Heiliger Kakao – Ein Stoff der Liebe?

Ein neuer Trend in der Neoschamanenszene ist in letzter Zeit im Kielwasser der sich  häufenden Ayahuasca Zeremonien zu bemerken. Wer einen nicht ganz so psychedelischen, milden Rausch bevorzugt und eine wohlschmeckende Variante dem bitterem Pflanzengebräu vorzieht, der probiert die Kakaozeremonie. Zentrum dieses neuen Trends scheint Berlin zu sein, wo der selbsternannte Kakao-Schamane Keith dieses spirituelle Happening anbietet. Auch die Partyszene soll davor nicht halt gemacht haben, die sanft anregende Wirkung des Kakaos, die weit länger hält als das Koffein der Energydrinks soll für Ausdauer beim Feiern sorgen.

Kakaofrüchte; Foto: Rhaessner, Wikimedia Commons

Was ist eigentlich drin im Kakao?

Tatsächlich enthält Kakao Wirkstoffe, die eine anregende, pulsbeschleunigende Wirkung haben. Allen voran ist hier das Theobromin von größtem Interesse, das in einer Konzentration von 1,2% in der Kakaobohne zu finden ist. Theobromin ist dem Koffein chemisch nicht unähnlich hat aber eine beinahe konträre Wirkung. Im Gegensatz zu Koffein wirkt es gefäßerweiternd, harntreibend und entspannend auf die glatte Muskulatur, also auf den Verdauungstrakt. Außerdem wirkt es in höheren Dosen pulsbeschleunigend, was als anregende Wirkung empfunden wird. In der modernen Pharmakologie hat es kaum Bedeutung lediglich bei Pferden wird es als Dopingsubstanz angewendet. Für Hunde und Katzen dagegen ist Theobromin giftig.

Neben dem Theobromin enthält Kakao auch noch Serotonin und Dopamin, die beide anregend und stimmungsaufhellend wirken würden, nur leider sind die beiden Moleküle so groß, dass sie die Bluthirnschranke nicht passieren können und die gewünschte Wirkung wahrscheinlich äußerst überschaubar bleibt. Serotonin wirkt durchaus auch in der Körperperipherie, allerdings besteht die Wirkung vor allem darin Übelkeit und vermehrte Darmbewegungen zu verursachen.

Kakao enthält aber auch die Serotoninvorstufe Tryptophan eine Aminosäure, die die Blut-Hirn-Schranke passieren kann und von der Hirnanhangdrüse in Serotonin umgewandelt werden kann. Die Passage funktioniert dann besonders gut, wenn mit dem Tryptophan auch Zucker aufgenommen wird und anschließend sofort irgendeine Form von körperlicher Aktivität folgt. Die stimmungsaufhellende Wirkung von Schokolade erklärt sich auf diese Weise. Abends eingenommen bewirkt Tryptophan eher Schläfrigkeit, da es vorzugsweise in das Schlafhormon Melatonin umgewandelt wird.

Auch der hohe Magnesiumgehalt hat eine relaxierende Wirkung auf die Muskulatur und gilt als nervenstärkend insbesondere zusammen mit den B-Vitaminen. Kakao ist also definitiv ein gesundes Lebensmittel. In der Schwangerschaft konsumiert, senkt es sogar das Risiko einer Präklampsie.

Kakao in Maya Schrift, Wikimedia Commons, Bild: VVVladimir

Mythologie des Kakaos – Blutopfer und kriegerische Götter

Der Name des Kakao stammt aus dem Nahuatl, der auch heute noch gesprochenen Sprache der Azteken, von dem Wort “cacahuatl”. Es bedeutet “bitteres Wasser”. Es stammt von einer Pflanze namens Theobroma cacao, dem Kakaobaum, ein Malvengewächs.

Den Berichten über die heilige Kakao Zeremonie ist nun zu entnehmen, dass ein indigener Mythos erzähle, “dass, wann immer das Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur bedroht ist, der Geist des Kakaos aus dem Regenwald kommt, um die Herzen der Menschen zu öffnen und den Planeten wieder in einen Zustand der Harmonie zu begleiten.” Kakaozeremonie bedeute Heilung durch Liebe, heisst es dort.

Menschenopfer bei den Azteken, Wikimedia Commons, Darstellung aus dem Codex Magliabechiano

Die historische Realität sieht leider ein wenig anders aus. In der Maya Mythologie wurde Kakao den Menschen von der gefiederten Schlange gegeben, die mit dem Gott Quetzalcoatl assoziiert wird. Bei den Azteken gibt es einen ähnlichen Mythos der besagt, dass Kakao vom gleichnamigen Quetzalcoatl, einem wichtigen Schöpfer- und Weltengott, entdeckt wurde. Bei den Maya wurde alljährlich zu Ehren des Gottes Ek Chuah, auch bekannt als der “schwarze Kriegsherr” oder der schwarze Skorpion”, ein Fest gefeiert bei dem traditionell eine Hund geopfert wurde, der vorher mit Kakao bemalt war, sowie weitere Tiere. Bei den Azteken wurden Quetzalcoatl zu Ehren Priestern die Ohrläppchen durchbohrt um den Kakao mit Blut zu benetzen und anschließend dem Gott zu opfern. Für Frauen und Kinder, so glaubte man, sei Kakao giftig.

Diese sehr archaischen Rituale waren durchaus üblich in den frühen mesoamerikanischen Kulturen. Der Mythologie zufolge standen die Menschen in der Schuld der Götter, die für das Fortbestehen der Welt und der Menschen ihr eigenes Leben hingaben. Man vermutet dass der Brauch Menschen und auch Tiere zu opfern, daher stammt. Das frische Blut sollte die Lebenskraft der Götter anregen und damit den Weltuntergang auch künftig verhindern. In Nahuatl heißt Opfer “Nextlaoalli”, was wörtlich übersetzt “die Schuld bezahlen” bedeutet.

Kakao war kein Grundnahrungsmittel, sondern vor allem eine Opfergabe an die Götter und ein Ritualtrunk. Kakaobohnen wurden u.a. auch als Währung verwendet.

Kakao heute – Sklaverei und Cadmium

Über die spanischen Eroberer kam Kakao auch nach Europa. Als die Azteken in einem blutigen Krieg von den Spaniern besiegt wurde, fand das “braune Gold” schnell Anklang als Exportgut. Bereits zur Kolonialzeit wurde Kakao mithilfe von Sklavenarbeit für den europäischen Markt angebaut.

Auch heute ist Kakao neben Kaffee ein wichtiger Exportstoff von Entwicklungsländern. Insbesondere in Westafrika wird Kakao auch mit Hilfe von Kinderhandel und -sklaverei angebaut. Kleinbauern und Landarbeiter müssen oft weit unter dem Existenzminimum für den Anbau arbeiten. Gerade bei Kakao lohnt es sich also auf FairTrade Produkte zurückzugreifen.

Kinderarbeit in Afrika, Wikimedia Commons, Foto: Julien Harneis

Kritisch ist häufig auch die hohe Cadmiumbelastung des Kakaos, der aus dem Böden stammt, wo Kakao angebaut wird. Im Moment gibt es dafür noch keine Grenzwertregelung. Das gleiche gilt auch für Pestizide, die in hohem Maße eingesetzt werden, das trifft nicht nur die Kakaokonsumenten sondern in hohem Maße auch die Plantagenarbeiter.

Kakao – ein Stoff der Liebe?

Die biochemische Wirkung des Kakao ist sicherlich nicht von der Hand zu weisen, aber der Mythos, der darum geschürt wird, ist leider als weitgehend erfunden einzustufen. Auch die menschenunwürdigen Anbaubedingungen wirken im Zusammenhang mit der propagierten “Liebe der Götter” fast ein wenig zynisch. Ob das der ideale Stoff ist um “sein Herz zu zentrieren” wie es der Erfinder dieser Zeremonien verspricht bleibt mehr als fraglich.

Wer sich übrigens über die moderne Mexika (“aztekische”) Tradition informieren möchte, dem sei dieses Interview mit einem modernen Mexika Paganen empfohlen:

Auf den Spuren der Azteken – Mexika Polytheismus

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Walking in the footsteps of the Aztecs – Mexica polytheism

I was very pleased to learn that there is actually a pagan reconstructionist path for Mexika or “Aztec” polytheism. When I heard about it I immediately asked for an interview.

Angel Rivera Rubio i s a follower oft he revitalization of the Aztec religion and was so kind to answer my questions about his religious practice. Wenn you think about the Aztecs the first thoughts that come to your mind tend to be things like impressive pyramide-like buildings, a bunch of conspiracy theories and human sacrifice. But of course there is much more to say about the Mesoamerican Nahua culture.

Aztec ruins, Wikimedia Commons, Photo: Rationalobserver

What fascinates me most is the fact that Mexica polytheists view themselves in the debt of the gods. While most European pagans never get tired of emphasizing their refusal to whorship gods and bow to them in a Christian manner, Aztec polytheists have completely acknowledged a mythical debt created by the gods self-sacrifice in order to save the earth and all life on it from armageddon. So obviously Mexica polytheism requires a high amount of devotion.

One of the creation myths, the legend of the suns, describes the creation of five suns each representing an era, ruled by a particular deity and inhabited by particular beings. The first four ended in a disastrous scenery while the fifth represents the current age and is inhabited by mankind and the beings known to us. The reason why this age is still ongoing is a minor deity who sacrificed himself in a fire in order to give his life force to the sun. Accordingly further deities now have to sacrifice themselves in order to keep the sun cycles going. It is assumed that this myth might have served as a motivation for the practice of human sacrifice. Of course human sacrifice is not being practiced nowadays but the followers of the Nahua religion still acknowledge their debt and honor the act of divine self-sacrifce within their rites.

Mexica Dancing in Ixcateopan. Dancing close to the tomb of the last Azteca Emperor Cuauhtemoc, Wikimedia Commons, Photo: Claudio Giovenzana http://www.longwalk.it

The Spanish Conquista has wiped out a lot of the Mesoamerican memory. The Spanish conquistadores felt it was their holy duty to extinguish the “Aztec blasphemy” and establish Christianity in Mesoamerica. It is still not quite clear how much of the horror stories about the Aztec religion is largely Spanish exaggeration or authentic ancient practice. Yet one thing can certainly not be denied, the Aztecs have been a fascinating and advanced civilization absolutely worth learning about. Besides all the sinister peculiarities there are many interesting and inspiring facts about the Aztec culture which are definitely precious enough to keep the tradition alive today.

 

INTERVIEW

Interview:

1. How would you describe Mexica reconstructionism in a few words to somebody who has never heard of it at all?
The revitalization of the pre-Hispanic polytheist religion of the Nahuas (from which the Mexicas/Aztecs where part) on a reconstructionist approach

2. What is the core or main purpose of Mexica reconstructionism in your opinion?
Well first would be to acknowledge the debt we have with the Teteoh (the gods) for giving us life and secondly to prevent that Tlazolli (the things that are not in order/place) get out of control.

3. Is there still a living culture of Mexica polytheism in Mexico today and how many people are following it approx. today?
Unfortunately polytheism died with the conquest, there’s however some syncretic forms and some folklore that can help us with the reconstruction of this traditions, as for the number of followers im not really sure, judging by the some posts on internet I would say that maybe some dozens or a couple of hundreds

4. Which are the main gods being worshipped in Mexica recontructionism. Can you give a few examples?
Probably the four Tezcatlipocas could be consider some of the most important deities as they are the makers of the world, they are Tezcatlipoca, Xipe Totec. Quetzalcaatl, Huitzilopochtli

5. Which are the main festivals or rituals and how do you celebrate or perform these?
I usually offer copal and blood (I pinch my finger with a needle) to the Teteoh (we don’t have a lot of information about household worship so we rely on modern approximations and UPG).
As for the festivals the Mexicas had two different calendars the Tonalpohualli (the 260 days ritual calendar that help to predict the future of the people born on each sign) and the Xiuhpohualli (the 365 days “regular” calendar divided on 18 months of 20 days each) and it’s with this last calendar that festivals are calculated (each month is dedicated to a specific deity).

Aztec calender, Wikimedia Commons, Photo: Rengarajang

6. What is the mexica polytheist view on afterlife?
Afterlife is based on your cause of death, in that way people who die at war goes with Tonatiuh (the sun god) and follow him on his travel during the day, people who die by water related causes goes to Tlalocan where Tlaloc (the rain god) governs.

7. A lot of people think of human sacrifice when they hear about Aztecs. How do you deal with this topic as a modern reconstructionist?
Human sacrifice was a big part of the Mexica religion, in Nahuatl (the language of the aztecs) sacrifices is Nextlaoalli (paying a debt),as the gods sacrifice themselves (Nanahuatzin jump into a pire to became Tonatiuh the sun, and Quetzalcoatl gave his blood to “remake” the human species), however the self-sacrifice was also important, and its this practice the one that most reconstructionist do nowadays as a way to thanks the Teteoh.

Aztec ritual human sacrifice portrayed in the  Codex Magliabechiano, Wikimedia Commons

8. Many European pagans refer to christianization as a reason for pre-christian cultures to disappear. Has anything similar happened to Mesoamerican pre-christian cultures, too? What is your personal view on this?
Well, yes, the arrival of the Conquistadores marked a point of no return on the traditional religions.

9. How does one become a follower of mexica polytheism? Can anyone decide to be part of this movement? How did you become part of it?
Well I think that every person that feel the call of the Teteoh can became a follower, as to how I became part of it well I started first learning about European Polytheist traditions however I have felt a connection with the Mexicas for a long time, becoming a polytheist made me realize that the Teteoh could be approach just as people approach other gods, and from that point one thing led to another.

Aztec warriors, Codex Mendoza, Wikimedia Commons

10. Can you recommend any books on this topic (preferably English) if somebody would like to get more informed about this path?
Well there aren’t really books about Mexica reconstructionism, however some academic books could help the people interested to understand the worldview of the Mexica
• The Aztecs: People of the Sun (Civilization of the American Indian) by Alfonso Caso
• Daily Life of the Aztecs by Jacques Soustelle
• The Gods and Symbols of Ancient Mexico and the Maya by Mary Millerand Karl Taub
• The Slippery Earth: Nahua-Christian Moral Dialogue in Sixteenth-Century Mexico [Louise M. Burkhart
• The Myths of the Opossum: Pathways of Mesoamerican Mythology and Human Body and Ideology Concepts of the Ancient Nahuas by Alfredo L. Austin

***
Thank you very much, Angel, for your time and patience to give us an insight in how Aztec polytheism is being practiced today.

 

Facebook-page of Angel
Huehue Tlamanitiliztli: Nahua Polytheism – Prehispanic Reconstructionism

Huehue Tlamanitiliztli: Nahua Polytheism - Prehispanic Reconstructionism

 

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Auf den Spuren der Azteken – Moderner Mexica Rekonstruktionismus

Also ich hörte, dass es tatsächlich so etwas wie aztekischen bzw. “Mexica” Rekonstruktionismus gibt, war ich freudig überrascht. Ich nahm sofort Kontakt auf und bat um ein Interview. Angel Rivera Rubio folgt der wiederbelebten Religion der Azteken und war so nett meine Fragen über seine religiöse Praxis zu beantworten.

Wenn man an die Azteken denkt, sind die ersten Dinge die einem in den Sinn kommen beeindruckende pyramidenartige Bauten, ein Haufen wilder Verschwörungstheorien und natürlich Menschenopfer. Aber natürlich gibt es weit mehr über die mesoamerikanische Nahua Kultur zu berichten.

Aztekische Ruinen, Wikimedia Commons, Foto: Rationalobserver

Was mich am meisten fasziniert, ist die Tatsache, dass die Menschen im aztekischen Polytheismus sich in der Schuld der Götter sehen. Während die meisten mitteleuropäischen Heiden nie müde werden zu betonen, dass sie sich weigern Götter “anzubeten” oder ihr Haupt ehrfürchtig vor ihnen zu senken, wie es nur die Christen täten, haben die aztekischen Heiden ganz und gar ihre mythische Schuld gegenüber den Göttern akzeptiert. Diese Schuld sehen sie darin begründet, dass sich die Götter einst selbst  geopfert haben um alles Leben und die Welt vor dem Untergang zu retten. Offensichtlich gehört also ein großes Maß an Hingabe zum Mexica Polytheismus.

Eines der Schöpfungsmythen, die sogenannte Legende der Sonnen, berichtet von der Erschaffung der fünf Sonnen. Jede von diesen repräsentiert ein Zeitalter, welches von einer bestimmten Gottheit regiert wird und von jeweils unterschiedlichen Wesen besiedelt ist. Die ersten vier dieser Zeitalter endeten in einer riesigen Katastrophe, das fünfte jedoch ist das aktuelle Zeitalter, das von Menschen und den uns bekannten Wesen besiedelt ist.

Der Grund warum dieses Zeitalter noch besteht ist die Selbstopferung einer kleineren Gottheit, der sich in einem Feuer verbrennt um der Sonne seine Lebenskraft zu schenken. Um den Fortbestand der Sonne auch weiterhin zu garantieren, müssen sich weitere Götter stets aufs Neue opfern. Man geht davon aus, dass dieser Mythos auch den Antrieb für die bei den Azteken üblichen Menschenopfer bildete. Natürlich werden Menschenopfer heute nicht mehr praktiziert, doch die Menschen, die der aztekischen Religion heute folgen, erkennen die Schuld der Menschen gegenüber den Göttern nach wie vor an und ehren diese Selbstopferung der Götter in ihren Riten.

Mexica Tänze in Ixcateopan nahe des Grabes des letzten aztekischen Herrschers Cuauhtemoc, Wikimedia Commons, Foto: Claudio Giovenzana http://www.longwalk.it

Die spanische Conquista hat die Erinnerung an die Aztken sowie an andere mesoamerikanische Völker weitestegehend ausgelöscht. Die spanischen Eroberer erachteten es als ihre heilige Pflicht die “aztekische Götteslästerung” auszulöschen und das Christentum in Mittelamerika zu etablieren. Es ist nach wie vor nicht ganz sicher, was von den Horrorgeschichten spanische Übertreibung und was authentische Überlieferung darstellt.

Eines jedoch ist unbestritten, die Azteken waren eine faszinierende, vielschichtige und hochentwickelte Zivilisation, die es definitiv wert ist studiert zu werden. Neben all den finsteren Eigenarten gibt es doch viele interessante und inspirierende Fakten über die aztekische Kultur zu erfahren, die es allemal wert ist auch heute als lebendige Praxis weitergeführt zu werden.

INTERVIEW

1. Wie würdest Du den Mexica Rekonstruktionismus jemandem erklären, der noch nie davon gehört hat?
Die Wiederbelebung der prehispanischen polytheistischen Religion der Nahuas (deren Teil die Mexicas/Azteken waren) auf der Basis einer rekonstruktionistische Herangehensweise.

2. Was ist Deiner Ansicht nach der Kern der Mexica Praxis?
Nun, zunächst ist dies die Schuld zu akzeptieren, die wir den Teteoh (den Göttern) gegenüber haben für das Leben, dass sie uns gaben und zum zweiten, zu verhindern, dass Tlazolli (die Dinge die nicht in Ordnung/an ihrem Platz sind) außer Kontrolle gerät.

3. Gibt es heute immer noch eine lebendige Mexica Polytheismus Kultur und wie viele gehören dieser ungefähr an?
Leider ist der Polytheismus mit der spanischen Eroberung ausgestorben, es gibt jedoch einige synkretistische Formen und Volksbräuche, die uns helfen können die Tradition zu rekonstruieren. Was die Zahl der Rekonstruktionisten angeht, das kann ich nicht mit Sicherheit sagen, aber nach dem was ich im Internet wahrnehme würde ich vermuten, dass es sich um einige Duzend oder vielleicht einige hundert handelt.

4. Welches sind die wichtigsten Götter die im Mexica Rekonstruktionismus verehrt werden. Kannst Du ein paar Beispiele nennen?
Ich würde sagen die vier Tezcatlipocas könnte man als die wichtigsten Gottheiten bezeichnen, denn sie sind die Schöpfer der Welt. Diese sind Tezcatlipoca, Xipe Totec, Quetzalcaatl und Huitzilopochtli.

5. Welches sind die wichtigsten Feste oder Rituale die ihr feiert und wie begeht ihr diese?
Üblicherweise opfere ich den Teteoh Copal und Blut (ich steche mir dazu in den Finger). Leider gibt es nicht sehr viele Informationen über den privaten Kult, so dass wir uns auf moderne Vermutungen und UPG [unbewiesene persönliche Erkenntnisse – Anm. der Autorin] verlassen müssen.

Aztekischer Kalenderm Wikimedia Commons, Foto: Rengarajang

Was die Feste angeht, so hatten die Mexicas zwei verschiedene Kalender, den Tonalpohualli, ein 260 Tage Ritualkalender der dazu diente die Zukunft der Menschen vorherzusagen je nachdem in welchem Zeichen sie geboren wurden, und der Xiuhpohualli, ein 365 Tage Kalender des täglichen Gebrauchs der in 18 Monate zu je 20 Tagen eingeteilt war. Letzterer ist ausschlaggebend für die Berechnung der Festtage, denn jeder Monat ist einer bestimmten Gottheit gewidmet.

6. Wie ist die Mexica Vorstellung vom Leben nach dem Tod?
Das Leben nach dem Tod hängt davon ab, wie man gestorben ist, das heißt die Menschen die im Krieg zu Tode kommen gehen zu Tonatiuh, dem Sonnengott, und folgen ihm auf seiner Reise durch den Tag und Menschen die Aufgrund von Umständen sterben, die mit Wasser zu tun haben gehen nach Tlalocan wo Tlaloc, der Regengott, herrscht.

7. Sehr viele Leute denken an Menschenopfer wenn sie von den Aztken hören. Wie gehst Du damit als moderner Rekonstruktionist um?
Menschenopfer waren ein bedeutender Bestandteil der Mexica Religion. In Nahuatl, der Sprache der Azteken, heißt Opfer Nextlaoalli, das bedeutet “die Schuld bezahlen”, da sich die Götter selbst für uns geopfert haben. Nanahuatzin sprang in ein Feuer um Tonatiuh, die Sonne zu werden und Quetzalcoatl gab sein Blut um die menschliche Spezies wieder herzustellen. Obwohl die Selbstopferung natürlich auch wichtig war, ist es letztere Praxis, die von modernen Rekonstruktionisten genutzt wird um ihren Dank an die Teteoh auszudrücken.

Aztektisches Menschenopferritual, auf Seite 141 des Codex Magliabechiano 16. Jahrhundert, Wikimedia Commons

8. Viele europäischen Heiden sehen die Christianisierung als Hauptgrund für das Verschwinden der prächristlichen Kulturen. Gibt es eine ähnliche Begebenheit für die prächristliche Kultur Mittelamerikas?
Nun, ja, das Eintreffen der spanischen Eroberer stellt einen “point of no return” für die traditionellen Religionen dar.

9. Wie wird man zu einem Praktizierenden des Mexica Polytheismus? Kann jeder sich entscheiden Teil dieser Bewegung zu werden? Wie bist Du Teil davon geworden?
Nun, ich denke, jeder der den Ruf der Teteoh vernimmt kann dieser Religion folgen. Was mich betrifft, so habe ich mich zuerst mit den europäischen polytheistischen Traditionen beschäftigt, spürte aber schon lange eine starke Verbindung zu den Mexikas. Indem ich Polytheist wurde, erkannte ich, dass ich mich den Teteoh gleichermaßen nähern konnte, wie andere Leute sich anderen Gottheiten nähern und von da ab folgte ein Schritt dem anderen.

Aztekische Krieger aus dem Codex Mendoza, Wikimedia Commons

10. Kannst Du Bücher zu diesem Thema empfehlen, falls sich jemand eingehender mit diesem Pfad auseinandersetzen möchte?
Leider gibt es nicht sehr viele Bücher über den Mexika Rekonstruktionismus, aber ist gibt einige akademische Bücher, die hilfreich sein könnten, wenn jemand das Weltbild der Mexica näher verstehen möchte:
• The Aztecs: People of the Sun (Civilization of the American Indian) by Alfonso Caso
• Daily Life of the Aztecs by Jacques Soustelle
• The Gods and Symbols of Ancient Mexico and the Maya by Mary Millerand Karl Taub
• The Slippery Earth: Nahua-Christian Moral Dialogue in Sixteenth-Century Mexico Louise M. Burkhart
• The Myths of the Opossum: Pathways of Mesoamerican Mythology and Human Body and Ideology Concepts of the Ancient Nahuas by Alfredo L. Austin

Lieber Angel, ich danke Dir sehr für Deine Zeit und Deine Geduld uns einen so spannenden Einblick in den aztekischen Polytheismus und wie er heute praktiziert wird zu gewähren!

Zur Facebook-Seite von Angel
Huehue Tlamanitiliztli: Nahua Polytheism – Prehispanic Reconstructionism

Huehue Tlamanitiliztli: Nahua Polytheism - Prehispanic Reconstructionism

 

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Kemetische Orthodoxie – Mein Weg in das House of Netjer

Um das “House of Netjer”, einem der größten kemetischen Tempel der Welt, unter der Leitung von Rev. Tamara L. Siuda und die moderne Tradition der “Kemetic Orthodoxy” ranken sich viele Gerüchte. Sie reichen vom Vorwurf des dunklen Sektentums, über Machtmißbrauchvorwürfe, bis hin zu dubiosen magischen Praktiken, die angeblich von den Mitgliedern durchgeführt werden.

Da ich mich Anfang diesen Jahres entschlossen habe, mich dem Aufnahmeverfahren in das House of Netjer zu unterziehen, möchte ich im Folgenden schildern, wie genau das abläuft, wie die Glaubensinhalte aussehen, wie sich die Gemeinschaft zusammensetzt und wie meine persönlichen Eindrücke auf dem Weg zum “Remetj”, also zum Mitglied des House of Netjer, waren.

Hauptschrein im House of Netjer

Gründung und Glaubensinhalte

Das House of Netjer wurde in den späten 80ern von Rev. Tamara L. Siuda in Chicago, Illinois gegründet. Tamara (47) ist Ägyptologin und Koptologin, Autorin und war schon in einigen BBC Sendungen über das Alte Ägypten zu sehen. Die Kemetische Orthodoxie versteht sich als rekonstruktionistische Religion, die an den authentischen Glauben und die Riten der Alten Ägypter anknüpft. “Kemetic” stammt von der mittelägyptischen Bezeichnung “Kemet” für das Alte Ägypten und “Orthodoxy” bezieht sich im eigentlichen Sinne des Wortes Orthodoxie auf das Bestreben die Tradition so authentisch wie möglich zu erhalten.

Die Kemetische Orthodoxie ist den traditionellen afrikanischen Religionen nicht unähnlich (wie den westafrikanischen Religionen der Yoruba-, Akan-, Kongo- und Dahomeyan-Völker und den afro-karibischen Praktiken von Vodou, Candomble und Lukumi ) sowie spirituellen Praktiken aus dem nordöstlichen Afrika und dem Alten Orient. Die Tatsache, dass Rev. Tamara Siuda seit mehr als 15 Jahren auch initiierte Mambo im Haitianischen Vodou ist (“Mambo T” oder “Mambo Chita Tann”), ist daher nicht verwunderlich.

Rev. Tamara L. Siuda

Bewerbung für die Aufnahme in das House of Netjer

Die Bewerbung für den sog. “Beginner’s course” erfolgt über ein Online-Formular. Hier beantwortet man neben einigen personenbezogenen Daten, Fragen zum religiösen bzw. spirituellen Hintergrund, Beweggründe der Bewerbung, und es wird auch gleich gefragt, ob man bereit ist einer hierarchisch strukturierten, konservativ organisierten Tradition mit festgeschriebenen Abläufen zu folgen. Gleichzeitig wird darauf hingewiesen, dass man als Basismitglied, also als Remetj, nicht verpflichtet ist irgendeiner anderen Religion zu entsagen. Die Aufnahme in das House of Netjer stellt kein Glaubensbekenntnis dar, sondern lediglich die Aufnahme in eine religiöse Gemeinschaft. Die Konvertierung wird nur dann relevant, wenn man eine priesterliche Laufbahn anstrebt.

Auch verpflichtet man sich zur uneingeschränkten Toleranz gegenüber Andersgläubigen, Menschen aller Geschlechter, jedweder sexueller Orientierung, unabhängig von ethnischem Hintergrund, sowie körperlichen oder geistigen Einschränkungen. Das House of Netjer positioniert sich eindeutig als anti-diskriminierend und erwartet selbiges auch von den Mitgliedern.

Online-Kurs

Der kostenlose Kurs ist in 10 “Lessons” gegliedert beginnend mit der Lesson 0 und endend mit der Lesson 9. Man erhält diese per Email und je nach Umfang kommen ca. alle 7-14 Tage entsprechende Mails. Zu jedem der einzelnen Unterrichtseinheiten gibt es ein Quiz bestehend aus ca. 10 Fragen die als Lernkontrolle dienen. Die Fragen sendet man zurück an die betreuende Priesterin, die sie überprüft und ggf. mit erklärenden Kommentaren zurücksendet. Der Arbeitsaufwand dafür liegt bei ca. 30 Minuten bis einer Stunde pro Unterrichtseinheit.

Zu jeder Unterrichtseinheit gibt es jeweils einen wöchentlichen Chat unter der Leitung der zuständigen Priesterin in der nochmal auf das aktuelle Lernthema eingegangen wird und Fragen gestellt werden können. Einige Lessons enthalten praktische Aufgaben, wie Rituale oder magische Handlungen, die durchgeführt werden sollen und anschließend diskutiert werden, wie zB. die Einrichtung eines Schreins oder Rituale zur Kontaktaufnahme mit den Göttern. Jeder Chatlog wird anschließend an alle Teilnehmer des Kurses versendet, so dass man nichts verpasst, wenn man an diesem nicht teilnehmen konnte. Zum Schluss des Kurses hin erscheint auch Rev. Tamara L. Siuda selbst im Chat, so dass man sich mit ihr persönlich unterhalten kann.

In den Unterrichtsdokumenten erfährt man die Grundlagen der Religion, die Organisationstruktur des House of Netjer mit den einzelnen Priestergraden, Wissenswertes über die Funktion der sog. “Nisut”, also das religiöse Oberhaupt der Kemetischen Orthodoxie, die kemetische Kosmologie, die magische Praxis (die für jeden, also auch nicht-priesterliche Kemeten, zugänglich ist), Ritualanleitungen für Standardrituale und Gebete. Dabei wird auch immer wieder auf mögliche Fragen und Mißverstänndisse eingegangen, die in diesem Zusammenhang häufiger auftauchen. Großen Wert wird darauf gelegt, die Inhalte so transparant wie möglich darzustellen und auch immer wieder darauf hinzuweisen, dass wirklich keinerlei Zwang oder Indoktrination beabsichtigt wird, sondern stets die absolute Freiwilligkeit gewährleistet bleibt.

Den Kurs kann man auch zu reinen Informationszwecken durchlaufen ohne hinterher Remetj zu werden. Dabei kann man sich die Lessons einfach regelmäßig zusenden lassen und ist nicht verpflichtet weitere Aktivitäten zu unternehmen.

Betreuung

Die House of Netjer Foren stehen einem jederzeit zur Verfügung, egal ob Mitglied, Anwärter oder auch einfach nur Interessierter. Während des Kurses erhält man außerdem Zugang zu speziellen Forenbereichen, die für die Kursschüler bereitsgestellt werden um wiederrum Fragen anbringen oder persönliche Anliegen diskutieren zu können. Auch hier sind wiederrum jederzeit Priester und Priesterinnen verfügbar die stets schnell, freundlich, fürsorglich und kompetent auf Fragen eingehen. Gerade auch in misslichen Lebenslagen, kann man sogar um priesterliche Intervention bitten und um Fürbitten oder Segen ersuchen.

House of Netjer Forum

Jedes Email enthält den Hinweis, dass Priester jederzeit und rund um die Uhr persönlich kontaktiert werden können, was wirklich größten Respekt verdient, denn es handelt sich hier um eine rein ehrenamtliche Tätigkeit von Menschen die ein ganz normales bürgerliches Leben mit Job und Familie führen und die religiöse Arbeit zusätzlich in ihrer Freizeit verrichten.

Auch ein hauseigenes Wiki gibt es, so dass man sich jederzeit selbständig über verschiedene Dinge der Kemetischen Orthodoxie informieren kann. Inzwischen steht auch ein großer Teil der Informationen auf Deutsch, Französisch, Spanisch oder Portugiesisch zur Verfügung. Englischkenntnisse sind aber dennoch erforderlich, da der Großteil der Kommunikation immer noch auf Englisch stattfindet.

Nisut (AUS) und Priesterschaft

Vielen modernen Heiden sind hierarchische Strukturen natürlich ein Greuel, daher möchte ich hier kurz auf die Organsiationsstruktur des House of Netjer eingehen. Da in der altägyptischen Religion wie auch in der Kemetischen Orthodoxie zwischen Staatskult und privatem Kult unterschieden wird, ist für ersteren eine priesterliche Struktur erforderlich um den entsprechenden Staatskult zu verrichten. Dieser dient dazu das kemetische Volk, dass ja nicht mehr geographisch sondern rein virtuell besteht, zu schützen und mit dem Segen der Götter zu versorgen. Nisut (AUS) -mit diesem Titel wird Rev. Tamara Siuda angesprochen, was soviel wie “Pharaonin” oder “Königin” bedeutet- fungiert dabei als oberste Priesterin, ähnlich wie der Papst für die katholische Kirche. Der Pharao bzw. die Pharaonin ist der Träger des “königlichen Ka” also des Ka des Horus, damit sich die göttlichen Kräfte auf Erden für alle Menschen manifestieren können.

Politische Aufgaben sind damit freilich nicht mehr verknüpft, weil Kemet als Staat nicht mehr existiert. Die Priester und Priesterinnen sind dabei sozusagen der verlängerte Arm der Nisut, denn sie kann ja nicht überall gleichzeitig sein. Man legt auf eine umfassende, jederzeit verfügbare Betreuung größten Wert und diese Aufgabe übernehmen vor allem die Priester und Priesterinnen. Im Tempel in  USA selbst gibt es natürlich auch noch Priester die unmittelbar an den Kulthandlungen teilnehmen, die außerhalb des Internets stattfinden.

Das Amt der Nisut ist also ein rein dienendes Amt zum Wohle aller Kemeten, die sich dem House of Netjer angeschlossen haben. Davon vollkommen unabhänig ist der private Kult. Jedes Mitglied der Kemetischen Orthodoxie kann ganz wie es ihm gefällt Kontakt mit den Göttern aufnehmen und seinen privaten Kult betreiben. Priester wie Nisut, oder auch andere erfahrene Remetj stehen einem dabei über die bekannten Medien jederzeit mit Rat und Tat zur Verfügung oder auch einfach nur zum lockeren Austausch.

Die Pharaonine Hatschepsut, ca. 1473-1458 v.Chr.

Aufnahme in das House of Netjer

Gegen Ende und mit Abschluss des “Beginner’s course” wird man einige Male gefragt, ob man nun bereit ist Remetj zu werden. Hierzu erhält man nochmals großzügige Bedenkzeit, füllt nochmals einen Fragebogen aus und spricht auch nochmal persönlich in einem Einzelgespräch mit der betreuenden Priesterin, hat die Möglichkeit Feedback bzgl. des Kurses zu geben, Fragen zu stellen und persönliche Eindrücke zu schildern. Stimmt man nun dem Eintritt zu, werden nochmal alle Bewerbungen von Rev. Tamara L. Siuda geprüft und nach 2-3 Wochen erhält man ein persönliches Willkommensmail als neuer Remetj. Dem folgen noch weitere Mails verschiedener Priester mit interessanten Informationen über Online-Veranstaltungen wie Themen-Chats, abermals neue Forenbereiche oder aktuelle News aus dem House of Netjer, welches sich laufend für die kemetische Gemeinschaft im hohen Maße engagiert und wertvolle Informationen bereitstellt.

House of Netjer, Illinois/Chicago

Was hat sich für mich geändert seit ich Remetj bin?

Da ich bereits vorher Kemetin war, hat sich in meinem Alltag nicht allzu viel für mich geändert. Ich habe einige neue Rituale aus der Kemetischen Orthodoxie in meine regelmäßige Praxis mit aufgenommen und empfinde es als positiv Teil einer spirituellen Gemeinschaft zu sein, die mich in keiner Weise einengt, jedoch irgendwie trägt. Ich schaue ab und zu in die Foren, was es Neues gibt, versuche an den Themen Chats teilzunehmen, sofern es mein Terminkalender zulässt, feiere unsere religiösen Feste, genieße den “Service” immer rechtzeitig über relevante Zeitpunkte informiert zu werden und halte regelmäßigen Kontakt zu einigen anderen Mitgliedern, die mir persönlich ans Herz gewachsen sind und zu Freunden geworden sind.

Es fühlt sich ein bisschen so an, als hätte man eine große Familie in der ganzen Welt verstreut mit vielen entfernten Brüdern und Schwestern. Unsere Nisut ist eine überaus mütterliche, herzliche, liebevolle und engagierte Person, so dass man sich trotz aller Virtualität ein bisschen im House of Netjer zu Hause fühlen darf. Ich glaube, wenn Tamara könnte, würde sie am liebsten für jeden höchstpersönlich da sein und manchmal mache ich mir ernsthaft Sorgen um sie, ob sie sich nicht ein bisschen übernimmt. Aber es sieht so aus, als haben sie die Götter tatsächlich mit einem derart großen Maß an Kraft  gesegnet, dass sie ihr Amt als Nisut mit bewundernswerter Hingabe führt. Für jemanden wie mich, die in Deutschland kaum Anschluss an die Heidenszene hat und als Kemetin eher ein Außenseiterdasein fristet ist das wirklich etwas durchweg Schönes.

 

Fotos: Wikimedia Commons, Google Street View

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Altägyptische Symbole und ihre Bedeutungen

Die altägyptische Kunst ist voller Symbole mit tiefer magischer und mythischer Bedeutungen. Allein die Gardiner Liste, das Hieroglyphenverzeichnis des Alan Gardiner, umfasst 26 Gruppen mit 763 Zeichen. Viele altägyptische Symbole sind auch in der modernen New-Age- und Esoterikwelt adaptiert worden, teilweise mit abenteuerlichen Interpretationen. Hier sollen die wichtigsten Symbole die im altägyptischen Kult und Alltag Anwendung fanden vorgestellt und erklärt und ihr Bedeutungsspektrum beleuchtet werden. Natürlich ist diese Auflistung beliebig fortzusetzen.

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Auge

In der altägyptischen Symbolik werden zwei Augen unterschieden:

  • das Horusauge auch Mondauge oder Udjatauge genannt
  • das Auge des Re oder auch Sonnenauge genannt

Das Udjatauge ist das von Thoth geheilte Auge des Horus nach seinem Kampf um den Thron mit seinem Onkel Seth. Daher werden diesem Symbol auch heilerische Aspekte zugesprochen. Es wird in Form eines linken Auges dargestellt. Im Zyklus des Mondes sahen die alten Ägypter diesen Mythos ebenfalls verwirklicht, der zunehmende Mond stellte für sie den Heilungsprozess des Auges dar. Da gelegentlich Sonne und Mond gleichzeitig am Himmel zu sehen waren, wurden sowohl Sonne und Mond als Himmelsaugen interpretiert. Der Mond stellt also keinen Gegenpol zur Sonne dar, sondern ist vielmehr eine kleine Sonne. Die einzelnen Bestandteile des Mondauges stellen außerdem altägyptische Volumenmaßeinheiten dar.

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Das Sonnenauge ist ein rechtes Auge. In den Pyramidentexten wird es als “Auge des Re, das in der Nacht empfangen und täglich neu geboren wird”. Dieser Satz nimmt Bezug auf den Sonnenzyklus, die nächtliche Verjüngungsfahrt des Re, der im Westen seine Reise durch die Unterwelt antritt um am nächsten Morgen verjüngt im Osten wieder hervorzukommen. Ein sehr wichtiger Zyklus, dessen Wiederkehr gleichbedeutend mit dem Erhalt der Schöpfung ist. In einem weiteren Mythos erzählt von dem Sonnenauge, dass vor Zorn gegen den Sonnengott von diesem fern bleibt, so dass Thoth zu Hilfe eilt um den Zorn des Sonnenauges zu besänftigen. Das Sonnenauge wird hier mit der löwengestaltigen Tefnut assoziiert. Dieser Mythos hat große Ähnlichkeit mit dem Rachefeldzug der Sachmet, einer weiteren Löwengöttin, die auszieht um die Menschheit vor Zorn zu vernichten, die sich vom Sonnengott abwendet. Tatsächlich werden viele weibliche Gottheiten, die als Töchter des Re bezeichnet werden auch “Auge des Re” Gottheiten genannt und stellen Vollstreckergottheiten des Sonnengottes dar.

Ankh

Um das Ankh ranken sich viele Mythen, nicht alle davon entsprechen wirklich der authentischen Bedeutung dieses vielverwendeten Symbols. In vielen Götterdarstellungen sieht man das Ankh in der Hand der Götter, als Hieroglyphen steht das Ankh schlichtweg für “Leben”.

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Über die Herkunft dieses Symbols gibt es ebenfalls verschiedene Theorien, Alan Gardinder vermutete, dass es sich um Sandalenriemen handelt, da das anlegen der Sandalen und Aufrichten der Mumien nach vollzogenem Totenkult einen zentralen Akt der Wiederauferstehung der Toten darstellt.

Die aktuell wahrscheinlichste Theorien besagt, dass es sich um einen Rückenwirbel eines Stiers handelt. Stiere wurden anlässlich von Totenriten geopfert und man hoffte deren Lebenskraft unmittelbar auf den Verstorbenen übertragen zu können, indem man einen Rinderschenkel abtrennte und die Mumie damit berührte. Später wurden symbolische Ritualwerkzeug dafür verwendet. Die Wirbelsäule galt ebenfalls als tragender Körperteil der Lebendigkeit. Betrachtet man einen Stierwirbel von oben, so erhält man tatsächlich die Form eines Anks. Die Theorie, dass es sich um die symbolhafte Vereinigung von Mann und Frau handeln könnte, ist inzwischen überholt. Eine weitere Vermutung besagt, dass es sich um eine Gürtelschnalle der Isis handeln könnte. Das Ankh ist ein starkes Schutzsymbol aber auch Heilamulett.

Ka

Beim Ka-Symbol handelt es sich um zwei erhobene oder ausgebreitete Arme. Es stellt sowohl eine Umarmung, als auch die sog. Henu-Geste, eine rituelle Geste der Ehrung, dar. Eine Umarmung ist ein Akt des Schützens und ein Ausdruck von Zuneigung, doch für die alten Ägypter war sie noch viel mehr. Eine Umarmung stellte eine Übertragung von Lebenskraft dar. In einigen Mythen wird das Ka von den Göttern durch eine Umarmung verliehen. Dahinter steht ein Bewusstsein, dass die Verbundenheit der Menschen untereinander eine wichtige Lebensgrundlage für den einzelnen ist. Durch eine Umarmung wird also göttliche Kraft verliehen. Eines der schlimmsten Flüche war jemandem zu wünschen, dass sich sein Ka von ihm entferne. Üble Nachrede, übertriebender Liebeskummer, Lüge oder Egoismus galten als überaus schädlich für das Ka.

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Isisknoten

Das Tit-Amulett wird auch Isisknoten oder Isisblut genannt. Aus den Totenbüchern ist folgender Spruch überliefert:

Dein Blut gehört dir, Isis,
deine Zaubermacht gehört dir, Isis,
deine Zauberkraft gehört dir, Isis.

Das Amulett ist der Schutz des Großen und behütet (ihn vor) dem,
der Verbrechen an ihm begeht.

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Es sieht aus wie ein Ankh mit nach unten hängenden Seitenschlaufen. Es handelt sich dabei um ein Knotenamulett, wurde aber auch häufig aus Karneol, roter Fayence oder Glas gefertigt um besonders Frauen, Schwangere und Gebärende zu schützen. Doch auch als Grabbeigabe fand man es. Da Isis mit der Heilkunde assoziiert wurde, gilt es auch ein starkes Heilsymbol. Es steht jedoch auch in engem Zusammenhang mit der Göttin Hathor, die ausgeprägte mütterliche Aspekte besitzt. Manchmal wurde das Amulett auch mit einem Porträt der beiden Göttinnen versehen.

Djet

Der Djet-Pfeiler wird auch als Wirbelsäule des Osiris bezeichnet. Osiris ist das göttliche Idol, der für die Wiederauferstehung in das ewige Leben nach dem Tod steht und jeder Mensch strebte danach es ihm gleichzutun. Die alten Ägypter glaubten daran in der Kraft der Seele des Osiris die gleiche Wiederbelebung wie er erlangen zu können. Das Errichten von Djetpfeilern, also tatsächlichen physischen Pfeilern in Form eines Djets, war ein rituelles Symbol der Wiederauferstehung, ähnlich dem Aufrichten der Mumien nach vollzogenem Totenkult. So ist der Djet ein Symbol der Ewigkeit und des ewigen Lebens. Da der Zustand des Osiris auch als Vollendung betrachtet wurde, besitzt der Djet-Pfeiler im Gegensatz zum Ankh, das ebenfalls für das Leben steht, noch den Aspekt der Vollkommenheit.

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Sa-Schleife

Ähnlich wie das Ankh findet man auch die Sa-Schleife häufig in der Hand von Göttern, besonders Tawaret und Bes. Als Hieroglyphe bedeutet das Sa “Schutz” und dies ist auch die Bedeutung dieses Symbols. Man vermuetet, dass es sich bei der Darstellung um eine zusammengerollte und gefaltete Schilfmatte handelt, die den Menschen in der Wüste nachst Schutz bot. Da Tawaret und Bes vor allem Schützer vor Dämonen waren, ist auch das Sa-Symbol ein besonderes Schutzsymbol vor den Geschöpfen der Dunkelheit, die bevorzugt nachts ihr Unwesen trieben.

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Straußenfeder

Die Straßenfeder ist ein typisches Symbol für die Göttin Ma’at. Ma’at ist die Göttin der gleichnamigen kosmischen Ordnung, die Begriffe wie konnektive Gerechtigkeit, Balance, Weltenordnung und soziale Verbundenheit umfasst und ein Garant für den Erhalt der gesamten Schöpfung ist. Denn ohne die Ma’at zerfällt alles in ihr Gegenprinzip Isfet, das zerstörerische Chaos, die Anti-Existenz schlechthin. Beim Totengericht wurde das Herz des Verstorbenen gegen die Feder der Ma’at aufgewogen, da es alle Taten des Menschen zu Lebzeiten speicherte. Verstieß dieser gegen die Ma’at, war sein Herz schwerer als die Feder und seine Seele wurde der Seelenfresserin Ammit zur ewigen Vernichtung vorgeworfen.

Schlange

Aufgrund ihrer Fähigkeit sich zu häuten wird sie als Sinnbild der Verjüngung und Wiedergeburt verehrt. Doch steht sie aufgrund ihrer Unberechenbarkeit und Gefährlichkeit auch für Tod und Gefahr. Als Stirnschlange steht sie für die Weisheit der Götter und Pharaonen und steht dabei in enger Verbindung mit dem Sonnengott und dessen heimgekehrten Auge, das er aussandte um seine verlorene Tochter zu finden. Jedoch wird auch das antigonistische Prinzip der Ma’at, nämlich Isfet, in Form der dämonischen, allesverschlingenden Schlange A/pophis symbolisiert. Der “Feueratem” ist vermutlich auf die verbrennungsartigen Verletzungen zurückzuführen, die ihr Gift verursachen kann, das macht sie aber gleichsam zu einer starken Schützerin. Feuer erhellt die Nacht, so wurden Bettpfosten mit Schlangen versehen um dunkle Gestalten wie ruhelose Totengeister oder Dämonen fernzuhalten, die Menschen vor allem in ihren Träumen heimsuchten.

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Skarabäus

Aufgrund der Eigenart des Mistkäfers seine Eier in kleinen Dungkugeln abzulegen, aus denen dann neue Mistkäfer schlüpften, wurde dieser zu einem ultimativen Symbol der Wiedergeburt. Aus totem Material (Dung, Mist, etc.) wurde wieder neues Leben. Außerdem stellte man sich vor, dass der Skarabäus die Sonne über den Himmel schob, wie er seine Mistkugeln rollte. Die Sonne stellt die reine Schöpfungskraft dar, was auch den Skarabäus zu einem solaren Wesen machte. Der Gott der mit dem Scarabäus assoziiert wurde heisst Chephre und trägt skurilerweise einen ganzen Mistkäfer als Kopf. Er gilt als eine der drei Gestalten des Re, neben Harachte, der Mittagssonne und Atum der Abendsonne.

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Was

Eines der ältesten Symbole der altägyptischen Mythologie. Das Was-Zepter ist ein Machtsymbol und besteht aus einem Schaft, der manchmal auch spiralförmig ist, einem stilisierten Tierkopf, der vielleicht einmal einen realen Vorläufer gehabt haben mag, sowie einem gegabelten Ende. Letzterer erinnert an einen Hirtenstab und wurde vermutlich benutzt um Schlangen zu fangen und damit die Viehherden zu schützen. Möglich ist auch ein schamanischer Ursprung aus der Prädynastik. Als Hieroglyphe heisst das Was-Zepter “Glück”, das Bezwingen von Schlangen symbolisiert die Macht zu schützen oder negative magische Kräfte zu bezwingen.

Mögliche Verbindungen gibt es auch zum sog. Schlangenhalspanther aus der Frühdynastik. Dabei handelt es sich um ein altägyptisches Fabelwesen, das jedoch auch im alten Mesopotamien Verbreitung fand. Die Bedeutung des Schlangenhalspanthers ist nicht mehr ganz eindeutig, aber man vermutet, dass es sich hier um Verkörperungen von Urgewalten der Natur handelt und um Unterweltswächter bzw. Schützer des Sonnengottes. Das würde auch der Bedeutung des Was-Zepters als “Himmelsstütze” entsprechen, eine sehr wichtiger Aspekt, denn das Herabstürzen des Himmels entsprach einem Weltuntergang.

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Lotos

Ähnlich wie der Skarabäus ist auch der Lotus, bei dem es sich um die himmelblaue Wasserlilie (Nymphaea caerulea) handelt ein Wiederauferstehungs- und Verjüngungssymbol. Dies ist auf die Eigenart der Blüte zurückzuführen sich bei Sonnenaufgang nach der Sonne auszurichten. Manche Darstellungen zeigen auch den Sonnengott als Kind auf einer Lotosblüte sitzend aus deren Inneren er geboren wurde. Dem Gott Nefertem, einem Schutzgott der Salben, Salböle und Düfte ist sie als Attribut zugeordnet, er ist dem Mythos nach aus den Urwassern auf einer Lotosblüte aufgetaucht. Seine zeitweilige Löwengestalt weist auf seine körperliche Kraft hin. Hinzukommt, dass die himmelblaue Wasserlilie berauschende Substanzen enthielt ähnlich dem Schlafmohn oder der Alraune, die vermutlich schon von den Alten Ägyptern genutzt wurden.

dsc_0220Literatur

  • Hans Bonnet, Lexikon der Ägyptischen Religionsgeschichte
  • R.T. Rundle-Clark, Myth and Symbol in Ancient Egypt
  • Robert Kriech Ritner, The Mechanics of Ancient Egyptian Magical Practice
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Rezension: “Nefertari’s Tarot”

Divination im Alten Ägypten

Vorweg sollte vielleicht erwähnt werden, dass das Tarot als Divinationsmethode seine Ursprünge im europäischen Mittelalter hat. Zwar gibt es eine Legende nach welcher das Tarot im Alten Ägypten entstanden sein soll, jedoch finden sich dafür keinerlei historische Belege.

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Divination allgemein fand im Alten Ägypten jedoch durchaus Anwendung, teilweise sogar um rechtlich relevante Entscheidungen zu treffen. Es gab verschiedene Orakel sowie im privaten wie auch im offiziellen Staatskult. Ein Beispiel für die Anwendung eines Orakels im Rahmen des Staatskultes ist z.B. das berühmte Amun Orakel der Siwa-Oase, das schließlich Alexander dem Großen zur Regentschaft verhalf. Traumdeutung war ebenfalls von großer Bedeutung, galt doch die Traumsphäre als Grenzbereich zwischen Diesseits und Jenseits. Götter, so glaubte man, erschienen einem bevorzugt im Traum um wichtige Hinweise und Botschaften zu überbringen. Belegt ist auch die Ölwahrsagung, also die Deutung von Öl das auf Wasser geträufelt wird oder die Lampenschau besonders aus der Zeit der Ramessiden.

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Das Nefertari Deck

Die Namenspatronin dieses Tarots ist die königliche Gemahlin Ramses II. aus der 19. Dynastie deren Portrait auch die Verpackung ziert. Berühmt wurde Königin Nefertari aufgrund ihres außerordentlich gut erhaltenen Grabes, das mit beeindruckend schönen Wandmalereien dekoriert ist. Man erkennt auch sofort, dass diese Malereien die Inspiration für die Bilder des Tarotdecks geliefert haben.

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Auch wenn Zukunftsschau im Alten Ägypten auf andere Weise betrieben wurde, ist das Nefertari Tarot durchaus als Divinationsmethode für Ägyptenbegeisterte und Tarot-Fans nutzbar! Die altägyptische Symbolik ist durchdacht und nicht nur Dekoration. Wer also mit dieser Bildsprache ein wenig vertraut ist, wird in diesem Tarot sicherlich weit mehr Deutungstiefe vorfinden als in einem traditionellen Tarot. Doch selbst wer darüber keine Kenntnis besitzt wird sich zumindest an der aufwendigen und schönen Gestaltung des Tarots freuen. Die Karten sind mit hochwertigem Golddruck versehen, der entgegen aller Vermutungen ausgesprochen gut hält – pflegliche Behandlung vorausgesetzt! Die Bilder haben einen leichten Used-Look vermutlich um ihnen ein antikeres Aussehen zu verleihen. Optisch sind die Karten wirklich ein Kunstwerk das Freude macht. Allein sie auf dem Tisch auszubreiten und im Licht schimmern zu sehen sorgt bereits für eine mystische, magische Stimmung.

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Deutung des Decks

Ein nicht unerheblicher Nachteil des Tarots ist, dass es dazu leider keinerlei Literatur zur Deutung gibt. Das Tarotset kommt mit einem kleinen Heftchen, dass nur wenig zu einer tiefergehenden Deutung beiträgt. Es bleibt zu hoffen, dass sich jemand dieser Aufgabe annimmt und ein entsprechendes Deutungswerk verfasst. Bis es soweit ist, kommt man nicht umhin sich mit den Standardwerken anderer Decks zu behelfen oder man geht rein intuitiv vor. Hier ist natürlich die Kenntnis altägyptischer Symbolik von großem Vorteil wie auch eine entsprechende Vorerfahrung mit Tarot allgemein. Ein anfängerfreundliches Deck ist das Nefertari sicher nicht.

Mit 78 Karten – 22 Trümpfe und 56 Karten der kleinen Arkana – ist das Nefertari Taort ähnlich wie das klassische Rider-Waite aufgebaut und mit der Deutungsliteratur dieses Decks lässt sich durchaus gut arbeiten. Die Karten liegen gut in der Hand und haben mit ca. 6x12cm eine angenehme Größe. Für die Hosentasche ist dieses Deck natürlich nichts, was den Karten selbst vermutlich auch nicht gut tun würde, doch für feierliche Legungen bei Kerzenschein sind sie bestens geeignet!

Das wichtigste nochmal in Kürze:

Name: Nefertari’s Tarot
Gestaltung: Silvana Alasia
Herausgegeben von Lo Scarabeo 2000
Zahl der Karten: 78
Große Arkana: 22
Kleine Arkana: 56

Kartengröße 6.60cm x 12.00cm
Sprache der Beschriftung: Englisch, Französisch, Deutsch, Italiensch, Spanisch

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Literatur:

  • Annette Imhausen,Tanja Pommerening, Writings of Early Scholars in the Ancient Near East, Egypt, Rome, and Greece
  • Fischer-Elfert, H.-W, Altägyptische Zaubersprüche
  • Sandra Sandri, Har-Pa-Chered (Harpokrates): Die Genese Eines Agyptischen Gotterkindes
  • Fotos: Sandra Pucher
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Ein altägyptisches Weihnachtsmärchen: Isis sucht Herberge

Die Metternichstele  aus der 30. Dynastie (380-342 v.Chr.) also zur Regierungszeit des Pharaos Nektanebos II, erzählt eine Geschichte der Isis, die auf den Rat des Gottes Thot hin mit ihrem neugeborenen Sohn Horus in die Sümpfe flieht um ihn vor Seth zu schützen. Seth hat zuvor seinen Bruder Osiris, den Vater des jungen Horus, getötet und trachtet nun auch dem Sohn nach dem Leben um den Thron des Osiris zu erben.

Detail der Metternich Stele, Horus, das Kind steht auf einem Krokodil, zwei Schlangen, zwei Skorpione, einen Löwen und eine Oryx-Antilope haltend, Foto: Eb.Hoop, Wikimedia Commons

Detail der Metternich Stele, Horus, das Kind steht auf einem Krokodil, zwei Schlange, einen Löwen und eine Oryx-Antilope haltend, Foto: Eb.Hoop, Wikimedia Commons

Die Geschichte wird in Ich-Form erzählt, es ist also Isis selbst, die berichtet.

<<Ich bin Isis und floh aus dem Spinnhaus, in das mein Bruder Seth mich gesteckt hatte. Aber Thot, der große Gott, das Oberhaupt der Wahrheit im Himmel und auf Erden, hat mir gesagt:
Komm doch, göttliche Isis! Es ist gut zu hören: Der eine lebt, wenn der andere ihn leitet. Verbirg dich mit deinem Sohn, damit er zu uns komme, wenn sein Körper stark ist und seine Kraft voll entwickelt, auf daß man ihn auf seines Vaters Thron setze und ihm das Amt des Herrschers der beiden Länder verleihe.>>

Isis wird von sieben Skorpionen begleitet, allesamt weiblich, wie den Namen zu entnehmen ist. Skorpione galten als Symbol magischer Heilkunst, die Gifte von Skorpionen und Schlangen beherrschen zu können, galt als heilsame Magie. Nicht umsonst trug Isis den Beinamen “die an Zaubern Reiche”.

<<Und so ging ich zur Abendzeit, und sieben Skorpione gingen hinter mir her, und sie dienten mir: Tefun und Befun dicht hinter mir; Mostet und Mostetef unter meiner Sänfte; Pitet, Titet und Matet sicherten mir den Weg. Ich rief ihnen ganz eindringlich zu, und meine Worte drangen in ihre Ohren:
Kennet keinen Schwarzen, begrüßet keinen Roten, machet keinen Unterschied zwischen vornehm und gering! Haltet euer Gesicht nach unten auf dem Weg! Hütet euch, den zu leiten, der mir nachstellt [Seth], bis wir das “Haus des Krokodils” erreichen, die “Stadt der beiden Schwestern” vor dem Sumpfgebiet hinter Buto!>>

Auf ihrem beschwerlichen Weg sucht Isis Unterschlupf bei einer wohlhabenden (“verheirateten”) Frau, die die Göttin nicht erkennt und ihr den Einlaß verweigert. Stattdessen findet Isis aber Schutz bei einer armen Frau, die in den Sümpfen lebt. Die reiche Frau wird nun aber für die unterlassene Hilfeleistung bestraft, indem alle Skorpione ihr Gift sammeln, einem einzige Skorpion eingeben und dieser den Sohn der reichen Frau sticht. Außerdem geht ihr Haus in Flammen auf.

Statue der Isis mit ihrem Sohn Horus

Statue der Isis mit ihrem Sohn Horus

Feuer und Gift tauchen in den Mythen oft sehr eng verbunden auf, so wird vom Schlangengift auch als Feueratem gesprochen. Vermutlich ist dies auf den oft brennenden Schmerz zurückzuführen, der durch Gifte verursacht wird.

<<Endlich erreichte ich die Häuser der verheirateten Frauen. Aber sobald mich eine vornehme Dame von weitem sah, schloss sie ihre Türe vor mir. Das verdroß meine Begleiter[die Skorpione].
Sie berieten sich miteinander über sie und legten ihr Gift zusammen auf den Stachel der Tefun. Da öffnete mir ein [armes] Sumpfmädchen seine Tür, und wir traten in ihre armselige Hütte ein. Tefun war schon unter den Flügeln der [ersten] Tür hineingeschlüpft und hatte den Sohn der Reichen gestochen. Da brach im Hause der Reichen Feuer aus, und es war kein Wasser da, um es zu löschen.>>

Verzweifelt vor Sorge um ihren Sohn läuft die reiche Frau in der Stadt umher und ruft um Hilfe, doch niemand erhört sie. Durch die laute Klage der reichen Frau wird nun aber doch das Mitgefühl der Isis geweckt, die ja selbst bald Mutter wird, ist sie doch auch die einzige die den unschuldigen Jungen von seiner Qual befreien kann. Sie nimmt sich des Kindes an und befiehlt dem Gift aus dem Körper des Jungen zu fließen und rettet ihm somit damit das Leben.

<<Sie rannte unter Wehklagen durch die Stadt, aber keiner kam auf ihren Ruf herbei. Da ward auch mein Herz betrübt um den Kleinen ihretwegen, weil es [das Herz] den Unschuldigen leben lassen wollte. Ich rief zu ihr: Komm zu mir! Siehe, mein Mund hat Lebenssprüche. Ich bin eine Tochter, in ihrer Stadt bekannt, weil sie das giftige Gewürm mit ihrem Spruche austreibt. Mein Vater hat mich die Wissenschaft gelehrt. Denn ich bin seine geliebte, leibliche Tochter.

Dann legte ich meine Arme auf das Kind, um den Verröchelnden zu beleben [und sagte]:
Gift der Tefun, komm, fließe aus zu Boden! Ich bin Isis, die Göttin, die Herrin des Zaubers, die den Zauber ausübt, glänzend im Beschwören. Jedes beißende Gewürm gehorcht mir. Tropfe herab, Gift der Mostet! Sause nicht herum, Gift der Mostetef! Steige nicht auf, Gift der Pitet und der Titet! Wandre nicht herum, Gift der Matet! Falle also ab, Maul des Beißenden! (…)>>

In diesem Moment erkennt die reiche Frau natürlich die göttliche Kraft der Isis. Aus Dankbarkeit über die Rettung ihres Sohnes vermacht sie nun all ihr Hab und Gut der armen Frau im Sumpf.

<<Das Feuer war erloschen und der Himmel wieder still durch den Ausspruch der Isis, der Göttin. Die Reiche kam herbei und brachte mir ihre Habe und füllte auch das Haus des Sumpfmädchens für das Sumpfmädchen, weil es mir seinen hintersten Winkel geöffnet hatte, während die Reiche krank war vor Leid die ganze Nacht hindurch. Sie hatte die Folgen ihrer Worte zu spüren bekommen: Ich Sohn war gebissen worden. Und jetzt brachte sie mir ihre Habe als Buße dafür, dass sie mir nicht geöffnet hatte.>>

Die Geschichte über die Herbergssuche der Isis hat erstaunliche Ähnlichkeit mit der klassischen Geschichte der Weihnachtsnacht. Auch hier wird das Göttliche, das in menschlicher Gestalt um Einlass bittet verkannt und abgelehnt. Ähnlich wie in der Weichnachtsgeschichte soll auch dieses altägyptische Märchen lehren, dass Götter auch im  Mitmenschen in Erscheinung treten können und es daher wichtig ist füreinander zu handeln ungeachtet des sozialen Standes. Dies wird auch in dem Satz ” Der eine lebt, wenn der andere ihn leitet.” zum Ausdruck gebracht. Mit Leiten ist gemeint, dass derjenige der mehr hat, denen geben soll, die weniger haben oder jene die mehr Macht haben, den weniger mächtigen zur Unterstützung moralisch verpflichtet sind. Denn dadurch “lebt” der einzelne, das heißt durch diese Handlungsmaxime der vertikalen Solidarität wird eine Gemeinschaft zur Lebensgrundlage des Einzelnen.

Der erwachsene Horus

Der erwachsene Horus

Bei der Metternich-Stele handelt es sich um eine magische Stele, deren Inschriften davon handeln Gifte und wilde Tiere zu beschwören um Menschen vor ihnen zu schützen bzw. sie davon zu heilen. So darf auch bei diesem Märchen von einem magisch wirksamen Märchen ausgegangen werden, eine Art erzählerischer Zauberspruch. Die Stele wurde durch das Übergießen mit Wasser aktiviert.

Eine weitere Interpretation der Geschichte der Herbergssuche besagt, dass Horus selbst durch Seth mit Skorpiongift vergiftet wurde und Isis ihn heilt. Der Sinn bleibt der gleiche, es geht also letztlich um die Heilung und Rettung des Horus, damit dieser den Thron des Osiris erben kann und somit die Linie der Königsgenerationen weiterführen kann – ein Garant für Frieden und Gerechtigkeit im Alten Ägypten. Von der Kraft des Horus versprach man sich gleichsam magische Heilung von Giften.

Literatur und Zitate:

  • Emma Brunner-Traut, Altägyptische Märchen: Mythen und andere volkstümliche Erzählungen
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Jahresendritual

Wie immer beginnt mein Ritual mit einer Reinigung. Dazu gehört das übergießen mit Wasser, dem vorher Natron zugesetzt wurde. Danach habe ich Ritualkleidung und -schmuck angelegt und erstmal meine Opferungsrunde gemacht, wie ich sie jeden Morgen mache. Wasser und Speisen für alle Götter.

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dsc_0006Nach dem Entzünden einiger Kerzen und des Räucherwerks habe ich den Opferungsaltar vor dem Hauptschrein errichtet und dekoriert. Nun ist der Zeitpunkt für die Öffnungszeremonie des Hauptschreins und das Darbringen der besonderen Opferungen für den heutigen Anlass gekommen. Auch einen kleinen pyramidenförmigen Bergkristall plazierte ich auf dem Altar, er soll später in einen Fluß verbracht werden und mit den Botschaften aufgeladen seine Wirkung entfalten.

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dsc_0010Um mich auf den Anlass nochmal gebührend einzustimmen, meditierte ich um nach den Vorbereitungen erstmal wieder zur Ruhe zu kommen. Bei der Meditation spürte ich wie eine Last auf meinen Schultern, ich war plötzlich traurig, besorgt und mir liefen ein paar Tränen aus den geschlossenen Augen. Ich hatte das Gefühl die bleierne Schwere aller Sorgen jener zu spüren, die mich um Hilfe gebeten haben. Eine verborgene Schwere von der nicht jeder immer das ganze Ausmaß erzählen mag. Es fühlte sich an, also ob gerade sehr viele Menschen Angst hatten, eine Angst, die sich auf größere Dinge bezog als nur die alltäglichen Probleme und Hürden des Lebens.

Was wird auf uns zu kommen? Uns alle?

dsc_0011Die Meditation war anstrengend, obwohl ich darin geübt bin. Ich versuchte immer wieder meinen Fokus auf Ma’at zu richten, was nicht so leicht war. Ja, Ma’at, das Prinzip kosmischer Ordnung, mit Weisheit und Weitblick, verkörpert von einer geflügelten Göttin. Ma’at, Weret Hekau, “die an Zaubern reiche” das konnten wir jetzt sicher alle gut brauchen. Ich eingeschlossen. Ein bisschen mehr füreinander da sein, ein bisschen weniger aggressives Abgegrenze, darin zueinander finden, dass das Leben für niemanden allein einfach ist. Dass es nicht darum geht, wessen Not die größte ist. Dass so viele Dinge mit denen wir uns so glühend identifizieren uns auch nicht helfen werden, wenn wir wirklich in Not sind; wohl aber der nächste Mensch, dessen Meinung wir vielleicht nicht mal mögen, aber der mit anpackt, wenn es Not-wendig ist. Was ist WIRKLICH wichtig, wenn wir in Not sind und wissen, dass wir es nur gemeinsam schaffen?

dsc_0008Ich beendete die Meditation und begrüßte die Götter mit dem traditionellen Henu, das Heben der Arme mit offenen Handflächen. Ich verkündete mein Anliegen, erklärte, dass ich für Menschen vorspreche würde, die die Unterstützung der Götter brauchen. Einzeln verlas ich im Namen jender, die mich angeschrieben hatten, die Bitten und schloß mit einer Bitte auch den Menschen beizustehen, die nicht den Mut gehabt haben sich persönlich an mich zu wenden, aber dennoch der Hilfe bedürfen.

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Die Kerzen werden noch eine Weile brennen und ich schreibe gerade diesen Bericht und bereite die Bilder vor.

Mögen die Götter jedem im neuen Jahr, Lebendigkeit, Wohlstand und Gesundheit schenken.

Ankh, Udja, Seneb!

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Warum “Jahreskreisfeste” im Alten Ägypten keine Rolle spielten

Immer wieder wird im Neuheidentum versucht die Jahreskreisfeste auch der altägyptischen Kultur zuzuordnen. Dass dies wenig sinnvoll ist hat einen sehr einfachen Grund: Ägypten liegt viel näher am Äquator und die Unterschiede in den Tageslängen in Abhängigkeit der Jahreszeit sind in Ägypten kaum spürbar.

Eine “Wiedergeburt des Lichts” gibt es daher ebenso wenig wie “die dunkle Zeit” o.ä. Naturphänomene der nördlichen Regionen. Daher haben die Sonnenwenden, die für den heidnischen Festtagskalender so wichtig sind kaum Bedeutung für den altägyptischen Festkalender.

Sonnenbewegungen in Äquatornähe

In den folgenden Grafiken  ist deutlich zu sehen, dass der Unterschied der Tageszeitlänge über das Jahr z.B. in Berlin bis zu 9 Stunden beträgt. In Kairo dagegen sind es 3,5 Stunden. Das bedeutet, dass die Sonne im Sommer weniger als 2 Stunden früher oder später untergeht als im Winter, während dies in nördlichen Regionen mindestens doppelt so lange dauert. In Skandinavien ist diese Spanne natürlich noch größer.

Tageslänge Kairo

Tageslänge Kairo

Tageslänge Berlin

Tageslänge Berlin

(Quelle: https://www.laenderdaten.info)

Im Alten Ägypten bestand der Tag aus 12. Tagesstunden welchen jeweils bestimmte Gottheiten zugeordnet waren und die Nacht gleichsam aus 12. Nachtstunden über die ebenfalls Götter regierten. Auch hier lässt sich also keinerlei Unterscheidung zwischen “Sommer” und “Winter” nachweisen.

Der nächtliche Sonnenlauf, Abbildung aus der Grabkammer Ramses III., nach Champollion, Wikimedia Commons

Der nächtliche Sonnenlauf, Abbildung aus der Grabkammer Ramses III., nach Champollion, Wikimedia Commons

Die Bedeutung des Nils für die Jahresrechnung

Ein wesentlich prägnanteres Naturereignis war hingegen die alljährlich wiederkehrende Nilflut. Diese wurde von den Monsunregenfällen im äthiopischen Hochland verursacht, die etwa Juni/Juli herrscht und damit eine kalendarische Nähe zur Sommersonnenwende der nördlichen Regionen aufweist. Die Wassermassen gelangten über das äthiopische Ursprungsgebiet des Nils in den ägyptischen Nil, verursachten weitläufige Überschwemmungen, die fruchtbaren Schlamm brachten und damit das Ende der Trockenperiode bestimmten. Demzufolge orientierte sich auch der altägyptische Kalender an den drei natürlichen Jahresphasen der Überschwemmung, der Zeit der Aussat und der Trockenheit und benannte die drei Jahreszeiten danach:  Achet, Peret und Schemu. Die meisten Festtage drehten sich auch um den Jahresbeginn, der mit dem Eintreffen der Nilflut zeitlich gleichgesetzt wurde.

AchetPeretSchemu

Die folgende Grafik zeigt die Verteilung der jährlichen Niederschlagsmenge in Äthiopien die nahezu identisch mit den Jahreszeiten des altägyptischen Kalenders ist. Der dunkelblaue Teil entspricht der Flutzeit, der gestrichelte der Zeit der Aussat und der gelbe Teil der Trockenperiode. Je nach Nilgebiet traf die Flutwelle früher oder später ein und damit verschob sich jeweils auch der Kalender.

Jahresdiagramm Niederschlagsmenge Äthiopien

Jahresdiagramm Niederschlagsmenge Äthiopien

Etwas später orientierte man sich am Aufgang des Sirius, der ungefähr zeitgleich mit der Nilflut eintrat. Ein weiterer Unterschied zu nördlich gelegenen Ländern, denn dort geht der Sirius gar nicht mehr unter und folglich auch nicht auf. Sternzyklen der sog. Baktiu-Sterne bildeten schließlich auch die Grundlage für die Sternuhren, die noch vor dem Anfang des Mittleren Reiches belegt sind. Die Baktiu-Sterne markierten jeweils die Dekane, also die 10-tägigen Wochen der altägyptischen Zeitrechnung. Das Jahr enthielt daher 36 Dekane – jede davon mit einem eigenen Dekan-Stern – und die 5 verbleibenden Tage zum Sonnenjahr galten als Heriu-renpet Tage, also als Tage “zwischen den Jahren”, die wiederrum im Juni/Juli zum Jahreswechsel datiert waren.

Diagonalsternuhr in Särgen des Mittleren Reiches im Alten Ägypten, Foto: NebMaatRa, Wikimedia Commons

Diagonalsternuhr in Särgen des Mittleren Reiches im Alten Ägypten, Foto: NebMaatRa, Wikimedia Commons

Feste wie die Tages-und Nachtgleiche oder die Sonnenwenden  finden also keinerlei thematische Entsprechnung im altägyptischen Kalender. Es gibt jedoch derart viele Festtage im altägyptischen Kalender, dass man mit etwas Kreativität einen persönlichen Kalender für die eigene hiesige Praxis festlegen kann, der mit dem üblichen heidnischen einigermaßen übereinstimmt. So steht auch gemeinsamen Festen mit anderen Heiden nichts mehr im Wege. Jedoch muss einem dabei klar, sein, dass es sich hierbei um eine rein neuzeitliche Adaption handelt und keineswegs um authentische Tradition.

 

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Horus = Jesus?

Alle Jahre wieder, etwa um die Weihnachtszeit, kursieren im Internet verschiedene Bilder, Textbeträge und Videos die Jesus von Nazareth mit dem ägyptischen Gott Horus gleichsetzen. Grundlage dieser Behauptung ist eine von Peter Joseph produzierte Filmserie mit dem Titel “Zeitgeist” die zwischen 2001 und 2007 veröffentlicht wurde. Die Serie bedient sich stilistischer Mittel des Dokumentarfilm und stellt eine Vielzahl an Verschwörungstheorien um das Christentum auf. Der Serie folgte immerhin eine ganze Bewegung (“Zeitgeist Movement”) die unterschiedliche alternative wirtschaftliche und politische Konzepte propagiert.

Internet-Meme zum Jesus-Horus-Vergleich

Internet-Meme zum Jesus-Horus-Vergleich

Neben der ägyptischen Mythologie müssen sich auch andere Traditionen des Altertums einiges an Verzerrungen gefallen lassen, hier soll jedoch nur auf den altägyptischen Teil Bezug genommen werden. Der Film stellt Behauptungen auf, die keinerlei historische Grundlage haben und die einer überaus detaillierten und gut erforschten Überlieferung zu widersprechen versuchen.


Im Folgenden möchte ich beispielhaft einige dieser Thesen herausgreifen und erläutern warum es sich hier um die schlichte Verbreitung von Unwahrheiten handelt.

“Horus ist der Sonnengott”

Das ist schlichtweg falsch. Es gibt in Ägypten einige Gottheiten, die als solare Gottheiten bezeichnet werden, darunter männliche wie weibliche Gottheiten. Das hat in erster Linie damit zu tun, dass die Sonne bzw. das Sonnenlicht als Schöpfungskraft verstanden wird und die Gottheiten natürlich auch Lenker dieser Kraft sind.

Die Gottheiten, die unmittelbar der Sonne zugeordnet werden sind Ra, Atum oder Chepre. Die Sonnenscheibe selbst wird von Aton verkörpert. Horus ist wie z.B. auch Schu ein Himmelsgott und hat damit einen Bezug zu Luft und Licht -insbesondere in seiner Unterform als Harachte- aber ein Sonnengott im eigentlichen Sinne ist er damit nicht.

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Außerdem gibt es nicht nur einen Horus, sondern neun verschiedene voneinander unabhängige Gottheiten, die Horus heißen. Meist aber wird mit Horus, Hor-sa-Aset also “Horus, Sohn der Isis” gemeint.

“Isis ist eine Jungfrau”

Es gibt keinerlei historischen Beleg dafür, dass Isis eine Jungfrau war. Isis zeugt Horus in einem ganz natürlichen geschlechtlichen Akt mit ihrem Gatten Osiris, den sie von den Toten erweckt hat. Sie verleiht ihm zu diesem Zwecke sogar noch einen neuen Phallus, der bei der Zerstückelung durch Seth verloren ging. Der Phallus wurde von Fischen verschluckt, die später innerhalb des altägyptischen Fischkults verehrt wurden. Es gibt aber auch Mythen die Hathor als Mutter des Horus ausweisen. Isis hat also absolut keine Alleinstellung als Mutter des Horus, wenn es auch der bekannteste Mythos sein mag.

Statue der Isis lactans

Statue der Isis lactans

Oft werden die Darstellungen der stillenden Isis mit den Darstellungen der stillenden Maria als “Beweis” für eine Übereinstimmung angeführt, jedoch dürften Darstellungen von stillenden Müttern sich grundsätzlich ähneln, so dass die Stichhaltigkeit dieses Arguments sehr fragwürdig ist. Selbst wenn die christliche Mythologie sich von den altägyptischen Darstellungen hat inspirieren lassen, wäre es äußerst gewagt zu schlußfolgern, dass Isis und Maria identisch sind.

“Anubis der Täufer”

Es gibt keinerlei historische Hinweise auf einen Akt der Taufe in der altägyptischen Religion. Selbst die vielzitierten “Einweihungen” sind aus historischer Sicht haltlos. Vielmehr ist die christliche Taufe von einem alltäglichen Reinigungsritual der Priesterschaften abgekupfert, welches regelmäßig vollzogen wurde ehe die Priester die Heiligtümer betraten. Dieses fand in der Regel durch einfaches Übergießen mit Wasser statt, dem Natron zugesetzt wurde und hatte den Zweck die Heiligtümer, die als Wohnstatt der Götter verstanden wurden, nicht zu verunreinigen.

Anubis ist ein Totengott, der die erste Mumifizierung vorgenommen hat, nämlich am Leichnam für Osiris. Er ist daher eine der Schlüsselfiguren im Mythos, der für den gesamten ägyptischen Totenkult als Vorbild dient. Er wird als Versorger der Toten verstanden und assistiert bei der Herzenswägung beim Totengericht.

“Horus wurde am 25. Dezember geboren”

Zunächst einmal gibt es keinen 25. Dezember im altägyptischen Kalender. Der altägyptische Kalender besteht aus 3 Jahreszeiten, nämlich Achet, Peret und Schemu. Diese werden wiederrum in jeweils vier Monate untergliedert. Da sich der Kalender nach natürlichen Rhythmen, wie die Nilflut oder der Aufgang des Sirius richtete, sind die Zeitpunkte dieser Jahresmarker je nach geographischer Lage unterschiedlich. Im Nildelta traf die Flut z.B. sehr viel später ein, als im Ursprungsgebiet, so dass sich auch der Kalender verschob.

Hinzu kommt, dass zum Teil mehrere Kalender im Alten Ägypten gleichzeitig Anwendung fanden. Der bürgerliche Kalender war am Mond orientiert und der Verwaltungskalender eher am Sonnenjahr. Durch die Anpassung von Mond- auf Sonnenkalender blieben am Jahresende 5 Tage im Mondjahr übrig, die als sog. Epagomenen bzw. Heriu-renpet (“Tage zwischen den Jahren”) bezeichnet werden. Diese wurden im Zuge der Kalenderangleichung zu Göttergeburtstagen erklärt, unter anderem auch für Horus. Die Epagomenen sind aber lediglich Teil des bürgerlichen Kalenders und tauchen im offiziellen Kultkalender überhaupt nicht auf. Der zweite Zusatztag wird als Geburtstag Horus zugeorndet und ist je nach geografischer Lage etwa Mitte Juni.

“Horus wird gekreuzigt”

Horus wird zu keiner Zeit in keinem einzigen Mythos gekreuzigt, nicht einmal getötet. Kreuzigungen waren zwar eine im altorientalischen Raum verbreitete Art der Hinrichtung und wurde von den Römern übernommen, doch es gibt nicht den geringsten Nachweis für eine Tötung des Horus. Auch nicht für die verbleibenden acht Gottheiten, die als Horus bezeichnet werden.

“Seth (Typhon) ist der Widersacher des Horus”

Das ist eine grobe Verzerrung der Mythologie. Seth ist kein Widersacher, er ist ein Gott wie jeder andere auch, der mit einer wichtigen Aufgabe betraut ist, nämlich die Schöpfung vor dem Untergang zu retten, indem er deren Widersacher, die dämonische Schlange A/pophis bekämpft. Er ist also keineswegs mit dem christlichen Satan gleichzusetzen. Der Konflikt zwischen Horus und Seth hat mit der Thronfolge zu tun. Seth erhebt Anspruch auf den Thron seines Bruders Osiris, den er ermordet hat, doch Horus besiegt Seth, so dass die Thronfolge auf die nächste Generation übergehen kann.

Seth vs. A/ophis

Seth vs. A/ophis

Der Kampf hat also eher den Charakter einer Reifeprüfung zwischen zwei Rivalen für den jungen Horus und betont die Bedeutung der Erbschaftslinie bzw. der physischen Tauglichkeit des Königs. Die Tatsache dass Horus Seth die Hoden abschlägt untermauert den phyischen Aspekt der Königswürde. Dieser Mythos, der erst im mittleren Reich auftaucht hatte vor allem einen politischen Hintergrund und war die mythologische Grundlage für die Königsfolge. Die Bezeichnung “Typhon” erhält Seth außerdem erst in der graeco-romanischen Periode, wo er in der Tat dämonisiert wird, was aber nicht seiner authentischen mythologischen Funktion entspricht.

“Horus hatte 12 Apostel”

Horus hatte keinerlei Gefolgschaft. Es gibt ein Göttergremium von 42 Göttern, die als Totengericht fungieren, doch diese unterstehen Osiris. Zwar hat Horus in Form des Pharaos einen menschlichen Bezug, da man den König teilweise auch als “Horus” bezeichnete, dies ist jedoch rein auf den Kult beschränkt und weist Horus als Königsgott aus. Der König selbst wird als lebendiger Horus verstanden und das Ka des Horus offenbart sich im König, was für die priesterlichen Aufgaben des Königs von Bedeutung war. Der König war ja nicht nur politisches sondern auch religiöses Oberhaupt des Staates, also ähnlich wie der Pabst für die Katholiken.

“Horus ist 3 Tage nach seinem Tod wieder auferstanden”

Da Horus nicht gestorben ist, ist er auch nicht wiederauferstanden. Der einzige Gott der eine Wiederauferstehung durchlaufen hat ist Osiris, nachdem Isis ihn wieder zusammengesetzt und magisch neu belebt hat. Damit wird er zum Vorbild für alle Toten, welchen mittels Mumifizierung und Totenkult zur Wiederauferstehung verholfen werden soll. Sicherlich mag der Wiederauferstehungsgedanke der Ägypter Inspiriation für das Wiederauferstehungsmotiv der Christen gewesen sein, jedoch hat Horus damit nichts zu tun. Er übernimmt lediglich die irdischen Aufgaben seines Vaters Osiris als König und schließt mit diesem einen Vertrag, dass dieser im Totenreich verbleiben und dort regieren möge.


Es gibt noch viele Behauptungen dieser Filmserie, die aus mythologischer und historischer Sicht jeglicher Grundlage entbehren, doch die o.a. Beispiele sollten reichen um zu zeigen, dass es sich bei den Inhalten dieser Filme um reine Fiktion handelt.

Sicherlich gibt es in der modernen Religionsforschung Hinweise, dass die semitische und die spätere christliche Theologie Motive und Rituale der altorientalischen und altlevantischen Kulte übernommen hat, doch davon auf eine Gleichsetzung zweier von über 1500 belegten altägyptischen Gottheiten mit den Schlüsselfiguren der christlichen Theologie zu schließen ist mehr als vermessen und gegenüber der jeweiligen Tradition auch ein wenig respektlos.

Literatur:

  • Jan Assmann, Tod und Jenseits im Alten Ägypten
  • Jan Assmann, Ma’at. Gerechtigkeit und Unsterblichkeit im Alten Ägypten
  • Hans Bonnet, Lexikon der ägyptischen Religionsgeschichte
  • R. T. Rundle Clark, Myth and Symbol in Ancient Egypt
  • G. A. Wainwright, The Origin of Storm-Gods –
  • Philip John Turner, Seth – A Misrepresented God In The Ancient Egyptian Pantheon?
  • Jeremy Naydler – Shamanic Wisdom in the Pyramid Texts: The Mystical Tradition of Ancient Egypt
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