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Die Seite ist allen Interessierten und Praktizierenden im deutschsprachigen Raum gewidmet, die sich mit der Spiritualität der Altägypter in einer modernen, zeitgemäßen Form befassen wollen.

Sie bietet Wissenswertes über das Alte Ägypten,  Informationen über die internationale Kemetismus-Community, Ritualtipps, weltanschauliche Inhalte, Literaturempfehlungen uvm.

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Warum “Jahreskreisfeste” im Alten Ägypten keine Rolle spielten

Immer wieder wird im Neuheidentum versucht die Jahreskreisfeste auch der altägyptischen Kultur zuzuordnen. Dass dies wenig sinnvoll ist hat einen sehr einfachen Grund: Ägypten liegt viel näher am Äquator und die Unterschiede in den Tageslängen in Abhängigkeit der Jahreszeit sind in Ägypten kaum spürbar.

Eine “Wiedergeburt des Lichts” gibt es daher ebenso wenig wie “die dunkle Zeit” o.ä. Naturphänomene der nördlichen Regionen. Daher haben die Sonnenwenden, die für den heidnischen Festtagskalender so wichtig sind kaum Bedeutung für den altägyptischen Festkalender.

Sonnenbewegungen in Äquatornähe

In den folgenden Grafiken  ist deutlich zu sehen, dass der Unterschied der Tageszeitlänge über das Jahr z.B. in Berlin bis zu 9 Stunden beträgt. In Kairo dagegen sind es 3,5 Stunden. Das bedeutet, dass die Sonne im Sommer weniger als 2 Stunden früher oder später untergeht als im Winter, während dies in nördlichen Regionen mindestens doppelt so lange dauert. In Skandinavien ist diese Spanne natürlich noch größer.

Tageslänge Kairo

Tageslänge Kairo

Tageslänge Berlin

Tageslänge Berlin

(Quelle: https://www.laenderdaten.info)

Im Alten Ägypten bestand der Tag aus 12. Tagesstunden welchen jeweils bestimmte Gottheiten zugeordnet waren und die Nacht gleichsam aus 12. Nachtstunden über die ebenfalls Götter regierten. Auch hier lässt sich also keinerlei Unterscheidung zwischen “Sommer” und “Winter” nachweisen.

Der nächtliche Sonnenlauf, Abbildung aus der Grabkammer Ramses III., nach Champollion, Wikimedia Commons

Der nächtliche Sonnenlauf, Abbildung aus der Grabkammer Ramses III., nach Champollion, Wikimedia Commons

Die Bedeutung des Nils für die Jahresrechnung

Ein wesentlich prägnanteres Naturereignis war hingegen die alljährlich wiederkehrende Nilflut. Diese wurde von den Monsunregenfällen im äthiopischen Hochland verursacht, die etwa Juni/Juli herrscht und damit eine kalendarische Nähe zur Sommersonnenwende der nördlichen Regionen aufweist. Die Wassermassen gelangten über das äthiopische Ursprungsgebiet des Nils in den ägyptischen Nil, verursachten weitläufige Überschwemmungen, die fruchtbaren Schlamm brachten und damit das Ende der Trockenperiode bestimmten. Demzufolge orientierte sich auch der altägyptische Kalender an den drei natürlichen Jahresphasen der Überschwemmung, der Zeit der Aussat und der Trockenheit und benannte die drei Jahreszeiten danach:  Achet, Peret und Schemu. Die meisten Festtage drehten sich auch um den Jahresbeginn, der mit dem Eintreffen der Nilflut zeitlich gleichgesetzt wurde.

AchetPeretSchemu

Die folgende Grafik zeigt die Verteilung der jährlichen Niederschlagsmenge in Äthiopien die nahezu identisch mit den Jahreszeiten des altägyptischen Kalenders ist. Der dunkelblaue Teil entspricht der Flutzeit, der gestrichelte der Zeit der Aussat und der gelbe Teil der Trockenperiode. Je nach Nilgebiet traf die Flutwelle früher oder später ein und damit verschob sich jeweils auch der Kalender.

Jahresdiagramm Niederschlagsmenge Äthiopien

Jahresdiagramm Niederschlagsmenge Äthiopien

Etwas später orientierte man sich am Aufgang des Sirius, der ungefähr zeitgleich mit der Nilflut eintrat. Ein weiterer Unterschied zu nördlich gelegenen Ländern, denn dort geht der Sirius gar nicht mehr unter und folglich auch nicht auf. Sternzyklen der sog. Baktiu-Sterne bildeten schließlich auch die Grundlage für die Sternuhren, die noch vor dem Anfang des Mittleren Reiches belegt sind. Die Baktiu-Sterne markierten jeweils die Dekane, also die 10-tägigen Wochen der altägyptischen Zeitrechnung. Das Jahr enthielt daher 36 Dekane – jede davon mit einem eigenen Dekan-Stern – und die 5 verbleibenden Tage zum Sonnenjahr galten als Heriu-renpet Tage, also als Tage “zwischen den Jahren”, die wiederrum im Juni/Juli zum Jahreswechsel datiert waren.

Diagonalsternuhr in Särgen des Mittleren Reiches im Alten Ägypten, Foto: NebMaatRa, Wikimedia Commons

Diagonalsternuhr in Särgen des Mittleren Reiches im Alten Ägypten, Foto: NebMaatRa, Wikimedia Commons

Feste wie die Tages-und Nachtgleiche oder die Sonnenwenden  finden also keinerlei thematische Entsprechnung im altägyptischen Kalender. Es gibt jedoch derart viele Festtage im altägyptischen Kalender, dass man mit etwas Kreativität einen persönlichen Kalender für die eigene hiesige Praxis festlegen kann, der mit dem üblichen heidnischen einigermaßen übereinstimmt. So steht auch gemeinsamen Festen mit anderen Heiden nichts mehr im Wege. Jedoch muss einem dabei klar, sein, dass es sich hierbei um eine rein neuzeitliche Adaption handelt und keineswegs um authentische Tradition.

 

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Horus = Jesus?

Alle Jahre wieder, etwa um die Weihnachtszeit, kursieren im Internet verschiedene Bilder, Textbeträge und Videos die Jesus von Nazareth mit dem ägyptischen Gott Horus gleichsetzen. Grundlage dieser Behauptung ist eine von Peter Joseph produzierte Filmserie mit dem Titel “Zeitgeist” die zwischen 2001 und 2007 veröffentlicht wurde. Die Serie bedient sich stilistischer Mittel des Dokumentarfilm und stellt eine Vielzahl an Verschwörungstheorien um das Christentum auf. Der Serie folgte immerhin eine ganze Bewegung (“Zeitgeist Movement”) die unterschiedliche alternative wirtschaftliche und politische Konzepte propagiert.

Internet-Meme zum Jesus-Horus-Vergleich

Internet-Meme zum Jesus-Horus-Vergleich

Neben der ägyptischen Mythologie müssen sich auch andere Traditionen des Altertums einiges an Verzerrungen gefallen lassen, hier soll jedoch nur auf den altägyptischen Teil Bezug genommen werden. Der Film stellt Behauptungen auf, die keinerlei historische Grundlage haben und die einer überaus detaillierten und gut erforschten Überlieferung zu widersprechen versuchen.


Im Folgenden möchte ich beispielhaft einige dieser Thesen herausgreifen und erläutern warum es sich hier um die schlichte Verbreitung von Unwahrheiten handelt.

“Horus ist der Sonnengott”

Das ist schlichtweg falsch. Es gibt in Ägypten einige Gottheiten, die als solare Gottheiten bezeichnet werden, darunter männliche wie weibliche Gottheiten. Das hat in erster Linie damit zu tun, dass die Sonne bzw. das Sonnenlicht als Schöpfungskraft verstanden wird und die Gottheiten natürlich auch Lenker dieser Kraft sind.

Die Gottheiten, die unmittelbar der Sonne zugeordnet werden sind Ra, Atum oder Chepre. Die Sonnenscheibe selbst wird von Aton verkörpert. Horus ist wie z.B. auch Schu ein Himmelsgott und hat damit einen Bezug zu Luft und Licht -insbesondere in seiner Unterform als Harachte- aber ein Sonnengott im eigentlichen Sinne ist er damit nicht.

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Außerdem gibt es nicht nur einen Horus, sondern neun verschiedene voneinander unabhängige Gottheiten, die Horus heißen. Meist aber wird mit Horus, Hor-sa-Aset also “Horus, Sohn der Isis” gemeint.

“Isis ist eine Jungfrau”

Es gibt keinerlei historischen Beleg dafür, dass Isis eine Jungfrau war. Isis zeugt Horus in einem ganz natürlichen geschlechtlichen Akt mit ihrem Gatten Osiris, den sie von den Toten erweckt hat. Sie verleiht ihm zu diesem Zwecke sogar noch einen neuen Phallus, der bei der Zerstückelung durch Seth verloren ging. Der Phallus wurde von Fischen verschluckt, die später innerhalb des altägyptischen Fischkults verehrt wurden. Es gibt aber auch Mythen die Hathor als Mutter des Horus ausweisen. Isis hat also absolut keine Alleinstellung als Mutter des Horus, wenn es auch der bekannteste Mythos sein mag.

Statue der Isis lactans

Statue der Isis lactans

Oft werden die Darstellungen der stillenden Isis mit den Darstellungen der stillenden Maria als “Beweis” für eine Übereinstimmung angeführt, jedoch dürften Darstellungen von stillenden Müttern sich grundsätzlich ähneln, so dass die Stichhaltigkeit dieses Arguments sehr fragwürdig ist. Selbst wenn die christliche Mythologie sich von den altägyptischen Darstellungen hat inspirieren lassen, wäre es äußerst gewagt zu schlußfolgern, dass Isis und Maria identisch sind.

“Anubis der Täufer”

Es gibt keinerlei historische Hinweise auf einen Akt der Taufe in der altägyptischen Religion. Selbst die vielzitierten “Einweihungen” sind aus historischer Sicht haltlos. Vielmehr ist die christliche Taufe von einem alltäglichen Reinigungsritual der Priesterschaften abgekupfert, welches regelmäßig vollzogen wurde ehe die Priester die Heiligtümer betraten. Dieses fand in der Regel durch einfaches Übergießen mit Wasser statt, dem Natron zugesetzt wurde und hatte den Zweck die Heiligtümer, die als Wohnstatt der Götter verstanden wurden, nicht zu verunreinigen.

Anubis ist ein Totengott, der die erste Mumifizierung vorgenommen hat, nämlich am Leichnam für Osiris. Er ist daher eine der Schlüsselfiguren im Mythos, der für den gesamten ägyptischen Totenkult als Vorbild dient. Er wird als Versorger der Toten verstanden und assistiert bei der Herzenswägung beim Totengericht.

“Horus wurde am 25. Dezember geboren”

Zunächst einmal gibt es keinen 25. Dezember im altägyptischen Kalender. Der altägyptische Kalender besteht aus 3 Jahreszeiten, nämlich Achet, Peret und Schemu. Diese werden wiederrum in jeweils vier Monate untergliedert. Da sich der Kalender nach natürlichen Rhythmen, wie die Nilflut oder der Aufgang des Sirius richtete, sind die Zeitpunkte dieser Jahresmarker je nach geographischer Lage unterschiedlich. Im Nildelta traf die Flut z.B. sehr viel später ein, als im Ursprungsgebiet, so dass sich auch der Kalender verschob.

Hinzu kommt, dass zum Teil mehrere Kalender im Alten Ägypten gleichzeitig Anwendung fanden. Der bürgerliche Kalender war am Mond orientiert und der Verwaltungskalender eher am Sonnenjahr. Durch die Anpassung von Mond- auf Sonnenkalender blieben am Jahresende 5 Tage im Mondjahr übrig, die als sog. Epagomenen bzw. Heriu-renpet (“Tage zwischen den Jahren”) bezeichnet werden. Diese wurden im Zuge der Kalenderangleichung zu Göttergeburtstagen erklärt, unter anderem auch für Horus. Die Epagomenen sind aber lediglich Teil des bürgerlichen Kalenders und tauchen im offiziellen Kultkalender überhaupt nicht auf. Der zweite Zusatztag wird als Geburtstag Horus zugeorndet und ist je nach geografischer Lage etwa Mitte Juni.

“Horus wird gekreuzigt”

Horus wird zu keiner Zeit in keinem einzigen Mythos gekreuzigt, nicht einmal getötet. Kreuzigungen waren zwar eine im altorientalischen Raum verbreitete Art der Hinrichtung und wurde von den Römern übernommen, doch es gibt nicht den geringsten Nachweis für eine Tötung des Horus. Auch nicht für die verbleibenden acht Gottheiten, die als Horus bezeichnet werden.

“Seth (Typhon) ist der Widersacher des Horus”

Das ist eine grobe Verzerrung der Mythologie. Seth ist kein Widersacher, er ist ein Gott wie jeder andere auch, der mit einer wichtigen Aufgabe betraut ist, nämlich die Schöpfung vor dem Untergang zu retten, indem er deren Widersacher, die dämonische Schlange A/pophis bekämpft. Er ist also keineswegs mit dem christlichen Satan gleichzusetzen. Der Konflikt zwischen Horus und Seth hat mit der Thronfolge zu tun. Seth erhebt Anspruch auf den Thron seines Bruders Osiris, den er ermordet hat, doch Horus besiegt Seth, so dass die Thronfolge auf die nächste Generation übergehen kann.

Seth vs. A/ophis

Seth vs. A/ophis

Der Kampf hat also eher den Charakter einer Reifeprüfung zwischen zwei Rivalen für den jungen Horus und betont die Bedeutung der Erbschaftslinie bzw. der physischen Tauglichkeit des Königs. Die Tatsache dass Horus Seth die Hoden abschlägt untermauert den phyischen Aspekt der Königswürde. Dieser Mythos, der erst im mittleren Reich auftaucht hatte vor allem einen politischen Hintergrund und war die mythologische Grundlage für die Königsfolge. Die Bezeichnung “Typhon” erhält Seth außerdem erst in der graeco-romanischen Periode, wo er in der Tat dämonisiert wird, was aber nicht seiner authentischen mythologischen Funktion entspricht.

“Horus hatte 12 Apostel”

Horus hatte keinerlei Gefolgschaft. Es gibt ein Göttergremium von 42 Göttern, die als Totengericht fungieren, doch diese unterstehen Osiris. Zwar hat Horus in Form des Pharaos einen menschlichen Bezug, da man den König teilweise auch als “Horus” bezeichnete, dies ist jedoch rein auf den Kult beschränkt und weist Horus als Königsgott aus. Der König selbst wird als lebendiger Horus verstanden und das Ka des Horus offenbart sich im König, was für die priesterlichen Aufgaben des Königs von Bedeutung war. Der König war ja nicht nur politisches sondern auch religiöses Oberhaupt des Staates, also ähnlich wie der Pabst für die Katholiken.

“Horus ist 3 Tage nach seinem Tod wieder auferstanden”

Da Horus nicht gestorben ist, ist er auch nicht wiederauferstanden. Der einzige Gott der eine Wiederauferstehung durchlaufen hat ist Osiris, nachdem Isis ihn wieder zusammengesetzt und magisch neu belebt hat. Damit wird er zum Vorbild für alle Toten, welchen mittels Mumifizierung und Totenkult zur Wiederauferstehung verholfen werden soll. Sicherlich mag der Wiederauferstehungsgedanke der Ägypter Inspiriation für das Wiederauferstehungsmotiv der Christen gewesen sein, jedoch hat Horus damit nichts zu tun. Er übernimmt lediglich die irdischen Aufgaben seines Vaters Osiris als König und schließt mit diesem einen Vertrag, dass dieser im Totenreich verbleiben und dort regieren möge.


Es gibt noch viele Behauptungen dieser Filmserie, die aus mythologischer und historischer Sicht jeglicher Grundlage entbehren, doch die o.a. Beispiele sollten reichen um zu zeigen, dass es sich bei den Inhalten dieser Filme um reine Fiktion handelt.

Sicherlich gibt es in der modernen Religionsforschung Hinweise, dass die semitische und die spätere christliche Theologie Motive und Rituale der altorientalischen und altlevantischen Kulte übernommen hat, doch davon auf eine Gleichsetzung zweier von über 1500 belegten altägyptischen Gottheiten mit den Schlüsselfiguren der christlichen Theologie zu schließen ist mehr als vermessen und gegenüber der jeweiligen Tradition auch ein wenig respektlos.

Literatur:

  • Jan Assmann, Tod und Jenseits im Alten Ägypten
  • Jan Assmann, Ma’at. Gerechtigkeit und Unsterblichkeit im Alten Ägypten
  • Hans Bonnet, Lexikon der ägyptischen Religionsgeschichte
  • R. T. Rundle Clark, Myth and Symbol in Ancient Egypt
  • G. A. Wainwright, The Origin of Storm-Gods –
  • Philip John Turner, Seth – A Misrepresented God In The Ancient Egyptian Pantheon?
  • Jeremy Naydler – Shamanic Wisdom in the Pyramid Texts: The Mystical Tradition of Ancient Egypt
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Kemetismus für Anfänger in 5 Schritten

Bevor Ihr loslegt, Kemeten zu werden, sei Euch folgender Artikel als Entscheidungshilfe empfohlen:

Kemetismus – ist das was für mich?

Was den eigentlichen Kemetismus vom reinen Faible für ägyptische Gottheiten unterscheidet, ist der Fokus auf die Orthopraxie.

Orthopraxie kommt aus dem Griechischen von orthos=richtig und praxis=Tun bedeutet also “das richtige Handeln”. Gemeint ist damit das Handeln im Sinne einer religiösen Praxis.

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Im Folgenden ein einfaches Schema in 5 Schritten, wie man am besten mit der kemetischen Praxis beginnt um überhaupt einen Einstieg zu finden.


1. Reinigung
Das klingt zunächst banal und unspektakulär, aber nahezu alle altägyptischen Rituale drehen sich entweder um eine Form der Reinigung oder enthalten kultische Reinigungsgesten. Im Rahmen von kemetischen Ritualen ruft der Mensch die Götter nicht zu sich herab, er steigt vielmehr zu ihnen auf und dieser Prozess des Aufsteigens wird durch den Ritus erreicht. Dazu gehört auch, dass man zumindest vorübergehend alles allzu menschliche abstreift, sich davon reinigt ehe man in Kontakt mit den Göttern tritt, denen man zwar mit großem Respekt, aber dennoch auf Augenhöhe begegnen darf.

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Traditionell reinigten sich die Priester im Alten Ägypten durch das Übergießen mit Wasser, dem zu vor Natron hinzugesetzt wurde. Auf ähnliche Weise kann man sich mit einer Mischung aus Wasser und etwas Salz oder noch besser Natron (dessen Herstellung hier beschrieben wird) übergießen. Wichtig ist dabei besonders auch alle Körperöffnungen zu reinigen, da sie als Eintrittspforten für schlechte Energien gelten. Es empfiehlt sich auch den Mund ausspülen, denn alles was durch den Mund tritt, und zwar nicht nur Speisen, sondern auch so manch negatives Wort, dass man sagt, hinterlässt Spuren und soll fortgewaschen werden. Im Anschluss an die Reinigung sollte man bewusst frische Kleidung anlegen, sofern vorhanden auch Ritualkleidung, und wenn man möchte kann man den Körper auch nochmal mit reinigenden Kräutern (Salbei, Lavendel, etc.) abräuchern. Empfehlenswert ist diese Reinigung fürs erste monatlich oder sogar wöchentlich durchzuführen.

2. Schrein

Der nächste wichtige Schritt ist einen heiligen Ort einzurichten, der den Göttern geweiht ist. Wer in seinem Lebensraum keinen Platz für einen heiligen Ort hat, wird ihn schwerlich auch in seinem Herzen finden. Der Schrein bzw. Altar ist also Symbol für den Platz, den man den Göttern in seinem Leben gibt.

Er muss keineswegs kostspielig und prunkvoll sein, wichtig ist vielmehr, dass er mit Liebe arrangiert wurde und sauber gehalten wird. Ein Schrein der zusätzlich als Ablage für Schlüssel, Taschentücher und Fernbedienungen dient wird schnell an Heiligkeit verlieren. Im Alten Ägypten wurde der Schrein auch “das Innere des Himmels” genannt, es ist also ein tatsächliches Stück Göttersphäre in der Welt der Menschen und sollte auch die entsprechende Pflege erfahren.

Sokar Schrein

Ein Bild, eine Figur, ein Kerzenhalter, ein Räuchergefäß und vielleicht eine schöne Unterlage reichen für’s Erste völlig aus. Man kann den Schrein entweder offen wie einen Altar errichten oder verschließbar in einem Schrank oder einer Holzschatuelle vor fremden Blicken geschützt. Ganz wie man es will.

Auch muss der Schrein keineswegs gleich einer bestimmten Gottheit geweiht sein, er kann auch ganz allgemein “den Göttern” geweiht sein.

3. Regelmäßige Rituale

Ist der Schrein errichtet, kann man zur eigentlichen Praxis übergehen und damit beginnen regelmäßige Rituale durchzuführen. Am beliebtesten und authentischsten sind tägliche Speise- und Trankopfer. Dazu kann man kleine Schälchen oder Gläser verwenden, die man mit unterschiedlichen Opfergaben füllt. Trockenobst wie Datteln, Feigen, Rosinen, aber auch Süßigkeiten und frisches Obst und Gemüse, Kräuter, Brotstückchen, Sämereien, Nüsse eigenen sich sehr gut als Opfergaben. Man kann sogar ein wenig von seinem eigenen zubereiteten Essen auf kleine Tellerchen arrangieren und opfern. Als Trankopfer eignet sich ganz schlicht klares kaltes Wasser. Es wurde bereits im Alten Ägypten den Göttern zur Erfrischung dargebracht. Aber auch Bier, Wein, Liköre, Fruchtsäfte, Tee, Kaffee können ebenfalls geopfert werden. Als Faustregel gilt, alles was man selbst essen würde, kann auch geopfert werden. Auf keinen Fall sollte man Küchenabfälle, verdorbene Speisen oder ähnliches opfern!

Auch ein Gebet oder ein Lied kann eine Opferung sein! Man kann also z.B. jeden Morgen einen Gruß an die Götter sprechen, ein Lied singen oder spielen oder die gleich mit der Speise- und Trankopferung verbinden um es besonders feierlich zu gestalten. Manche Opfern auch Schmuck, Bilder, Duftöle, Dekofiguren usw. Der Phantasie sind hier kaum Grenzen gesetzt, solange die Opferungen mit Liebe und Respekt erfolgen. Nach und nach wird man vielleicht auch die eine oder andere Vorliebe einzelner Gottheiten für bestimmte Opfergaben entdecken.

Opferungen für Bastet

Opferungen für Bastet

Man muss sich also keineswegs in Unkosten stürzen, sondern einfach ein wenig von dem was man hat abgeben. Wichtig ist auch, die Opferungen werden nicht weggeworfen! Es war im Alten Ägypten üblich, dass die Opfergaben an die Götter später von der Priesterschaft verzehrt wurden. Manche Opferungen wurden sogar recycled, indem man sie weniger bedeutenden Gottheiten darbrachte nachdem man sie den großen Gottheiten geopfert hatte. Dieser Zyklus hat auch seinen Sinn, denn es versinnbildlicht, dass es auch zwischen Göttern und Menschen ein Geben und Nehmen gibt. Wir opfern den Göttern, aber wir erhalten auch von den Göttern.

Meine Empfehlung ist nicht gleich alles auf einmal zu versuchen zu wollen, sondern lieber 2-3 tägliche Handlungen festzulegen und die erst einmal für mindestens 3 Monate durchzuhalten um einen eigenen Rhythmus zu finden. Mutet man sich zu viel zu, kann es sein, dass man reduzieren muss um die tägliche Regelmäßigkeit aufrecht erhalten zu können. Merkt man nach einer Weile, dass man durchaus mehr schafft, kann man weitere Handlungen hinzufügen. Wichtig ist nicht der Umfang der täglichen Praxis zählt, sondern ihre Regelmäßigkeit, denn darin zeigt sich die wahre Hingabe. Sie sollte gerade große genug sein, damit Verbindung zu den Göttern entstehen kann, aber klein genug, dass sie in den Alltag zu integrieren ist. 10-15 Minuten Zeitaufwand täglich sind hier ein guter Richtwert.

4. Studium der Götter und Mythen

Eins kann man versprechen geschichtsinteressierten Leseratten wird es im Kemetismus niemals langweilig. Das Informationsangebot aus dem Bereich der Ägyptologie ist riesig, aber auch sehr anspruchsvoll. Etwas schwieriger wird es mit dem Kemetismus als solches, denn die dazugehörige Literatur ist meist auf Englisch.

Viele fokussieren sich am Anfang vollkommen auf eine bestimmte Gottheit, was sehr schade ist, denn an einer einzige Gottheit lässt sich das hochinteressante mythologische Zusammenspiel der vielen ägyptischen Götter und Göttinen kaum erkennen. Daher ist es überaus lohnend, sich auch mit den anderen Götter zu befassen und so unterschiedliche Mythen wie möglich zu lesen. Dazu muss man noch nicht einmal in die Buchhandlung gehen. Es gibt sehr gut recherchierte Seiten im Internet die über die altägyptischen Mythologie Auskunft geben und in diesem Fall kann man auch Wikipedia ohne schlechtes Gewissen empfehlen. Es ist absolut ausreichend um sich erst einmal einen guten Überblick zu verschaffen und zudem noch gut verständlich geschrieben.

Relief im Innenraum des Hathor-Tempels von Deir el-Medina („Kloster der Stadt“), altägyptisch Set Maat („Platz der Wahrheit“), in Theben-West bei Luxor, Ägypten, Wikimedia Commons, Foto: Ralf Roleček

Relief im Innenraum des Hathor-Tempels von Deir el-Medina („Kloster der Stadt“), altägyptisch Set Maat („Platz der Wahrheit“), in Theben-West bei Luxor, Ägypten, Wikimedia Commons, Foto: Ralf Roleček

Ähnlich wie bei den täglichen Ritualen ist es sinnvoll auch hier eine Regelmäßigkeit anzustreben. Man kann z.B. täglich ein paar Seiten lesen oder sich wochenweise ein bestimmtes Thema vornehmen um mit dem mythologischen Selbststudium voranzukommen.

Gerade die verschiedenen Schöpfungsmythen, der Tod des Osiris, der Kampf des Horus gegen Seth oder der Mythos der Himmelskuh etc. sind wichtige Themen, die über das altägyptische Weltbild Auskunft geben. Zusätzlich kann man auch ein Tagebuch anlegen, in dem man eigene Gedanken und Eingebungen zu den verschiedenen Mythen notiert. Auch selbstkreierte Poesie wie Gedichte, Geschichten oder Gebete, kann eine schöne kreative Art des Umgangs mit den Mythen sein

5. Austausch mit anderen Kemeten

cauldronDer letzte Punkt gestaltet sich äußerst schwierig im deutschsprachigen Raum, da es leider immer noch sehr wenige Kemeten gibt. Der Erfahrungsaustausch mit anderen Kemeten ist aber gerade in der Anfangsphase besonders nützlich. Wer also das Glück hat andere zu kennen oder sich sogar auf den englischen Internetplattformen zu Hause fühlt, sollte diese Möglichkeiten unbedingt nutzen verschiedene Sichtweisen und Herangehensweisen kennenzulernen. Auch die täglichen Rituale gemeinsam zu begehen und hinterher zu reflektieren, kann zu einem noch tieferen Verständnis der kemetischen Ritualistik beitragen.

facebook-groupManchmal sind auch Anhänger anderer Traditionen durchaus tolerant gegenüber kemetisch Praktizierenden, so dass man sich auch traditionsübergreifend über Rituale und Erfahrungen austauschen kann. Auch ist natürlich niemand gezwungen sich ausschließlich auf die ägyptischen Götter zu beschränken. Es gibt genügend Kemeten, die auch Götter aus anderen Traditionen verehren.


Die altägyptische Religion wie auch der Kemetismus, also seine moderne Rekonstruktion, basieren vor allem auf dem regelmäßigen Tun und weniger auf der Rezitation von Schriften. Denn obwohl es eine schier unerschöpfliche altägyptische Überlieferung in Form von Tempelinschriften, Totenbüchern, Papyris usw. gibt ist die Religion der Altägypter keine Buchreligion. Weder gibt es eine Konfession zu der man sich bekennen müsste, noch gibt es starres Regelwerk dem man sich zu unterwerfen hat. Das Ziel der regelmäßigen Praxis begleitet von einem Studium der Grundinhalte der altägyptischen Philosophie ist ein tägliches Einüben und Vergegenwärtigen der wichtigen Inhalte bis die altägyptische Weltsicht ein ganz natürlicher Bestandteil der eigenen wird.

Auch wenn die täglichen Rituale am Anfang mühsam erscheinen oder sich keine überwältigenden Erlebnisse einstellen, baut man damit nach und nach eine solide Verbindung zu den Göttern auf, die gerade in Krisenzeiten unglaublich viel Halt geben kann, das sollte man nicht unterschätzen. Und es bildet ein gutes Grundgerüst um später einmal zu den großen Riten und der magische Praxis übergehen zu können.

hand in hand

In diesem Sinne,

em hotep, Willkommen in Frieden
und
dua netjeru, Ehre sei den Göttern!

 

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Altes Ägypten – was war vorher?

Die Zeit am Nil vor Beginn der Dynastien ist geprägt vom Auftauchen und Vergehen verschiedener teils seßhafter und teils nomadischer Kulturen. Um etwa 7500-3500 v.Chr. herrschte das Neolithische Subpluvial (=Neolithische Regenzeit), das die Sahara zu einer grünen und fruchtbaren Savanne mit zahlreichen transsaharischen Reiserouten machte. Als das nordafrikanische Grünland zunehmend austrocknete und sich zur Wüste entwickelte, wurden die nomadischen Jäger-und-Sammler-Völker vermehrt seßhaft und zogen sich an die Küstengebiete sowie an die fruchtbare Niloase zurück.

Nilflut an den Pyramiden von Gizeh, Wikimedia Commons

Nilflut an den Pyramiden von Gizeh, Wikimedia Commons

Haflan-Kultur

Von ca. 18.000 bis 12.000 v.Chr. siedelte die Haflan Kultur am Nil im Gebiet Ägyptens und Nubien. Erste Siedlungen lassen sich jedoch schon bis 24.000 v.Chr. zurückdatieren. Sie lebten teils nomadisch, es lassen sich aber auch Nachweise längerer Aufenthalte an einigen Orten finden. Zu den Artefakten dieser Kultur zählen Steinwerkzeuge und Malereien. Gelebt haben sie von der Jagd und der Fischerei, es gibt aber auch Hinweise auf die Haltung von Herdentieren.

Qadan-Kultur

Etwa 13.000 bis 9.000 v.Chr. besiedelt die Qadan Kultur das spätere Oberägypten. Sie lebten vorwiegend von der Jagd und sammelten bestimmte Wildgräser und Wildgetreide, die sie zubereiteten und konservierten. Auch sie hinterließen eine Reihe von Steinwerkzeugen zu denen auch Waffenteile wie Speer- und Pfeilspitzen gehörten. Auch weist diese Kultur Spuren ritueller Begräbnisse auf.

Harifian-Kultur

In der Negev Wüste im heutigen Iran ist die Harifian-Kultur von 8.800 – 8.000 v.Chr. belegt. Typisch für diese Kultur sind halb in den Boden eingelassene Wohnstätten. Sie lebten von der Jagd und ihre steinzeitliche Waffentechnik war bereits etwas entwickelter als die ihrer Vorläuferkulturen. Sie stehen in enger Verbindung mit der Fayum-Kultur, die zu den vorgeschichtlichen Kulturen des späteren Ägyptens zählen.

Nabta-Playa

Hier handelt es sich nicht um eine Kultur sondern um einen besonderen Ort von prähistorischer Bedeutung, der sich etwa 800km südlich von Kairo und 100km westlich von Abu Simbel befand, nämlich Nabta-Playa. Es handelt sich dabei um eine Salztonebene in der Nubischen Wüste.

Playas sind meist aus ganzjährig gefüllten Paläoseen entstanden, von denen es in der  Sahara mehrere gab. Zu den vier größten gehören Mega-Tschad  mit ca. 1,95 Millionen km² (also das 5-fache des Kaspischen Meers), der Darfur-Megasee (ca. 30.000 km²) und der Mega-Fezzan (ca. 150.000 km²). Das zunächst aride, also trockene Klima der Sahara hielt noch bis ca. 12.000 Jahre v.Chr. an, bis es sich ca. 7.000 allmählich zum Monsunklima entwickelte mit den typischen langanhaltenden Regenfällen, Überschwemmungsphasen und ausgedehnten Trockenperioden, die für die Grüne-Sahara-Periode sorgten. Diese Klimabschnitte bestimmen später die drei Jahreszeiten des altägyptischen Kalenders Achet (“Überschwemmung”), Peret (“Hervorkommen der Saat, Wachstum”) und Schemu (“Zeit der Hitze”) und werden zum mythologischen Thema unterschiedlichster kultischer Feste.

Skizze von Nabta Playa, Wikimedia Commons

Skizze von Nabta Playa, Wikimedia Commons

Bekannt ist Nabta-Playa vor allem für seine archäoastronomischen Monumente aus der Jungsteinzeit. Es handelt sich dabei um einen Steinkreis der noch 1000 Jahre älter als Stonehenge ist. Vermutlich war das Areal nur zeitweise besiedelt und diente als Sommerquartier für Halbnomaden. Die Zeitbestimmung war daher ein wichtiger Aspekt. Die ersten Keramikfunde in Nabta Playa können bis ca. 6000 v.Chr. zurückdatiert werden. Auch Spuren eines Rinderkults lassen sich nachweisen, aus dem sich der spätere in Ägypten so berühmte Hathor-Kult entwickelt haben könnte.

Nabta Playa Kalender Monument (Rekonstruktion im Aswan Nubia museum), Wikimedia Commons, Foto: Raymbetz

Nabta Playa Kalender Monument (Rekonstruktion im Aswan Nubia museum), Wikimedia Commons, Foto: Raymbetz

Fayum-Kultur

Zwischen 9.000 und 6.000 v.Chr. gibt es sehr wenig Funde, die auf eine Besiedelung hinweisen. Um 6.000 v.Chr. tauchen dann aber wiederrum Siedlungsspuren auf, die der Fayum-A-Kultur zugeordnet werden. Die Fayum-Kultur und wird in der Archäologie in Fayum A und Fayum B eingeteilt. Ihre Blütezeit herrscht um 4.500 v. Chr.

Die Fayummenschen lebten vor allem von der Jagd, Viehzucht, Fischerei und vereinzeltem Getreideanbau. Der Name Fayum stammt von der Gegend in der diese Kultur gefunden wurde, nämlich das Fayum-Becken eine große sumpfige Niederung im Niltal, die im Gegensatz zu ihrer Umgebung eine beachtliche Vegetation aufweist.

Die Fayyum Oase, Wikimedia Commons, Foto: cynic zagor (Zorbey Tunçer)

Die Fayyum Oase, Wikimedia Commons, Foto: cynic zagor (Zorbey Tunçer)

Über den Stand der Fortschrittlichkeit dieser Kultur geben unterschiedliche Funde Auskunft, so fand man unterschiedliches Werkzeug wie Beile, Bohrer, Kratzwerkzeug und Stichel. Darüber hinaus auch Sicheln, Messer (aus Stein) und Pfeilspitzen (zur Jagd und Verteidigung). Die Keramik ist typischerweise kugelförmig mit einem zylinderförmigen Hals. Auch Spuren der Webkunst sind zu entdecken.

In den Siedlungen finden sich Vorratsgruben außerhalb des Schwemmgebietes des Nils mit Feuerplätzen und Plätzen zur Verarbeitung des Jagdgutes. Dort fanden sich auch Überreste von Rindern, Nilpferden, Fischen, Schafen und Ziegen, die als Nahrungsquelle für die Fayummenschen gedient haben. Außerdem lassen sich schon typische landwirtschaftliche Zyklen erkennen. In der Feuchtperiode wurde Getreide ausgesät in der Trockenzeit wurde das geerntete Getreide mit Mahlsteinen verarbeitet.

Interessanterweise bleibt das Fayum-Becken auch in moderner Zeit der “Gemüsegarten Kairos”. Von den Königen Amenemhet II. und Sesostris II ist belegt, dass sie die Sümpfe trockengelegt und landwirtschaftlich erschlossen haben. Fayum wird später auch ein großer Kulktort für den Krokodilgott Sobek,

Merimde-Kultur

Ein wenig später, also ca. 5.000 bis 4.000 v.Chr. entwickelte sich die Merimde-Kultur, benannt nach ihrem Fundort Merimde ab, der etwa 45km nordwestlich des heutigen Kairos also nicht allzuweit weg vom Fayum-Becken liegt. Bei dieser Kultur wird eine Urkultur, eine mittlere Merimde-Kultur und eine jüngere Merimde-Kultur unterschieden. Es gab auch Beziehungen zur Fayum-Kultur.

Die Merimde-Kultur ist der Fayum-Kultur nicht unähnlich, besitzt aber auch einige Eigenheiten. So ist z.B. die Verwendung von Muscheln als Schmuck oder Pfeilspitzen oder die mit Fischgrätmuster dekorierte Keramik zunächst rotpoliert, später sogar auch grau- und schwarzpoliert ein typisches Merkmal dieser Kultur. Unter Polieren versteht man die Verdichtung und Glättung der keramischen Oberfläche, da noch keine Glasuren verwendet wurden. Die Keramik ist teller- und schalenförmig. Besonders interessant ist eine spezielle Kultkeramik nämlich zylinderförmige Becken die auf ringförmigen Sockeln stehen und vermutlich als kleine Altäre gedient haben.

Auch fand man kleine Kunstobjekte wie menschliche Figürchen und Figuren von Tieren wie z.B. Stiere um die sich ja später in dynastischer Zeit ein großer Kult entwickeln wird. Straußeneier dienten ähnlich wie die Muscheln als Schmuckmaterial. Roter Ocker diente vermutlich als Körperfarbe.

In der mittleren Merimde-Kultur geschieht ein enormer Entwicklungsschritt, der sich vor allem bei Waffen und den Werkzeugen bemerkbar macht. Lange Bohrer, komplexe Pfeilspitzen mit langen Flügeln, verschiedene Beilformen und Sicheln sind typische Artefakte.

Querschneider Pfeilspitze, Wikimedia Commons, Foto: 3Toumai

Querschneider Pfeilspitze, Wikimedia Commons, Foto: 3Toumai

Die jüngere Merimde-Kultur weist bereits eine hohe Siedlungsdichte auf. Ihre Keramik besteht aus ähnlichen Formen wie ihre Vorgängerkultur und umfasst zusätzlich kugelförmige Gefäße. Auch Standplatten und -ringe wurden gefunden.

Neben einer deutlichen Tendenz zum Getreideanbau zeichnet sich die Merimde-Kultur durch ihren jagdlichen Bezug zum Wasser aus. Nilpferde, Muscheln, Krokodile, Schildkröten und Fische standen hauptsächlich auf dem Speiseplan der Kultur, Landtiere dagegen kaum.

Omari-Kultur

Auf die Merimde-Kultur folgt die Omari-Kultur, die für etwa 200 Jahre in der Mitte des 5 Jahrtausends v. Chr. ihre Blütezeit hat. Sie liegt noch etwas näher beim heutigen Kairo, wie einige Fundorte zeigen. Die Omari-Kultur war vor allem landwirtschaftlich orientiert, hielt Ziegen, Schafe, Rinder und Schweine und baute Emmer und Weizen an. Gelegentlich wurden auch Nilpferde bejagt.

Die Bestattung der Toten verlief relativ schmucklos mit wenig Beigaben jedoch lässt sich eine Ausrichtung des Kopfes nach Süden feststellen. Die Gleichförmigkeit der Gräber und der Beigaben lassen auf eine fehlende Hierarchisierung und kaum vorhandene soziale Unterschiede dieser Kultur schließen.

(Buto-)Maadi-Kultur

4000 bis 3500 v. Chr. erblüht die Maadi-Kultur, benannt nach dem heutigen Vorort im Süden Kairos. Die Maadi-Kultur ist deswegen so bedeutend, weil sie die erste Kultur ist der Kupferfunde zugeordnet werden können. Mit ihr beginnt also die Kupferzeit. Zum Teil existieren auch Funde derselben Kultur von anderen Orten, wie etwa Buto, einer Stadt im Alten Ägypten, die vor allem für die Verehrung der schlangengestaltigen Wadjet, des Horus, der Bastet und der berühmten Isis bekannt ist. Daher der gelegentliche Namenszusatz “Buto-“.

Im Gegensatz zur Keramik der Merimde-Kultur ist die der Maadi-Kultur sehr einfach und zierdelos gehalten. Neben Keramikgefäßen gab es auch Gefäße aus schwarzem Basaltgestein. Zu den Kupferfunden gehören Beile und Kleinwerkzeug wie z.B. Angelhaken. Die Menschen der Maadi-Kultur betrieben Viehzucht mit Rindern, Schafen, Ziegen und Schweinen, also ähnlich wie die Merimde-Kultur, erste Nachweise finden sich auch von Eseln, möglicherweise als landwirtschaftliche Arbeitstiere oder Transporttiere, denn auch der Anbau verschiedener Getreidesorte ist für die Kultur belegt. Der Esel wird später zu einem der Tierarten, die dem Wüstengott Seth zugeordnet werden.

Die Maadi lebten in Hütten aus Holz und Stroh und abseits der Siedlungen befanden sich Friedhöfe. Die Toten wurden in Hockstellung bestattet mit nur spärlichen Beigaben, so dass man auch hier von einer kaum vorhandenen sozialen Differenzierung ausgehen kann.

Badari-Kultur

Mit der Badari-Kultur, die etwa 4000 v.Chr. herrschte beginnt die sog. Prädynastik. Auch diese kennt natürlich Kupfer zur Fertigung verschiedener Nutzgegenstände und erstmals taucht nun auch die Fayence auf, also die für das alte Ägypten so berühmte Keramik aus Quarzsand mit der typischen türkisen Glasur, die sich in dieser Kultur vor allem in Form von Schmuckperlen findet. Die altägyptische Bezeichnung für Fayence ist “tjehenet” was so viel bedeutet wie “glänzend” oder “funkelnd”. Bis dato wurde Keramik nur durch Polieren abgedichtet.

Eine Besonderheit der Badari-Kultur ist ihr Rinderkult, der zuvor schon in Nabta Playa entdeckt wurde. Rinder wurden geopfert und in steinbedeckten Kammern bestattet. Man vermutet darin den Ursprung des Hathor-Kultes.

Für die Badari-Zeit gibt es auch erste Spuren der Mumifizierung. Die Toten wurden mit in Harz getränkten Leinenbinden umwickelt, die durch ihre keimtötende Wirkung vor Verwesung schützten. Das Übrige übernahm der trockene Wüstensand. Auch kleine Grabfiguren konnten gefunden werden.

Badari Figur aus Nilpferd-Knochen, Wikimedia Commons, Foto: Jon Bodsworth

Badari Figur aus Nilpferd-Knochen, Wikimedia Commons, Foto: Jon Bodsworth

Naqada-Kultur

Fast parallel zur Badari-Kultur folgt die Naqada-Kultur (ca. 4.000-3.200 v.Chr.) die nun als unmittelbarer Vorläufer des dynastischen Ägyptens gilt. Die Naqada-Kultur, benannt nach der Stadt Naqada 45km nördlich von Luxor, wird in drei Abschnitte unterteilt, nämlich Naqada I, II und III. Für diese Kultur ist sogar die Verwendung unabhängiger Schriftzeichen belegt, die eine gewisse Ähnlichkeit mit sumerischen Schriftzeichen hat, aber dennoch genügend eigene Merkmale. Die Naqada-Menschen leben von der Jagd, der Tierhaltung und dem Ackerbau.

Die Keramik ist ausgefeilt in unterschiedlichsten Tönungen und neben geometrischem Dekor findet sich auch eine detaillierte Darstellung von Jagdszenen, Kampfszenen und sogar Kultszenen. Auch männliche und weibliche Tonfiguren wurden hergestellt. Überhaupt nimmt nun die Darstellung von Menschen stark zu.

Die Bestattungen weisen deutliche soziale Unterschiede auf. Es gibt eine Elite deren Grabbeigaben ungleich reichhaltiger und wertvoller sind. In Hierakonpolis (altägyptisch „Nechen“) zeichnet sich eine Art politisches Zentrum ab, das möglicherweise den Grundstein für das spätere Königtum Altägyptens lieferte. Hierakonpolis wird später Hauptstadt des 3. Oberägyptischen Gaues und ein bedeutendes oberägyptisches Handelszentrum. Auch der älteste nachgewiesene Fund der Bierbrauerei findet sich im Rahmen der Naqada Kultur.

In Naqada III finden sich schließlich erstmals hieroglyphische Inschriften auf Keramik, wie z.B. im Grab des Regenten Skorpion I. der zum dritten Abschnitt der Naqada-Kultur gezählt wird und damit Ägyptens erster Pharaos ist. Skorpion I. wurde aufwendig bestattet mit einem 12-teiligen Grab, das insgesamt 8m auf 10m misst und reich mit Beigaben gefüllt war. Sein Regierungsgebiet erstreckte sich über Abydos, Naqada, Hierakonpolis sowie Elephantine, Orte die in der späteren ägyptischen Hochkultur wichtige Zentren des Kultes, des Staatsweses und der Wirtschaft bildeten.

Artefakte der Naqada Kultur, Wikimedia Commons

Artefakte der Naqada Kultur, Wikimedia Commons

Die Mumie von Uan Muhuggiag

Keine Kultur aber ein faszinierender Fund gelang dem italienischen Archäologen Prof. Fabrizio Mori im Acacus Gebirge in der libyischen Wüste. Er fand die Mumie eines kleinen Jungen, der mit hochentwickelten Mumifizierungstechniken einbalsamiert und bestattet worden war. Der Junge, der nach seinem Fundort Uan Muhuggiag benannt wurde, gehörte einem nomadischen Stamm von Rinderhirten an, die in der grünen Savanne der heutigen Sahara lebten.

Steinzeichnungen in Tadrat Acacus (Gebirge), Wikimedia Commons, Foto: Roberto D'Angelo (roberdan)

Steinzeichnungen in Tadrat Acacus (Gebirge), Wikimedia Commons, Foto: Roberto D’Angelo (roberdan)

Mori fand eine Höhle mit aufwändigen Zeichnungen von schakalköpfigen Menschen, die sehr der späteren Darstellung des Schakalgottes Anubis und ähnelten. Im weichen Sandboden entdeckte er ein in Ziegenleder geschlagenes Bündel, dass die Mumie des Jungen enthielt. Seine Eingeweide waren entfernt und getrennt aufbewahrt sowie mit Wildkräutern konserviert worden. Mit 5500 Jahren ist diese Mumie deutlich älter als alle vergleichbaren altägyptischen Mumien. Das Kind selbst war bei seiner Bestattung ca. 3 Jahre alt.

Altes Ägypten – Natur als kulturelle Basis

Sämtliche vorgeschichtliche und prädynastische Kulturen eint die enge Verbundenheit mit den Zyklen der Natur und die Abhängigkeit von topographischen und klimatischen Gegebenheiten. Diese Aspekte verlieren in der gesamten altägyptischen Hochkultur, die über 4000 Jahre anhält, niemals ihre Bedeutung. Sie bilden Grundstein der altägyptischen Spiritualität und sind lebensbestimmend für jeden Menschen vom einfachen Hirten bis hin zum gottgleichen Pharao.

Die regelmäßigen Überschwemmungen des Nils, die von den Monsunregenfällen des äthiopischen Hochlands verursacht wurden, lieferten bis zu drei reichhaltige Ernten im Jahr. Den dort lebenden Menschen wurde bald bewusst, dass sie nur durch organisierte Zusammenarbeit diese Fruchtbarkeit maximal erschließen konnten. Die Altägypter betrieben von Anfang an eine Politik der Inklusion. Statt die Gesellschaft auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu einen, durfte eine bunte Gesellschaft mit zahlreichen Gottheiten und unterschiedlichsten kulturellen Merkmalen organisch heranwachsen, die über die Jahrtausende hinweg stabil blieb und sich in einer Religion manifestierte, die Beständigkeit und soziales Miteinander heiligt und die Natur als Lebensgrundlage ehrt. Dieser Geist ist bezeichnend für die gesamte altägyptische Religion, Kultur und Gesellschaft und mündet in ein allesumfassendes heiliges Konzept, dem Prinzip der Ma’at.

Dua Ma’at!

Der Nil bei Assuan, Wikimedia Commons, Foto: Tbachner

Der Nil bei Assuan, Wikimedia Commons, Foto: Tbachner

Weiterführende Links:

http://www.archaeology.org
http://www.hierakonpolis-online.org/
https://de.wikipedia.org/wiki/Pr%C3%A4dynastik_(%C3%84gypten)

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Kemetismus – ist das was für mich?

Es ist schwer sich für einen Weg zu entscheiden, über den man zumeist nur rudimentäre Kenntnisse hat. Das Augenscheinliche der altägyptischen Kultur und des kemetischen Kults mag noch so attraktiv erscheinen, viele wenden sich nach kurzer Zeit wieder von diesem Weg ab und sind enttäuscht, weil sie völlig andere Erwartungen hatten. Dieser Artikel soll eine Entscheidungshilfe bieten, die natürlich rein subjektiv ist, sich aber dennoch auf die geteilten Erfahrungen anderer Kemeten beruft. Wenn Ihr also nach dem Lesen dieser Worte immer noch beherzt “ja” zum Kemetismus sagen könnt, dann seid ihr hier vermutlich genau richtig. Wenn Ihr einen anderen Weg als den Euren anseht, ist dieser nicht weniger richtig und vielleicht kann Euch der Kemetismus dann zumindest die ein oder andere wertvolle Inspiration bieten. Denn die Entscheidung zu diesem Weg liegt letztlich bei jedem selbst. Es gibt weder ein verbindliches Glaubensbekenntnis noch eine Verpflichtung ihn zu gehen. Die Entscheidung ihn zu gehen fällt jeder ganz allein für sich und täglich aufs Neue.

Pyramiden von Gizeh, Wikimedia Commons, Foto: Ricardo Liberato

Pyramiden von Gizeh, Wikimedia Commons, Foto: Ricardo Liberato

Anfänge

Die Gründe, warum Menschen plötzlich den Wunsch haben Kemetismus zu praktizieren sind sehr unterschiedlich. Sehr häufig ist es eine der bekannteren ägyptischen Gottheiten wie Isis, Horus oder Ra, die einen in ihren Bann gezogen haben. Oder es ist einfach die Faszination für die altägyptische Kultur an sich. Viele Leute finden auch über die stark ägyptophile Ritualmagie ihren Weg in den Kemetismus.

Ehe man beginnt, sollte man sich mit einigen wichtigen Merkmalen der altägyptischen Religion und der kemetischen Praxis befassen und sich ausreichend Zeit nehmen zu prüfen, ob man wirklich bereit ist diesen Weg zu gehen.

Unterschiede zum mitteleuropäischen Heidentum

Was den Kemetismus von anderen heidnischen und neuheidnischen Traditionen besonders hier in Mitteleuropa unterscheidet ist das unglaublich dichte Informationsspektrum. Während man im nordischen Heidentum mühsam seinen spirituellen bzw. religiösen Weg aus wenigen Quellen heraus interpretieren muss, ist die altägyptische Kultur äußerst gut und umfangreich belegt. Möchte man einigermaßen authentisch praktizieren, fehlt also im Gegensatz zum hiesigen Heidentum ein ganz entscheidendes Merkmal, das vielen spirituell interessierten eigentlich am Herzen liegt: der Raum für die eigene Intuition und Kreativität. Gerade zu Beginn des kemetischen Weges kann es sinnvoll sein die eigene Interpretation hinsichtlich Weltanschauung oder Ritualistik äußerst sparsam einzusetzen um erst einmal ein Gefühl für die authentische überlieferte Tradition und deren Inhalte als solche zu entwickeln und so eine solide Basis bestehend aus mythologischem Wissen und kultischen Grundlagen zu festigen. Kemetismus ist traditionell, das liegt nicht jedem, vor allem dann nicht, wenn man auf der Suche nach einer spirituellen Praxis ist, die flexibel und frei interpretierbar ist.

Christ Church Library, Oxford, Wikimedia Commons, Foto: -JvL-

Christ Church Library, Oxford, Wikimedia Commons, Foto: -JvL-

Freud und Leid der Literatur

Eine weitere Herausforderung stellt die Art der Literatur über das alte Ägypten dar. Zusammenfassend kann man sagen, dass sie äußerst gespalten ist. Auf der einen Seite finden sich leicht zu lesende ausschweifende und passionierte Werke, die hauptsächlich im Bereich des New Age und der Esoterik anzusiedeln sind. Von Theorien über die außerirdische Herkunft der altägyptischen Götter, über Channeling Botschaften und Einweihungen verschiedener Gottheiten bis hin zu einem phantasieriechen Göttinnenkult um Isis finden sich eine Menge blumige Schriftwerke mit leider sehr dünnem und teilweise fehlerhaftem sachlichem Inhalt.

Auf der anderen Seite bietet die ägyptologische Fachliteratur sehr wenig Informationen für den Laien an und schon gar nicht für religiös Praktizierende, man muss also schon fast ein halbes Ägyptologiestudium auf sich nehmen um sich einen einigermaßen authentischen Überblick zu verschaffen und praktikable Rituale abzuleiten. Literatur zum eigentlichen Kemetismus ist weitestgehend auf Englisch, da die amerikanische Szene in dieser Hinsicht um einiges ausgeprägter ist und bereits seit den 80er Jahren in stetiger Entwicklung ist. Neben Büchern, stehen zahlreiche Blogs, Websites und social media Gemeinschaften zur Verfügung, die einen großen, dynamischen und diskussionsfreudigen Pool an unterschiedlichsten Infos bieten. Englische Sprachkenntnisse sind daher von großem Vorteil. Inzwischen gibt es im deutschen Sprachraum wenige hochwertige virtuelle Informationsquellen zum Thema Kemetismus. Dies hat sich u.a. auch diese Seite zum Ziel gemacht.

Tägliche Kultpraxis

Über eines sollte man sich als im Klaren sein, wenn man sich dem Kemetismus widmen möchte: für diesen Weg braucht man Zeit, Geduld und Beständigkeit. Ein typisches Merkmal der kemetischen Praxis ist ihre Regelmäßigkeit und weniger ihre prunkvollen Rituale. An dieser Beständigkeit scheitern sehr viele. Wenn man erwähnt, dass tägliche Opferrituale keine Seltenheit sind, dann kommt schon mal die verwunderte Gegenfrage “Wirklich jeden Tag?”. Ja, wirklich jeden Tag.

Der altägyptische Kult hatte eine sehr wichtige mythologische Bedeutung. Er war darauf ausgerichtet die vielen verschiedenen ineinandergreifenden Zyklen der Schöpfung in Gang zu halten. Den Lauf der Sonne, die jährliche Wiederkehr der Nilflut, die Zyklen der Landwirtschaft, den Wechsel von Nacht und Tag usw. Durch den Ritus bindet sich der Mensch als spirituelles und natürliches Wesen in diesen Lauf der Schöpfung mit ein, nimmt daran Teil und bewirkt ihn letztlich. Der Kult ist also nicht nur Dienst an den Göttern und Ausdruck ihrer Verehrung, es ist auch eine praktische Bewusstseinsschule um sich auf die kemetische Weltanschauung auch im täglichen Leben ganz und gar einzulassen.

Der tägliche Aufwand muss nicht übermässßg groß, aber dennoch regelmäßig sein. Man tut also gut daran ein tägliches Maß zu finden, dass man einigermaßen leicht über mehrere Monate hinweg durchhalten kann.

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Das Kalenderproblem

Hinzu kommen eine schier unerschöpfliche Zahl an Feiertagen und Festen, deren korrekter Zeitpunkt heutzutage nur noch schwer zu rekonstruieren ist, weil der altägyptische Kalender zum einen anders strukturiert ist und sich aufgrund der zeitlichen Ferne der altägyptischen Kultur Zeitrechnungsfehler eingeschlichen haben, die zu einer nicht unerheblichen Verschiebung der Feiertage geführt habe. Auch die geographische Lage Ägyptens im Gegensatz zu der in Mitteleuropa spielt eine große Rolle bei der Berechnung verschiedener astronomischer Ereignisse. Wikipedia liefert aber trotz allem einen relativ guten Überblick über die verschiedenen Festtage und größere Tempel in USA verfügen teilweise über einen eigenen Kalenderlauf, der auch für freie Kemeten erhältlich ist.

Canis Major, Canis Minor, Orion & Lepus (animiert), Wikimedia Commons, Bild: Michelet B

Canis Major, Canis Minor, Orion & Lepus (animiert), Wikimedia Commons, Bild: Michelet B

Göttinnen und Götter

Die Göttin Isis, der Sonnengott Re, die musikalische Hathor, der falkengestaltige Horus oder die Katzengöttin Bastet sind weit über die altägyptische Tradition hinaus bekannt. Häufig werden sie auch innerhalb völlig anderer Traditionen verehrt. Viele die sich für den Kemetismus zu interessieren beginnen, finden über diese Gottheiten ihren Weg. Die altägyptische Kultur hat aber unendlich viele Gottheiten, mindestens 1.500 sind namentlich belegt, die teilweise natürlich nicht minder wichtig sind als die allseits beliebten und bekannten. Es ist sehr lohnend sich auch mit den weniger bekannten zu beschäftigen, ehe man sich einer bestimmten zuwendet, da sie oft tragende Rollen in der Mythologie spielen und es wichtig ist ihre kosmologische Aufgabe zu verstehen. Dennoch wird man natürlich schwerlich alle kennenlernen können. Die meisten Kemeten enden bei etwa 2-3 Gottheiten um die sie einen intensiveren Kult praktizieren und vielleicht 4-5 weitere für die sie eine sporadische Praxis betreiben und schätzungsweise weitere 10 die eher unter die Kategorie “bekannt” fallen ohne explizite Praxis. Natürlich wird man dafür abermals viel Zeit, Geduld und Motivation aufbringen müssen.

Egyptische Götter und Göttinnen, Wikimedia Commons, Foto: Gryffindor

Egyptische Götter und Göttinnen, Wikimedia Commons, Foto: Gryffindor

Der Erhalt der Ma’at

Auch steht der Götterkult im Kemetismus durchaus nicht so stark im Vordergrund wie es scheint. Der wichtigste Aspekt ist die Einhaltung eines ungeschriebenen ethischen Codex, die gleichbedeutend mit der kosmischen Weltenordnung ist, nämlich die sogenannte Ma’at. Dabei handelt es sich um ein gesellschaftliches Ideal gegenseitiger Unterstützung und sozialen Bewusstseins, dass die eigentliche Grundlage des Kemetismus bildet. Ein soziales Prinzip geradzu altruistischer Ideale in einer Welt der Ellbogenmentalität zu leben, deren Erfolgskonzept der blanke Narzissmus ist, kann zu einer psychischen Zerreißprobe werden. Dessen sollte man sich unbedingt bewusst sein.

Außenseiter und manchmal Feindbild

Ein leidiges Thema, dass hier bereits mehrfach angedeutet wurde, ist die Situation für den Kemetismus in Deutschland. Er ist bis auf wenige einzelne Ausnahmen so gut wie nicht vorhanden. Das hiesige Heidentum versteht sich in erster Linie als Wiederbelebung der prächristlichen deutschen Religionsgeschichte, die daher meist das Germanentum und zum Teil vielleicht das Keltentum umfasst. Verschiedene neopagane Strömungen wie Wicca, Hexentum oder Schamanentum stehen oft in enger Verwandtschaft zu den nordischen Traditionen, so dass man sich als Verehrer der altägyptischen Götter auf eine wahrhafte Exotenrolle einstellen darf. Auch gibt es vereinzelt durchaus Feindseligkeiten gegenüber der zivilisierten Hochkultur der Ägypter, die mit ihrem schillernden Pharaonentum, dem ausgefeilten Staatswesen und den beeindruckenden Prunkbauten in starkem Kontrast zu der naturnahen Tradition nordischer und germanischer Völker steht. Die Parallelen der altägyptischen Theologie zur frühchristlichen, die sich insbesondere im koptischen Christentum manifestiert, sorgt vereinzelt auch dafür, dass man als Kemet zum “Heidenfeind” und “Christenfreund” erklärt wird und damit der kollektiven Christentumsverdrossenheit der mittel- und nordeuropäischen Heiden widerspricht. Man muss sich also wohl oder übel auf einen einsamen Weg gefasst machen, der mitunter auch von Anfeindungen geprägt sein kann.

Immer noch interessiert?

Wer also mit einer weitgehend selbstständigen Praxis, die Literaturrecherche, Hingabe und eine gewisse Akribie erfordert gut zurecht kommt, erfüllt schon mal die wichtigsten Voraussetzungen Kemetismus zu praktizieren. Wer auf die Enthüllung abenteuerlicher Weltengeheimnisse und Verschwörungstheorien hofft und sich nach göttlich-magischen Einweihungen sehnt wird jedoch sicher bald enttäuscht sein.

Eins kann man getrost versprechen, es wird sicher nie langweilig und es gibt immer wieder neues und beeindruckendes zu erfahren. Die altägyptischen Religion ist trotz ihres Prunks und ihrer hochentwickelten Ritualistik immer noch im Kern eine Natur- und naturverehrende Religion mit animistischen Grundzügen, die die täglich erlebte Welt tief zu verzaubern vermag. Die täglichen Rituale werden schnell zur Gewohnheit und ermöglichen ein intensives Erleben kosmischen Eingebundenseins ganz ohne die notwendige Bodenhaftung zu verlieren. Sie sind ein starkes Band zu unseren Göttern die dadurch sehr präsent und unmittelbar erfahrbar werden.

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Moon ritual – a modern interpretation

There is hardly any other culture that has been associated with sun cults so much like the Ancient Egyptian one. The moon, however, is of lesser importance yet not entirely meaningless. Its cycles formed the ryhtm for the lunar calendar that was still important for a long time even after the solar calendar has come into function in Ancient Egypt.

Animation der Mondphasen, Wikipedia

There was no actual moon cult so this ritual concept is to be understood as a suggestion to perform a modern Kemetic moon ritual and claims in no way to be historically evident.

The moon cycles have been important markers to many important cultic events or offered inspiration for mythological symbolism. The 14 pieces Osiris has been cut into after he was murdered by Seth also refer to one half of the moon cycle and the new moon was associated with new beginning and rebirth.

Moondeities

Der Mondgott Iah, Wikimedia Commons

There are quite a few deities which have been associated with the moon. Most of them are male like Thoth, Osiris, Khonsu, Min and of course Joh who was associated with the moon disc itself and served as a namesake of the moon. Only very few goddesses have been associated with the moon like a nameless female equivalent of Thoth and Isis in the new kingdom while Osiris was associated with the sun and Isis was regarded his lunar counterpart.

Symbol of rejuvenation and renewal

The moon itself was considered a small sun, like a sun of the night. So it is not surprising to find many characteristics of the sun being applied to the moon as well. Like the sun starts to travels through the underworld every evening to rise again rejuvenated the next morning the moon cycles, too, have been associated with the repetitive process of renewal and decay.

The force of the full moon was considered to be a “rutting bull who impregnates the women”. The full moon was said to be supportive to female fertility. Additionally there were quite some associations between the moon and bulls, which is why the feast of the “conjunction of the two bulls” (Sensen-kawy) was celebrated regularly during full moon. The name “bull of the sky” refers to the moon as a master and ruler and expresses the great power of the moon. The idea of two bulls being united is probably caused by the fact that very often the sun and the moon where visible at the sky at full moon.

 

Horusauge, ca. 600-400 v. Chr., Louvre/Paris, Foto: Marie-Lan Nguyen, Wikimedia Commons

The healing of the moon eye

A very important mythological event was the healing of the moon eye. Both the sun and the moon were considered eyes of the sky, the sun the right eye and the moon the left eye. Horus was particularly associated with this event but also Re. The waning moon was considered to be the slow  fading of the eye of Horus, which again would be renewed during waxing moon.

Another myth is the one of the battle between Horus and Seth. Seth knocks out Horus’ eye during the fight, which gets renewed later on. The moon therefore becomes a symbol of the everlasting battle between light and darkness, Horus as the personification of light and Seth as a personification of darkness. The moon eye is healed by Thoth’s touch. The healed eye is called the Udjat eye which becomes a symbol of health and healing of its own.

The ritual

The aforementiioned full moon festival Sensen-kawy is also called “days of purification”. Together with the aspect of rejuvenation and renewal I have chosen it as an inspiration for the following modern kemetic ritual. Similar to the Lamp Festival a lot of lamps and candles have been lit up so any kind of candles and lights go well with this ritual. The moon has been associated with the colors white and silver which is the perfect color for any kind of ritual items like altar cloths, candle holders, candles or even moon symbols. You can set up a temporary shrine or even a steady one if you wish to keep it. Later in time around the New Kingdom two mirrors have served as offerings during moon festivals so you could as well add mirrors to your altar decoration.

Of course you can also include the various moon deities and make offerings to them but in this ritual suggestion I would like to include the inner healing and purification of body and soul.

The best thing is to start the ceremony with a ritual purification which can be performed traditionally with natron and water  or if you do not have natron with salt or soda. It’s very important to purify your entire body carefully. After that you can perform a purification with incense. You can either use the traditional Kyphi or any kind of purifying herbs such as lavender, sage or whatever suits you best. In case you own some white ritual garement you can of course put it on after the purification.

Now you are ready to approach your altar, light up all the candles and if you like further incense and awaken the full moon power. Perhaps you can even set up the moon shrine at a place where you can see the natural monnlight. Basically anything from little prayers to long meditations is possible to focus on the rejuvenating power of the moon and let it fulfill you. Since Thoth has healed the moon eye by stroking over it you could use the same gesture and stroke bodyparts that need magical healing by the power of the moon. Or if you own an Udjat amulet you can simply place it on said body parts. You can do that just by yourself or mutually if you perform the ritual with others.

 

IMG_5759Enjoy your ritual!🙂

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Ma’at – Eine Frage der Selbstreflexion

Die altägyptischen Götter sind faszinierend, geheimnisvoll, vielschichtig und tiefgründig. Es ist nicht schwer sich für sie zu begeistern und ihrer Faszination zu verfallen. Wenn man mit den altägyptischen Göttern arbeitet, dann ist auch immer wieder die Rede von Ma’at. Ma’at eine Göttin, die für die gleichnamige kosmische Ordnung steht, für das Gleichgewicht in der Natur, unter den Göttern und in der Gesellschaft bis hin zum kleinsten sozialen Kreis in dem man täglich lebt.

Man hält die Ma’at, man spricht die Ma’at, man tut die Ma’at. Die Ma’at ist ein ethischer Kodex und ein moralisches Ideal einer funktionierenden und kooperierenden Gesellschaft, die sich nicht auf das blinde Befolgen von Regelwerk stützt, sondern auf tiefer Einsicht dessen basiert, was Menschen im Inneren verbindet, aber auch was sie spaltet. Die Ma’at ist ein ungeschriebener Vertrag zwischen den Menschen, egal welchen Standes, füreinander in ausgewogenem Maße zu sorgen, einander nicht auszubeuten, verbindend und verbindlich zu sein.

“Love’s Labour Lost” von Edwin Long, Wikimedia Commons

Die Fallgrube der Arroganz

Und genau hier beginnt das Problem. Wenn man das erste Mal mit dem Prinzip der Ma’at in Berührung kommt, dann ist es faszinierend und beeindruckend. Es fühlt sich an, als hätte man einer Sache, die man schon immer gespürt hat plötzlich einen Namen verliehen. Als ob die Ahnung vom Guten und Richtigen plötzlich Gestalt angenommen hat, die Gestalt einer allesumfassenden transzendenten Göttin. Begeistert beginnt man sein Leben neu zu betrachten, prüft ob man im Sinne der Ma’at handelt, beginnt zu spüren, dass man einen geschärften Blick für das Gute und Richtige bekommt, bemüht sich gute Dinge zu tun, wohltätiges vielleicht sogar, gemeinschaftliche Rituale, Dienst an den Göttern durch Opferungen, Zeremonien und Gebete, möchte auch andere daran teilhaben lassen. Und ehe man es merkt, schleicht sich ganz allmählich eine leichte Arroganz mit ein, man fühlt sich erhaben, schließlich wähnt man sich in der Gunst der Götter als Diener der Ma’at, sieht sich in das gleiche Netz verwoben wie sie.

Persönlichkeitsentwicklung durch Götter

In enger Verbindung mit Gottheiten zu stehen kann enorme Vorteile bringen, doch es birgt auch gewisse Risiken. Götter färben ab. Fast jeder der eng mit bestimmten Gottheiten arbeiten, merkt über kurz oder lang, dass die Charakteristika der Götter allmählich auf einen übergehen, Lücken schließen, neue Fähigkeiten hervorbringen von denen man gar nicht wusste, dass man sie hatte. Gleichsam aber, können auch Eigenschaften die man vorher hatte geradezu verdrängt werden, Eigenschaften, die einem ebenso nützlich waren. Göttliche Kräfte denen man es gestattet durch einen hindurch zu wirken, haben mitunter mehr Potential als man für den Moment fähig ist zu lenken und zu kontrollieren.

Es kann durchaus zu drastischen Veränderungen kommen. In einem selbst und in der Folge natürlich auch im sozialen Umfeld. Das mag leicht sein bei Eigenschaften, die generell als positiv bertrachtet werden, aber umso schwieriger, wenn es sich um Eigenschaften handelt, die mitunter unangenehm und destruktiv sein können. Denn der gravierende Unterschied zwischen Menschen und Göttern ist, dass Götter die Ma’at sehr viel besser kennen und einhalten können, als Menschen. Menschen verfallen, beflügelt von den ihnen zur Verfügung stehenden Kräften, überaus leicht in einen Narzisssmus, sehen sich plötzlich als Lieblingskind der Götter, wähnen sich in unerschütterlicher Rechtschaffenheit, während sie sich zunehmend ignorant, gleichgültig und arrogant gegenüber ihren Mitmenschen verhalten. Und gerade die letztgenannten Dinge, sind die größten Feinde der Ma’at.

“The Obsequies of an Egyptian Cat” von John Reinhard Weguelin, Wikimedia Commons

Priesterschaft der Ma’at

Der Ma’at würdiger Vertreter zu werden, bedeutet in erster Linie an sich selbst zu arbeiten. Sicher ist es positiv sie wo immer man kann anderen Menschen zugänglich zu machen, doch sobald man die Rolle einer priesterlichen Figur in der Öffentlichkeit einnehmen will und sei es auch nur temporär, geht man eine umso größere Verantwortung ein, ein würdiger Repräsentant dieser kosmischen Ordnung zu werden. Diese Aufgabe ist ebenso groß, wie sie klingt.

Manipulation von Mitmenschen, Gleichgültigkeit gegenüber Unrecht, das Vernachlässigen der Menschen die einem nahestehen, fehlende Selbstreflexion und das Festhalten an schlechten Gewohnheiten, obwohl man es besser wüsste, üble Nachrede, Taubheit gegenüber der Not des anderen… all diese Dinge gehören keinesfalls zu einer Person, die anderen ein heiliges Prinzip vermitteln will. Nicht umsonst wurde die sog. “Kunst der schönen Rede” bei den Altägyptern so hochgelobt und die fortwährende Arbeit im Sinne der Gesellschaft hoch angesehen. Und hier sind keineswegs abstrakte soziale Dynamiken gemeint, die sich in kaum greifbaren Sphären abspielen, sondern der Kreis derer die einem am nächsten stehen, der Freundeskreis, die Familie, der Bekanntenkreis etc.

Jeder, wirklich jeder Mensch, kann zu einem Priester oder einer Priesterin der Ma’at werden. Alles was man dazu tun muss ist die fortwährende Arbeit an sich Selbst, am Guten und Richtigen nicht aufzugeben. Das klingt einfach, ist aber keineswegs leicht. Je länger man dabei ist umso schwerer wird es.

Jeder ist ein König/eine Königin

Wir leben heute nicht mehr in einer theokratischen Monarchie wie im Alten Ägypten, dennoch kann jeder Mensch sich wie ein verantwortungsvoller König in seinem persönlichen sozialen Umfeld verhalten. Und ein König zu sein bedeutet nicht täglich auf seinem Thron Platz zu nehmen und sich bewundern zu lassen, es bedeutet sein Land und dessen Bewohner zu schützen. Es bedeutet die Verantwortung zu übernehmen, wenn Unrecht geschieht, den Mut zu haben, dieses aufzuzeigen und dagegen vorzugehen. Es bedeutet, das was die Menschen verbindet zu schützen, zu pflegen und zu stärken und das was dem entgegenwirkt zu verbannen. Und es bedeutet vor allen Dingen als gutes Beispiel voranzugehen. Jemand, der die Ma’at bringen möchte, tut dies nicht indem er ausschweifende Vorträge hält, sondern indem er es vorlebt.

hand in hand

Nobody is perfect!

Wenn die Ma’at eines weiß, dann dass es Perfektion nicht gibt. Was sie jedoch diktiert, ist das unbeirrte Streben nach dem Richtigen in dem Wissen, dass der Weg zur Ma’at bereits das Ziel ist. “Das Richtige” verändert sich stetig, ist dem gleichen Wandel unterworfen wie man selbst, wird immer Ideal bleiben, doch das sollte einen nicht daran hindern unermüdlich danach zu suchen und ihrer stets aufs Neue würdig zu werden. Eine unvollkommene Ma’at ist besser als jeder unterlassene Versuch sie zu manifestieren.

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Mondritual – Eine moderne Interpretation altägyptischer Mondriten

Kaum eine Kultur wird so sehr mit dem Sonnenkult verbunden wie die Altägyptische. Der Mond spielt nur eine untergeordnete Rolle, doch so ganz ohne Bedeutung war er nicht. Immerhin war er im Volkskalender noch lange der Taktgeber, als der Staatskalender vom Mondjahr bereits auf das Sonnenjahr umgestellt worden war.

Animation der Mondphasen, Wikipedia

Einen eigenen Mondkult gab es nicht, so soll dieses Ritualkonzept lediglich einen Vorschlag für ein kemetisch inspiriertes Mondritual bieten und beansprucht keineswegs historisch belegt zu sein.

Dennoch markierten die Mondphasen  wichtige kultische Zeitpunkte oder waren Inspiration für verschiedene mythische Motive. So sind die 14 Stücke in die Osiris Leichnam zerlegt und verstreut wurde, dem halben Mondzyklus zuzuschreiben, der Neumond wurde natürlich als Neubeginn und Phase der Geburt verstanden.

Mondgötter

Der Mondgott Iah, Wikimedia Commons

Es gibt eine Reihe von Gottheiten die dem Mond zugeordnet werden. Die meisten von ihnen sind männlich. Dazu gehören Thoth, Osiris, Chons, Min und am ehesten noch mit der Mondscheibe selbst zu identifizieren Iah, welcher auch letztlich der Namensgeber für den Mond ist. Nur sehr wenig weibliche Gottheiten werden in Ägypten im Zusammenhang mit dem Mond genannt, davon ein namenloses weibliches Pendant zu Thoth und später im Neuen Reich die Göttin Isis, die dem Osiris als der Sonne zugehörig eine Entsprechung bildet.

Symbol der Verjüngung und Erneuerung

Den Mond selbst verstand man als ein kleineres Gegenstück zur Sonne, eine Art Nachtsonne. So ist es auch nachvollziehbar, dass sich ähnliche Attribute wie bei der Sonne auch um den Mond finden. So wie die Sonne die allabendliche Verjüngungsreise durch die Unterwelt antritt um am nächsten Morgen gestärkt am östlichen Himmel hervorzugehen, sah man auch in den Zyklen des Mondes den Prozess wiederkehrender Erneuerung.

Der Mondkraft sagte man nach ein “brünstiger Stier zu sein, der die Frauen schwängert”. Der Mond galt als der Fruchtbarkeit besonders günstig, wenn die volle Scheibe am Himmel stand. Überhaupt wurde der Vollmond mit dem Stier assoziiert, denn zum Vollmond wurde auch regelmäßig das “Fest zur Vereinigung der beiden Stiere” (Sensen kawi) gefeiert. Die Bezeichnung “Stier des Himmels” für den Mond, ist als bildhafter Ausdruck für “Herrscher” oder “Gebieter” und als Ausdruck seiner großen Kraft zu verstehen. Die Vereinigung der beiden Stiere ergibt sich aus dem Umstand, dass zum Vollmond die Sonnenscheibe und der Mond häufig gleichzeitig zu sehen waren.

Horusauge, ca. 600-400 v. Chr., Louvre/Paris, Foto: Marie-Lan Nguyen, Wikimedia Commons

Heilung des Mondauges

Das wichtigste mythologische Ereignis ist die Heilung des Mondauges. Sowohl Sonne als auch Mond wurden jeweils als Himmelsaugen verstanden, die Sonne als das rechte und der Mond als das linke. Die damit verbundene Gottheit ist in erster Linie Horus, aber auch Re, so dass die Sonne auch als Auge des Re und der Mond als Horusauge gesehen wird. Der abnehmende Mond wird als das langsame Vergehen des Horusauges betrachtet, das sich in der zunehmenden Phase regeneriert.

Hinzu kommt noch der volkstümliche Mythos vom Kampf zwischen Seth und Horus, in welchem Seth Horus das Auge ausschlägt, dies aber wieder erneuert wird. Der Mond wird dabei zum Symbol des immerwährenden Kampfes zwischen Licht und Finsternis, Horus als Verkörperung des Lichtes und Seth als Symbol der Finsternis. Geheilt wird das Mondauge von Thoth. Das heile Auge wird als Udjatauge bezeichnet, das daher auch zu einem allgemeinen Symbol der Heilung wird.

Das Ritual

Das o.g. Vollmondfest Sensen-kawi wird auch “Tage der Reinigung” genannt. Zusammen mit dem Verjüngungs- Heilungs- und Erneuerungsaspekt, soll dies nun als mythologische Vorlage für dieses moderne kemetische Mondritual dienen. Da zu diesem Fest ähnlich dem Lampenfest zahlreiche Lichter entzündet wurden, eignen sich natürlich auch hier Kerzen und Lichter aller Art. Da der Mond mit der Farbe Weiß und Silber assoziiert wurde, passen hier natürlich silberne und weiße Ritualgegenstände am besten z.B. Altardeckchen, Kerzenhalter, Kerzen oder sogar Mondsymbole. Man kann entweder einen vorübergehenden Altar einrichten, den man hinterher einfach wieder abbaut oder einen dauerhaften. In etwas späterer Zeit opferte man zum Fest der Vereinigung der beiden Stiere auch zwei Spiegel um damit die beiden Himmelslichter Sonne und Mond zu symbolisieren, d.h. es wäre also sehr passend zwei Spiegel in seine Altardekoration zu integrieren.

Natürlich kann man hier auch den mit dem Mond assoziierten Gottheiten, die weiter oben genannt wurden, besondere Aufmerksamkeit schenken und Opferungen darbringen. In diesem Ritualbeispiel soll jedoch auch besonderes Augenmerk auf der Reinigung und Heilung des eigenen Körpers und der eigenen Seele liegen.

Das Ritual beginnt daher am besten mit einer umfassenden Reinigung. Diese erfolgt ganz traditionell mit einer Waschung durch Natronwasser. Eine Anleitung zur Herstellung von Natron findet sich hier. Normales Speisesalz oder/und Küchennatron sind aber ebenso geeignet. Wichtig ist es bei der Waschung wirklich alle Körperteile mit der Wassermischung zu übergießen und vor allem die Körperöffnungen zu reinigen. Anschließend erfolgt eine Räucherung die man über den ganzen Körper aufsteigen lässt. Besonders geeignet ist hier natürlich das traditionelle Kyphi, doch man kann natürlich auch reinigende Kräuter wie Lavandel, Salbei o.ä. einsetzen. Wenn man über weiße Ritualkleidung verfügt kann man diese natürlich ebenfalls anlegen.

Nun entzündet man die Kerzen um auch die Kraft des Mondes zu wecken und ggf. weiteres Räucherwerk am dafür errichteten Mond-Altar. Sofern möglich, kann man diesen so einrichten, dass man dabei das Mondlicht sehen kann. Man kann nun ganz nach Belieben eine kurze Andacht halten, den Aspekten des Mondes nachsinnen oder das Ganze zu einer größeren Meditation ausweiten, sich auf die verjüngende Kraft des Vollmondes fokussieren und sich dabei von ihr durchströmen lassen. Dem Mythos nach hat Thoth das Mondauge geheilt indem er mit seinen Fingern darüber strich. So kann man gleichermaßen bestimmte Körperbereiche, die magischer Heilung bedürfen durch einfaches Darüberstreichen mit der Mondkraft in Verbindung bringen. Oder man legt, sofern vorhanden, kleine Udjat-Amulette auf eben diese Stellen. Dies kann man entweder bei sich selbst oder im Falle eines gemeinschaftlichen Rituals gegenseitig vollziehen.

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Selket – Magie, Schutz und Heilkunde

Oft wird im Zusammenhang mit der Heilkunde der Altägypter die Göttin Isis genannt. Dabei gibt es eine Göttin, die etwas unscheinbarer ist als Isis, aber eigentlich noch ein wenig mehr mit der Heilkunde zu tun hat. Die skorpiongestaltige Selket.

Selket wird entweder als menschliche Frau mit einem Skorpion als Kopfschmuck dargestellt oder als Skorpion mit einem Frauenkopf. Ihr Name bedeutet “die (die Kehle) atmen lässt”.

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Göttliche Skorpionin

Selket ist bereits seit der Protodynastik belegt, erste Darstellungen finden sich in der 1. Dynastie, also mehr als 3000 Jahre v.Chr. unter der Regentschaft der Pharaonen Skorpion I und II (“Selk” oder “Weha” auf altägyptisch). Hier tritt Selket als Schutzgöttin des Pharaos auf.

Der Skorpion auf Selkets Kopf wird oft ohne Stachel dargestellt. Ursprünglich nahm man an, dass der um seinen Giftstachel beraubte Skorpion ein Ausdruck von Selkets Gutmütigkeit und Wohlwollen sei, da Skorpione generell ein Symbol für Vergiftung, Gift oder Krankheit waren, jedoch stellte sich heraus, dass es sich um einen völlig anderen Skorpion handelt, nämlich um den Wasserskorpion, der keinen Giftstachel besitzt. Sein Schwanz dient vielmehr als Luftröhre zum atmen für den im Wasser lebenden Skorpion. Damit erklärt sich auch die Bedeutung von Selkets Namen.

Abzeichnung eines Reliefs im Tempel Bet el-Wali, Ägypten von Carl Richard Lepsius (1810–1884), Wikimedia Commons

Selket-Priester – medizinische Spezialisten

Dennoch waren Priester der Selket, die sog. kherepu auf Vergiftungen durch Schlangenbisse oder Skorpionstiche spezialisiert, so dass die Skorpiongöttin mit einen ganze bestimmten Bereich der Heilkunde assoziiert werden kann. Selket wird häufig in magischen Formeln und Sprüchen erwähnt, die bei Verletzungen durch giftige Tiere Anwendung fanden.

Selket als Toten- und Schutzgöttin

Zusammen mit Neith, Isis und Nephthys gehört sie zu den 4 Totengöttinen, die die Kanopen mit den vier Horussöhnen bewachen. Selket ist die Schutzgöttin der Kanope des Kebechsenuef, in der die Gedärme des Verstorbenen aufbewahrt wurden.

Sogar im Zusammenhang mit der dämonischen weltenverschlingenden Schlange A/pophis wird Selket erwähnt, indem sie ihre Kraft verleiht um die Schlange zu bezwingen und damit die Schöpfung vor dem Untergang zu retten.

Das macht Selket zu einer Göttin der Magie sowie zu einer starken Schutzgöttin. Sie ist außerdem eine Göttin der Fruchtbarkeit, der Natur und der Medizin.

Links die Göttin Isis, rechts Selket als Schützerinnen des Kanopenschreins. Ägyptisches Museum Kairo, Wikimedia Commons

Wo das Sonnenlicht entsteht

Eine interessante Korrelation gibt es mit dem Begriff Sereq-hetit, der einem Namen der Selket, nämlich Serqet-hetit sehr ähnlich ist. Sereq-hetit bezeichnet den Ort an dem das Sonnenlicht entsteht. Übersetzt heisst dieser ebenfalls “das die Kehle atmen lässt”. Der Begriff wird oft synonym mit Selkets Namen verwendet, obwohl es sich lt. Nut-Buch um einen Ort und nicht um eine Gottheit handelt. Jedoch werden Licht und Luft in der ägyptischen Mythologie häufig gleichgesetzt, was man z.B. an der Zuordnung des Luftgottes Schu sieht, der ebenfalls auch Lichtgott ist. Man nahm an dass Himmel und Erde sich nicht berührten, sondern durch einen licht- und luftgefüllten Raum – das Reich des Schu – getrennt waren. Quelle des Lichtes war jedoch der Sonnengott Re.

Noch eine Skorpiongöttin

Skorpione tauchen auch in einer weiteren altägyptischen Legende auf, die auf der Metternich Stele aus der 30. Dynastie zu finden ist, allerdings nicht im Zusammenhang mit Selket. Sieben weibliche Skorpione sind Wegbegleiterinnen der mit dem Horuskind schwangeren Göttin Isis, als diese auf der Flucht vor Seth ist, nachdem dieser Osiris getötet hat. Die Skorpione werden sogar namentlich genannt: Tefen und Befen, Mestet und Mestetef, Petet, Thetet und Matet. Isis versteckt sich vor Seth und Thoth hilft der werdenden Mutter indem er ihr die sieben Skorpione schickt, die sie durch das Marschland des Nils geleiten sollen.

Isis sucht Obhut bei menschlichen Frauen und wird zunächst von einer reichen Dame barsch abgewiesen. Eine arme Fischersfrau jedoch nimmt sich ihrer an. Die Skorpione rächen sich daraufhin an der reichen Frau, geben all ihr Gift in einen einzigen der Skorpione, welcher daraufhin das Kind der reichen Frau sticht. Die reiche Frau rennt mit dem vom Gift gepeinigten Kind ins Dorf, doch niemand ist da um ihr zu helfen. Isis ist jedoch voller Mitleid für das Kind und befiehlt dem Skorpiongift aus seinem Körper zu fahren. Das Kind wird somit gerettet. Daraufhin ist die reiche Frau voller Reue gegenüber Isis und gibt ihr gesamtes Hab und Gut der armen Fischersfrau.

Selket als Skorpion mit Frauenkopf, Foto: Khruner, Wikimedia Commons

 

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