Kemetisches Menschenbild und Seelenaspekte

Um die kemetischen Seelenaspekte besser erfassen zu können, ist es hilfreich sich von der verbreiteten “Körper-Seele-Trennung” ein wenig zu lösen. Diese dualistische Sichtweise geht vor allem auf René Descartes zurück hat aber seine Ursprünge bereits bei Platon, der damit seine Theorie von der Seelenwanderung begründet. Demgegenüber steht die Sichtweise der Neuplatonisten, die von einer Einheit ausgehen aus der Dinge wie der Geist, die Seele, der Körper usw. herausfließen.

Die scharfe Abgrenzung von Körper und Geist gibt es im kemetischen Bewusstsein auf das Individuum bezogen ebenso wenig, wie auf die Schöpfung im Allgemeinen. Sehr viel zutreffender ist daher die Vorstellung von der beseelten und damit lebendigen Materie, in der sich der Schöpfungsprozess im Kleinen wie im Großen unentwegt von Neuem vollzieht. Die animistischen Züge sind hier natürlich ebenfalls schwer zu übersehen, was nicht verwunderlich ist, ist doch die kemetische Religion letztlich aus den schamanischen Traditionen der Wüstenvölker hervorgegangen.

Die kemetische Tradition kennt kein “Gesamtkonzept” der Seele. Vielmehr handelt es sich um die Vorstellung von miteinander verbundenen bzw. sich überschneidenden Einzelteilen deren Definition nicht scharf umschrieben sind und im Laufe der Jahrtausende auch immer wieder Veränderung in Inhalt und Bedeutung erfahren haben.

Zusammenfassend kann man sagen, einige der Seelenaspekte sind dem was man gemeinhin als Materie wahrnimmt deutlich näher, andere wiederrum von luftiger/geistartiger Qualität, manche sind eher ein Zustand, andere wiederrum  wesenhaft und damit sehr nah an der Vorstellung einer eigenständigen Entität. Einige beziehen sich vorwiegend auf die Sozialsphäre, andere wiederrum auf die Individualsphäre.

Ka

Das Ka steht für das, was man auch als soziale Identität oder Persönlichkeit des Menschen umschreiben könnte und bezieht sich dabei aber sehr auf das individuelle Handeln eines Menschen als Ausdruck seiner Identität in einem sozialen Kontext. Als solches steht das Ka auch in enger Verbindung mit Begriffen wie “Ehre”, Würde” oder “Ansehen”, die in Ägypten eine große Bedeutung hatten. Dabei ging es gar nicht immer so sehr darum, was ein Mensch tatsächlich tut – die alten Ägypter waren sich der menschlichen Schwächen durchaus bewusst – sondern um das Image, dass ein Mensch nach außen trägt und um die grundlegende Intention die ethischen Regeln der Ma’at einzuhalten.

Nach dem Tod des Menschen verlässt das Ka den Leib und existiert eigenständig weiter, fungiert dabei aber als Schutzgeist für den mumifizierten Leib. Schutz bedeutet hier vor allem Fortbestand der oben erwähnten Würde. In der Vorstellung der Alten Ägypter entsteht durch das gesprochene wie auch das geschrieben Wort destruktive Energie für den Ka. Man könnte diese Energie tatsächlich als beinahe “magisch” bezeichnen. Allein durch üble Nachrede konnte das Ka schon geschädigt werden. Ein besonders schlimmer Fluch war es jemandem zu wünschen, dass sich das Ka ganz von ihm entfernen möge.

Dies erklärt sich noch einmal deutlicher, wenn man berücksichtigt, dass Ka auch Lebenskraft bedeutet – sowohl die der Menschen als auch der Götter. Da Lebenskraft für die Kemeten gleichbedeutend ist mit prozesshafter, also sich fortwährend aufs Neue vollziehender Konnektivität, ist – also ganz dem Prinzip des Schöpfungsprozesses folgend –  Ka auch so etwas wie die “Ma’at des Körpers”. Als solches ist Ka (als soziale Identität) natürlich auch in die Ma’at (als soziales Prinzip) untrennbar eingebunden. Tut etwas dem Ka nicht gut, wie etwa boshafte Zeitgenossen, üble Nachrede, Neid, Habgier, aber auch brennende Sehnsucht oder Liebeskummer, gefährdet dies auch immer die Gesundheit des Körpers. Hierin zeigt sich auch wieder das kemetische Bewusstsein über die Lebensnotwendigkeit der positiven und wohlwollenden Gemeinschaft.

Götter wie auch Könige haben oft mehrere Kas (kemetisch Kau), besonders post mortem, da das Ka dann als vervielfältigbar gilt. Das Ka bewohnt die unzähligen Bildnisse, die einem Verstorbenen geschaffen wurden, weswegen in Kemet auch ein ausdrückliches BilderGEbot herrscht um das Gedenken einer Person, aber auch eines Gottes aufrecht zu erhalten und damit die Unsterblichkeit des Ka zu sichern. Die Gemeinschaft als Lebensgrundlage löst sich damit also auch nach dem Tod nicht auf, sondern bleibt über diesen hinaus bestehen. In der Notwendigkeit des Bildnisses drückt sich wiederrum das Bewusstsein von der beseelten Materie aus. Damit erhält der Tod selbst auch einen sehr diesseitigen Aspekt.

Das spezifische Wirken einer Gottheit drückt sich ebenfalls durch Ka aus z.B. ist der Wind, das Ka des Luftgottes Schu oder das Wasser des Nils und dessen fruchtbarer Schlamm das Ka des Osiris.

Ka Statue des Horawibra, Egyptian Museum/Cairo
Wikimedia Commons, Foto: Jon Bodsworth

Ba

Die frei bewegliche Individualseele Ba, wird als Falke mit einem Menschenkopf dargestellt. Ba hat im Gegensatz zum Ka einen untrennbaren Bezug zum Leib Chet. Besonders nach dem Tod und nach vollzogenem Totenkult braucht das Ba den Leib um immer wieder dorthin zurückzukehren und sich zu verjüngen. Diese Verjüngung hat seine Parallele im Sonnenlauf. Der Sonnengott Re durchfährt nachts die Unterwelt mit seiner Barke um am nächsten Morgen verjüngt wieder im Osten seine Himmelsbahn anzutreten. Den Toten wünscht man, dass sie einen Platz auf der Barke des Re erhalten mögen um an diesen Verjüngungsfahrten des Sonnengottes teilzunehmen und damit in den Zyklus der fortwährenden Verjüngung und somit des ewigen Lebens einzutreten.

Im Mythos drückt sich dieser Prozess in zwei einander gegenüberstehenden Gottheiten aus, nämlich Osiris als Gerechtfertigter, als Totenrichter, Herr über die Unterwelt, aber auch Gott der Fruchtbarkeit und Ra, der Sonnengott als personifizierte Schöpfungskraft. Die so deifizierten Konzepte bedingen und brauchen einander um Leben hervorzubringen und das Kontinuum des Lebens aufrecht zu erhalten. Dieser Prozess wird durch die Beziehung Ba/Chet bis über den Tod hinaus fortgesetzt. Das ewige Leben ist also vor allem eine Frage der Aufrechterhaltung lebensbedingender Prozesse und – wie am Beispiel der Natur selbst sichtbar – kein statischer Zustand.

Ach

“Der göttliche Glanz” oder der Ahnengeist der die Verklärung durch den Totenkult erfahren hat ist das Ach. Im Plural “Akhu” bezeichnet dieser Begriff auch die Ahnengeister. Es handelt sich hierbei um einen herbeigeführten Zustand des Ba, der aber gleichzeitig auch Züge einer eigenen Wesenhaftigkeit hat und den Verstorbenen zu einem überirdischen Wesen macht – zu einem Gott, einem netjer. Damit weicht auch der menschenferne Gottesbegriff nach monotheistischem Verständnis etwas auf und die Götter (netjeru) rücken deutlich näher in die menschliche Sphäre und können in gewisser Hinsicht sogar selbst als eine Art Urahnen verstanden werden. Auch mythologisch lässt sich dies Nachvollziehen, da die Götter die Erde einst selbst bewohnten ehe sie diese den Menschen zu deren Verfügung überließen. So ist es auch nicht ungewöhnlich, dass auch Verstorbene zu vielverehrten Gottheiten wurden. Das galt nicht nur für die Pharaonen die ohnehin halb Mensch halb Gott waren, sonder beispielsweise auch für den berühmten Arzt und Würdenträger unter König Djoser Imhotep.

Schopfibis, Wikimedia Commons

Chet

Der Leib wird als Chet bezeichnet. In der kemetischen Tradition macht es zunächst keinen Unterschied ob der Leib tot oder lebendig ist. Der Leib ist zunächst nichts anderes als ein Bildniss. Der Chet ist damit das vollkommene Abbild eines Menschen. Durch den Erhalt des Leibes, die Mumifizierung, wird also ein vollkommenes Monument geschaffen, dass in eine enge Wechselbeziehung mit dem Ba tritt (siehe oben). Um diese Wechselbeziehung auch bei einer Zerstörung der Mumie sicherzustellen, gab man den Verstorbenen auch Ersatz-Leiber in Form von Statuen mit auf den Weg ins Jenseits.

Das Chet ist wiederrum beseelt und damit belebt von Ba und Ka, welche ihrerseits auch das Chet benötigen um ein irdisches Leben zu führen. Den Toten wünschte man sogar, dass sie durch die Vereinigung ihres Bas mit dem Chet sexuell aktiv blieben – und dazu ist nicht (nur aus kemetischer Sicht) ein Leib unverzichtbar. Dass Sexualität über den Tod hinaus nichts ungewöhnliches ist, zeigt sich nicht zuletzt darin, dass Isis mit ihrem bereits mummifizierten Gatten Osiris den gemeinsamen Sohn Horus zeugt.

Die Wichtigkeit und Heiligkeit des Körpers ist für Nicht-Kemeten oftmals ungewohnt und nicht leicht zu verstehen. Viele Religionen und Kulturen lehnen die Verehrung des Körpers und der Körperlichkeit ab oder sehen darin zumindest nichts von außerordentlicher Wichtigkeit. Dass der Körper sterbl9ch ist, führt im kemetismus eher zu einer einer besonderen Würdigung des Körpers statt zu dessen Ablehnung als “vergängliche Hülle”. Auch haftet dem Körper keineswegs Übles an, sämtliche Erscheinungen und Bedürfnisse des Körpers gelten weder als “unrein” noch als Verwerflich, sondern sind ganz normaler Bestandteil des Lebens und der Lebendigkeit. Man kann durchaus von einem regelrechten “Körperkult” sprechen, was sich nicht zuletzt auch in einer recht freien, unbeschwerten Haltung zur Sexualität äußert, der Liebe zur Ästhetik, bildenden Kunst, dem Sinn für Mode und Schönheit und sich aufs allerdeutlichste im Totenkult und der Mumifizierung manifestiert.

Sah

Chet wird durch Mumifizierung zu Sah, man spricht auch vom “Mumienadel”. Sah ist also nicht so sehr die Mumie selbst, sondern eher ein Zustand der Ehrung oder “Veredelung” des Körpers, der von allem weltlichen gereinigt wurde und damit zu einem Sitz einer vergöttlichten Ahnenseele wird. Das was also mit dem Ba geschieht, wenn es zu Ach wird, ist eine Parallele zu dem was mit dem Chet geschieht, wenn es zu Sah wird. An der Mumie wird die Vergöttlichung sozusagen auch materiell evident.

Die mythologische Parallele ist hier das Zusammensetzen, Verbinden und neu beleben des ermordeten Osiris durch seine Gattin Isis, seine Schwester Nephthys, vor allem aber auch Anubis. Auch hier stellt sich das Leben wiederrum als Inversion des Zerrissen-oder Zerstückeltseins dar. Die Mumienbinden können daher als Metapher für das Verbinden der einzelnen Körperglieder gesehen werden.

Ramses II, Wikimedia Commons

Ib

Das Herz ist für die Altägypter der Sitz des Fühlens und Denkens sowie Mittelpunkt des konnektiven Prinzips, das sowohl Körper- also auch Seelenaspekte zusammenhält. Eine etwas amüsante Bedeutung kam aus der Sicht der altägyptischen Medizin dem Gehirn zu, welches wir ja in der modernen Welt an der Spitze der physiologischen Hierarchie sehen: es war nämlich lediglich für die Schleimproduktion der Nase zuständig und damit nach der Mumifizierung verzichtbar. Es wurde durch die Nase entfernt.

Das Ib ist so etwas wie die “Blackbox” eines Menschen, das sämtliche Herzensregungen seines Lebens enthält. Beim Totengericht wird es gegen die Feder der Ma’at aufgewogen und fungiert als eine Art Lügendetektor während der Verstorbene sich für sämtliche Taten seines Lebens vor dem Göttergremium rechtfertigt. Besteht der Verstorbene diesen Test, wird ihm sein Ib zurückgegeben und er darf ins ewige Leben als “Gott unter Göttern” eintreten. Parallel dazu wird an der Mumie die Rückgabe des Herzens vollzogen, das eigene für die Ewigkeit konservierte Herz wird dieser also wieder in den mumifizierten Leib zurück gelegt. Erst später wurde es getrennt von der Mumie in Kanopen aufbewahrt, jedoch mit dieser gemeinsam bestattet.

Sia

Die Erkenntnis oder göttliche Eingebung wird Sia genannt. Interessant ist hier, dass die kemetische Religion eine göttliche Offenbarung nicht als etwas vom Menschen getrenntes sieht, sondern als Seelenaspekt des Individuums. Damit ist Sia auch so etwas, wie der dem Menschen innewohnende göttliche Funke. Sia ist aber gleichzeitig auch eine eigene Gottheit und reiht sich damit in eine besondere Art von Personifikationsgottheiten ein, zu welchen auch Shai (das Schicksal, die Lebensdauer) oder Hu (der göttliche Ausspruch) gehören. Gerade in Zusammenhang mit Hu, tritt Sia sehr häufig auf.

Ren

Der Name eines Menschen wird als “Ren” bezeichnet. Nach kemetischem Verständnis, kann niemand ohne Namen vollständig ins Leben treten. Im Alten Ägypten war es üblich zwei Namen zu haben. Den ersten kannte nur die Mutter, ihm kam eine besondere Bedeutung zu, da magische Handlungen, die sich auf eine Person bezogen nur dann wirksam waren, wenn sie den ersten Namen enthielten. Der zweite Name dagegen war der allgemeine Rufname. Isis galt auch als Göttin “die alle Namen kennt”. Ein Mythos besagt, dass sie sogar den geheimen Namen des Sonnengottes Re kennt und daher magische Macht über ihn hat.

Oft enthalten altägyptische Namen auch einen eindeutigen Bezug zu Gottheiten, die auf diese Weise zu Lebensbegleitern werden. Solche Namen lauten z.B. Sat-Amun (“Tochter des Amun”), Sahure (“Re gelangt zu mir”), Amenhotep (“Amun ist zufrieden”), Heqa-Ptah (“Ptah ist mein Herrscher”). Andere Namen beziehen sich nicht auf Gottheiten, sondern sagen etwas über den Namensinhaber aus, wie z.B. Hatschepsut (“Die erste der edlen Damen”) oder Nechetnebef (“Der Starke seines Herrn”), Djoser (“Der Erhabene”)

Schut

Schut ist der beseelte Schatten und gehört zu den Seelenaspekten die mit am schwersten zu erfassen sind. Man könnte den Schatten es als eine Art Untermauerung des Seins erklären. Etwas das ist, wirft auch Schatten.

Eine weitere interessante Tatsache ist, dass auch die Mumie mit Schut assoziiert wurde und zwar auf Grund ihrer dunklen Farbe nach der Mumifizierung. Schut war außerdem davon bedroht von Dämonen verschlungen zu werden, was wiederrum ein Hinweis auf die Angst vor der Zerstörung der Mumie selbst sein könnte. Ein Zusammenhang zwischen Chet und Schut is daher denkbar. In Gräbern des Neuen Reiches finden sich Darstellungen von Schatten die die Mastabas in Begleitung des Ba-Vogels verlassen. Im Ägyptischen Totenbuch heisst es “Aber ihr Dämonen die ihr Osiris im Verlies gefangenhaltet, ihr sollt alle vergehen indem ihr in die Dunkelheit fallt. Mein Schatten soll Euch nicht gehören. Meine Seele soll nicht von Euch gefangen werden.”

Menschenbild

In diesem Seelenmodell spiegelt sich die kemetische Auffassung vom Menschsein in allen Facetten wieder. Diese sieht den Menschen im fortwährenden Spannungsfeld zwischen Individualität und Kollektivität, Bewegung und Stille, Stofflichkeit und Geist, Leben und Tod. Dabei versucht es die Balance nicht in einem Ausgleich vermeintlicher Gegensätze zu finden, sondern darin das gesamte Spektrum zur gleichen Zeit zuzulassen, ihm Struktur zu geben und damit die Vielschichtigkeit der menschlichen Natur in vollem Umfang anzuerkennen.

Literatur:
Jan Assmann, Tod und Jenseits im Alten Ägypten
Hans Bonnet, Lexikon der ägyptischen Religionsgeschichte
Eberhard Kusber, Dissertation: Der altägyptische Ka – Seele oder Persönlichkeit?

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