Totenfest auf Ägyptisch

Als altägyptische “Heidin” in Deutschland hat man es manchmal nicht leicht mit den üblichen Festen der Heidenszene mitzuhalten. Dankenswerterweise hatten die alten Ägypter aber unglaublich viele Feste, so dass man nahezu jeden Tag etwas zu feiern findet. Die Hauptfeste konzentrieren sich meist rund um den altägyptischen Jahreswechsel im Juni/Juli zur Zeit der alljährlichen Nilflut und zum Aufgang des Sirius, doch einige fanden auch zu anderen Zeiten im Jahr statt. Wenn die dunkle Jahreszeit hier in Mittel- und Nordeuropa langsam Einzug hält, denken viele an die typischen Feste der Toten wie Samhain, Allerheiligen oder Halloween. Als ich mich auf die Suche nach einem äquivalenten ägyptischen Fest machte, das im Oktober/November unseres Kalenders stattfindet war ich unerwarteter Weise gleich erfolgreich. Ich fand das Fest des Totengottes Sokar. Nun muss man korrekterweise dazu sagen, dass das Sokarfest im Alten Reich zusammen mit dem Sed-Fest gefeiert wurde und damit ebenfalls zum Jahreswechsel im Sommer stattfand. Im Neuen Reich jedoch wurde es am 26. Achet IV begangen, was ungefähr Mitte Oktober bis Anfang November ist.

Sokar, der Gott

Sokar ist einer der ältesten ägyptischen Götter und wurde in Memphis verehrt. Er ist falkengestaltig, oft taucht er auch in Gestalt eines falkenköpfigen Menschen auf. Seine Kultstätte ist die Totenstadt. Bereits seit der 1. Dynastie ist Sokar der Namensgeber für die Nekropole Sakkara am westlichen Nilufer. Doch Sakkara ist nicht das einzige Heiligtum mit dem Sokar assoziiert wird.

Sokar wird auch manchmal “Sokar von Rasetjau” genannt, doch Rasetjau ist kein weltlicher Ort. Es ist ein Ort in der Duat, der altägyptischen Unterwelt. Auf seiner Nachtfahrt muss der Sonnengott Re die Duat durchqueren, die laut des Unterweltsbuches Amduat in 12. Stunden eingeteilt ist. Zur 4. und 5. Nachtstunde erreicht die Reise des Re einen kritischen Punkt, seine Barke läuft auf Sand und er muss sie in der Folge mühsam durch die Wüste ziehen. Diese Wüste ist Rasetjau oder das “Land Sokars, der auf seinem Sand ist“ wie es ebenfalls genannt wird. Dieser wahrlich unwirtliche Abschnitt der Duat ist die Heimat zahlreicher Schlangen und Ort des Feuers und der Hitze. Sokar ist also in der Tat der Gott des Todes schlechtin. Re wird übrigens in der nächste Stunde von Seth gerettet, der die dämonische Schlange Apophis besiegt, die den von den Strapazen geschwächten Sonnengott zu verschlingen droht.

Sokar im Totenbuch als Mumie mit Falkenkopf, Foto: Wikipedia

Das Sokarfest

So wird Sokar auch zum Paten eines wichtigen Totenfestes der Totenstadt Sakkara, das bereits aus der Frühdynastik belegt ist. Das Sokar-Fest. Tatsächlich war der Zweck dieses Festes nicht nur das feierliche Erinnern an Verstorbene, sie sollten sogar selbst an diesem Fest teilnehmen um sie gleichzeitig aufs Neue in die Obhut des Sokar zu überstellen. Im Alten Reich ist das Sokarfest mit dem sog. Sedfest verknüpft, dass außerdem in engem Zusammenhang mit dem Fest des Fruchtbarkeitsgottes Min steht. Das Sedfest ist ebenfalls aus der Frühdynastik belegt und war ein Fest zur rituellen Verjüngung des Königs. Manche Forscher nehmen sogar an, dass es einen Vorläuferkult gegeben hat, bei dem der alte König tatsächlich rituell getötet wurde damit ein neuer junger König die Nachfolge antreten konnte. Ein Ritus, der aus anderen Teilen des afrikanischen Kontinents durchaus bekannt ist. Diese Vermutung bekommt umso mehr Gestalt, wenn man bedenkt, dass dem Sokarfestes der Brauch des “Aufhackens der Erde” vorausging, ein Ritus der vermutlich mit dem Anlegen von Grabbauten im Zusammenhang stand, möglicherweise aber auch mit dem Ackerbau und dazugehörigen Fruchtbarkeitsbemühungen. In der griechisch-römischen Zeit jedenfalls wurde das Fest des Aufhackens der Erde von den Choiak-Riten ersetzt, ein Fest zur Wiederauferstehung des Osiris. Mit Osiris wurde Sokar passenderweise später synkretisiert, wobei auch Ptah mit in diesen Synkretismus einfloß und Ptah-Sokar-Osiris die Attribute aller drei Götter verband.

Kornmumien

Für diesen dreifachen Gott ist ein äußerst interessanter Brauch belegt, der umso mehr Tiefe erhält, wenn man die kultische Vorgeschichte, wie oben beschrieben voranstellt. Es ist der Brauch der Kornmumien. Dabei werden aus Lehm, Saatkörnern und Leinenbinden Mumien geformt die anschließend rituell bestattet werden und zwar in Form eines Nachspiels des Osirismythos. Die daraufhin auskeimenden Saatkörner sollten auch das Leben in den Mumien – als Stellvertreter für Ptah-Sokar-Osiris – wieder erblühen lassen. Auch für die normale altägyptische Bevölkerung ist dieser Brauch -wenn auch in einer einfacheren Form – bekannt. Hier handelt es sich jedoch aller Wahrscheinlichkeit um einen Ahnenritus und weniger um einen Götterkult.

Ägyptische Kornmumie, ptolemäische Periode, Foto: Bombaladan, Wikimedia Commons

Kornmumie aus der Spätzeit, Rosicrucian Egyptian Museum in San Jose, Kalifornien, Foto: BrokenSphere, Wikimedia Commons

Persönliche Sokar-Riten

Da auch mein Geburtstag etwa auf diese Zeit des Jahres fällt, ist mir das Sokarfest besonders wichtig geworden, wie auch Sokar als Gott selbst. Zu diesem Zweck habe ich eine Sokarstatue angefertig und zwar passenderweise aus einer sandhaltigen Modelliermasse in der sich auch einige Weizenkörner befinden. Die Sokarstatue ist ganzjährig verhüllt, wird aber zu Beginn meiner privaten Sokar-Riten aus ihrer Hülle befreit. Aus Tonerde, normaler Pflanzerde und Saatkörnern fertige ich dann kleine Mumien und weihe sie bei Bedarf auch mal Freunden; manchmal zusammen mit einem besonderen Anliegen für welches sie sich eine Wiederbelebung und neue Kraft wünschen. Diese Kornmumien werden dann während des Ritualzykluses aufgebahrt und erhalten gemeinsam mit Sokar täglich Speise- und Trankopfer, Gebete und Rauchopfer. Am Ende der Riten bringe ich die Kornmumien hinaus in die freie Natur und vergrabe sie an besonderen Orten, damit ihre Saat im Frühjahr aufsprießen kann und neue Lebenskraft dorthin fließen kann, wo sie erbeten wurde.

Schrein während der Sokar-Riten mit der enthüllten Statue

Kornmumien mit Hieroglyphen

Kornmumie mit Hieroglyphen

 

Sokar und ich

Meine persönliche Erfahrung mit Sokar ist, dass er ein sehr statischer Gott ist. Seine Präsenz ist unglaublich beeindruckend und beinahe überwältigend, doch er bewegt sich nicht und ist vollkommen passiv. Die Interaktion mit ihm fiel mir zunächst schwer, da ich mit Seth einen überaus aktiven und stürmischen Gott gewöhnt bin. Außerdem kommt man nicht umhin einen sehr gefährlichen und lebensfeindlichen Ort in der Duat aufzusuchen, wenn man ihm begegnen will. Zum Glück gibt es kaum einen besseren Begleiter in der Duat als Seth, so dass ich mir keine Sorgen machen musste. Ich war mir zunächst nicht sicher, ob ich überhaupt einen Kontakt mit Sokar herstellen konnte, bis mir plötzlich klar wurde, das bereits das Empfinden seiner Präsenz dieser Kontakt war und auch nicht mehr als das werden würde. Ich konnte jedoch sehr deutlich spüren, wie er mich wahrnahm. Trotz seiner Regungslosigkeit erschien er mir äußerst kraftvoll. Ein wenig wie ein Fels in der Brandung.

möge mein Leib rein sein,
möge ich ein göttliches Gewand empfangen
möge ich (Ptah-)Sokar schauen

(Theben, Grab des Neferhotep)

Sokar1

Dua Sokar!


Literatur:
Ritner, Robert Kriech. “The Mechanics of Ancient Egyptian Magical Practice.”

Assmann, Jan “Ägyptische Geheimnisse”, “Ägyptische Hymnen und Gebete”
Bonnet, Hans “Lexikon der Ägyptischen Religionsgeschichte

 

 

 

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Spiritueller Burnout?

“Über die letzten Jahre haben sich einige der ehrenhaftesten und großmütigsten Pagans die wir kennen aus der Gemeinschaft verabschiedet. Das als Tragödie zu bezeichnen ist noch untertrieben. Es ist niemals ein dramatischer Abgang, sie waren plötzlich einfach nicht mehr da. Und viele sprechen von einem Burnout…”
(Fritz Jung, The Witches’ Voice)

Ein spiritueller Burnout? Gibt’s sowas überhaupt? Kann man an Spiritualität und Paganismus ausbrennen?

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Kriterien des Burnouts

Nach dem deutsch-amerikanischen klinischen Psychologen Herbert Freudenberger wird das Burnout-Syndrom als psychoemotionale Reaktion auf chronische Stressoren im Beruf beschrieben; vielleicht darf man hier Beruf ruhig einmal mit Berufung ersetzen. Nach den ersten wissenschaftlichen Artikeln, die in den 70er Jahren zu diesem Thema erschienen sind, hat der Burnout drei Hauptmerkmale:

  1. “overwhelming exhaustion” überwältigende Erschöpfung aufgrund fehlender emotionaler und physischer Ressourcen

Mit einer der Hauptmotivationen sich für Spiritualität zu interessieren ist die Tatsache in der Welt des grauen Alltags keine effektiven Ressourcen mehr vorzufinden. Oftmals besteht schon vorab irgendeine Form der seelischen Beschädigung, die emotionale Ressourcen umso notwendiger macht. Unterschiedliche spirituelle Techniken versprechen genau das was dringend gebraucht wird, nämlich Kraft, Energie, Heilung und Freude. Manche davon funktionieren sogar. Das bedeutet also, Menschen die sich in der spirituellen Szene bewegen bringen in aller Regel bereits eine wichtige Grundvoraussetzung für den Burnout mit.

  1. “Detachement” Gefühle der Entfremdung, Distanz, oft einhergehend mit Zynismus sowohl zwischenmenschlich als auch der Tätigkeit gegenüber

Fast alle spirituell interessierten Menschen, die sich um Authentizität, Bildung und Ernsthaftigkeit in ihrer persönlichen Praxis bemühen, haben sich im Laufe der Zeit einen dicken Schutzpanzer aus Sarkasmus und Zynismus zugelegt. Spirituell interessierte Menschen haben in der Regel eine Sensibilität, die ihnen das spirituelle Tun überhaupt erst ermöglicht und was sie natürlich ungleich verletzbarer macht. Das spirituelle Treiben um einen herum durch eine satirische Brille zu betrachten, macht den Umgang mit den oft frustrierenden sozialen Phänomen dieser Szene wesentlich erträglicher und ist ein lebensnotwendiges Ventil den negativen Gefühlen Luft zu verschaffen.

Gleichzeitig besteht gegenüber der nicht spirituell interessierten Gesellschaft mangels Interessenüberlappung ohnehin schon ein Zustand der Entfremdung und Distanz. Soziale Alltäglichkeit, wie der Small Talk beim Bäcker oder der Plausch mit der Nachbarin werden als anstrengend erlebt und sind vielmehr eine immerwährende Herausforderung an das eigene schauspielerische Talent. Will man sich nicht ständig als ausgegrenzter Freak erleben, bleibt einem nur der Rückzug und die nicht minder unerträgliche Einsamkeit – selbst wenn diese nur mental ist.

  1. “Inefficacy” Inefektivität und Wirkungslosigkeit, also das Gefühl, nichts bewirken zu können oder dass die eigene Leistungsfähigkeit nicht ausreicht

Effektivität definiert sich sinnvollerweise an dem zu erreichenden Ziel. Nun stellt sich aber die Frage, was genau das Ziel der spirituellen Szene ist. Und genau hier tauchen schon die ersten Probleme auf. Während man vordergründig hohe Werte wie “Achtsamkeit”, “Weisheit” oder gar “Erleuchtung” auf die spirituelle To-Do-List schreibt, spricht das zwischenmenschliche Verhalten oft eine ganz andere Sprache. Narzisstische Bedürfnisse, Gier nach Aufmerksamkeit und das Streben nach Status werden einfach in das Glitzerkleid lieblicher Eso-Linguistik gehüllt und sind dabei genauso unersättlich, wie in Gestalt des zigarrerauchenden ausbeuterischen Kapitalisten von dem sich so gerne abgegrenzt wird. Nur die Währung ist eben eine andere, nämlich Anerkennung, Aufmerksamkeit und Zuneigung. Die eigene Wirksamkeit kann daher angesichts dieser geballten kollektiven Bedürfigkeit freilich nur äußert limitiert sein. Zudem erfordert Wirksamkeit auch ein Vorhandenensein von umsatzbaren Ressourcen, die ja wie oben erwähnt von vorn herein nur spärlich vorhanden sind.

Emotionen sind Energie

Als begünstigender Faktor für den Burnout werden emotional aufgeladene Situationen und berufliche Tätigkeiten genannt, die mit Menschen als Klienten zu tun haben (z.B. Heil-oder Betreuungsberufe). Wenn man ein zentrales Thema der spirituellen Szene klar definieren kann, dann sicherlich der Umgang mit Menschen und deren Bedürfnissen, Heiler/Klient-Verhältnisse (auch unfreiwillig) und emotional aufgeladene Situationen.

Emotionen sind relativ leicht kreierbar. Durch Provokation von typisch menschlichen Rollenspielen, denen emotionale Automatismen zu Grunde liegen, wie etwa Partnerschaftliches, Täter/Opfer-Spiele, Patient/Heiler-Konstellationen, sexualisierte Rollenspiele oder kollektive Empörungsparaden, lassen sich sehr schnell emotionsgeladene Dynamiken hervorrufen. Treffen mehrere Menschen mit ähnlich gelagerten Interessen aufeinander ist die emotionale Eskalation vorprogrammiert und man treibt im Tsunami der gemeinsamen Gefühligkeiten.

Emotion kann eine starke Triebfeder sein und die innere Leere und Ressourcenlosigkeit temporär verdecken. Jedes noch so negative Gefühl ist manchmal besser als die Leere, die ja nicht zuletzt durch den schleichenden Burnout immer größer wird. Für einen kurzen Moment verspürt man einen Energiekick, dem man sich hungrig hingeben kann um sich ein klein wenig in der Illusion zu ergehen, wieder Kraft zu haben. Nur um dann hinterher noch mehr Leere vorzufinden. Die Ähnlichkeiten mit einem Suchtverhalten kommen nicht von ungefähr, denn das suchtauslösende Hormon Dopamin spielt auch hier eine große Rolle. Wer so etwas sehr häufig tut und dabei ein suchtartiges Verhalten entwickelt erfüllt übrigens unter Umständen die Kriterien einer histrionischen Persönlichkeitsstörung.

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Wenn das was helfen soll schädigt

Prof. Dr. phil. Dr. A. Hillert, aus der medizinisch-psychosomatischen Schön Klinik Roseneck schreibt im Bundesgesundheitsblatt, 2012 zum Thema Burnout

“Die aktuelle Popularität des Begriffes hat ein gigantisches Angebot von Wellness bis hin zu Lebensstil-Angeboten ins Leben gerufen und damit einen eigenen Markt geschaffen, der sich zwar gerne wissenschaftlicher Vokabeln bedient, aber gleichwohl jenseits wissenschaftlicher Ansprüche liegt und mutmaßlich bleiben wird. Die möglichst umgehende, wohltuende Befriedigung von (natür­lich berechtigten) Bedürfnissen nach Entspannung, Entlastung und Selbstwertstabilisierung beziehungsweise Wertschätzung durch andere, wird sich kaum dem Primat wissenschaftlich evaluierter mittel-und langfristiger Wirksamkeit unterwerfen.”

Damit hat Prof. Hillert eine erstaunlich zutreffende Beschreibung der spirituellen Szene geliefert. Und der Sinn dieser ganzen Bemühungen liegt auf der Hand: Die Szene ist ein Perpetuum Mobile der dienstleistungsorientierten Marktwirtschaft, denn sie erschafft sich als Maschinerie aus Bedürftigen und scheinbaren Bedarfsdeckern stetig erneut selbst ohne jemals den Hunger zu stillen resp. stillen zu können. Das was angeblich helfen soll, nämlich Angebote zur Ressourcengewinnung, deckt in erster Linie den lavierten Hunger einst Bedürftiger, die es geschafft haben, sich einen sozialen Status zu erarbeiten, der ein Gefüttertwerden auf Kosten der Hoffnung der Hungrigen weitgehend sicherstellt. Und der Hunger wächst.

 

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Auswege

Die beste Therapiemaßnahme ist natürlich die Prävention. Kommt es jedoch zu einem handfesten Ausgebranntsein, dann ist zunächst schnelle und kurzfristige Intervention angesagt. Langfristige Maßnahmen müssen auf später verschoben werden, dazu reicht die Kraft meist erstmal nicht. Selbstfürsorge, nur das nächstliegende Tun, Stabilisieren, Stressoren reduzieren, Teufelskreise stoppen, Kräfte sammeln, echte Hilfe suchen und annehmen. Wichtig ist, diesen Zustand nicht als endgültiges Scheitern zu erleben, sondern als unglücklichen Zwischenfall, der zwar unvorhergesehene Maßnahmen erfordert, aber in keiner Weise als persönliches Versagen zu werten ist.

Als wichtige langfristige Maßnahme beim Burnout Syndrom wird das Stressmanagement genannt. Die völlige Vermeidung der Stressoren der Spiritualität und ihrer Szene ist genauso unrealistisch, wie den bodenlosen Anforderungen jemals gerecht zu werden. Daher ist es wichtig Stressoren zu managen, also zu identifizieren, zu planen, zu strukturieren und mit den verfügbaren Ressourcen abzugleichen. Ein wichtiger Punkt in der Burnout-Therapie ist die eigenen oft ausgeblendeten Bedürfnisse wieder wahrzunehmen und ihnen ab sofort eine wesentlich höhere Priorität einzuräumen. Eine Zeit der Distanzierung kann mitunter hilfreich sein. So fällt auch die gezielte Auswahl der sinnvollen und stärkenden spirituellen und zwischenmenschlichen Aktivitäten in der Szene wieder deutlich leichter. Und dort macht dann emotionale und mentale Investition Sinn, trägt mit etwas Glück Früchte, die echte Ressourcen sein können und evtl. sogar der Grundstein zu einem gesunden sozialen Netzwerk.

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Bestechen und Bedrohen von Göttern

Kann man Götter betrügen?

Als ich einem Freund, der selbst Atheist ist, davon erzählte, dass ich diesen Artikel schreiben möchte war seine spontane Reaktion: “So was gibt’s doch gar nicht, Götter sind mächtig und weise und man kann sie nicht mit billigen Tricks reinlegen. Die machen was sie für richtig halten”

Mir wurde sofort klar, wie schwierig es sein würde, ihm zu erklären, wie sehr sich polytheistische Traditionen von monotheistischen unterscheiden. Normalerweise vermeide ich solche Diskussionen auch, denn selbst wenn Leute sich als Atheisten bezeichnen, tun sie das sehr häufig auf der Basis eines immer noch christlichen Verständnises vom Begriff “Gott” (den sie ablehnen). Ein höheres Wesen, dass man anzubeten und dem man zu gehorchen hat, das stets unantastbar und immer perfekt ist

Selbstverständlich sind unsere Götter weise, mächtig und tun was sie für richtig halten, aber sie haben auch negative Seiten, sie haben Fehler, sie können überreagieren, auch sie müssen Grenzen aufgezeigt bekommen und sie sind in keiner Weise perfekt. Sie streiten sich, sie betrügen, sie arbeiten zusammen, sie lügen, sie tricksen, sie lieben, sie sorgen sich und sie hassen. Man könnte sie fast für menschlich halten. Was sie in meinen Augen zu Götter macht ist, dass sie die Dinge in einer größeren Dimension zu sehen vermögen als der Mensch. Und – da wir hier ja im Besonderen von der altägyptischen Religion sprechen – dass sie sich dem Prinzip der Ma’at, der kosmischen Ordnung, unterwerfen, die sie so viel besser verstehen als wir Menschen.

Knieende Frau vor einem Opfertisch, Wikimedia Commons

Arbeit mit Göttern

Um mit Göttern polytheistischer Religionen arbeiten zu können, ist ein hohes Maß an Eigenverantwortlichkeit, Selbstreflektion und Stabilität erforderlich, wie auch der Wille die Fäden seines Lebens selbst in die Hand zu nehmen. Man muss sich selbst gut kennen, seine Ziele klar definieren und man muss gleichsam die Götter kennen um mit ihnen fruchbare Synergien bilden zu können. Und nichtzuletzt muss man in der Lage sein, die Verantwortung für seine Fehler zu übernehmen.

Unabhängig vom kulturellen Kontext bedeutet Bestechung, auf jemandes Verhalten durch Versprechen oder das in Aussicht stellen von Vorteilen Einfluss zu nehmen. Bedrohung hingegen bedeutet, jemandes Verhalten zu beeinflussen, indem man ihm unangenehme oder schadende Konsequenzen ankündigt. Es mag gewagt erscheinen diese Methoden bei Göttern anzuwenden, aber tatsächlich war dies durchaus üblich im Alten Ägypten. Sowohl Drohungen als auch Bestechung fanden unter einem sehr wichtigen Aspekt statt, nämlich dass der ritualisiernde Mensch sich für die Dauer des Rituals mit den Göttern auf eine Stufe stellt. Er holt die Götter nicht zu sich herab vielmehr steigt er zu ihnen auf. Das Ritual ist eine Pforte durch die der Mensch aus der menschlichen Sphäre hinaus in die göttliche – wenn auch zeitlich begrenzt – eintritt.

Dies kann man auch anhand von vielen Sargtexten, Papyri und Pyramidentexten nachvollziehen.

“Anubis, guter Hüter der Ochsen, bringe das Licht zu mir! Du sollst mir Schutz geben hier und heute, denn ich bin Horus, der Sohn der Isis, der gute Sohn des Osiris […] ”
Leyden Papyrus, magischer Text

Beispiel einer Drohung:

“Spruch zu sprechen über einem Hundebiß […] O dieser Hund, welcher unter den zehn Hunden ist die zu Anubis gehören, Sohn seines Leibes, extrahiere Dein Gift, entferne den Speichel von mir. Extrahierst Du nicht Dein Gift, entfernst Du nicht Deinen Speichel, werde ich Dich vor das Gericht im Tempel des Osiris bringen, mein Wächter.”
Leyden Papyrus, magischer Text

Manchmal setzen sich die Ritualausführenden nicht mit einer Gottheit gleich, jedoch mit einer anderen Person um ihre eigene Identität für den Fall drohender Konsequenzen zu verschleiern.

PGM VII. 319 -34 *Zauber für klare Vision: Nehme eine Kupfergefäß / befülle es mit Regenwasser und opfere männlichen Weihrauch.

Beschwörungsformel: [….] Erscheine mir, Herr Anubis, I befehle Dir, den ich bin IEO BELPHENO, der dies verlangt.

Entlassung: Geh fort, Anubis, zu Deinen eigenen Thronen, zu Gunsten meiner Gesundheit und meines Wohlergehens […]

Das zweite Zitat enthält eine rigorose Instruktion an Anubis, die schwerlich möglich wäre, würde man sie aus einer Position der Unterwerfung vorbringen. Die Ägypter kommunizierten mit ihren Göttern auf Augenhöhe. Im Grunde ist die Praxis des Bestechens, Befehlens und Bedrohens nichts anderes als Beschwörung. Die Ägypter haben aktiv mit den Kräften und Eigenschaften der Gottheiten hantiert, statt sie mit einer bittenden Haltung anzusprechen. Der Prozess der Invokation und der Gebrauch dieser göttlichen Kräfte ist daher sehr viel näher mit magischer Arbeit verwandt, als mit einem Gebet in monotheistischem Kontext.

Gebetshaltung aus dem Totenbuch des Maherperi, Foto: Udimu, Wikimedia Commons

Bestechen und Bedrohen

Es ist nützlich sowohl Bestechung als auch Bedrohung einmal näher zu betrachten und dabei zu berücksichtigen, dass die Altägyptische Religion vor allem ritualbasiert war. Das bedeutet, dass der Kontakt und die Kommunikation mit den Göttern in Form von ritueller Gestik und magischen Handlungen stattfand. Die Sprache, die man zur Verständigung mit der Götterwelt nutze, kann daher  als eine Zeichensprache betrachtet werden.

PGM VII. 528-39 – Spruch zu sagen während Du eine Opferung auf Eichenkohle mit heiligem Weihrauch darbringst […]

PGM IV. 2359-72 – zum Zwecke eines erfolgreichen Zaubers muss man eine Opferung mit ägyptischem Wein machen und eine Lampe für ihn entzünden, die nicht rot ist

Stell Dir vor, Du triffst einen Fremden, der Deine Sprache nicht spricht. Wie würdest Du dieser Person zu verstehen geben, dass Deine Absichten friedlicher Natur sind? Du wärst gezwungen eine universelle Sprache zu verwenden, die unabhängig von jedem kulturellen Kontext ist und auf einer sehr einfachen Kommunikationsbasis stattfindet. Du könntest z.B. Deine leeren Hände zeigen um zu demonstrieren, dass Du unbewaffnet bist. Oder Du könntest der fremden Person etwas von Dir als Geschenk anbieten. Beide Gesten zielen auf ein bestimmtes Areal im menschlichen Gehirn ab, das sog. limbische System, das den “fight-or-flight”-Mechanismus in Gang setzt. Dieser Teil des Gehirns ist der älteste und hat daher immer Priorität vor dem Alltagsbewusstsein und dem rationalen Denken, dass sich im präfrontalen Cortex befindet. Dieser hat maximal ein Vetorecht gegenüber dem limbischen System. Eine leere Hand zu zeigen, ist eine Geste der Exposition und sie beruhigt die Ausschüttung von Stresshormonen im limbischen System, das normalerweise sofort reagiert, wenn wir auf etwas Unbekanntes treffen. Dadurch kann ein anderer Mechanismus aktiviert werden, nämlich die menschliche Neugier, die aller Wahrscheinlichkeit nach zu einer vorsichtigen Annäherung führen wird. Indem man dem Fremden nun ein Geschenk überreicht, wird das Belohnungssytem des Gehirns aktiviert, Dopamin wird ausgeschüttet und ein Zustand freudiger Erregung stellt sich ein. Der erste Kontakt wird zum positiven Erlebnis.

Rituale – ein Vokabular der Gesten

Die beschriebene Art der Kommunikation ist sehr intuitiv und es ist vorstellbar, dass auf diese Weise auch die rituelle Kommunikation mit den Göttern entstanden ist. Schließlich haben viele Götter ja auch die Gestalt von Tieren bzw. Tiere werden als lebende Abbilder der Götter verstanden. Die mythische Sprache wurde dem rituellen Gestus vermutlich erst später hinzugefügt. Häufig gingen die Bedeutungen ritueller Gesten und Handlungen im Laufe der Generationen verloren, so dass zwar der Ritus als Ablauf von Gesten, nicht aber der Mythos erhalten blieb und der Ritus mit einer neu hinzugefügten Mythe “wiederbelebt” wurde.

Bestechung unter Menschen

Auch unter Menschen gibt es natürlich Bestechnung. Die negative Konnotation des Wortes täuscht darüber hinweg, dass es sich anfangs lediglich um eine gegenseitige Schenkung handelte, als Form zwischenmenschlicher Kommunikation, die letztlich auch gemeinschaftsbildend sein kann. Bedrohung ist daher auch eine Art Grenzen zu setzen ohne jemanden buchstäblich Schaden zuzufügen, sondern diesen lediglich bei Nichteinhaltung der besagten Grenzen in Aussicht zu stellen. Man kann also beide Methoden auch völlig neutral als Mittel der zwischenmenschlichen Regulation betrachten, die man auch mit  Vernunft einsetzen kann. Das Konzept der Ma’at, als Prinzip konnektiver Gerechtigkeit enthält kaum rigide Regeln, aber hält den einzelnen dazu an ein soziales Bewusstsein und emotionale Intelligenz zu entwickeln um in der Lage zu sein in jeder sozialen Situation angemessen und mit Weitblick zu agieren. Nicht der Akt des Bestechens oder des Bedrohens ist per se moralisch verwerflich oder “böse”, sondern die dahinter stehende Intention wie auch die Konsequenzen können dies sein.

Einen tieferen Einblick gewährt der hebräische Begriff שׁחד šochad (Talmud Traktat Ketubbot 105a) Übersetzt heisst dieser “Geschenk”, welches natürlich auch im Zuge einer Bestechung oder Schmeichelei gemacht werden kann. Der Begriff hat sich aus dem hebräischen שׁהוא חד šæhû’ chad entwickelt, der „das was vereint“ bedeutet. Der Austausch von Geschenken ist also moralisch nicht kritisch, solange der daraus resultierende Vorteil für den Geschenkempfänger die ethischen Grenzen der Gesellschaft nicht sprengt. Die Grenze zwischen Schenkung und Bestechung ist daher fließend und erforderd genaues Hinsehen, statt polarisierender Verurteilung. Dies passt wiederum auch sehr gut zum Prinzip der Ma’at, das übersetzt sowohl “Gerechtigkeit” als auch “Opfer” bedeutet und damit der Gemeinschaft als Überlebensgarant hohe Priorität verleiht.

Foto: Kiwiev, Wikimedia Commons

Korruption – Ein paar moralische Überlegungen

Natürlich sind auch Bestechung und Bedrohung im altägyptischen Kontext genauso von menschlichen Schwächen beeinflusst wie heute. Besonders Bestechung stellte in der zentralistischen Struktur des altägyptischen Staates ein großes Problem dar, wie man verschiedenen Quellen entnehmen kann. Insbesondere Priester wurden eingehend gewarnt, keine Bestechungsgeschenke anzunehmen, was wiederrum zeigt, dass es ein tatsächliches Problem gewesen sein muss.

“Nimm keine Bestechnung an von dem Reichen und bedrücke nicht in seinem Interesse den Schwachen, Gerechtigkeit ist eine große Gabe Gottes, er gibt sie, wem er will.”
Lehre des Amenemope

Bestechung und Korruption in einem sozialen, politischen und wirtschaftlichen System ist eine äußerst ambivalente moralische Frage. Im Allgemeinen heisst es, dass Korrpution den Einzelnen begünstigt, die Gemeinschaft aber schädigt. Die meisten Führungspersonen einer Gemeinschaft haben daher ein großes Interesse daran Bestechlichkeit zu vermeiden um die Gemeinschaft als Ganzes zu schützen. Das kann aber wiederrum auch zu ethisch fragwürdigen Handlungen führen, denn der Appell an das moralische Bewusstsein des Einzelnen allein reicht bei Weitem nicht aus um die Gemeinschaft zu sichern. Das heisst Bestechung muss von vorn herein weniger atrtraktiv gemacht werden z.B. indem man den Drahtziehern einer Gemeinschaft entsprechende Vergütung in einer ordentlichen Höhe gewährt – was letztlich auch nichts anderes als eine Form der Bestechung ist.

“Mache deine Großen reich, damit sie deine Gesetze ausführen! Wer reich in seinem haushalt ist, ist nicht parteiisch. Er ist ein besitzender, der keine Not hat. Ein Armer spricht nicht nach seiner Ma’at. Wer ‘hätte ich’ sagt, ist nicht rechtschaffen. Er ist partaiisch für den, der ihm Bestechung gibt.”
Lehre für Merikare

In diesen Zitat wird deutlich sichtbar, dass auch das soziale und politische System der alten Ägypter von menschlichen Schwächen durchzogen war und seine sehr dunklen Seiten hatte. Die Tatsache, dass Geschichte vor allem von dem Leben der Wohlhabenden berichtet, verschleiert die Tatsache, dass es selbstverständlich auch Benachteiligte dieses Systems gab, die nicht die Ressourcen hatten, am sozialen Leben teilzunehmen. Sie waren sozial so gut wie nicht existent.

Die Götter in einem Zustand intensiver persönlicher Bedürftigkeit – auch mithilfe von Bestechnung und Bedrohung – anzusprechen ist also etwas vollkommen natürliches, menschliches und vielleicht sogar notwendiges unter den entsprechenden Umständen. Letztendlich sehen die Götter im Gegensatz zum Menscen den größeren Kontext der kosmischen Ordnung Ma’at. Indem wir als Menschen zu ihnen Kontakt aufnehmen, ihre Kräfte beschwören, uns mit ihrem Bewusstsein und ihrer Weisheit verbinden, erhalten wir aber außergewöhnliche Einblicke und Erfahrungen aus denen wir lernen können um schließlich auch in unserem menschlichen Bewusstsein und unserer Weisheit wachsen zu können.

Das Altägyptische Totengericht, Ort der Herzenswägung, Wikimedia Commons

Literatur:

Ägyptische Geheimnisse, Jan Assmann

Tod und Jenseits im Alten Ägypten”, Jan Assmann

Die Wandlungen des Sem Priesters im Mundöffnungsritual, Hartwig Altenmüller

Spektrum der Wissenschaft spezial 1/11:

Wolf Singer, “Ein notwendiges Produkt unserer Evolution”
Frank Schubert, Interview with Hannah Monyer “Rituale haben einen höheren Sinn”
Harvey Whitehouse, “Der Sinn von Ritualen”

 

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Paganismus und Pseudowissenschaft

Originalartikel von thelettuceman übersetzt von Myriad – Weaving the Net

Eine ganze Weile lang gibt es in meinem Hinterkopf eine Serie von Blogposts, die ich schreiben will. Leider hat es in Anbetracht der Tatsache, dass ich entweder durch mein Studium oder meinen sinnlosen Job ausgelastet bin, und dass ich außerdem im Privatleben sehr depressiv bin, kaum eine Möglichkeit für mich gegeben, ein Update zu posten. Die Quintessenz der ganzen Blog-Serie wäre ein Fokus auf Bildungsarbeit, Lernen, und dem Sammeln von Wissen als sakrale Beschäftigungen, da diese einen der größten, fundamentalen Eckpfeiler meiner persönlichen Erfahrung in dieser Welt darstellen.

Warnung: dieser Artikel hat etwas von einer Gardinenpredigt. Er ist der Erste in der Reihe, weil er sich um das jüngste Ereignis dreht, was ich erlebt habe. In Wirklichkeit fällt er wohl eher auf die weltliche als die religiöse Seite der Dinge, aber er knüpft an etwas an, was mir passiert ist.

Zum Hintergrund: ich befasse mich als Betrachter mit einer Vielzahl von heidnischen bzw. pagan thematisierten Facebook-Gruppen und -Seiten. Dies kam in einer davon zur Sprache. Die betreffende Seite ist Schriftstellern, Autoren und anderen kreativen Köpfen im paganen Spektrum gewidmet. Die Moderatoren dieser Gemeinschaft stellen oft auf persönliche Anfrage des Autors Materialien in der Gruppe vor.

  • Disclaimer Nr. 1: Ich schreibe das als Meinung, nicht als irgendeine Art allumfassende Wahrheit. Dies ist kein offizielles Stück (s. Fehlende Quellenangaben)
  • Disclaimer Nr. 2: Dies richtet sich nicht gegen Laienhistoriker, und bitte glaube nicht, dass dem anders ist. Viele Menschen ohne einschlägigen Abschluss verfolgen sehr wichtige Studien in ihrer Freizeit, auf der Grundlage ihrer eigenen Interessen und Neigungen. Meine Meinung ist, dass nicht das Zertifikat den Historiker macht, sondern die Anwendung historischer Methodik und historiographischer Präzedenz, sowie der Beitrag zum kritischen Verständnis von Wissenschaft. Ich habe sehr großen Respekt vor Leuten, die die Zeit und den Aufwand für die Publikation einer Monographie auf sich nehmen, und sei es nur als Zeitvertreib. Ich glaube auch nicht, dass die Kennzeichnung „Historiker“ ausschließlich über eine Promotion erwerbbar ist.
  • Disclaimer Nr. 3: Betrachtet meine Verwendung von Wikipedia als Ironie.
  • Disclaimer Nr. 4: Und bitte denkt nicht, dass ich irgendjemandes persönliche Gnosis schlecht machen will. Das ist ein ganz anderer Informationssumpf, mit dem sich dieser Aufsatz nicht befasst. Ich rede hier von tatsächlichen wissenschaftsähnlichen Werken.

Pseudowissenschaft im Paganismus

Ich denke, es gibt unter Anderem zwei Sichtweisen im Paganismus. Zwei „Sorten“, wenn man so will. Die philosophische/historische, und die pseudohistorische. Historischer Paganismus in diesem Sinne beschränkt sich nicht notwendiger Weise auf Rekonstruktionismus bzw. rekonstruktionistische Heidentümer, sondern vielmehr auf Herangehensweisen in paganen Werken, die die sachgemäßen Methoden (der Geschichtswissenschaft, Anthropologie, Soziologie, etc), empirische Nachweise, und vernünftige (lies: nicht schlampige) Forschung verwenden. Ich verstehe, dass nicht jeder für akademisches Arbeiten geschaffen ist, und ich gehe nicht davon aus, dass dies bei vielen Menschen auf eine positive Resonanz treffen wird.

Aber einige von uns interessieren sich dafür. Und einige von uns haben sogar Abschlüsse (lies: Zertifizierungen von akkreditierten Forschungsinstitutionen), die uns in dieser Hinsicht als qualifiziert ausweisen würden.

Es scheint, dass akademische Arbeit und Forschungsmethodik innerhalb der Wiedererscheinung zeitgenössischen Heidentums eine schwere Vergangenheit haben. Ich schiebe die Schuld auf die 1970-1980er Jahre, ganz ehrlich. Es scheint in keiner anderen Zeitspanne einen vergleichbar großen Mangel an faktischer Wahrheit in den Veröffentlichungen im populären Bereich zu geben. Es scheint, als wäre dies eine Zeit gewesen, wo Jedermann einfach dümmliche Theorien und Erdichtungen auf Grundlage von nur geringstem Ausmaß von Beweisführung zusammenklatschen und ein Buch auf den Markt werfen konnte.

Und dann wurde dieses Buch, und diese Sichtweise und Forschung, irgendwie in den Kanon des Verständnisses aufgenommen. Ob es nun deswegen war, weil es einfach das erste Buch in der Marktlücke war, oder weil die Leute sich einfach nicht darum scherten: manche dieser Bücher haben Jahre von Kritik hinter sich und werden immer noch als geltend angesehen – obwohl sie längst mit besserer Wissenschaft entlarvt worden sind.

Das populäre Festhalten an manchen dieser Bücher macht es unheimlich schwer für uns (lies: gelernte Wissenschaftler), korrigierte Sichtweisen bekannt zu machen.

Vor ein paar Wochen habe ich meinen Weg auf die Livius.org Seite zu „Ancient History and Pseudoscholarship“ gefunden, die wirklich auf eine Menge meiner Probleme mit der generalistischen Beschäftigung mit Historik und mit Pseudowissenschaft eingeht. Ich empfehle dem interessierten Leser die Lektüre.

Das Internet hat im Bezug auf Wissenschaft ein Monster erschaffen. Sei es im weltlichen oder im religiösen Bereich, es scheint als könne jeder einfach jegliche Meinungskundtuung schreiben, die ihm in den Sinn kommt, und sie sogleich einem Massenpublikum zum Konsum zugänglich machen. Oder, wie obiger Artikel schreibt: Zuvor längst zur Ruhe gelegte Theorien wiederbeleben. Diese reichen von Falschinformation, die eigentlich einfach korrigierbar sein müsste, bis hin zu unsinnigsten Theorien. Mein Lieblingsbeispiel hierfür war eine Webseite, die ich gesehen habe, auf der behauptet wurde, man habe unwiderlegbare Beweise dafür, dass Aliens die ägyptischen Pyramiden gebaut hätten, da die Autoren Mathematik zur Beweisführung verwendet hätten.

Es ist bedauerlich, dass diese Art hirnrissiger Theorien in unserer paganen Welt nur allzu verbreitet ist. Erst kürzlich habe ich eine solche Theorie gesehen – veröffentlicht über die Facebook-Seite, die ich eingangs erwähnt habe. Das hat den Impuls für diesen Artikel gegeben.

Diese Theorie behauptete mit angeblich unwiderlegbarem Beweis, dass die hebräische Schrift, einer semitischen Sprache zugehörig, von einem runischen Futhark-Skript abstamme – wobei es sich um eine indoeuropäische Sprache handelt. Nicht nur existiert Hebräisch in einer völlig anderen Sprachfamilie, sondern das Futhark stammt selbst recht offensichtlich von einer älteren proto-nordischen Sprache ab. Der Autor unternimmt anscheinend den Versuch, der hebräischen Geschichte germanische Prinzipien zuzuschreiben, und sie als einen Weg zu verwenden, sich Gott – einer monotheistischen Entität – anzunähern, indem er das Futhark und die hebräische Schrift in Form eines Kalenders zusammenwirft… oder so. Ich sage „anscheinend“, da die Information ziellos drauflos plätschert. Die Webseite ist wirklich abscheulich.

Es sieht wirklich danach aus, als versuche da jemand, germanische Romantik mit kabbalistischer esoterischer Theorie zu verknüpfen.

Andere Theorien desselben Autors reichen von absurd (Odin war ein monotheistischer Gott, der vom Stamm Esaus verehrt wurde) hin zum schlichtweg Gefährlichen („Psychologie; Psychologischer Fakt, das, was verborgen ist, wird sich in diversen Formen von PTSD zeigen, solange bis die Wahrheit enthüllt ist“).

Und ja, das hast Du richtig gelesen. Dieses letzte Zitat stammt direkt von der Webseite des Autors, dem zufolge PTSD keine zehrende Erkrankung des Geistes ist, sondern ein Tor zur Erkenntnis „psychologischen Fakts“, und dem zufolge sich weiterhin verborgenes Wissen in Form von PTSD manifestieren wird, bis die „Wahrheit“ endlich zutage gefördert wird.

Soso. Dieses Individuum ist zugleich ein Salon-Historiker, und ein Salon-Psychologe. Es gibt auf seiner Webseite keine Zertifizierung irgendeiner Art. Auch einen Lebenslauf, der seinen Hintergrund beleuchtet und Auskunft gibt über Fähigkeiten und Abschlüsse, gibt es nicht. Wir haben keinerlei Möglichkeit, seine Glaubwürdigkeit einzuschätzen.

Ich denke nicht, dass ich alle Punkte aufzählen und erläutern muss, in denen diese Sichtweise faktisch falsch ist.

Dieses Buch wird veröffentlicht werden, ob über einen Verlagsdruck oder einen print-on-demand-Verlag. Zwar weiß ich nicht, ob es bald in den Bücherregalen bei Barnes&Noble zu finden sein wird, aber es wird auf jeden Fall gekauft werden. Und vielleicht wichtiger, es wird manche überzeugen – nicht viele, hoffe ich, aber manche.

Denkt einmal an die größeren Theorien im Paganismus oder in New-Age-Bewegungen. Einige davon wurden widerlegt. Andere nicht. Auf Anhieb fallen mir die folgenden ein:

  • Wicca ist eine uralte Religion, die seit vorchristlicher Zeit besteht, und unter der Oberfläche verborgen war. (Obwohl sie nicht die Urheberin dieser Idee war, war Margaret Murray eine starke Befürworterin dieser Hexenkult-Theorie, und propagierte sie im anthropologischen Sinne. Die anhaltende Verwendung dieser Theorie ist ein Beispiel dafür, wie pseudowissenschaftlich gearbeitet wird, obwohl die Theorie selbst damals nicht pseudowissenschaftlich war).
  • Die Verehrung der Göttin war die ursprüngliche Religion der Menschheit, die eine patriarchische, patrilokale Gott-Figur verdrängte.
  • Alles, was mit UFOs zu tun hat. Wirklich alles.

Diese und mehr Theorien dieser Art schweben immer noch herum im Anbetracht der unbefristeten Natur von Information im Internet und der Leichtigkeit, mit der sich moderne Ideen rund um den Globus verbreiten. Dies ist ein gefährlicher Fallstrick. Ich werde Dir zeigen, wie und warum, im folgenden Abschnitt. Es gibt noch viele mehr davon.

Wie Pseudowissenschaft Heiden beeinflusst

Pseudowissenschaftler dieses Schlags tun genau eines: Sie invalidieren die Kunstfertigkeit, den Aufwand, und die Aufrichtigkeit wahrer Wissenschaftler. Nicht nur das, sie schaffen die Voraussetzungen für Glaubenssätze, die von einfach inkorrekt und absurd bis hin zu schlichtweg unangebracht und gefährlich reichen. In manchen Fällen kann es Jahre, sogar Jahrzehnte dauern, um Falschinformation zu überarbeiten und Ansichten zu korrigieren, die durch solche Pseudowissenschaft entstellt wurden. Beschwere ich mich, dass das meine Arbeit viel schwerer macht? Ja, vielleicht, ein bisschen.

In dem Fall, den ich oben erwähnt habe – die Sache mit der „germanischen Kabbala“ – liest es sich wirklich ein bisschen wie Godwin’s Gesetz für mich: „Germanische Protokultur ist Herrenrasse und zeugt hebräische Schrift“. Findet noch jemand, dass das gefährlich ist? Ich zumindest denke das.

Im Fall schlampiger Arbeit, die oberflächlich betrachtet nicht falsch wirkt, lass uns die fiktive Beispielgeschichte von Jimmy betrachten. Der Name geht auf Conors Konto. Wenn es unter den Lesern einen Jimmy gibt: das ist nicht an Dich gerichtet. Alle weiteren Ähnlichkeiten sind ähnlich zufällig.

Jimmy ist aus welchen Gründen auch immer zum Paganismus gekommen. Er hat mit Wicca experimentiert, und fand es nicht so gut. Jimmy mag die Idee der rekonstruktionistischen Heidentümer, aber keine der Kulturen, die im Fokus stehen, scheint ihn anzuziehen. Dann, plötzlich, stellt er fest, dass seine Vorliebe für eine spezifische Region der Welt sich in eine tiefere spirituelle Berufung gewandelt hat! Begeistert macht Jimmy sich auf die Suche nach Informationen über die heidnische Kultur, die für Jahrhunderte von diesen bösen Monotheisten unterdrückt wurde.

Er findet keine.

So ein Mist.

Aber, Jimmy stolpert über eine Idee. Eine wunderbare Idee. Er wird Nachforschungen anstellen und die historischen Kulte der Region wiederbeleben und rekonstruieren. Also geht er durch seine Studien, beschreibt Ritual-Prozesse, an denen er gearbeitet hat, Interpretationen von Materialien, und solche Dinge. Mit der Zeit gewinnt er eine kleine Gefolgschaft von Leuten, die ähnlich interessiert sind an seinen Unternehmungen, und sie gründen eine Gemeinschaft. Jimmy sammelt seine Werke, veröffentlicht Bücher, und wird von der paganen Gemeinschaft als Innovator und Rekonstruktionist angesehen. Seine Arbeit wird zum Kanon.

Nur kann Jimmy die Originalsprache nicht lesen. Oder auch nur spätere Sprachen, in denen geschichtswissenschaftliche Arbeiten zum Thema verfasst wurden. Er hat kein Training in den einschlägigen Methodiken – er hat noch nicht einmal Interesse am richtigen Vorgehen bei historischen und anthropologischen Studien. Er verlässt sich auf Interpretationen anderer Wissenschaftler, nimmt sie wörtlich und bringt Vorlieben und Tendenzen in seine Arbeit mit ein.

Er hat die alten Rituale falsch interpretiert und hat in Wirklichkeit einen Kult verewigt, dessen Rituale aus traditioneller Sicht aktiv beleidigend für die Gottheiten sind. Das Götterverständnis, das er in seiner Arbeit durchgehend zu Grunde legt, ist falsch, und die Information irreleitend. Rituale sind unzweckmäßig den falschen Gottheiten zugeschrieben, Opfergaben sind inkorrekt, und beinhalten Dinge, die in der historischen Kultur als blasphemisch gelten würden. Ein neuer Interessent, Timmy, taucht auf der Bildfläche auf, und argumentiert mit seinem Wissen, zeigt argumentativ auf, dass Jimmys Information falsch ist. Vielleicht gefährlich.

Aber Jimmy hat sich einen Namen gemacht. Seine Arbeit gilt als kanonisch für diese spezielle Kultur. Als Timmy auftaucht, mit besserer Methodik (vielleicht mit einem Abschluss, oder aber einfach als Laienwissenschaftler), reagiert er schlecht. Von Egozentrik getrieben, verewigt er weiter die Information, die er geschaffen hat. Er fährt fort, die falsche Information in die pagane Sphäre einzubringen, und nun gibt es zwei widersprüchliche Informationsschulen. Und die Arbeit, die Timmy leistet – besser informierte Arbeit – wird im Internet zerrissen und getrollt.

So kann uns schlampige Forschungsarbeit beeinflussen. Und das ist nur eine von vielen Möglichkeiten.

Abschluss

Ich werde das hier beenden, da ich an der 5-Seiten-Grenze meines Textprogramms kratze, und ich das hier nicht zum Zweiteiler werden lassen will.

Ich habe nichts dagegen, etwas für die Götter zu tun, die man liebt. Ich habe nichts dagegen, Unrecht zu haben, ganz und gar nicht. Wir haben alle Unrecht, und ich habe meinen Anteil von falschen Annahmen getroffen. Aber aus meinen Fehlern lerne ich, meistens. Und es gibt Wege, wissenschaftlich zu arbeiten, ohne dafür auf Pseudowissenschaft zurückgreifen zu müssen.

Schlampige Forschung ist sowohl im weltlichen als auch in religiösen Bereichen gefährlich. Im weltlichen Bereich jedoch, ist das, worauf sie hinausläuft, maximal Falschinformation.

So sehr ich darüber traurig bin: gute Geschichtsbücher sind schwierig zu finden. Richtige Wissenschaft verbirgt sich hinter einem fast undurchdringbaren akademischen Schleier. Sie ist auch um einiges trockener als Bücher, die für einen bestimmten Populärmarkt geschrieben wurden.

Für Heiden kann schlampige Wissenschaft zur Etablierung von – historisch gesehen – Farce-Traditionen führen. Sie kann Fehlinformation verewigen, die die Tradition quält, die Heiden versuchen, nachzuahmen. In manchen Fällen kommt das einer Aneignung gleich, die an Entstellung grenzt.

Es wird immer eine gewisse Auseinandersetzung zwischen dem Volksmund und historischer Validität geben. Aber wir, als gebildete Mitglieder unserer Gemeinschaften, können dazu beitragen, zu verhindern, dass unsere Arbeit zu Pseudowissenschaft wird. Indem wir uns mit den gängigen Methodiken vertraut machen, können wir viele Fallstricke des Internet-Zeitalters umgehen. Aber es ist unsere Aufgabe, uns zu bemühen, das zu verhindern.

Unsere Worte und unser Handeln kann in dieser Gemeinschaft nachhallen, und mehr Menschen beeinflussen, als wir beabsichtigen. Und anders als in der Schule haben wir nur selten jemanden, der unser Geschriebenes durchgeht und uns hilft, Information zu korrigieren, die falsch ist.

Ich mache es zu meinem erklärten Ziel, immer auf Ausschau nach pseudowissenschaftlichen Inhalten zu sein, ganz besonders in meinen religiösen Schriftstücken. Weil ich mich nicht im Spiegel ansehen kann, wissend, dass ich willentlich Fehlinformation verewigt habe.

Danke fürs Lesen.

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Bone-Setting und Geister – Ein Experiment

Osteopathie und Schamanismus

Neben meiner Leidenschaft für die altägyptische Kultur gibt es noch einen zweiten wichtigen Eckfpeiler in meinem Leben: Osteopathie. Mein beruflicher Alltag besteht aus Biomechanik, Gewebebeschaffenheit, fluidalen Dynamiken, Arztberichten und oftmals schwer greifbaren Empfindungen und Erscheinungen des Körpers. Während ich privat durchaus aufgeschlossen gegenüber mystischen Denkweisen und außersinnliche Wahrnehmungen bin, bin ich als Therapeutin hauptsächlich wissenschaftlich orientiert und verlasse ungern die Ebene der evidenzbasierten Fakten. Wenigstens wissenschaftsbasiert sollten sie sein, wenn nicht vollends beweisbar, denn mein Anspruch gute, saubere und effektive Arbeit zu leisten ist hoch. Wenn ich diese Ebene verlasse und experimentell werde, dann ist das immer ein gemeinsamer Entscheidungsweg mit meinen Patienten, d.h. wir beide müssen uns darüber einig sein, dass wir was ausprobieren wollen, was nicht im Lehrbuch steht. Denn auch das ist letztlich Osteopathie. Sie ist nicht nur Therapiemethode sondern auch Methode zur Erforschung des Menschen.

Da ich mich mit einem Schamanen befreundet bin, den ich gelegentlich behandle, war es fast naheliegend, dass wir auf die Idee kommen würden unsere beiden Methoden einmal miteinander zu verbinden. Auslöser war, dass ich mit ihm öfter craniosacrale Techniken machte, die gut geeignet sind jemanden in einen tiefen, tranceartigen Entspannungszustand zu versetzen. Ich muss gestehen, ich war schon ein bisschen stolz jemanden mit langjähriger Trance-Erfahrung mit diesen Techniken so tief beeindrucken zu können. Er war neugierig, wie das was ich mit meinen Händen tue aus der andersweltlichen Perspektive aussieht und ich brannte darauf zu erforschen, wie sich eine schamanische Behandlung in der osteopathischen Diagnostik zeigen würde.

osteo schaman

Vorbereitungen

Einer aufgeschlossenen und experimentierfreudigen Patientin ist zu verdanken, dass wir dieses Experiment in die Tat umsetzen konnten. Wir verabredeten uns zu einem Termin zu dritt. Ich hatte mir vorher sehr viele Gedanken gemacht, wie ich für uns alle einen sicheren und entspannten Rahmen schaffen konnte, damit dieses Ereignis möglichst ungestört ablaufen konnte. Meine Patientin war sehr aufgeregt als sie ankam, was sie uns auch sofort mitteilte. Ich empfing sie mit dem üblichen herzlichen Handschlag und verriet ihr, dass auch ich aufgeregt und gespannt war.

Es war mir wichtig, ihr das Gefühl zu vermitteln, dass SIE und niemand anders die Entscheidungsgewalt über die Situation hatte, ich informierte sie, dass sie zu jedem Zeitpunkt abbrechen könne und dass ich ihr Befinden ganz genau überwachen würde. Ich hatte mir im Vorfeld nochmal osteopathische Notfalltechniken zu Recht gelegt für den Fall, dass starke vegetative Reaktionen oder Panik oder Ängste auftreten würden. Ebenso überließ ich es ihrer Entscheidung, ob sie der Schamane berühren durfte oder nicht, ob er im Raum sein durfte oder nicht und wie weit er sich ihr nähern durfte. Auch Räucherwerk, Trommel, Sistrum und Hintergrundmusik oblag ganz ihrer Entscheidung. Das mag alles übertrieben spitzfindig erscheinen, dass ich sie nach all diesen Dingen explizit um ihr Einverständnis bat, aber später nach der Behandlung hat sie mir für genau das gedankt.

Die Behandlung

Wir begannen also mit der Behandlung und mein schamanischer Freund fing an zu trommeln. Ich entschied mich mit Craniotechniken anzufangen und erst mal Raum für Bewegung zu schaffen. Osteopathisch hieß das, alle Schädelnähte zu öffnen, die bindegewebigen Strukturen im Gehirn in Balance zu bringen. Wenn ich mit Craniosacral-Techniken arbeite, gehe ich oft eine temporäre Verschmelzung mit dem Körper ein der vor mir liegt. Das klingt vielleicht etwas “mystisch” ist aber im Grunde nur eine sehr stark fokussierte Konzentration auf bestimmte Aspekte osteopathischer Diagnostik. Die Tastwahrnehmung nimmt unglaublich viel auf einmal wahr und bei weitem nicht alles davon gelangt auch in das Tagesbewusstsein um zu rationalen , fassbaren Fakten transformiert zu werden. Die Informationen der Tastwahrnehmung zu filtern und zu sortieren ist wichtiger Teil des langjährigen osteopathischen Trainings.

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Mein Schamanenfreund trommelte weiter und meine Patientin wurde sehr unruhig unter meinen Händen. Sie atmete schneller, ich konnte spüren, dass ihre Pulsfrequenz stieg und die Haut begann leicht zu schwitzen. Es fiel ihr schwer still zu liegen. Ihre festgeschlossenen Augen verrieten mir jedoch, dass sie die Ebene des Alltagsbewusstseins bereits verlassen hatte. Ich beschloss noch eine Ebene tiefer zu gehen, also alles Gewebige auszublenden und auf die Flüssigkeiten zu gehen. In der Osteopathie nennt man das “Fluida”. Man betrachtet den Körper dabei als reinen Flüssigkeitskörper. Ich merkte schnell, dass die Entscheidung gut war, denn hier fand ich auch die Manifestation der Unruhe. Eine komplette Kopfseite war regungslos während die andere wie verrückt den fluidalen Puls anschob, so als versuche die eine Seite die andere mitzuziehen. Ich musste beide irgendwie ausgleichen und eine gleichmäßige und vor allem ruhigere Frequenz erzeugen. Nach ein paar Versuchen mit unterschiedlichen Impulsen gelang mir die Synchronisation und meine Patientin wurde ruhiger und sank in einen tiefen schlafähnlichen Zustand.

Der Schamane hörte plötzlich auf zu trommeln und legte die Trommel beiseite. Er trat zu uns zur Liege und fing an unterschiedliche Handbewegungen über dem Körper der Patientin zu machen. Über die Faszienzüge vom Kopf aus spürte ich, dass an mehreren Punkten im Bauch und Brustbereich eine Art Sog entstand, so als würde er dort an einigen Strängen ziehen deren Enden ich kopfwärts in der Hand hielt. Ich legte meine Hände zwischen Schädel und ersten Halswirbel, da ich dort Kontakt zum Dura-Schlauch also zu der bindegewebigen Hülle des Rückenmarks aufnehmen konnte. Auf diese Weise konnte ich vom Kopf aus durch den Rückenmarkskanal bis in den Lendenwirbelbereich gelangen und begann an den Strukturen zu arbeiten. Als die schamanische Behandlung im Bauchbereich abgeschlossen war, suchte ich mir die Gewebepunkte über die ich Kontakt zu den inneren Organen erhielt. Es zog mich sehr deutlich zum Mediastinum, also der mit Bindegewebe ausgekleideten Leibeshöhle zwischen den beiden Lungenflügeln in der das Herz eingebettet liegt. Ich nahm diesen Raum über Brustbein und Brustwirbelsäule zwischen meine Hände und näherte mir sehr vorsichtig dem Fokus des Herzens. Manchmal wenn man eine Struktur mit den Händen räumlich umfasst, kommt es zu einer vermehrten Bewegung der Struktur bevor sich ein Ruhezustand einstellt; so eine Art Aufbäumen. Wir sagen dazu “unwinding”. Dabei halten wir den Raum schützend in den Händen in dem sich das jeweilige Organ solange winden und lösen darf bis es in der Position zu liegen kommt, in der es sich wohl fühlt und zur Ruhe in einen “Point of Balance” kommen kann.

Herzstück

Das Herz ist wahrlich das Herzstück der Osteopathie und die Behandlung dieser Struktur ist uns unter Ermahnung zu absolutem Respekt und höchster Vorsicht beigebracht worden. Im Herzen sehen die Osteopathen einen zentralen Punkt der Lebenskraft und Vitalität, die sich nicht nur auf der mentalen, emotionalen sondern auch auf der physischen Ebene manifestiert. Ich tat also das, was ich beim Unwinding zu tun habe: HALTEN. Nichts wollen, nichts machen, nur HALTEN. Das hört sich leichter an als es ist. Die meisten Therapeuten wollen irgendwas, etwas das sie persönlich als richtig erachten, sie wollen um jeden Preis etwas MACHEN, denn schließlich sind sie ja Behandler und wollen etwas verändern. Aber das ist genau das Falsche für ein Unwinding. Hier hat der Therapeut in Respekt vor dem Gewebe zurückzutreten und einfach nur den Raum zu halten und der Struktur zu vertrauen. So verrückt sich das anhören mag, aber manchmal ist hier Demut – Demut vor der Eigenintelligenz des Körpers, seiner Natur  und seiner Struktur – genau die richtige Einstellung um die Zeit bis zum Stillstand auszuhalten. Manchmal hilft es mir zu sagen “Selbst wenn ich bis morgen hier sitze, ich werde das jetzt halten.” Natürlich sitze ich nie “bis morgen”.

“Flammendes Herz”, Lukas Riebling, Wikimedia Commons

Das Herz kam schließlich zu Ruhe – endlich! Bei der nächsten Einatmung konnte ich meine Hände lösen, begab mich wieder zum Kopf und hielt diesen solange in beiden Händen, bis der Puls der Fluida wieder ruhig und gleichmäßig lief. Das war der Moment um meine Patientin zurückzuholen. Sie blinzelte, aber sagte nichts. Ihr war anzusehen, dass sie durch etwas hindurch war, was sie kaum aussprechen konnte. Ich war ziemlich erschöpft, was mir jetzt erst bewusst wurde. Ich fragte nach dem Befinden meiner Patientin, sie sah klar und wach aus, aber ein wenig in sich gekehrt. Sie lächelte. Ich bot ihr an über das Erlebte zu sprechen. Es waren nur wenige Sätze, die sie uns mitteilen konnte. Erleichterte Tränen begannen zu fließen, sie musste sogar unter Tränen lachen. Ich reichte ihr die Taschentuchbox, die ich immer neben der Liege für solche Fälle stehen habe, setzte mich neben sie, so dass sie mich sehen konnte. In Momenten in denen plötzlich starke Gefühle über Menschen hereinbrechen schämen sich viele für ihre Reaktion. Dabei ist es besonders wichtig Grenzen der persönlichen Integrität zu respektieren. Auch wenn Erwachsene wie kleine Kinder heulen und man plötzlich starke Mitgefühlsimpulse hat, die vielleicht für ein weinendes Kind angemessen wären, ist es oft besser als Therapeut im Hier und Jetzt zu bleiben und zu signalisieren “Ich sehe Dich als den erwachsenen Menschen der Du JETZT bist und der gerade vergangenes (wieder)erlebt.” Das hilft den Betroffenen den Kontakt zum Hier und Jetzt nicht zu verlieren. Denn mein Ziel ist es, dass meine Patientin mit Vertrauen in ihre eigene erwachsene Integrität und die Gesundungskraft ihres Körpers meine Praxis verlassen und nicht dem Gefühl ein kleines Kind zu sein, das bedürftig ist und Fürsorge braucht. Dazu muss man nicht einmal ein Wort sagen. Manchmal reicht es jemandem die Taschentuchbox zu reichen und da zu sein.

Als wir die Patientin verabschiedet hatten, reflektierten mein schamanischer Freund und ich unsere Arbeit und waren sehr erstaunt über die Synchronizität unserer Wahrnehmung und vor allem über die Harmonie unserer Behandlungsmaßnahmen. Wir hatten wirklich ganze Teamarbeit geleistet, ohne ein einziges Wort miteinander zu wechseln. Wir hatten wie ein eingespieltes OP Team agiert, bei dem jeder Handgriff sitzt. Unwinding, Extraktion, Geisterarbeit, fluidale Synchronisation,… all das griff nahtlos ineinander. Auch von der Patientin erfuhr ich später, dass die Behandlung unglaublich viel in Bewegung gesetzt hatte. Das Experiment war also ein voller Erfolg!

 Schamanische Wurzeln der Osteopathie

Die Osteopathie ist inzwischen eine anerkannte Therapiemethode, die in einem Grenzbereich zwischen alternativer Heilkunde und klassischer Medizin liegt und beide Sphären oftmals erfolgreich miteinander verbindet. Seit dem frühen 20sten Jahrhundert haben unzählige Ärzte und Wissenschaftler auf der ganzen Welt geforscht, experimentiert und die Osteopathie unermüdlich weiterentwickelt um sie zu dem guten Ruf zu führen, den sie heute besitzt. Dass Andrew Taylor Still, der Begründer der Osteopathie, jedoch selbst mit schamanischer Heilkunst in Berührung gekommen war, als er den Grundstein seiner Heilmethode entwickelte, ist etwas weniger bekannt. Während des amerikanischen Bürgerkriegs war Still Arzt in der Wakarusa Mission in einem Shawnee Reservat. Dort lernte er das Knochensetzen und die Medizinreligion der Shawnee-Indianer kennen. Er war sogar eng mit einer Shawnee Familie befreundet, übernahm häufig Aufgaben zur medizinischen Betreuung der Natives und lernte so ihre Kultur kennen.

Andrew Taylor Still * 6. August 1828 in Lee County, Virginia; † 12. Dezember 1917 in Kirksville, Missouri

“Gesundheit zu finden ist Aufgabe des Arztes. Krankheit kann jeder finden.” ist eine der wichtigsten Aussagen von Still, die ihn zu einem frühen Vertreter, der sog. Salutogenese machte. Und um dieses Ziel zu erreichen, war er für alles offen. Als vier seiner Kinder innerhalb von 4 Wochen trotz medizinischer Versorgung starben war mehr als bereit zu experimentieren und über den Tellerrand der pathogenetischen Medizin hinauszublicken. Er begann auf Gebieten der Geistesströmungen seiner Zeit zu forschen, wie z.B.  Transzendentalismus, Phrenologie, Mesmerismus und sogar Spiritismus und Geistheilung. Hinzu kamen Heilmethoden aus dem Schamanismus der Shawnee Indianer. Still hatte keine Barrieren im Kopf sondern Visionen und Ziele. Osteopathie ist daher weit mehr als nur eine Therapiemethode, sie ist eine Philosophie, eine Weltsicht. Eine, die auch Raum bieten will für Neues und Außergewöhnliches auf der Basis des Bewährten.

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Kampf und Ma’at

Wenn Du einen Mann im öffentlichen Disput triffst,
in führender Stellung und angesehener als Du,
dann beuge Deinen Arm und krümme Deinen Rücken.
Fordere ihn nicht heraus, dann kann er Dich nicht zurechtweisen.

Aber wenn er Dich erniedrigt durch schlechte Reden unterlaß nicht,
ihm auch in der Öffentlichkeit entgegenzutreten,
so dass er als jemand dasteht, der nichts von der Sache versteht,
dann ist seine Macht durch Deine Selbstsbeherrschung ausgeglichen.
(Die Lehren des Ptahhotep)

Früher

Ägypten war wohlhabend. Drei Ernten im Jahr, schier unerschöpfliche Goldvorräte in Nubien, flächendeckende Edelsteinvorkommen und vor allem fruchtbares Land machten es zu einem attraktiven Fleckchen Erde, das sich auch die Nachbarstaaten nur allzu gern untertan gemacht hätten. So hatte Ägypten eher verhaltene imperialistische Bestrebungen, denn es war umgeben von Wüste, jedoch galt es nicht selten drohende Fremdherrscher abzuwehren, was nicht immer gelang. Feindseliges war vor allem von Außen zu befürchten, darin gründet sich auch die ausgesprochene Xenophobie der Ägypter. Ägypten selbst aber galt ihnen als Paradies auf Erden. Das Jenseits stellte man sich im Grunde als exakte Kopie des Diesseits vor. Ägypten war den Ägyptern so wertvoll, dass sie es auch nach dem Tode nicht missen wollten.

der “blaue Nil”, Wasserfälle im äthiopischen Hochland (Wikimedia Commons)

Die kosmische Ordnung Ma’at wird erhalten indem ihr Gegenprinzip Isfet bekämpft wird. Dies ist ein aktiver Vorgang, einer der Initiative und Beharrlichkeit erfordert. Der Hauptbeauftragte mit der Erhaltung der Ma’at war der König. Daher ist es nur logisch dass der König kein träger Regent war, der sich seines Reichtums und seiner Macht erfreute, er war ein kämpfender König, ein Krieger und oberster Priester des Staates, denn auch seine kriegerischen Akte standen ganz im Zeichen der Götter und der altägyptischen Religion.

Eine der bekanntesten Glyphen, die die Kraft des Königs demonstrierte war das sogenannte “Niederschlagen der Feinde (der Ma’at)”. Es war ein Symbol der Fähigkeit des Königs, das Land vor Angriffen zu schützen. Das Motiv ist bereits aus der Frühdynastik bekannt. Die Prunkpalette des frühägyptischen Königs Narmer (um 3000 v.Chr.) ziert eine solche Szene, die erste in dieser Form überhaupt. Sie zeigt den König, wie er einen knieenden Feind beim Schopf packt, die Keule hochgeschwungen um ihn zu erschlagen. Hinter ihm steht ein Priester mit einem Wassergefäß, das der Reinigung dient. Er trägt die Sandalen des Königs in der Hand und der König selbst ist barfuß. Ein Symbol dafür, dass seine Füße auf heiligem Boden stehen, was durch den Falken im rechten oberen Bildbereich unterstrichen wird, denn dieser ist ein Symbol für das Land. Der König trägt außerdem das Gewand des Sed Festes ein kurzer Leinenschurz mit einem Pantherfell und einem Krokodilschwanz, das seine Fähigkeit zwischen den Welten zu wandeln demonstriert und seine Wurzeln in der schamanisch geprägten Prädynastik hat. Der Pharao ist also eine Art “Kriegerschamane” und nicht nur lebende Metapher für die Götter und das Land.

Narmer Palette

Narmer Palette

Das Niederschlagen der Feinde ist keine rachsüchtige Hinrichtung, es ist vielmehr ein heiliges Ritual zum Schutz der Ma’at. Natürlich wurden Feinde im Zuge dessen getötet, denn Ägypten hatte erstaunlicherweise wenig Interesse daran Sklaven zu nehmen, doch tatsächlich gibt es sogar Hinweise, dass dieses Ritual gerade in späterer Zeit nur noch symbolisch vollzogen wurde oder die Darstellung der Glyphe allein ausreichte um die magische Wirkung dieses Rituals zu entfalten. Krieg ist natürlich ein blutiges Geschäft. Im unteren Teil der Palette sieht man fliehende Feinde, so dass zu vermuten ist, dass man damit auch eine abschreckende Wirkung zu erzielen hoffte.

Chepresch (die blaue Kriegerkrone)

seth apophis

Seth bezwingt A/pophis

Weitere Insignien des Königs, die ihn als fähigen Krieger auszeichneten sind Keulen, Schwerter, Streitwagen und der Chepresch (die blaue “Kriegerkrone)”. Auch Krieggottheiten gab es natürlich viele in deren Namen viel Könige regierten und in den Krieg zogen. Dazu gehören natürlich vor allem Seth, der den Sonnengott mit seinem Speer schützt, die altsyrische Göttin Anat, sein weibliches Pendant und spätere Gefährtin, der falkenköpfige Gott Month, die katzengestaltrige Pachet “Die Kratzende /Die Zerreißende”, der kanaanitische Reschef, der  mit der Göttin Qadschu verbunden ist, einer Göttin, die auf einem Löwen reitet und zwei Schlangen bezwingt, Amun, der einstige Schöpfergott und später fast henoteistische Staatsgott, natürlich die göttliche Vollstreckerin und Rächerin des Sonnengottes, die Löwin Sachmet, die vor allem die Seuchen und Epidemien zu Kriegszeiten über die Menschen bringt, der schakalgestaltige Upuaut, der auch Totengott ist und noch viele mehr. Kampf ist also nichts durchweg verurteilenswertes, Grausamkeit ein erschütternder und dennoch unvermeidbarer Teil des Lebens. Man darf auch nicht vergessen, dass die Alten Ägypter deutlich näher an der Natur und ihren Bedrohungen lebten, als der moderne Mensch. Kampf gehörte also genauso zum Erhalt des Lebens, wie die soziale Verbundenheit im Sinne der Ma’at.

Ein Prinzip wie das der Ma’at, dass auf dem gegenseitigem Vertrauen basiert, einander nicht zu betrügen und zu mißbrauchen, benötigt Schutz. Schutz gegen jene Feinde die versuchen das Kollektiv von innen aus Mißgunst und Habgier zu ihrem Vorteil auszuhöhlen, aber auch Schutz nach Außen durch Feinde, die versuchen das Netz der Ma’at zu zerstören und ihre Errungenschaften an sich zu reißen. Der Ägypter versteht darunter letztlich nichts geringeres, als den Erhalt der Schöpfung selbst, das immer wiederkehrende Initiieren der kosmischen Ordnung und der konnektiven Gerechtigkeit, dass einer zyklischen Dynamik unterworfen ist.

 

Und Heute?

Es gibt keinen ägyptischen Staat mehr und keinen König. Es gibt keine staatstragenden Priesterschaften, kein Land und keine altägyptische Gesellschaft. Der altägyptischen Religion zu folgen bedeutet oft einen einsamen unverstandenen Weg zu gehen. Und dennoch scheint der einstige Prunk und die überwältigende Macht des Alten Ägyptens noch heute nicht nur positive Gefühle zu wecken. Alte Hollywood-Streifen von steinreichen Pharaonen und brutalen Sklaventreibern tun ihr übriges um die Negativprojektionen auf diese alte Hochkultur ins Unermessliche hochkochen zu lassen. Mit Angriffen wird daher nicht gespart, selbst wenn diese heute meist verbaler Natur sind und sich in virtuellen Sphären abspielen und in sehr seltenen Fällen auch auf einer spirituellen, wenn nicht magischen Ebene. Protagonisten der jeweiligen Meinungsströmungen sind nicht gesichtslos und anonym, man kennt sich aus der kleinen WWW-Szene, hat die eine oder andere Verbindung, was aber die emotionalen Ausbrüche oft umso intensiver macht.

Fußspuren in der Wüste (Wikimedia Commons)

Wie lebt man also heute, wenn man in seinem kleinen persönlichen Kreis eine Ma’at des gegenseitigen Vertrauens, der Aufrichtigkeit, der verbindenden Gerechtigkeit und unerschütterlichen Loyalität erhalten möchte, aber Isolation und Geheimniskrämerei ebenso wenig Option sind, wie sich das Alte Ägypten als wichtiges Handelsland schwerlich hinter einer schützenden Festung verbarrikadieren konnte? Kaum ein Land des Altertums war so ein bunter und vielseitiger Schmelztiegel der Kulturen wie Ägypten. Die günstige Lage an der Seidenstraße und Bernsteinstraße bescherte Ägypten einen enormen kulturellen Austausch. Wie tritt man also das Erbe einer Kultur an, die für ihre Diplomatie und Vielseitigkeit berühmt war, aber auch eine nicht zu unterschätzende Streitmacht war, die den Selbstschutz als heiligen Akt verstand ohne jegliche missionarische oder imperialistische Absichten?

Im Grunde macht man genau das gleiche, nur im Kleinen. Man verteidigt sich und die seinen gegen Angriffe. Es ist unerheblich wer angegriffen wird, denn in der Ma’at gilt jeder Angriff gegen Mitglieder einer Gemeinschaft in ihrem Sinne als Angriff gegen alle. Es geht dabei mitnichten um narzisstische Rollenspiele von beschützenden Helden und schutzbedürftigen Prinzessinnen, es geht um ein heiliges Prinzip deren erhaltende Arbeit in jeder noch so unbedeutenden Tätigkeit beginnt und in der Gesamtheit der Schöpfung endet. Jede noch so kleine Tat steht im Zeichen von etwas größeren und ist untrennbar damit verbunden. Ma’at bedeutet, dass die Starken die Schwachen schützen, sie hebt die sozialen Unterscheide nicht auf, aber sie verpflichtet sie einander ohne Wenn und Aber. Denn “der eine lebt wenn der andere ihn geleitet.” Bindungen entstehen nicht nur aufgrund von Sympathien und Emotionen, sondern aufgrund der Weisheit und der Überzeugung, dass wohlwollende verantwortungsvolle Verbundenheit überlebensnotwendig ist und das Fundament ist auf dem soziales Miteinander wachsen kann. Ma’at wird errichtet auf Grund von fortwährendem gemeinsamen Handeln in ihrem Sinne. Sei es durch tägliche Arbeit oder durch Ritus. Heute in der modernen Wirtschaft bleibt einem freilich meist nur noch der Ritus, der aber dennoch Arbeit ist wenn auch göttliche, spirituelle Arbeit.

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Gemeinsames Ritual

Und wo es möglich ist (ver)handelt man. Man reicht einem respektvollen Fremden gern die Hand und gewährt ihm Einblicke in die Tradition in der man lebt, baut gern die eine oder andere Brücke über den Fluss und bleibt sich dennoch treu. Man betreibt keine Geheimniskrämerei, sondern bleibt offen und bietet anderen die Chance sich selbst ein Bild von den Riten und Gebräuchen und deren Resultaten zu machen. Man scheut nicht zu handeln und (aus) zu tauschen, man feiert Feste und teilt gern was man hat mit wohlwollenden Gästen. Spötter, Ausbeuter und Störenfriede jedoch, sind niemals willkommen.

 

Literatur:

  • Ma’at. Gerechtigkeit und Unsterblichkeit im Alten Ägypten – Jan Assmann
  • Das Niederschlagen der Feinde: Zur Geschichte eines ägyptischen Sinnbildes – Heinrich Schäfer
  • Altägyptische Dichtung – Erik Hornung

 

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Manipulation und Authentizität

Wenn man in einem Milieu mißbräuchlicher omnipotenter Macht aufgewachsen ist, eine die einen in ständige Angst und Schrecken versetzt hat und gleichzeitig aber lebensnotwendig war -selbst wenn auch nur in der eigenen Wahrnehmung als wehrloses Kind- dann findet man in der Not oft nur die eine Lösung zu überleben. Eine die selbst ein Kleinkind instinktiv beherrscht: Es muss die Gefahr so gut kennenlernen wie sich selbst. Es muss mit dem Bedroher verschmelzen – emotional und geistig – um Ansatzpunkte zu finden, wo es etwas verändern kann ohne dass sich der Bedroher dazu gezwungen fühlt um das eigene Leben und seine eigene Integrität zu schützen. Es muss zum Mittelpunkt der Gefahr durchdringen um von dort aus Kontrolle zu übernehmen. Es muss genau das was es fürchtet so nah wie möglich an sich heranlassen um es beherrschen zu können. Und diese Kontrolle wird zum Zwang, denn sie ist in dem o.g. Kontext nicht weniger als lebenswichtig. Die bekannte Gefahr macht immer weniger Angst als die Unbekannte. Für diese Überlebenstrategie gibt es sogar einen Namen, nämlich Stockholm Syndrom.

Angst ist eine starke Triebfeder und Kinder haben oft keine anderen Strategien als die instinktiven und subtilen. Ein Kind lernt sehr früh “Ich kann nur überleben, wenn ich manipuliere.” Manipulation hat eine recht ambivalente Konnotation und nicht zu Unrecht, denn sie umgeht den Willen des Manipulierten – der ja in dem Fall die Bedrohung darstellt – und macht sich seine unbewussten Gefühle und Triebe zu Nutze, was Manipulation ja auch so überaus wirksam und doch wenig fassbar macht. Sie ist aber oft auch aus einem Kontext heraus geboren, der Lebensbedrohung und Todesangst enthält. Und selbst wenn dieser Kontext irgendwann Vergangenheit ist, sie wohnt den manipulativen Strategien immer noch inne.

Manipulation ist sehr oft zwanghaft und geschieht mitunter ebenso unbewusst und gedankenlos wie kleine schrullige Angewohnheiten im Alltag, die man völlig ausblendet. Und während man sich in der Illusion wähnt ein rechtschaffener vollbewusster aufrichtiger Mensch zu sein, erzeugt man auf einer unbewussten Ebene ein engmaschiges Netz aus unausgesprochenen Forderungen und Zwängen an seine Mitmenschen und macht sich ihre Gefühle und Schwächen zu Nutze ohne Rücksicht auf ihre Integrität und ihren freien Willen. Das schafft vor allem eines: mehr oder weniger stabile, kontrollierbare Scheinbindungen mit Statisten, die man für die Rollen gecastet hat, die das persönliche Lebenstheaterstück zu vergeben hat.

Was man nicht erhält, sind lebendige authentische Begegnungen mit Menschen, so wie sie sind. Die Chance Synergien zu bilden und Inspiration aus der Andersartigkeit zu finden wird im Keim erstickt. Menschen so sein zu lassen wie sie sind, ist ein Risiko, denn man lässt etwas unkontrollierbares an sich heran, wo man doch gelernt hat das Nahe stets kontrollieren zu MÜSSEN um zu überleben. Es macht Angst. Und doch birgt es auch die Chance zu erfahren, dass es Nähe geben kann OHNE Manipulation, OHNE Rollen, sondern mit authentischer Begegnung undlebendiger Entwicklung.

Wenn man erwachsen wird und seine Strategien der Manipulation weiterentwickelt hat, dann lernt man auch schnell, dass diese Form des sozialen Umgangs nicht nur schützend sein kann, sondern einem auch dazu verhelfen kann auf andere Macht auszuüben. Eine Macht, die den anderen eine Scheinintegrität zugesteht, eine die sich verstecken und verschleiern kann, aber immer noch dem jeweiligen Gegenüber listig die Möglichkeit einer freien vollbewussten Entscheidung nimmt. Das ist natürlich eine große Versuchung. Vor allem für jene, die einmal unter Übermacht gelitten haben und Wunden zu heilen haben.

Man kann sich entscheiden ein Trauma anzuerkennen, davon gezeichnet weiterzuleben und soviel Integrität damit zu erschließen wie noch möglich. Man kann sich aber entscheiden, die Beschädigung zu instrumentalisieren und das gleiche zu tun, was man einmal aus Todesangst getan hat nur diesmal mit anderen weniger lauteren Zielen. Es ist eine Form von Machtgier und Narzissmus die sich hervorragend hinter der Mitgefühl weckenden Fragilität einer beschädigten Seele verbergen kann. Diesen Vorteil aufzugeben und sich trotz Verletzung erneut verletzbar zu machen kostet weitaus mehr Mut, als seine erwachsen gewordenen Kinderstrategien einfach weiter zu betreiben. Eines jedoch, können letztere nicht bieten und das ist das Gefühl von einer erwachsenen Integrität. Im Gegenteil, man bleibt im Grunde seines Herzens Kind und das bedeutet im Kontext eines Erwachsenen sich oftmals klein, abhängig und wehrlos zu fühlen.

Ich hab mich für die lädierte Integrität entschieden und das ist schwer, denn sie wird in der Regel weder gesehen, noch in irgendeiner Weise honoriert. Im Gegenteil, man bekommt eigentlich ständig seine Unvollständigkeit und Fehlerhaftigkeit vor Augen gehalten und man verliert nahezu gänzlich das Recht einmal schwach und anlehnungsbedürftig zu sein. Auch Angst oder irrationale Empfindungen stehen einem nicht mehr zu und das macht das Leben mit einem Trauma, das man nunmal nicht löschen kann zur schier unerträglichen Last. Und oft wird einem Ehrlichkeit groteskerweise als besonders raffinierte Form der Manipulation ausgelegt. Es wäre so leicht wieder in eine Opferrolle zu gehen und andere damit zu manipulieren, doch meine Sehnsucht nach echter Begegnung ist inzwischen derart groß geworden, dass für mich Manipulation einfach keine Option mehr ist.

Ich habe die erste Hälfte meines Lebens um’s Überleben gekämpft und jetzt… jetzt kämpfe ich eben um Authentizität. Wenn ich etwas von Seth gelernt haben, dann DAS. Er ist lieber isoliert und allein er selbst, als Bindung um jeden Preis zu akzeptieren und dabei sich selbst zu verlieren. Wenn er Auseinandersetzungen eingeht, dann offen und auf Augenhöhe ohne List oder Betrug. Selbst wenn er gefürchtet, der “bad guy” und ein Zerstörer ist, so ist er niemals undurchsichtig und manipulativ, steht zu seinen Werten und zu seiner Linie und kämpft mit Kraft. Und von der hat er – wissen die Götter – genug. Er mag nicht gegen jede List gefeit sein, aber er weiss, dass die Wahrheit letztlich stärker und beständiger ist als jede Lüge. Und genau darin liegt die Kraft der Ma’at.

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Vergeltung für die Luchse – ein Ritual

Eurasischer Luchs, Wikimedia Commons, Foto: Berhard Landgraf

Süddeutsche Zeitung 21. Mai 2015, 20:32 Uhr
Wilderer – Bis zu vier Luchse getötet
Wilderer haben nahe Cham im Bayerischen Wald bis zu vier streng geschützte Luchse getötet. Wie ein Sprecher des Vogelschutzbundes LBV erklärte, waren bereits am vergangenen Freitag in einem Waldstück vier abgetrennte Vorderläufe von Luchsen entdeckt worden. Der Fund bedeutet, dass mindestens zwei, womöglich sogar vier Tiere illegal getötet wurden. Die Kadaverteile waren so abgelegt worden, dass sie entdeckt werden mussten. Insider sagen, dass die Tat möglicherweise in Zusammenhang mit dem Einsatz des LBV für ein Luchsschutzgebiet am Kaitersberg steht. Hier wurde ein 37 Hektar großes Areal, das die Raubtiere zur Jungenaufzucht und als Rückzugsraum nutzen, als Schutzzone ausgewiesen. Das Projekt wird seit Wochen scharf angegriffen. Der LBV und weitere Naturschutzverbände haben Strafanzeige gegen Unbekannt gestellt.

 

Jahrzehntelang war der Eurasische Luchs starker Verfolgung ausgesetzt bis er durch systematische Ausrottungsmaßnahmen schließlich völlig aus Westeuropa verschwunden war. Glücklicherweise erholen sich heute die Bestände langsam, so dass  unter anderem die Alpen, der Jura, die Vogesen, der Harz, das Fichtelgebirge, der Bayerische Wald, der Böhmerwald und der Spessart wieder von Luchsen besiedelt ist. Der Luchs ist ein sehr spezialisierter Jäger, was seine Rückkehr in die deutschen Wälder nicht gerade leichter macht.

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Umso mehr hat uns diese Nachricht der Süddeutschen Zeitung erschüttert. Als Verehrer der Katzengestaltigen und Löwengottheiten, war klar, auch wir müssen und wollen handeln und zwar auf unsere Weise – auf kemetisch. Dabei lagen uns zwei Dinge am Herzen:

  • Die Täter müssen gefasst werden um für Ihre Tat der gerechten Strafe zugeführt zu werden
  • Die toten Luchse sollen es im Jenseits gut haben und dort wohlbehalten und sicher ankommen.


Isfet – Die Täter festnageln

Wir wählten zwei Wachsfiguren als Vertreter für die Täter (deren Zahl uns natürlich nicht bekannt war). Diese wurden zunächst für mehrere Tage vor einem Heka-Schrein “aufgebahrt” um überhaupt erst einmal die Aufmerksamkeit der Götter für diesen Fall zu erregen.

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Wachspuppen-Magie

 

Am Tag des eigentlichen Rituals suchten wir dann unseren Ritualplatz an einem fließenden Gewässer auf. Fließende Gewässer eignen sich besonders gut, für Verwünschungsmagie, da die Energien mit dem fließenden Wasser zuverlässig davon getragen werden statt an den Ort gebunden zu bleiben.

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Der Ritualort

Die Puppen wurden erstmal auf ein Stück Holz genagelt, symbolisch für das “festnageln” der Täter und natürlich auch um sie für ihre Tat zu bestrafen. Für den weiteren Verlauf wählten wir das traditionelle Ritual der roten Töpfe, wie es zum Niederschlagen der Feinde der Ma’at üblich ist.

Außerdem unternahmen wir eine schamanische Reise, nicht wie sonst mit einer Trommel, sondern mit Hilfe zweier kleiner Sistren, dem traditionellen instrument der Sachmet und Bastet. Zweck der Reise war nicht die Täter selbst zu schädigen, aber sie zu “markieren”, also den Göttern mitzuteilen, wer sie sind und was sie getan haben auf das diese schlußendlich entscheiden, was mit ihnen geschehen soll.

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Festgenagelt!

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Die Flammen der Rache

 

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Das Zerschlagen der Töpfe

Anschließend vergruben wir die Tonscherben mit den Wachsresten der verbrannten Puppen, so tief wie möglich im Kies, damit wir den Ort so hinterließen, wie wir ihn vorgefunden hatten.

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danach…

Den gesamten Vorgang führten wir vor den Augen der Luchse durch bzw. vor zwei Katzenfiguren die wir als Stellvertreter für die toten Luchse gewählt haben, sowie einer katzengestaltigen Gottheit.

DSC_0130Ma’at – Heilung und Totenritus

Nun war der zweite Teil des Rituals zu vollziehen, die Heilung der Luchse und das Geleit in die Duat. Zu diesem Zwecke bemalten wir die Figuren mit magischen Zeichen der Heilung um sowohl ihre Würde, wie auch ihre Unversehrheit für das Jenseits zu gewährleisten.

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Bis zum nächsten Morgen durften die Luchsfiguren noch im Hauptschrein bei Bastet und Sachmet verweilen, während wir die Totenwache übernahmen. Dann traten sie ihre letzte Reise an um würdevoll in der Erde der bayrischen Wälder vergraben und bestattet zu werden.

Möge Ihnen Gerechtigkeit widerfahren und die Ma’at für sie wieder hergestellt sein!

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Bastet, die lieblich-gnädige Göttin, und Sachmet, die furchtbar zornige,
Inbegriff des zweifachen Aspektes der Macht,
die den Loyalen schützt und den Übertreter vernichtet. *

Dua Netjeru,
Heil sei den Katzen- und Löwengöttinnen und -göttern!

 

*aus “Ägyptische Hymnen und Gebete” von Jan Assmann
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Die Weiße Eule

Bild: Wikimedia Commons

Für mich war es die erste “Weisse Eule”. Ein schamanisches Ritual, tuvinisch inpiriert, seit vielen Jahren wiederholt abgehalten von Adrian Oswald und organisiert von Zaunkönig Schamanismus, einem guten Freund, der selbst Schamane ist, mit dem ich regelmäßig rituell arbeite. Durch ihn kam ich überhaupt auf die Idee an diesem Ritual teilzunehmen, schließlich bin ich ja Kemetin und nicht wirklich Schamanin. Ich hatte durch ihn aber viel von Adrian gehört, vor allem dass er einer der sehr wenigen Schamanen ist, die ihr Handwerk zu verstehen scheinen und sowohl Wissen, als auch Können und Erfahrung miteinander vereinen. Das interessierte mich. Zwar hatte ich schon mehrfach an spirituellen Seminaren und Workshops, kleineren paganen Festen oder naturheilkundlichen Lehrgängen teilgenommen , aber ein Ritual in dieser Größenordnung war mir vollkommen neu. Rituale jedoch, waren mir keineswegs neu, denn meine kemetische Praxis besteht letztlich in erster Linie aus täglichem Kult und regelmäßigen Ritualen, allerdings meist allein.

Ich wusste dennoch nicht, was mich erwartet. Besorgt war ich vor allem über die vielen Menschen die mir begegnen würden, was für mich oft sehr anstrengend und stressig ist. Also nahm ich mir vor das zu tun, was ich immer tue, wenn ich an social events teilnehmen muss. Ich beschloss mich erstmal hinter meinem gläserenen Vorhang aufzuhalten und die Leute zu beobachten und mir so oft wie nötig eine Auszeit zu nehmen, wenn ich mich überfordert fühlte. Der idyllische Drachenhof nahe der deutsch-tschechischen Grenze, der Ort des Geschehens, bot auch dankenswerterweise viel Möglichkeit dazu, so konnte ich mich zeitweise irgendwo im großen Haus oder im versteckteren Teil des Gartens zurückziehen. Auch war geplant, dass ich jemanden osteopathisch behandele, so dass ich mir erstmal nicht völlig fehl am Platze vorkam.

Der Drachenhof in Neualbenreuth (ein Klick auf das Bild führt zur Website)

Der Drachenhof in Neualbenreuth (ein Klick auf das Bild führt zur Website)

Der erste Teil des Rituals bestand aus einer Geschichte. Nämlich die der Weißen Eule und wie alles überhaupt entstanden ist. Da saß ich also mit vielen Leuten, die ich gar nicht oder nur flüchtig kannte in einem großen holzvertäfelten Raum, in der Mitte ein Altar auf dem ich netterweise auch meinen Reiseschrein mit dem Bild der Göttin Ma’at hatte aufstellen dürfen und sah vor mir einen etwas zurückhaltenden, freundlichen Mann mit Brille, sportlicher Hose und einem leuchtgrünen T-Shirt sitzen. Die Art wie er erzählte war witzig, herzlich und angenehm unaufdringlich. Gar nicht wie ein Vortrag, eher so als würde hätte man sich gerade irgendwo zufällig auf einer Parkbank getroffen und sei ins Gespräch gekommen.

Seth by Sati

Seth by Sati

Während Adrian erzählte, hielt ich nach Seth Ausschau. Er wich nie von meiner Seite und natürlich war er auch jetzt dabei. Er stand mitten im Raum beim Altar und sein Blick ruhte fest auf mir. Ich trug wie er es verlangt hatte seine Insignien, eine Kette mit roten Perlen und einem Ankh, die ihm geweiht war. Außerdem hatte ich auch meine Ma’at-Kette um, doch sie war wie immer sehr transzendent. Ich spürte ihre Präsenz, spürte das typische subtile in-ihr-aufgelöst-sein, dass ich so gut von Ma’at kannte. Mir war nicht ganz wohl dabei, dass Seth mitten im Raum stand, ich hatte Sorge, dass das den Ritualablauf stören könnte und bat Seth inständig um sein Wohlwollen. Er schien zwar skeptisch und leicht belustigt, aber es schien ihm auch daran gelegen mir die Sorgen zu nehmen. Ich hatte mir einen Platz in der Ecke des Raumes gesucht, neben mir die Balkontür. Da dieser Platz vor der Balkontür frei blieb, postierte er sich dort leicht hinter mir und legte seine Hand auf meine Schulter. Es tat trotz allem gut, ihn an der Seite zu haben und ich hatte das Gefühl, es besänftigte ihn, dass ich ihn doch so sehr brauchte.

Nach einer Pause mit einem gemeinsamen Essen, das aus mitgebrachten Speisen und Getränken aller Teilnehmer bestand, begann der Hauptteil der Zeremonie. Das Angenehme an Ritualen ist, sie haben, wenn sie gut gemacht sind, eine erkennbare Struktur und innerhalb dieser Struktur gibt es verschiedene Aufgaben, die sich aus der Ritualdynamik ergeben und wo man anknüpfen kann. Mein fester Vorsatz war mittrommeln und möglichst unauffällig bleiben. Es ist ziemlich erstaunlich mit was für einfachen Ausdrucksmitteln man an etwas intensiv teilnehmen kann ohne ein einziges Wort sagen zu müssen. Ich hatte meine Trommel noch nie in einer Gruppe benutzt, eigentlich hatte ich sie vorher noch nie benutzt, nicht mal allein denn die ägyptischen Kultrituale bedienen sich oft anderer Handlungen zum überschreiten der Schwelle ins Andersweltliche. Mit dem Trommelschlegel auf das Fell zu schlagen, war also fürs erste mein Beitrag und ich merkte schnell, wie wichtig das war. Es war der Herzschlag, der das Ritual trug. Manchmal wurden meine Arme müde, manchmal zerfloß der Rhythmus in einen undefinierbaren Klangteppich, manchmal war es ein kraftvoller gemeinsamer Puls der die Gruppe zu einem einzigen pulsierenden Organismus verschmolz. Die Hauptsache war, er hörte niemals auf.

trommelIm Zuge der Zeremonie legte Adrian immer mehr rituelle Gewandstücke an und so wich jener freundliche Erzähler immer mehr der Weißen Eule. Diese ging im Kreis der Teilnehmer umher, berührte sie, sah sie an, holte sie auch mal in die Mitte und führte verschiedene rituelle Gesten durch, die auf mich sehr heilerisch und manchmal fast initiatorisch wirkten. Ich zog mir meine geistige Tarnkappe über, schloß die Augen und versteckte mich hinter meiner Trommel. Manchmal wenn bestimmte Personen in die Mitte geholt wurden, hatte ich das Gefühl, dass der Trommelpuls besonders wichtig war. Auch schienen bestimmte Frequenzen und Töne eine Rolle zu spielen, denn ich hatte oft das Gefühl, die Trommel in bestimmten Bereichen anschlagen zu müssen. Mal waren es mehr Obertöne aus den Randbereichen und mal waren es die echolosen, dumpfen tiefen Bässe aus der Mitte.

Irgendwann nahm ich durch die geschlossenen Augen war, dass ich nicht mehr ganz allein war in meiner Ecke. “Weitertrommeln!” dachte ich, als mich eine Hand an der Stirn berührte. Die Weiße Eule saß mir gegenüber. Ich spürte Wohlwollen, Interesse, vielleicht ein wenig Neugier. Eine von den Frauen mit einer Trommel fing an zu singen. Ich war ihr dankbar. Ihre Stimme beruhigte mich und gab mir das Gefühl, dass alles was passiert richtig war. Und ihre Stimme drückte auf unerklärliche Weise das aus, was ich fühlte und dem ich gerade keine Stimme verleihen konnte. Das Getrommel schwoll an, wurde asynchroner, unruhig und lauter. Ich trommelte weiter, ein bisschen lauter sogar um den Gleichklang zurückzuholen, als ich spürte das eine Hand sanft meinen Trommelschlegel nahm und zur Seite legte. Die Weiße Eule nahm auch meine Trommel und legte sie zur Seite. Dann nahm sie meine Hände und in eine legte sie einen Stein. Ich suchte Seth und spürte ihn an meiner Seite. Er war erstaunlich zurückhaltend. Er war da, aber unternahm nichts, obwohl ich seine Unruhe deutlich spürte. Lediglich das lauter werdende Trommeln jenes schamanischen Freundes neben mir fiel mir auf. Ich war froh, dass er da war. Vor allem war ich froh, dass auch er ebenfalls mit Seth in Verbindung stand, denn ich fühlte mich gerade außer Stande mit ihm zu kommunizieren. Ich wusste ja selber nicht was geschah und es war auch nicht wichtig, denn ich ließ es einfach geschehen.

Später nach dem Ritual erfuhr ich, dass Seth seine geballte Unruhe an meinem Ritualpartner ausgelassen hatte. Er packte ihn und war außer sich, dass sich mir jemand so näherte, den er nicht kannte und verlangte von ihm für den Unbekannten zu bürgen. Ich war im Nachhinein nochmal heilfroh, dass er in diesem Moment dabei war und die Situation genaustens im Auge behielt. Ich war auch ein wenig gerührt von Seths Reaktion. Sicher, ich gehöre ihm und er wird zu einem gewissen Teil auch sein “Revier” verteidigt haben, aber dennoch wird mir wieder bewusst, wie sehr er mich schützt und wie eng unsere Bindung ist. Wenn man täglich seit Jahren mit einem Gott interagiert verkommt vieles unweigerlich zur Routine. Rituale, egal welcher Art, sind eine Möglichkeit jenseits des Alltags die Verbundenheit mit  andersweltlichen Wesen intensiv zu erfahren.

Eule auf einem ägyptischen Obelisk, Wikimedia Commons

Plötzlich reichte die Weiße Eule beide Hände um mir aufzuhelfen. Ich stand mitten im Raum. Sie erhob beide Hände, hielt sie an mein Gesicht und berührte mit ihrer Stirn die meine, so wie man durch ein spiegelndes Fenster sieht, das Gesichtsfeld mit beiden Händen rundherum abdunkelnd, um durch die Oberfläche sehen zu können. Ich fühlte mich sehr geborgen und der Raum und die Leute verblassten um uns herum. Der gläserne Vorhang den ich sonst zwischen mir und anderen empfinde, war nicht mehr da. In dieser Wortlosigkeit empfand ich plötzlich mehr Verbindung, als Worte je hätten zu Stande bringen können. Es war auch nicht nur die Berührung, es war der aufrichtige Wille mich zu sehen, das konnte ich spüren und ich freut mich. Neugierig, unvoreingenommen, beinahe liebevoll, wie eine Umarmung, obwohl sich nur unsere Stirnen berührten. Wir standen eine Weile so da bis wir uns voneinander lösten. Die Weiße Eule verneigte sich mehrmals von mir, sie dankte mir. Ich verstand sofort, sie bedankte sich für das Gesehene. Ich hielt immer noch den Stein in der Hand und war kurz unschlüssig was damit zu tun war, dann entschied ich ihn einfach erstmal sicher bei mir zu verwahren.

Weisse Eule Stein

Das Ritual dauerte noch eine Weile. Ich trommelte wieder unermüdlich bis zum Schluss. Nach dem Ritual hatte jeder die Möglichkeit zu einem Nachgespräch. Ich hatte nicht das Gefühl, das zu brauchen, viel eher brauchte ich dringend was zu essen und ein Bier. Nach einer Weile beschlich mich dennoch das Gefühl, dass ich vielleicht hochgehen sollte zu dem Raum, wo die Nachgespräche stattfanden. Ich wartete bis ich dran war und war entschlossen einfach nur kurz “Danke” zu sagen und wieder zu gehen. Ich trat ein und stammelte irgendwas, dass ich gar nicht so genau wisse, was ich sagen soll, doch Adrian sagte sofort “Ich hab Dir viel zu erzählen.”. Erleichtert setzte ich mich auf den Stuhl im gegenüber und hörte zu. Was nun folgte, war eine detaillierte Beschreibung jener Welt, wie ich sie kenne, wenn ich mit Seth in die Duat hinabsteige. Das wäre nicht weiter spektakulär, wenn ich jemals irgendjemand von der Duat und wie ich sie sehe erzählte hätte, doch das hatte ich nicht. Niemand, außer dem Schamanen mit dem ich gelegentlich ritualisierte. Adrian beschrieb alles so detailgetreu, dass ich sicher sein konnte, er hat Seth gesehen, er hat mir wohl bekannte Duat-Wesen gesehen, er hat jene Welt gesehen, die mir so vertraut ist und die sich für mich so sehr nach “zu Hause” und “Familie” anfühlt. Er war mit mir dort gewesen. Die Duat ist ein Ort den ohne Begleitung zu betreten höchst unsicher ist. Selbst ich kann mich nur in bestimmte Bereiche vorwagen und auch nur, wenn Seth bei mir ist oder bestimmte Gottheiten mich explizit an bestimmte Orte rufen. Ich war tief beeindruckt, dass Adrian mir dorthin folgen hatte dürfen.

Ein Satz, den er sagte, blieb mir besonders in Erinnerung: “Es ist nicht nur dein Wissen über all das, Du BIST das.” Ich war unfähig angemessene Worte zu finden. Ich freut mich einfach nur über das gesehen sein, ich war dankbar, dass sich jemand so tief auf mich hatte einlassen können und fühlte mich einfach angenommen und auf eine wortlose Weise verstanden. Für all diese Empfindungen fand ich da aber keine Worte, also dankte ich ihm und wiederholte ein paar mal wie sehr ich mich freute. Da war jemand der mich gesehen hatte, ich meine wirklich MICH gesehen hatte, und das war gerade das Wichtigste. Das war die langersehnte Antwort auf eine Frage, von der ich nicht gewusst hätte, wie ich sie jemals hätte stellen können.

Ganz zu Beginn hatte Adrian gesagt, er könne mit diesem Ritual nur einen Impuls setzen, etwas lostreten und weitermachen müssten wir alle selbst. Das Ritual liegt nun einige Tage zurück und dieses Gefühl von “weitermachen” lässt mich nicht mehr los. Ja, ich will weitermachen, völlig egal, wie und was. Rituale erreichen Menschen auf eine Weise, wie es unzählige Worte, Dresscodes, Meinungen, soziale Allianzen usw. nicht vermögen und schaffen tiefe Verbindungen, die einfach passieren ohne dass man sie “macht”. Es geht vielleicht gar nicht so sehr darum, dass jemand den Mittelpunkt bildet und etwas verkörpert. Es ist auch egal in welcher Tradition man sich bewegt und welchen Geistern man sich verbunden fühlt und welche Götter man verehrt. Ritual, das sind alle die ganz einfach da sind und dafür sorgen, dass der Puls nicht aufhört. Es sind die, die den Kreis bilden, wenn jemand in der Mitte steht und es sind die hinterher eine gemeinsame Erfahrung mit nach Hause nehmen. Und das ist viel. Und ich hoffe, dass es weitergeht. Irgendwie.

hand in hand

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Der Stoff aus dem die Schöpfung ist

Eines muss man vorweg sagen, natürlich gibt es im Alten Ägypten kein “Elemente-Konzept”. Die europäische Vier- Elemente-Lehre (“Wasser, Feuer, Erde, Luft”) ist ein Konzept aus der Alchemie, die ihre Wurzeln in der griechischen Antike hat und das Fünf-Elemente-Konzept kommt aus der chinesischen Kultur. Aufgrund der ägyptophilen Elemente in der Ritualmagie hat sich die irrtümliche Annahme etabliert, es gäbe ein solches Elemente-System auch für das Alte Ägypten. Das ist jedoch nicht der Fall.

Dennoch gibt es aber auch in der altägyptischen Kultur, so wie in fast jeder Kultur eine antike Form der Wissenschaftlichkeit, die mit der Religion zwar eng verbunden ist, deren Streben aber dennoch der Forschung dient und zwar die Forschung wie Schöpfung letztlich funktioniert und aus was sie gemacht ist. Dieser Wissenschaftsgeist ist dem Menschen des Altertums ebenso zu eigen, wie dem modernen Menschen und gerade die Alten Ägypter waren in dieser Hinsicht sehr ambitioniert und sahen Wissenschaftlichkeit in keiner Weise als Gegensatz zur Religiosität. Im Gegenteil, man kann sagen sie ist sogar Teil davon.

Auch in der Ägyptischen Ritualistik lassen sich einige bedeutsame Substanzen herausgreifen aus welchen die Schöpfung “gemacht” ist und die als solche auch in der Magie Anwendung finden, wie auch weitere Stoffe, die einen eigene magische Bedeutung haben.

  • Wasser

Wasser ist mit Abstand das wichtigste Element in der altägyptischen Religion. Die gesammt Mythologie dreht sich um den Zyklus des Wassers, dass mit der alljährlichen Nilflut das fruchtbare Naß über die nach der Trockenzeit ausgedörrten Felder in Ägypten brachte. Die Einteilung der Jahreszeiten erfolgte nach den Rhythmen des Wassers in eine Zeit der Flut (Akhet), des Sprießens (Peret) und der Trockenheit (Schemu). Mit der Flut sind viele Gottheiten assoziiert wie z.B. Anuket, Sopdet oder Hapi, wobei Hapi die Flut selbst ist, während die weiblichen Gottheiten wie Anuket oder Sopdet sie vor allem herbeiführen.

Nilflut bei Gizeh, Wikipedia

Selbst der Mythos von Osiris’ Ermordnung durch seinen Bruder Seth wird häufig als Allegorie auf den Zyklus von Wachstum und Dürre interpretiert, den Seth ist der Herr der Wüste und Osiris gilt als Vegetationsgott.

Doch auch in den Tränen der Isis, die ihren zerstückelten und mummifizierten Gatten Osiris beweint und mit ihren Tränen durchtränkt um ihn so seine Glieder wieder zu verbinden, ihm Lebenskrafrt einzuhauchen und so für den gemeinsamen Sohn Horus zeugungsfähig zu machen, spiegelt die lebensspendende Kraft des Wassers wieder.

Atlantischer Ozean, Wikimedia Commons

Dennoch ist Wasser nicht durchweg positiv und wunderbar, es ist auch unergründlich und bedrohlich, das sprichwörtliche Urchaos also, wie es sich Urmeer Nun verkörpert aus dem sich der Urhügel mit Atum erhebt und die Schöpfung intiiert. Schöpfung ist daher mitunter auch ein gewaltsamer Prozess, ähnlich wie eine Geburt, die unter Wehen erfolgt. Die Schöpfung im Sinne der Altägypter entsteht nicht aus einem präexistenten Nichts, sondern aus einem unordentlichen Etwas, verkörpert vom Urmeer, dass zu einem geordneten Etwas wird, der Schöpfung. Und in den Wassern der Unterwelt, der Duat treibt nicht zu letzt auch die dämonische alles vernichtende Schlange Apophis die den Sonnengott zu verschlingen droht.

  • Feuer

Ähnlich ambivalent ist auch das Feuer. Es ist besonders in der ägyptischen Heka-Magie das ultimative Mittel der Zerstörung. Es verzehrt, doch gleichzeitig erhellt es auch und stellt damit einen wirksamen Schutz gegen böse Geister dar, die in der Finsternis lauern. Wohnhäuser, wie Tempel wurden nachts mit Fackeln erleuchtet um sie zu schützen, das entzünden des Feuers war bereits ein ritueller Akt. Zum Lichterfest zu Sais z.B. wurde vor jedes Haus eine Lampe gestellt.

DSC_0217Schlangen wie der Uräusschlange sagt man den “Feueratem” nach, was Feindabwehr symbolisiert und sicher dem Schlangengift zuzuordnen ist, das Schlangen auch weit ausspeien können und ds brennende Wunden auf der Haut hinterlässt. So sieht man sie auch häufig die Sonnenscheibe umschlingend als Kopfschmuck von Gottheiten, die das “Flammenauge”, also das Auge des Re, verkörpern wie z.B. Sachmet. Aber auch Seth wird das Feuer zugeordnet.

Im Jenseits drohen die allesvernichtenden Feuerseen den Verstorbenen für immer zu vernichten, wenn er sich zu Lebzeiten gegen die Ma’at aufgelehnt hat, die Verwandtschaft zur christlichen Hölle ist schwerlich zu übersehen.

“Fire02” by Fir0002 – Own work. Licensed under GFDL 1.2 via Wikimedia Commons

Feinde wurden verwünscht indem man kleine Wachsfiguren von ihnen fertigte und in einem Feuer verbrannte.

  • Licht

Licht ist recht eindeutig positiv besetzt. Eigentlich lässt sich Licht im altägyptichen Kontext kaum von der Sonne und ihrer Hitze und damit auch dem Feuer trennen, doch hat es dennoch auch eine eigene Bedeutung, die vor allem im Totenkult zu Tage tritt. Wird ein verstorbener dem Totenkult unterzogen und seine Ba-Seele damit “verklärt” wird er zum “Ach”. Ach steht einerseits für die Ahnen an sich, aber bedeutet gleichzeitig auch “Lichtglanz”. Das heisst Ach ist auch gleichermaßen ein Zustand der Ba-Seele mit Wesensheitscharakter. Gemeint ist hier Licht, dass den Ahnengeist der Göttersphäre zugehörig macht, er wird tatsächlich also zum Gott unter Göttern.

„Aten“ von User:AtonX – Image:Aten.JPG. Lizenziert unter CC BY 2.5 über Wikimedia Commons

Weiters gibt es auch Gottheiten, deren Persönlichkeiten eher dem Licht als dem Solaren zugeordnet sind. So steht Aton etwa für die Sonnenscheibe selbst und wird mit mit einer von Strahlen umgebenden Sonnenscheibe dargestellt, die den Lichtaspekt hervorheben. Doch auch der Luftgott Schu steht für das Licht, denn für den Ägypter gab es einen Raum der Erde und Firmament voneinander trennte, welcher mit Licht und Luft gefüllt war. Luft ist daher nicht identisch mit dem Himmel, denn man muss in der ägyptischen Mythologie natürlich ein geozentrisches Weltbild voranstellen. Der Himmel war das, was sich irgendwo in der Höhe über die Erde spannte.

Und nicht zuletzt war Licht natürlich auch die Abwesenheit von Finsternis, welche per se bedrohlich war und von bösartigen Geistern bewohnt sein konnte. Aus diesem Grund hoffte man, dass Re allabendlich seine Unterweltsreise antreten würde um die Welt der Toten, die Duat, zu erhellen.

  • Leere

Wie schon erwähnt, handelt es sich bei der ägyptischen Vorstellung des Kosmos um ein geozentrisches Weltbild, dass schöpfungsmythologisch aus dem festen Boden des Urhügels besteht, dass sich aus den Urwassern erhebt und vom Himmel überspannt ist. Tatsächlich droht der Himmel permanent auf die Erde zu fallen, was dem Ende der Schöpfung gleichkommt, so muss der Himmel ständig nach oben gehalten werde. Mythologisch stellt sich dies in Form des Erdgottes Geb dar über den gebeugt die Himmelsgöttin Nut schwebt, gehalten vom Luftgott Schuh. Schuh ist also nicht nur Luft, er ist der Raum selbst, der mit Licht und Luft gefüllt ist.

Der Luftgott Schu (“Leere”) hält die Himmelsgöttin Nut über dem Erdgott Geb. Zwei Widdergottheiten helfen ihm dabei.

  • Luft

Doch auch dem Atem, also der geatmeten Luft kommt eine hohe Bedeutung zu, denn die Lebenskraft Ka wird “an die Nase” gegeben, ist also der sprichwörtliche Lebenshauch, der von den Göttern verliehen wird, sehr häufig mit einem Ankh dargestellt, dass dem Empfänger dieser Lebenskraft an Mund und Nase gehalten wir.

Die Luft als Sturm ist dem Gott Seth zugeordnet und stellt die Luft in ihrer brutalen Kraft dar.

  • Metalle

Die Alten Ägypter kannten verschiedene Metalle, die zu unterschiedliche Zwecken eingesetzt wurden.

Ägyptischer Wesech-Kragen aus Gold und Edelsteinen, 19. Dynastie, Bubastis, Foto: ddenisen (D. Denisenkov), Wikimedia Commons

 

– GOLD

Kaum ein Metall wird so sehr mit dem Alten Ägypten assoziiert wie Gold. Bereits 5000 v. Chr. lassen sich die ersten Goldfunde nachweisen. Schmuck, Statuen, Amulette, Götterbilder, Ritualgegenstände und vieles mehr war oft aus purem Gold gemacht. Man ging geradezu verschwenderisch damit um, denn der magisch-religiöse Wert des Goldes stand im Vordergrund. Ägypten bezog das Gold aus Nubien (“Nub”=Gold, Goldland), dem heutigen Sudan. Das “Goldland” Punt auch “Ta netjer” also Land der Götter genannt, das heute nicht mehr eindeutig lokalisiert werden kann, befand sich vermutlich südöstlich von Nubien. Auch von dort bezogen die Ägypter Gold, wie auch Ebenholz und Weihrauch. Gold ist von solarer Qualität und aufgrund seiner Beständigkeit mit Dauerrhaftigkeit und Ewigkeit assoziiert.

– SILBER

Silber, “hedj” genannt, ist von lunarer Qualität wobei man hier berücksichtigen muss, dass der Mond keinen Gegenspieler zur Sonne bildet, sondern eher das kleinere Äquivalent zu ihr. Der Mond ist die Sonne der Nacht und als solcher immer noch von, wenn auch milderer solarer Qualität. Erstaunlicherweise war Silber den Ägyptern viel wertvoller als das Gold. Es wurde ungefähr 3 mal so viel Gold wie Silber verwendet, Silber war weitaus seltener und wurde meist von Westasien importiert.

– EISEN

Eisen wurde mit Seth assoziiert und zwar im Besonderen mit seinem Kampf gegen die allesverschlingende Schlange Apophis. Sein Speer, den er gegen Apophis einsetzte um den Sonnengott vor der Vernichtug zu schützen, ist aus Eisen, Auch die Knochen des Seth bestehen aus Eisen. Damit kommt Eisen die Eigenschaft besonderes hoher Widerstandsfähigkeit zu, die im Kampf gegen Isfet, das antagonistische Prinzip zur kosmischen Ordnung Ma’at eingesetzt werden kann. In Form von Messern, Nägeln oder Nadeln fand Eisen als kultisches Werkzeug Verwendung. Bilder oder Figuren von Apophis wurden mehrmals mit diesen Werkzeugen “erstochen”. In der Spätzeit, als Seth selbst dämonisiert und sogar mit Apophis gleichgesetzt wurde, machte man paradoxerweise das gleiche mit Bildnissen von ihm. Die Erze waren dem Totengott Sokar zugeordnet.

– KUPFER

Kupfer oder Kupferlegierungen (Bronze) war ein vielverwendetes Metall in Ägypten. Haushaltsgegenstände, Schmuck, Figuren, Werkzeuge und Waffen wurden aus Kupfer und dessen Legierungen hergestellt. Bereits aus der Prä- und Frühdynastik lassen sich entsprechende Funde nachweisen. Aus Sand, Kalk, Soda und Kupferoxyd stellt man die typisch blauen Glasur für die altägyptischen Fayencen her. In der magischen Bedeutung ist Kupfer und Bronze dem Eisen recht ähnlich. Es war vor allem ein Metall für magische Waffen aufgrund seiner Beständigkeit und Widerstandsfähigkeit.

  • Sand

Obwohl man Sand mit Trockenheit und Leblosigkeit assoziieren müsste, steht er in Ägypten für das Auftauchen des Urhügels aus den Urwassern. Damit ist Sand ein initiales Element für Schöpfungsprozesse. Statuen und Tempeleinrichtungen wurden auf Sand gestellt und Sand wurde auch bei Prozessionen verstreut, wurde im privaten wie im offiziellen Kult geopfert und war häufig Baumaterial von Kultfiguren und Ritualgegenständen insbesondere für Sockel. Damit hat Sand vor allem die Bedeutung eines Fundments für schöpferische Prozesse. Jedoch ist Sand auch mit der Wüste assoziiert und damit auch mit Göttern wie Seth und auch Sokar. Sand lässt die Feinde erblinden. Dies ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass der allgegenwärtige Sand für häufige Augenentzündungen bei den Ägyptern sorgte. Als Schutz dagegen verwendete man den schwarzen Kajal, der aus Fetten hergestellt wurde und das Auge schützen sollten.

  • Steine

Verschiedene Steine wurden in Ägypten zur Herstellung von Amuletten, Schmuckstücken und zur Verzierung von heiligen Gegenständen eingesetzt. Die Steine waren wertvoll und man schrieb ihnen durchaus magische Wirkung zu, jedoch war diese weitgehend unspezifisch. Meist ergab sich die Wirkung aus dem Amulett in dem es eingesetzt wurde. Zu Pulver zerrieben wurde es als Augenschminke verwendet, was zum Teil äußerst gesundheitschädlich war.

– LAPISLAZULI

Lapislazuli war der wertvollste Stein, den die Ägypter besaßen. In Liebesgedichten wurden Körperpartien mit Lapislazuli gleichgesetzt um der Angebeteten zu schmeicheln, in einem Mythos heisst es die Knochen des Re seien aus Silber, sein Fleisch aus Gold und seine Haare aus Lapislazuli. Lapislazuli findet sich häufig in Königsschmuck und -insignien, vor allem auch in der Grabbeigabe. Da Lapislazuli so teuer war wurde es durch die berühmte blaue altägyptische Fayence imitiert. Er galt als heilig und wurde zu medizinischen Zwecken eingesetzt. Häufig zierte er Horusaugen-Amulette, die zum Schutz und zur Heilung dienten.

Lapislazuli, Foto: Ra’ike, Wikimedia Commons

– TÜRKIS

Ähnlich begehrt wie der Lapislazuli war auch der Türkis, der als Stein der Hathor galt, der Göttin, des Tanzes, des Festes, der Ekstase und der Sexualität. Der Abbau ist bereits aus prädynastischer Zeit belegt. Auch dieser findet sich häufig an königlichem Schmuck. Skarabäen wurde häufig aus Türkisen geschnitzt.

Nilpferd aus blauer Fayence, Mittleres Reich 2033-1710 v. Chr. Foto: SiefkinDR, Wikimedia Commons

 

– JASPIS, KARNEOL

Steine wie der rote Jaspis oder der Karneol waren ebenfalls sehr beliebt in Ägypten. Es wurde bevorzugt für das sog. Tit Amulett verwendet, auch “Isisknoten” oder “Isisblut” genannt, dass aber in enger Verbindung mit Isis wie auch Hathor steht. Es sieht aus wie ein Ankh mit nach unten geklappten “Armen”. Knoten- und Bindemagie war eine häufige Methode in Ägypten. Das Tit-Amulett, fand vor allem als Schutz für Schwangere und Gebärende Anwendung, schmückte Sarkophage um die Zauberkraft der Isis zu verleihen und damit die Fähigkeit zur Wiederbelebung.

Tit Amulett, roter Jaspis

– MALACHIT

Aus Malachit wurden Skarabäen gefertigt und zermörsert dient er als farbintensiver Lidschatten, der außerdem das Auge schützen und natürlich die Attraktivität steigern sollte.

  • Exkremente

Exkremente eignen sich als Bestandteil von Verwünschungsmagie, denn alles was mit dem Tod assoziiert wurde, war ideal um jemandem auf magischen Wege Schaden zuzufügen. Man nahm in den schlimmsten Visionen vom Jenseits an, dass die nicht-gerechtfertigten Toten auf dem Kopf stehend durch das Totenreich wandeln und Kot essen mussten. Damit stellen Exkremente die Umkehr vom Lebensprinzip schlechthin dar.

Viele Räucherstäbchen stammen heute aus Indien und enthalten Kuhdung, der  in Indien heilig ist, aber für den altägyptischen Ritus unter Umständen als kultisch unrein anzusehen ist. Betreibt man explizit Schadensmagie, kann man jedoch durchaus zu getrocknetem Kuhmist greifen.

Allerdings fand Dung auch im Alten Ägypten ungewöhnliche Anwendung, z.B. Krokodildung vermischt mit Honig als Verhütungsmittel. Dabei wurde es tatsächlich in die Vagina eingeführt um eine ungewollte Schwangerschaft zu vermeiden. Und nicht zuletzt galt der Mistkäfer der aus Dung seine Kugeln formte als Sonnen- und damit Lebenssymbol schlechthin, man wusste also durchaus um die wachstumsfördernden Eigenschaften von Mist. Im Rollen der Mistkugeln durch den Skarabäus sah man ein Gleichnis der über den Himmel ziehenden Sonnenscheibe.

Skarabäus mit Sonnenscheibe aus dem Grab des Tutenchamun, Foto: Jon Bodsworth, Wikipedia

  • Natron

DSC_0037Das Reinigungsmittel schlechthin war Natron und zwar gleichzeitig zu weltlichen wie auch zu magischen Zwecken. Es wurde gekaut, in Wasser aufgelöst und zu Waschungen benutzt und nicht zuletzt wurde es bei der Mummifizierung verwendet um die Mumien “von allem Weltlichen zu reinigen” und sie zu dehydrieren um sie anschließend mit Ölen und Harzen zu tränken und für die Ewigkeit haltbar zu machen. Priester vollzogen z.B. mehrmals am Tag und mehrmals nachts Waschungen mit Natronlösung, Mischungen mit Natron, Zitrone und Ölen wurde als Deodorant benutzt.

DSC_0040Gewonnen wurde Natron aus den ägyptischen Natronseen aus der Sketischen Wüste Wadi-an-Natrun auch Sechet-hemat (“Salzfeld”) genannt, die ca. 100 km südöstlich von Alexandria und südwestlich des Nildeltas liegt.

Reines Natron ist natürlich stark ätzend und nicht zu verwenden, jedoch hat sich im modernen Kemetismus die Anwendung eines Küchennatron-Salz-Gemisches etabliert, dass dem echten Natron von der chemischen Zusammensetzung am Nächsten kommt. Es wird mit Wasser aufgekocht und anschließend so lange getrocknet, bis es auskristallisiert. Man kann es als wässrige Lösung für die Körperpflege verwenden, um Amulette, Ritualgegenstände, Schreine oder Statuen zu reinigen oder in die Luft gesprüht sogar zur Raumreinigung benutzen.

Natronsee in Tansania, Lengai from Natron“ von Clem23 – Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons

 

  • Kräuter, Pflanzen und Früchte

Die Alten Ägypter besaßen eine umfangreiche Pflanzenmedizin, die hier in wenigen Sätzen zu erfassen schier unmöglich ist. Viele Kräuter, Pflanzen und Früchte gibt es heute noch, wie Myrrhe, Koriander, Zimt, Kardamom, Galgant, Zitrone, Fenchel, Kümmel, Zwiebeln, Feigen, Datteln, Granatapfel, Papyrus, Lattich, Lotus uvm. Bei einigen Pflanzen lässt sich aber nicht mehr rekonstruieren um welches Gewächs es sich handelt. Berauschende Pflanzen fanden ebenso Anwendung wie zahlreiche Küchengewürze zusammen mit Ölen und Harzen. Sie wurden verräuchert, gegessen, in Öl eingelegt zur Einreibung verwendet, als Schutzamulett getragen usw. Die Ägypter waren eine Agrarkultur, so dass viele der genutzten Gewächse im großen Stil angebaut wurden. Manche Pflanzen wurden auch bestimmten Gottheiten zugeordnet sowie der Lattich, der mit Seth und Min assoziiert wurde. Der Papyrus war die Pflanze Unterägyptens und der Lotos eines der Symbole für Oberägypten. Insbesondere der Lotos galt neben dem Skarabäus auch als Symbol der Wiederauferstehenung, was auf die Eigenschaft der Blüten zurückzuführen ist beim Sonnenaufgang die Kelche zu öffnen.

„Nymphaea lotus (1)“ von Ben Yanis from Wilmington, DE, USA – [1]Uploaded by Epibase. Lizenziert unter CC BY 2.0 über Wikimedia Commons

  • Schlußwort

Natürlich ließe sich noch endlos über magische Substanzen referieren. Dies soll lediglich einen kleinen Einblick in das hochkomplexe System altägyptischer Magie gewähren und hoffentlich die eine oder andere Inspiration zur Gestaltung von Ritualen und rituellen Utensilien bieten.

Zusammenfassend kann man sagen, dass die magische Stoffkunde der Altägypter sehr eng mit der Mythologie verknüpft ist und von dort ihre spezifische Bedeutung erhält.

 Quellen und Literatur
Wirtschaftsgeschichte des Alten Ägypten im dritten und zweiten Jahrtausend, Wolfgang Helck
The Mechanic of Ancient Egyptian Magical Practise, Robert K. Ritner
An Ancient Egyptian Herbal, Lisa Manniche

 

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