliedern der Familie der Pferde, die in erster Linie nach hinten austreten, kann eine Kuh mit den Hinterbeinen einen knochenbrechenden Tritt nach vorne, nach hinten und seitwärts machen. Besucht man einen Milchwirtschaftshof, kann man sehen wie die 3-Zoll-Gussrohre der Melkstände durch die Tritte der Kühe verbogen wurden. Jedes angreifende Raubtier lief also Gefahr von einem Wildrind aufgespießt und zerstampft zu werden.

Herz
Kühe sind auch hingebungsvoll mütterlich. In der modernen Milchwirtschaft ist es allgemeiner Usus die Kälber von ihren Müttern sofort zu trennen um diesen Instinkt auszuschalten. Die Mutterkuh ruft darauf hin einen Tag lang mit einem ohrenbetäubenden Lärm nach ihrem verlorenen Kalb, ein Geräusch das man wohl eher in einem Dinosaurier-Film erwarten würde. Auch ohne moderne Transport-und Kühltechnik, war damit auch der Oberschichten-Ägypter der Quelle seiner tierischen Nahrung wesentlich näher als der moderne Mensch. Sie waren sich der starken und mütterlichen Instinkte voll bewusst, so dass eine Assoziation mit Fürsorge und Schutz absolut Sinn macht.

Das Goldene Kalb (Providence Lithograph Company, 1901)
Das Goldene Kalb (Providence Lithograph Company, 1901)

Exodus und das Goldene Kalb
In der biblischen Geschichte vom Exodus schmolzen Aaron und die Israeliten ihren Schmuck zusammen und stellten daraus eine Statue in Form eines goldenen Kalbes her, während Moses auf dem Berg Sinai die 10 Gebote empfing. Als Moses schließlich wieder auftauchte, wurde er so wütend, dass er die Steintafeln zerbrach. Hier stellt sich natürlich auch die Frage, woher angebliche Sklaven so viel Gold hatten um ein Kalb daraus zu formen, das groß genug war, dass man es von einem Berg aus sehen konnte.

Das goldene Kalb wird oft mit dem Apis Stier in Zusammenhang gebracht. Doch manchmal frage ich mich: Wenn man nach einem langen Fußmarsch, zum ersten Mal in seinem Leben weit weg von den Annehmlichkeiten der Zivilisation, nach einer langen Wanderung durch die Wüste, seine Nacht im Freien verbringt… wäre da eine schützende, fröhliche Hathor nicht die bessere Wahl? Man stelle sich die Wut eines patriarchalischen Moses vor, wenn er sieht, wie sein Volk eine weibliche Gottheit anbetet.

Kuhgestaltige Gottheiten heute
Ich hoffe, dies gibt Euch nun eine zusätzliche Bedeutungsdimension. Wenn Ihr das nächste Mal eines Eurer “Kuh”Festtage begeht, wie etwa die “Heilige Hochzeit” oder das “Fest der Himmelskuh”, dann bringt doch einfach mal ein Opfer oder sprecht ein Gebet.

Ein letzter Gedanke noch – Kühe scheinen naturgemäß von Musik angezogen zu werden. Ihr könnt am Rande einer Weide stehen und singen, Gitarre oder Flöte spielen und die Kühe werden sich Euch nähern und zuhören. Sie stehen dann einfach ganz ruhig da und hören zu. Vielleicht ist das ja einer der Gründe, warum Hathor und Ihy mit Musik in Verbindung gebracht werden.

Bilder: Wikimedia Commons (Kuh von “Ikiwaner”)
Helmsman-of-Inepu’s Blog: Kemetic Roconnaissance

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